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Respektvoller Reisender #

Herbert Tichy, der vor 60 Jahren mit der Erstbesteigung des Achttausenders Cho Oyu Alpingeschichte schrieb, hat mehrere Länder Ostasiens bereist. Sein Buch über den China-Aufenthalt wurde nun neu aufgelegt #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 14./15. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Heiner Boberski


Herbert Tichy
Autor, Geologe und Bergsteiger Herbert Tichy (1912–1987): ein Wanderer zwischen den Kulturen.
Foto: © Barbara Pflaum/Imagno/pucturedesk.com

„Peking ist keine Stadt. Es ist der Wirklichkeit gewordene Traum eines gottbegnadeten Künstlers, der Natur, Stein und Holz; Bäume, Seen und Brücken; staubige Winkelgäßchen, zerfallene Tempel und armselige Bettler; breite Boulevards, Paläste und schöne Chinesinnen zu einem harmonischen Ganzen vereint.“

So beschreibt der Reiseschriftsteller, Geologe, Journalist und Bergsteiger Herbert Tichy (1912–1987) seinen ersten Eindruck von der Hauptstadt Chinas. Sein gerade – in alter Rechtschreibung – neu aufgelegtes Buch „Weiße Wolken über gelber Erde“ aus dem Jahr 1948 spiegelt seine immer noch nachlesenswerten Begegnungen mit einer alten Kultur, mit mehr oder weniger weisen Menschen und deren Lebensphilosophie wider.

Zwischen Ost und West #

Aus Tichys Sicht haben Orient und Okzident wenig gemeinsam, er gibt Rudyard Kipling recht, der gemeint hatte: „Der Westen ist der Westen, der Osten ist der Osten.“ Tichy war vom Osten fasziniert. Schon in den 1930er Jahren war Herbert Tichy nach Asien gereist und hatte dabei den heiligen Berg Kailash in Tibet umrundet. 1941 nutzte er die Chance, den Kriegsschauplatz Europa zu verlassen und als Berichterstatter nach Ostasien zu gehen, letztlich für sieben Jahre statt der zunächst geplanten sechs Monate, wobei er etliche Länder und Regionen bereiste, sich aber vorwiegend in Peking aufhielt und so gut Chinesisch lernte, dass er sogar Witze in dieser Sprache zu erzählen vermochte. Er erlebte eine Zeit aufregender Reiseabenteuer und tiefsinniger Gespräche, aber auch harter Entbehrungen: „Um ein Land wirklich zu verstehen“, so Tichy, müsse man „dort auch arm gewesen sein“.

In „Weiße Wolken über gelber Erde“ mischen sich Reportage, Krimi, Liebesgeschichte und Philosophie mit Sozial- und Kulturbetrachtung. Der China-Aufenthalt bedeutete für Tichy unter anderem, dass er sich in die französische Diplomatentochter Yvonne d’Anjou verliebte und sie 1945 in Peking heiratete, getraut vom berühmten Jesuiten und Paläontologen Pierre Teilhard de Chardin, der Tichy zum Freund geworden war.

Das Paar trennte sich nach drei Jahren einvernehmlich. Im Buch, das Tichy nach seiner nicht ohne Komplikationen verlaufenen Rückreise veröffentlichte, hat die Beziehung des Erzählers zu einer Dame namens Ailing wohl diesen realen Hintergrund.

Alpinistischer Pionier #

Wie sehr Herbert Tichy heute noch geschätzt wird, zeigt die Kulturbrücke Fratres (Gemeinde Waidhofen/Thaya), die ihn am 21. Juni 2014 grenzüberschreitend mit Slavonice (Tschechien) ganztägig als „Bergsteiger, Philosoph und respektvoller Reisender zwischen den Kulturen“ würdigt. Kein Geringerer als die Südtiroler Bergsteigerlegende Reinhold Messner wird dabei über eine alpinistische Pionierleistung Tichys – die Erstbesteigung des 8188 Meter hohen Cho Oyu vor 60 Jahren mit dem Tiroler Sepp Jöchler und dem Sherpa Pasang Dawa Lama – referieren.

Herbert Tichy

Weiße Wolken über gelber Erde Neuauflage mit Illustrationen von Herwig Zens und einem Vorwort von Ursula Wollte. Edition Sonnenaufgang, Wien 2013, 372 Seiten

Wiener Zeitung, Sa./So., 14./15. Juni 2014