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Österreichs Himalaya-Wunderteam#

Beim Everest hatten die Briten vor 60 Jahren die Nase vorn. Den weiteren Verlauf der 8000er-Besteigungen haben jedoch österreichische Bergsteiger mehr als alle anderen geprägt.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (3. Jänner 2013)

Von

Wolfgang Machreich


Rax
© Istockphoto

Versprochen, gehalten! Der erste Vorsitzende der Österreichischen Himalaya-Stiftung, Primarius Rudolf Jonas, Bruder des Bundespräsidenten Franz Jonas, hatte im Februar 1953 in der Österreichischen Touristenzeitung im Namen seines Vereins angekündigt, „alles daranzusetzen, um in dem wissenschaftlichen und sportlichen Wettstreit der Nationen zur Erforschung und Erschließung des Himalaya ehrenvoll zu bestehen“. Kein halbes Jahr später, am 3. Juli 1953, stand mit Hermann Buhl der erste Bergsteiger auf dem 8125 Meter hohen Nanga Parbat, der erste Österreicher auf einem bis dato unerstiegenen Achttausender.

Bis 1960 werden fünf der 14 Achttausender von neun Österreichern erstmals bestiegen werden, mehr als ein Drittel der Achttausender- Erstbesteigungenvon Österreichern gelingt. Außerdem: Zwei Österreicher, Hermann Buhl und Kurt Diemberger, sind die einzigen Bergsteiger, denen mit Gewissheit (der Sherpa Gyalzen Norbu ist umstritten) jeweils zwei Erstbesteigungen an Achttausendern gelungen sind. Sechs Erstbesteigungen wurden ohne Sauerstoffgeräte, also ohne Zuhilfenahme von künstlichem Sauerstoff bestiegen – alle fünf österreichischen Gipfelerfolge gehören dazu. Das heißt, sowohl in der Einzel- als auch in der Nationenwertung als auch in der erst Jahrzehnte später wichtigen Frage, ob mit oder ohne künstlichem Sauerstoff, sind in diesem Wettkampf die Österreicher als die großen Sieger hervorgegangen.

Fritz Moravec, Hans Willenpart und Sepp Larch
Hattrick. Mit der Gasherbrum II-Besteigung durch Fritz Moravec, Hans Willenpart und Sepp Larch hat Österreich drei 8000er. Broad Peak und Dhaulagiri folgen.
© Moravec/Weiße Berge – schwarze Menschen

Wettstreit im Himalaya #

Dass sich die österreichischen Himalaya-Bergsteiger damals sehr wohl im Wettstreit für Österreich gesehen haben, belegt ein Zitat aus dem Buch von Fritz Moravec über die Erstbesteigung des Gasherbrum II, in dem der Autor auf die geplante österreichische Expedition zum Dhaulagiri hinweist: „Und der Kampf um den nächsten Achttausender für Österreich wird seine stärksten Impulse empfangen aus dem Glauben an meine jungen Freunde.“ Besonders in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen, aber auch danach, während des zweiten Bergsteiger-Ansturms auf die Achttausender in den 1950er-Jahren, war Himalaya- Bergsteigen ein Nationalsport. Dessen bewusst hat der französische Erstbesteiger Maurice Herzog am Gipfel der Annapurna auf seinem Pickel die Trikolore gehisst – und die anderen Erstbegeher haben es ihm auf den anderen Achttausendern nachgemacht. „Die Mission ist erfüllt“, war der erste Gedanke, der Herzog am Gipfel in den Sinn kam. Und nachdem er mit abgefrorenen Fingern und Zehen heimgekehrt war, erklärte er auf die Frage, ob es das wert war: „Es ging um ein Ideal, da war kein Opfer zu groß.“

Der bereits zitierte Rudolf Jonas sah in der Ersteigung der Achttausender gar eine Möglichkeit sich als „Kulturnation“ zu präsentieren: „Es ist zu erwarten, dass immer mehr Nationen ihren fähigsten Wissenschaftern und tüchtigsten Bergsteigern die Möglichkeit geben werden, den Namen ihres Landes ehrenvoll in die Erschließungsgeschichte des Himalaya einzutragen. (…) Himalaya-Expeditionen sind also nicht wie vielfach fälschlich angenommen wird, rein sportliche Unternehmungen, sondern in erster Linie eine wissenschaftliche, eine kulturelle Aufgabe; sich ihr zu unterziehen ist hohe Verpflichtung für jedes Volk, das Wert darauf legt, zu den Kulturvölkern der Erde gezählt zu werden.“ Es stimmt, dass die Achttausender- Expeditionen dieser Zeit von Geologen, Kartografen, Meteorologen etc. begleitet wurden; trotz dieses Appells von Primarius Jonas ist aber für die Öffentlichkeit vor Ort und zu Hause natürlich der sportliche Aspekt dieser Himalaya- Fahrten im Vordergrund gestanden. Nicht umsonst wurde Hermann Buhl 1953 zum „Sportler des Jahres“ gewählt – eine Auszeichnung, die vor und nach ihm nie wieder einem Bergsteiger in Österreich zuteil wurde – obwohl Peter Habeler 1978 nach der Erstbesteigung des Mount Everests ohne künstlichen Sauerstoff oder Gerlinde Kaltenbrunner 2012 nach der Besteigung ihres 14. Achttausenders würdige Kandidaten gewesen wären.

Die Nanga Parbat-Besteigung zeigt bereits einen wichtigen Erfolgsfaktor, der sich auch bei den weiteren Erstbesteigungen der Österreicher wiederholt: Ihre Regel ist, dass es keine immer gültigen Regeln gibt. Anders gesagt: Die Österreicher pflegen einen recht unorthodoxen Zugang zu den Achttausendern. Sie halten sich zwar an die Vorgaben, die sich in den Jahrzehnten zuvor im Expeditionsbergsteigen entwickelt haben. Sobald aber der Berg, das Wetter, die Verpflegungssituation, das Team oder andere Umstände eine Planänderung verlangen, zögern sie nicht, diese durchzuführen. Als zum Beispiel Buhl seinen Kameraden beim Gipfelgang zurückbleiben sieht, geht er allein weiter, obwohl das niemand vor ihm an einem derart hohen Berg gemacht hat und lange Zeit auch niemand nachmachen wird.

Austro-Methode: Kleinexpedition#

Oder im Jahr darauf, 1954, als der Wiener Herbert Tichy mit zwei Österreichern und einer Handvoll Sherpas zum Cho Oyu aufbricht, während andere Nationen noch Hundertschaften zur Eroberung eines Achttausenders ausschicken. Am 19. Oktober stehen Tichy, Sepp Jöchler und der Sherpa Pasang Dawa Lama am Gipfel – ein Meilenstein in der Geschichte des Expeditionsbergsteigens.

H. Buhls Bergschuhe
H. Buhls Bergschuhe, mit denen Hermann Buhl 1953 den Nanga Parbat bestiegen hat, sind im AV-Museum Innsbruck ausgestellt.
© AV-Museum Innsbruck

Den nächsten setzen Fritz Moravec, Hans Willenpart und Josef Larch, als sie am 7. Juli 1956 zum ersten Mal in der 8000er-Besteigungsgeschichte von einem Biwaklager aus die Gipfeletappe zum Gasherbrum II starten. Am Gipfel können sie sich hemdsärmelig sonnen, ein Wetterglück, das nur wenigen auf den höchsten Gipfeln der Welt beschienen ist. Neben dem Mut, wenn nötig auf eine vollständig ausgebaute Lagerkette zu verzichten, zeichnet diese Expedition ein weiteres österreichisches Erfolgsrezept aus: Während sich andere Nationen in „ihre“ Berge verbeißen und nur diese belagern, berennen, bezwingen wollen, sind die Österreicher flexibler und ziehen dorthin, wo von den Großexpeditionen links liegen gelassene und daher noch unerstiegene Gipfel warten.

Zum Beispiel der 8047 Meter hohe Broad Peak. Am Weg zum K2, zum schönsten und schwierigsten Achttausender gelegen, war das „Breithorn des Karakorums“ schon lange bekannt. Aber erst 1954 hat sich eine deutsch-österreichische Expedition ernsthaft daran versucht. 1957 waren die Österreicher Marcus Schmuck, Fritz Wintersteller, Kurt Diemberger und Hermann Buhl, trotz großer Differenzen im Team, schließlich erfolgreich. Buhl kehrt von dieser Expedition aber nicht zurück. Bei einer weiteren Tour auf die Chogolisa stürzt er über eine Wechte ab. Die österreichische Dhaulagiri- Expedition 1959 muss wegen Sturm am Gipfelgrat abgebrochen werden. Dank ihrer Erkundungsund Seilversicherungsarbeiten gelingt jedoch im Jahr darauf einer Schweizer Expedition der Gipfelsieg. Ganz vorne bei den Erstbesteigern dabei ist der Österreicher Kurt Diemberger. Sein zweiter Achttausender und der fünfte für Österreich.

Heute, im nachnationalen Zeitalter, hat es an Bedeutung verloren, Bergsteiger welcher Nation als erste auf den höchsten Gipfel der Welt waren. Was bleibt, ist aber, dass sich die österreichische Methode der Kleinexpeditionen an den 8000ern durchgesetzt hat. Insofern hat Primar Jonas recht behalten, als er vor 60 Jahren vehement für österreichische Expeditionen in den Himalaya eingetreten ist: „Man würde später nie verstehen, warum das Alpenland Österreich in diesem Wettstreit, in dem es eine hervorragende Rolle hätte spielen können, untätig geblieben ist.“


Österreich-Wunderteam3.jpg
© Die Furche


DIE FURCHE, 3. Jänner 2013