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Selige und unselige Eilande #

Inseln sind nicht nur Urlaubsziele, sondern äußerst fruchtbare Böden für Ideen. Über ontologische Piraten, verbannte Kaiser und rote Utopien. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 16. Juli 2015)

Von

Wolfgang Machreich und Oliver Tanzer


Wilson der Gefährte von Tom Hanks im Film Cast Away
Wilson – Ball und Bruder. Ein Ball war der Gefährte von Tom Hanks im Film „Cast Away – Verschollen“. Er trug den Namen Wilson, und entwickelte sich zum Alter Ego des Gestrandeten.
Foto: Wikimedia

Bisweilen offenbart sich bei Menschen, die viel im Leben herumgekommen sind, sozusagen alle sieben Weltmeere befahren haben und schließlich auf einer einsamen Insel im Ozean landen, eine besondere Form der Weisheit. Sie ist eruptiv und spuckt sozusagen in einem Meer sanfter Tristesse, wie es Lord Byron einmal beschrieb, „islands of brilliant thoughts“ hervor. Treffen kann dieses Phänomen einen jeden, in jeder Insellage. So wie Robinson Crusoe, einen allzureichen Plantagenbesitzer und Sklavenschinder, der zur Buße vom Schicksal an ein einsames Gestade verschlagen wird, um bald zu erkennen: „Man ist niemals zu alt, um weise zu werden.“ Darum geht es also generell und bei Inseln im Besonderen.

Nehmen wir als eingängiges Beispiel so einer Inselerkenntnis jene von Pintel und Ragetti aus „Fluch der Karibik“. Die beiden sind ungeschlachte, dumme und ungewaschene Piraten, die bei den größten Schurkereien immer ganz vorne mit dabei sind, immer auf der Seite des gerade Stärkeren, immer dort, wo es Aussicht auf Raubgut gibt. Ihr größtes Problem ist ein Fluch, der sie zu unsterblichen Zombies gemacht hat.

Irgendwann treiben die beiden verlassen in einem Ruderboot von der Insel Tortuga Richtung Pelegosto Island. Ragetti hat eine Bibel aufgeschlagen, versucht, sie verkehrt herum zu lesen und muss sich von Pintel beschimpfen lassen, weil er eben liest, obwohl er nicht lesen kann, und weil er nicht rudert, obwohl er rudern doch so gut könnte. Da rechtfertigt sich Ragetti: „Einmal kommt die Zeit, da sind wir nicht mehr unsterblich, und dann müssen wir auf die Unsterblichkeit unserer Seelen achten.“ Und mit diesem Gedankenblitz über die Erfindung von Sitte und Moral aus der Endlichkeit des Lebens springt Ragetti sein „splitterndes Holzauge“ aus dem Kopf.

Keine romantischen Ideen #

Inseln erzeugen also Ideen, und zwar gar nicht romantische Ideen, die rotglühende Sonnenuntergänge vor Palmenpanorama zeigen. Das Nachdenken wächst in Insellage sozusagen über sich hinaus. So wie bei Robinson, der sich auf diese Weise sogar seine Ängste wegtherapiert: „Die Furcht vor einer unbekannten Gefahr ist meist tausendmal größer als die Gefahr selbst.“ Nicht immer ist das Ergebnis des Inseldenkens so reich an praktischem Nutzen. Aber oft ist es bedeutungsvoll. Eilande isolieren eben nicht nur körperlich, sondern bei weitest möglichen Horizont. Hingegen reduzieren sie Überfluss und Konsum zu einem kargen Angebot an Gegenständen und Personen. Und wenn man dann noch ganz allein ist wie Robinson, bleibt nur mehr die Schönheit der Ideen. Im Folgenden wollen wir verschiedene Inselformen vorstellen: Phantasien, Trugbilder und Ideologien, Paradiese und höllenhafte Orte.

Bei Jules Verne, dem Meister im Heimatfinden, sehen wir das Eiland in einer Mischung der Extreme. „Die geheimnisvolle Insel“ ist eine dieser Kurzheimaten, die Verne dem Weltverdruss entgegenhält. Vertrieben von den politischen Zeitläuften landet in dem Roman die erwachsene Variante von fünf Freunden samt einem Hund auf einem unbekannten Eiland. Dem Zeitgeist verpflichtet schreibt Verne von und für eine Welt, die der Mensch zu einer besseren machen soll und kann. Teamgeist unterfüttert mit Bildung und Kreativität – damit gelingt es die Wildnis zu zähmen, aus der Insel ein Zuhause zu machen.

Während die Menschen noch damit beschäftigt sind, sich häuslich einzurichten, ist es das Tier, das Gefahr und Rettung zugleich wittert. Beides lauert unter dem Idyll – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Verne-Roman- Inventar Kapitän Nemo steckt mit seinem Unterseeboot Nautilus unter der Insel und in seinem Menschenhass fest. Erst der Lebensmut und die Solidarität der Gestrandeten lässt ihn wieder an die Menschen und das Gute in ihnen glauben. Nemo stirbt, die fünf Freunde und der Hund können sich mit seinem U-Boot von der explodierenden Vulkaninsel retten – in eine Welt, die sie – Jules Verne folgend – wohl so gestalten sollen, wie sie es auf dieser geheimnisvollen Insel vorgelebt haben. Was im kleinen gelungen ist, sollte doch auch im Großen möglich sein. „Utopist“ haben sie deswegen Jules Verne genannt. Womit wir dort sind, wohin uns Inseln immer entführen: Utopia.

Thomas Morus hat 1506 die gleichnamige Insel erfunden und darauf das Gemälde einer Optimum-Gesellschaft gemalt. Auf einem von der Welt durch ein unüberwindliches Gewässer sozusagen ummauerten Eiland lassen sich ja leicht alle gesellschaftlichen Normen umdrehen. So auch auf Utopia. Die Gemeinschaft ist hier alles, der Einzelne gar nichts. Demokratie und Mitbestimmung braucht man auf der Insel nicht, weise Männer gestalten Gesetze und Politik. Privateigentum ist verboten. Gewinnsucht ist das abscheulichste Verbrechen für die Utopier, schlichteste Kleidung der höchste Schmuck. Geld hat lediglich in der Außenpolitik einen Wert – etwa um Söldnerheere für die Verteidigung Utopias zu bezahlen. Der gesellschaftliche Friede wird durch ein rigides Strafsystem aufrecht erhalten, das mit Verbannungen, Sklaverei und Straflagern arbeitet. Utopia war nicht nur ein ungeheurer literarischer Erfolg, sondern hat auch jede Menge realsozialistischer Versuche und Schiffbrüche angestiftet. Alexander Solschnizyn sollte einmal später sagen: „Das Gulag-System ist nichts neues, Thomas Morus hatte es schon erfunden.“ Dasselbe gilt übrigens für die goldenen Latrinen, die Lenin dem russischen Volk versprach. Bei Morus waren die Nachttöpfe aus dem gleichen Edelmetall gegossen.

Menschen als Insel-Tiere #

Wenn die Insel reduzierte Natur ist, dann ist der Mensch auf ihr – auch reduziert? William Golding hat die Insel zum Versuchslabor für Macht und Aggression auserkoren und in seinem Roman „Herr der Fliegen“ Schulkinder in einen mörderischen Überlebenskampf auf einem verlassenen Eiland verwickelt. Das Böse rafft zunächst jede zivilisatorische Errungenschaft hinweg und dann auch jedes Mitleid. Es ist keine Utopie des Schönen mehr – sondern die Hölle auf Erden, eine Dystopie, entfacht von den scheinbar Unschuldigsten der Gesellschaft in konsequenter Nachfolge von Beelzebub, dem biblischen Fliegen-Dämon.

Teufel sind wir also alle in unserer menschlichen Natur? Ausgerechnet die scheinbar verworfendsten Geschöpfe, die beiden stinkenden Piraten Pintel und Ragetti geben darauf eine sehr differenzierte Antwort. In einer Szene ereifern sie sich über einen Piraten, der sich den dunklen Mächten verschrieben hat. Davy Jones, so heißt der Mann, spukt durch die Tiefen der See, versenkt Schiffe und verwandelt ehrliche Seeleute in Zombies. Aber warum tut einer das, das Gute zu verleugnen um nur noch böse sein? Ragetti: „Vermutlich hat ihn die Dichotomie von Gut und Böse dazu getrieben“. So geht es also auch. Der Mensch, der Gegensätze aushält, ist dem Menschen nicht unbedingt ein Seewolf.

Weil wir weiter oben von Robinsons Schicksal gesprochen haben: So eine Robinsonade hatte Europa auch Napoleon Bonaparte verschrieben. Es wollte sich selbst von der Krankheit, die der Bürger als Kaiser über den Kontinent gebracht hatte, kurieren. Die Quarantänestation hieß Elba.

Viele Jahre später wird sich ein Kurzzeit- Vizekanzler der Republik mit einem Zitat in holprigem Englisch in die Geschichte einschreiben: „The world in Vorarlberg is too small“. Im Unterschied zu dieser Person, war Elba aber tatsächlich zu klein für eine Persönlichkeit von Napoleons Zuschnitt, als Aufladestation aber geradezu perfekt. Weg vom Schuss und doch nah genug bei der Sache, um über den Kontinent am Laufenden gehalten zu werden.

Napoleons kurze Regentschaft über die Insel weist ihn als Wohltäter aus. Woraus abzulesen ist, wozu Diktatoren, auf ein erträgliches Maß zusammengestutzt, auch fähig sein können. Nach dem Intermezzo auf Elba wird die Herrschaft der 100 Tage und das Fanal in Waterloo folgen. Und dann kommt St. Helena, auch wieder eine Insel – diesmal ohne Wiederkehr.

Nicht auf eine Insel verbannen lassen sich aber die Ideen, auf deren Wellen der kleine Korse zu einem Großen der Geschichte reiten konnte. Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit sind auch zu groß, um auf ein Eiland zu passen. Und neben und hinter ihnen werden selbst Leben Bonaparte’scher Ausmaße so klein wie Inselchen im Mittelmeer – oder sonst wo im Ozean der Phantasie.

DIE FURCHE, Donnerstag, 16. Juli 2015