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„Unser Mann in China“ #

Der Österreicher Joseph Francis Rock erforschte im 20. Jahrhundert die Kultur und Sprache der Naxi in China. Er untersuchte die letzte aktiv genutzte Hieroglyphenschrift und erwies sich zudem als Meister der Selbstinszenierung. #


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 1./2. August 2015) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Wu Gang


Joseph Rock und Begleiter
Auf seinen Forschungsreisen hatte Joseph Rock stets viele Luxusgegenstände im Gepäck.
Foto: josephrock.net

„Aber natürlich kann ich mich an ihn erinnern“, sagt der Mann, der mutmaßlicherweise Tayi Lamu heißt und dabei über das ganze Gesicht strahlt. Mutmaßlich deshalb, da der – vermutlich – 80-Jährige nur noch einen Zahn im Mund hat und fröhlich vor sich hin nuschelt. Darüber hinaus spricht er mit einem kaum verständlichen Akzent, der mehr an die Sprache seines Stammes erinnert als an Mandarin. Tayi Lamu ist einer der 286.000 Naxi, jenes geheimnisvolle Bergvolk tibetischer Herkunft, das sich vor 1400 Jahren in den Gegenden um Lijiang niedergelassen hat. Joseph Rock hätte ihn vermutlich verstanden, jener österreichische Abenteurer, der hier in der südostchinesischen Provinz Yunnan die Kultur, Schrift und Sprache der Naxi enträtselte. „Verrückter Kerl“, sagt Tayi, und in diesem Fall ist das eindeutig, da er sich Augen rollend an den Kopf tippt.

Tayi Lamu ist noch ein Teenager, als Joseph Francis Rock zum ersten Mal in sein Dorf Yuhu in den Tälern nördlich von Lijiang kommt. 1922 heißt es noch Nguluko und besteht bestenfalls aus einigen Bauernhütten und kleineren Tempeln. Doch dem weit gereisten Abenteurer scheint es zu gefallen: „Er ist bald wiedergekommen und hat gefragt, ob er sich hier niederlassen kann. Falsch, er hat nicht gefragt, er hat es einfach getan“, erinnert sich Tayi. Für die nächsten 27 Jahre sollte dieses von Bergketten und wilden Flüssen umgebene Dorf die Heimat von Joseph Rock sein. In dieser Zeit wird der Österreicher zum letzten klassischen Forschungsreisenden des 20. Jahrhunderts und leistet Bahnbrechendes: Er erforscht die Bergregionen Westchinas, sammelt Pflanzen und Vogelbälge, schießt legendäre Fotos, filmt und schreibt Artikel für den „National Geographic“ sowie amerikanische Universitäten. Vor allem aber wird er zum Erforscher der letzten aktiv genutzten Hieroglyphenschrift.

Eigenbrötlerdasein #

38 Jahre vor jener schicksalhaften Begegnung in den Bergen von Yunnan wird Joseph Franz Karl Rock im Winterpalais des polnischen Grafen Potocki im ersten Wiener Gemeindebezirk am Karl Lueger Ring 12 geboren. An der Stelle des elterlichen Schlafzimmers befindet sich heute die Küche einer McDonalds Filiale, ein Park entlang der Schreyvogelgasse erinnert in unmittelbarer Nähe an Rock – dem zunächst keine große Zukunft in die Wiege gelegt wird: Sein Vater verdingt sich als niedriger Kammerdiener in der Grafschaft, die Mutter stirbt, als der Junge sechs Jahre alt ist. Es muss ein einschneidendes Erlebnis für ihn sein, denn er entwickelt sich zum introvertierten Eigenbrötler, der nachts bei Kerzenlicht lernt und sich in exotische Fremdsprachen flüchtet, darunter Arabisch und Chinesisch. Dem Vater bleiben das weltfremde Wesen sowie die außergewöhnliche Begabung des Sohnes nicht verborgen, er drängt den Jungen dazu, eine Laufbahn als Priester einzuschlagen. Doch Joseph lehnt vehement ab. Im Alter von 13 Jahren fliegt er mit einem katastrophal schlechten Zeugnis aus dem Schottengymnasium und wird fortan von den Privatlehrern des Grafen unterrichtet. Der Hochbegabte lernt indessen nach seinen eigenen Spielregeln: Mit 18 Jahren veröffentlicht er unter dem Namen „Jos. Rock Stud. Phil.“ sein erstes Buch, ein dreibändiges Deutsch – Chinesisch Konversationslexikon, das in Teilen an der Universität Wien erhalten ist. Mit 20 Jahren beherrscht der junge Mann zwar zehn Fremdsprachen, Arbeit hat er jedoch keine. Stattdessen reist er kreuz und quer durch Europa und Amerika, hält sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, was angesichts seiner Tuberkulose-Erkrankung immer schwieriger wird – bis er schließlich 1907 krank und mittellos in Honolulu strandet. Da er ohnehin nichts zu verlieren hat, nennt er sich kurzerhand Doktor der Alma Mater Rudolfina Vindobonensis und bekommt prompt eine Stelle als Lehrer für Latein und Naturkunde. Von letzterer hat er zwar keine Ahnung, doch von solchen Kleinigkeiten lässt sich ein Joseph Rock zeit seines Lebens nie aufhalten: Um seinen Studenten immer einen Schritt voraus zu sein, erforscht er auf Streifzügen in Eigenregie die hawaiianische Flora und wird auf diesem Gebiet rasch zu einer unangefochtenen Autorität.

Das ist der Wendepunkt im Leben des Rastlosen: Die Arbeit in der freien Natur gefällt ihm, seine Gesundheit bessert sich spürbar und seine vielfältigen Talente bleiben auch internationalen Institutionen nicht verborgen. Durch seine Kontakte zum Arnold Arboretum in Harvard und zum USLandwirtschaftsministerium realisiert er 1921 schließlich seinen Traum, in Asien zu forschen, zunächst in Burma und, ein Jahr später, in China.

Seine Niederlassung in der Provinz Yunnan ist ein traditionelles Hofhaus, das etwas am Rande des Dorfes Yuhu liegt und heute ein Museum beherbergt. Die chinesische Ticketverkäuferin kämpft tapfer gegen die Langeweile an, indem sie über zwei Handys gleichzeitig telefoniert und Kurznachrichten in die Welt schickt – offensichtlich, um die aufregende Neuigkeit zu verbreiten, dass Gäste eingetroffen sind.

Manifest der Einsamkeit #

„Viel ist hier nicht los“, seufzt sie, als sie endlich die Zeit findet, den Eintrittspreis von umgerechnet zwei Euro entgegenzunehmen. „Die meisten Touristen bleiben drüben in Lijiang, dort gibt es Bars und Karaoke-Läden. Das haben wir hier alles nicht. Aber ohne das Museum würde vermutlich überhaupt niemand herkommen“, doziert die junge Dame ein Manifest der Einsamkeit, das der frühere Hausherr vermutlich unterschrieben hätte, wenn auch aus anderen Gründen.

Sein Geist ist in dem Haus nach wie vor präsent, über einer Tür steht „Office of US National Geographic Academy“, sein früheres Wohnzimmer sieht so aus, als hätte er es gestern verlassen. Ein schwerer Pelzmantel hängt am Haken, ausgetretene Bergschuhe warten in der Ecke, in der offenen Schublade liegt sein Revolver. Zu sehen sind auch einige seiner historischen Fotos, welche Einheimische bei ihren Ritualen zeigen, wilde Grenzgebiete zu Tibet oder verschneite Bergrücken bislang unbekannter Riesen. Auf einem Bild blickt der Forscher selbst in landestypischer Naxi-Tracht vor einem Tempel in die Kamera, wobei ihm die dicke Pelzmütze fast über die melancholischen Augen rutscht. Er wirkt wie ein Fremdkörper.

Als Rock 1922 in Yunnan ankommt, macht er sich zunächst auf, die bis dahin geschlossenen tibetischen Grenzprovinzen zu erkunden und wagt sich ins nordöstliche Tibet vor – allesamt Gebiete, die der westlichen Welt zu jenem Zeitpunkt unbekannt sind. Er zeichnet Karten, studiert die Kultur der Naxi und enträtselt ihre Hieroglyphenschrift, sammelt in 27 Jahren mehrere 10.000 Pflanzen, die im Arnold Aroretum der Harvard Universität bis heute kultiviert werden. Seine Erkenntnisse über Geographie, Volkskunde, Sprachen, Religion und Kultur der Völker Westchinas und Tibets veröffentlicht er in regelmäßigen Abständen im „National Geographic“, der ihn nicht ohne Bewunderung „unser Mann in China“ nennt.

Seine Arbeiten tragen sperrige Titel wie beispielsweise „Auf der Suche nach den geheimnisvollen Bergen: Eine Expedition an der chinesisch-tibetischen Grenze zur unbekannten Amnyi-Machin-Gebirgskette, deren höchster Berg fast dem Mount Everest gleichkommt“, zu lesen in der Februar- Ausgabe 1930. Dabei sind die Er Erlebnisse Rocks aufregender, als es solche Überschriften vermuten lassen würden: Während seiner Jahre in China wird der Abenteurer von Banditen verfolgt und von Stammesfürsten erpresst, gerät in lebensgefährliche Schneestürme und hangelt sich über schwindelerregende Seilbrücken, auf denen der Grat zwischen Leben und Tod buchstäblich ein schmaler ist. Er wird Zeuge von Bürgerkriegen, Stammesfehden, Provinzkämpfen, einem Weltkrieg und einer landesweiten Revolution – doch es scheint, als würde Rock die schwierigsten Kämpfe mit sich selbst ausfechten.

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Reisen wie ein König

„Er war eigentlich nicht oft im Dorf. Doch wenn er gekommen ist, hat man es immer gleich bemerkt, er ist ja angereist wie ein König“, erinnert sich Tayi Lamu, der selbst an den Expeditionen teilnehmen wollte, aber: „Meine Eltern haben es mir verboten. Sie hatten ein bisschen Angst vor diesem seltsamen Ausländer.“ In der Tat gilt Rock als schwierig, exzentrisch und stolz bis an die Grenze zur Arroganz. Er bekommt Tobsuchtsanfälle, wenn er hört, dass sich andere Botaniker näher als 1000 Kilometer an sein Revier heranwagen. Stets führt er seinen manchmal 200-köpfigen Expeditionstross persönlich auf dem Rücken eines Pferdes an, lässt sich jedoch in einer Sänfte tragen, wenn er unterwegs einen Ortsregenten aufsucht. Den verdutzten Bauernfürsten macht er daraufhin in weißem Hemd, Schlips und Jackett seine Aufwartung: „Wenn man in dieser Wildnis leben will, muss man die Leute glauben machen, eine wichtige Person zu sein“, begründet er sein merkwürdiges Auftreten.

Rock treibt es auf die Spitze, indem er bei seinen Reisen eine transportable Dunkelkammer, ein goldenes Essservice und eine faltbare Badewanne der Marke „Abercrombie & Fitch“ mit sich führt. Meist wird sein Kommen von zwei Naxi-Köchen angekündigt, die für ihn nach einem eigenen Rezeptbuch österreichische Gerichte auftischen. So speist der forschende Fitzcarraldo an einem schönen Aussichtspunkt mit freiem Horizont von einem mit Porzellan gedeckten Tisch, während im Hintergrund Schellacks von Caruso zu hören sind.

Immer ist er dabei alleine. Unbeholfen im Umgang mit Beziehungen lebt er wie ein Priester, was er als Jugendlicher doch zutiefst ablehnte. Ruhelos und einsam ist er stets auf der Suche nach seinem persönlichen Shangri-la, sodass es kein Zufall wäre, wenn seine Schriften später James Hilton zu dessen Utopie „Der verlorene Horizont“ inspiriert hätten. Bis zu seiner Verbannung 1949 durch die Kommunisten sucht der Außenseiter noch am ehesten die Gesellschaft der tief religiösen Naxi. Sein magnum opus, das enzyklopädische Wörterbuch Naxi – Englisch, rettet deren Kultur vor dem Wüten der Kulturrevolution. Und sie lässt Rock bis zu seinem Ende nicht los: Als er 1964 auf Hawaii an den Folgen einer Herzmuskelentzündung stirbt, liegen die geliebten Naxi-Piktogramme ausgebreitet um sein Totenbett. Von Wu Gang Der Österreicher Joseph Francis Rock erforschte im 20. Jahrhundert die Kultur und Sprache der Naxi in China. Er untersuchte die letzte aktiv genutzte Hieroglyphenschrift und erwies sich zudem als Meister der Selbstinszenierung.

Wu Gang, geboren 1978 in der Steiermark, lebt und arbeitet seit 2010 in China. Zuvor journalistische Arbeiten im Print- und Radiobereich (Radio Soundportal, Styria).

Wiener Zeitung, Sa./So., 1./2. August 2015