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Nicht alles Gute kommt von Kraus#

„Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache" - ein bekanntes Bonmot, aber wer hat es geprägt? Eine Recherche.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 23./24. Juli 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Robert Sedlaczek


Österreich und Deutschland
Österreich und Deutschland - nahe beieinander, und doch voneinander getrennt.
Foto: © Erwin Wodicka

Es muss Anfang der achtziger Jahre gewesen sein, da habe ich mir die Reprintgesamtausgabe der "Fackel" gekauft. Seither steht sie beleidigt im obersten Bücherregal. Ich habe selten Zeit gefunden, in dem voluminösen Werk zu schmökern. Nur einzelne Bände werden hin und wieder aus den lichten Höhen heruntergeholt - immer dann, wenn ich ein bestimmtes Zitat suche. In dem zwölfbändigen Werk, das einen knappen Meter in Anspruch nimmt, stecken inzwischen viele gelbe Zettel als Suchhilfe.

Seit Kurzem ist alles anders. Karl Kraus ist mehr als 70 Jahre tot, seine Werke sind frei und die Österreichische Akademie der Wissenschaften konnte ihre gründlich aufbereiteten EDV-Daten der "Fackel" ins Netz stellen. Wenn Sie also ein Kraus-Zitat zur Schuldebatte suchen, geben Sie "Schule" oder "Noten" ein, und schon werden Sie fündig! "Die Schule ohne Noten muss einer ausgeheckt haben, der von alkoholfreiem Wein besoffen war." Das ist ja das Schöne an Karl Kraus: Seine Aphorismen passen immer irgendwie.

Allerdings ist nicht alles, was in Zitatensammlungen Kraus zugeordnet wird, auch wirklich von ihm. Wer Kraus-Zitate auf ihre Echtheit überprüft, erlebt seine Überraschungen. "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache." Das ist ein Beispiel für einen falschen Kraus.

Entstellte Zitate#

Manche Zitate werden entstellt. In mehreren Sammlungen habe ich den Aphorismus gefunden: "Kleine Nationen sind stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbeifahren müssen." Unter "Nation" lässt sich auf der "Fackel"-Website nichts finden. Nur "Schnellzüge" bringt ein Ergebnis. Das Originalzitat lautet nämlich: "Die kleinen Stationen sind sehr stolz darauf, dass die Schnellzüge an ihnen vorbei müssen."

"Es genügt nicht, keine Gedanken zu haben, man muss auch unfähig sein, sie auszudrücken." Auch das wird gern zitiert. Wolf Schneider stellt den Satz an den Beginn seines Buches "Deutsch für Profis". In der "Fackel" klingt er anders: "Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben: man muss ihn auch ausdrücken können."

Den wahren Urheber ausfindig zu machen, gestaltet sich bei den meisten der falschen Kraus-Zitate als schwierig. Beim Aphorismus "Der Österreicher unterscheidet sich vom Deutschen durch die gleiche Sprache" kann ich eine jahrelange Suche, die von der Zeitschrift "Österreich in Geschichte und Literatur" in Form einer Umfrage initiiert worden war, für beendet erklären.

Dass Karl Kraus nicht der Urheber sein kann, bestätigte die Akademie der Wissenschaften - der Aphorismus ist im gesamten Kraus-Corpus nicht zu finden, weder in der "Fackel" noch in den anderen Schriften. Außerdem hat der Kraus-Experte Professor Sigurd Paul Scheichl darauf hingewiesen, dass der Inhalt nicht zu den Vorstellungen der Zwischenkriegszeit passt, auch nicht zum Kraus’schen Sprachverständnis.

Es lag der Verdacht nahe, dass es sich um eine Lehnübersetzung aus dem Englischen handelt, wo ähnliche Vergleiche zwischen dem amerikanischen und dem britischen Englisch gemacht werden. Experten haben auf George Bernhard Shaw getippt: "England and America are two countries divided by a common language."

Im Werk von Shaw ist dieser Satz allerdings nicht zu finden. Shaw und Kraus erleiden also posthum das gleiche Schicksal: Ihnen werden Aphorismen unbekannter Herkunft unterschoben - weil man sie ihnen zutraut.

Der wahre Urheber des englischen Aphorismus ist Oscar Wilde. In "The Canterville Ghost", bei uns seit langem eine Schullektüre, findet sich der Satz: "We have really everything in common with America nowadays, except, of course, language." Das klingt holpriger als jene Version, die Shaw zugeschrieben wird. Vermutlich hängt dies damit zusammen, dass Bonmots mit unklarer Urheberschaft ungeniert verbessert werden.

Wie ist das Zitat in Österreich populär geworden? Die Zeitschrift "Österreich in Geschichte und Literatur" hat eruiert, dass der älteste nachgewiesene Beleg von Alexander Lernet-Holenia stammt. Der Satz stand im Februar 1957 in der Zeitschrift "Der Monat": "Der Österreicher, der die gleiche Sprache spricht wie der Deutsche, unterscheidet sich vom Deutschen vor allem durch die Sprache."

Ohne Lernet-Holenias Bedeutung für die österreichische Literatur schmälern zu wollen - dass diese nicht gerade brillante Formulierung von einem Beitrag im "Monat" einen Siegeszug in die Feuilletons angetreten hat, ist unwahrscheinlich.

Zeitlich passt die Geschichte aber schon, fällt sie doch in eine Phase eines gesteigerten Selbstbewusstseins der Österreicher. Auch Ingeborg Bachmann hat sich in dieser Gedankenwelt bewegt. In ihrem nachgelassenen Fragment "Requiem für Fanny Goldmann" finden sich die Worte: ". . . dass man wirklich mit den Deutschen einiges gemeinsam hatte, (. . .) in vieler Hinsicht alles, natürlich mit Ausnahme der Sprache."

Wie ist also die Lehnübersetzung nach Österreich gelangt? Die Vermutung liegt nahe, dass es österreichische Emigranten waren, die diese Wendung aus den USA oder aus England in ihre Heimat brachten. Zunächst kamen die üblichen Verdächtigen ins Spiel: Alfred Polgar zum Beispiel. Oder Friedrich Torberg. Oder Hans Weigel. Der war allerdings in der Schweiz im Exil. Er dementierte die Urheberschaft mit den Worten: "Ich kenne die Wendung, sie gefällt mir so gut, dass es mir leid tut, sie nicht erfunden zu haben."

Tatsächlich nach Amerika emigriert ist Karl Farkas. Im August 1946 kehrte er von New York nach Wien zurück. "Freitags trage ich noch für die russische Kulturstelle vor und Samstag für die Briten (. . .) Allwöchentlich arbeite ich im amerikanischen Radio eine halbe Stunde", schrieb Farkas in einem Brief über seine Tätigkeit in der Viermächtestadt. Berühmt wurde er mit seiner im Sender "Rot-Weiß-Rot" ausgestrahlten Improvisationssendung "Aktualitätlichkeiten". Nach dem Staatsvertrag hatte er im ORF-Radio die Livesendung "Was meinen Sie, Herr Farkas?"

Des Rätsels Lösung#

Als am 1. August 1955 erstmals ein Fernsehtestprogramm ausgestrahlt wurde, war einer der Höhepunkte das erste Fernsehkabarett Österreichs: "Televisio-närrisches" von und mit Karl Farkas. Am 30. September 1957 flimmerte dann die erste "Bilanz des Monats" über die Schirme. Alle diese Beiträge, besonders die aus dem Radiozeitalter, sind schlecht oder gar nicht dokumentiert. Vielleicht würde niemals Licht ins Dunkel kommen?

Durch Zufall bin ich doch noch fündig geworden: auf einer CD der "Wiener Städtischen" mit dem Titel "Kabarett aus Österreich". Ich hatte das Werbegeschenk aus den achtziger Jahren ganz hinten im Regal deponiert gehabt und dann vergessen.

Eines Tages fällt mir die CD in die Hände und ich lege sie in das Abspielgerät. Der erste Beitrag heißt "Karl Farkas conferiert über die Kunst". Er beginnt mit den Worten: "Ich mache mir ernstliche Sorgen um die Zukunft der österreichischen Literatur. Schauen Sie, Grillparzer ist tot, Nestroy ist tot - und ich bin auch nicht mehr der Jüngste ... Mit der deutschen Literatur ist es etwas anderes. Aber wir Österreicher unterscheiden uns doch von den Deutschen durch so mancherlei, besonders durch die gleiche Sprache."

Das ist besser formuliert als beim falschen Shaw oder beim richtigen Wilde. Das Subjekt des Satzes sind nicht die Länder Österreich und Deutschland, sondern deren Einwohner. Leider ist auf dem Begleitheft der CD die Conference nicht datiert. In der Conference selbst gibt es einen Hinweis. Farkas sagt, dass im Louvre "die Mona Lisa jetzt wieder an der Wand hängt und lächelt". Im Jahr 1956 hatte das Bild zwei Attacken zu überstehen, es wurde beschädigt und musste restauriert werden.

In einer gezielten Suche habe ich mir dann in der Nationalbibliothek Bücher über Farkas ausheben lassen. In einem ist der Beitrag abgedruckt: gleich auf der ersten Seite des 1988 erschienenen Buches: "Ins eigene Nest. Also sprach Karl Farkas". Herausgeber Hans Veigl konnte die Conference sogar datieren: Es war die "Bilanz des Jahres 1957", ausgestrahlt am 30. Dezember 1957. Außerdem findet sich die Conference in der "Bilanz des Monats" vom April 1961, in jener vom Feber 1963 und in der "Bilanz der Saison" vom Winter 1963. Wie im Kabarett üblich, hat Farkas Bonmots, Sketches und Szenen vielfach verwendet. Der infrage stehende Satz ist also mindestens vier Mal im ORF-Fernsehen gefallen. Ob Farkas das Bonmot schon vorher im Radio gebracht hat? Kann sein. Es wird sich wohl nicht eruieren lassen.

Vielleicht geht es aber gar nicht darum, wer erstmals den Gedanken Oscar Wildes auf die deutsche Sprache übertragen hat. Er lag damals in der Luft. Entscheidend ist, wer den Aphorismus auf Deutsch so prägnant formuliert hat, dass er populär werden konnte. Dieses Rennen gewinnt Karl Farkas um Meilen vor Lernet-Holenia.

Wie funktioniert dieser Aphorismus? Im Hintergrund steht die Annahme: "Österreicher und Deutsche sprechen verschiedene Sprachen." Daraus folgt: "Die Österreicher und die Deutschen unterscheiden sich durch die Sprache." Der Witz entsteht in der endgültigen Version dadurch, dass sich zwei Nationen durch das Gleiche unterscheiden.

Allerdings können das österreichische Deutsch und das deutsche Deutsch nicht als zwei Sprachen gelten. Es handelt sich um verschiedene Ausformungen der gleichen Sprache. So wie das amerikanische Englisch und das britische Englisch Varietäten des Englischen sind.

Und wer kann genau definieren, was eine Sprache ist? Der Sprachwissenschafter Max Weinreich, spezialisiert auf das Jiddische und Professor am City College in New York, hat 1945 einen Satz publiziert, der auf diese schwierige Grenzziehung anspielt: "Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine." Weinreich will den Satz nicht selbst geprägt haben, er legt ihn einem seiner Schüler in den Mund.

Wahrscheinlich funktioniert der von Farkas popularisierte Aphorismus deshalb so gut, weil wir die Bedingungen Weinreichs beinahe erfüllen.

Aber nur beinahe. Wir haben keine Marine.

Robert Sedlaczek

Robert Sedlaczek, geboren 1952 in Wien, ist seit 2005 Kolumnist der "Wiener Zeitung". Zahlreiche Bücher über die Sprache.

Die Alltagssprache Österreichs#

Das „Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs“, das Robert Sedlaczek zusammen mit Melitta Sedlaczek erarbeitet hat, verzeichnet mehr als 2500 Wörter und Wendungen, die im Österreichischen heimisch sind. Die Bedeutungen der Wörter werden erklärt – und zugleich wird ihre Herkunft dargelegt. So erfährt man beispielsweise, dass sich das Verb „kiefeln“ aus dem mittelhochdeutschen „kifelen“ herleitet, und eigentlich „nagen“ bedeutet. In übertragenem Sinn drückt es aus, dass jemand intensiv mit einem Problem beschäftigt ist.

Robert Sedlaczek: Wörterbuch der Alltagssprache Österreichs. Haymon Verlag, Innsbruck 2011, 335 Seiten, 12,95 Euro.


Wiener Zeitung, Sa./So., 23./24. Juli 2011