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Kassandras vergebliche Rufe#

Nach riskanten politischen und militärischen Entscheidungen kommen warnende Stimmen in der Regel zu spät.#


Von der Wiener Zeitung (Sonntag, 28. Februar 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Robert Schediwy


Evelyn De Morgan: 'Die verzweifelte Kassandra', 1898.
Evelyn De Morgan: "Die verzweifelte Kassandra", 1898.
© De Morgan Centre London/ wikimedia

Im Jahr 1811 verabschiedete Zar Alexander I. den scheidenden Botschafter Napoleons mit einem denkwürdigen Gespräch. Armand de Caulaincourt gegenüber eröffnete der Zar seine Strategie in dem beiderseits erwarteten Krieg:

"Wenn der Kaiser Napoleon mir den Krieg erklärt", sagte der Zar, "so ist es möglich, sogar wahrscheinlich, dass er uns schlagen wird; aber das wird ihm nicht den Frieden verschaffen. Die Spanier sind oft geschlagen worden, und doch sind sie weder besiegt noch unterworfen . . . Wir werden nicht leichtsinnig alles auf eine Karte setzen. Wir haben Raum und werden uns eine gut organisierte Armee bewahren. Man kann sogar seinen Besieger zum Frieden zwingen. Der Kaiser braucht schnelle Erfolge, so schnell, wie seine Gedanken. Wenn das Waffenglück gegen mich sein sollte, zöge ich mich lieber bis Kamtschatka zurück, als dass ich Provinzen abträte und in meiner Hauptstadt einen Vertrag abschlösse, der nur ein Waffenstillstand wäre. Unser Klima, unser Winter werden für uns kämpfen. Wunder geschehen bei euch nur dort, wo der Kaiser steht. Er kann aber nicht überall sein, er kann nicht jahrelang von Paris fernbleiben".

Napoleon war also gewarnt. Dennoch entschied er sich für den fatalen Angriff auf Russland, der zur Vernichtung seiner großen Armee und letztlich zu seinem Sturz führen sollte.

Macht der Torheit#

Es handelt sich hier um keinen Einzelfall. Auch im täglichen Leben ist der Weg in die Katastrophe häufig mit vergeblichen Warnungen gepflastert. Torheit und Selbstüberschätzung führen zu tödlichen Wetten und Mutproben. Touristen ignorieren offizielle Lawinensperren oder schlagen mahnende Worte erfahrener Hüttenwirte in den Wind. Nach Überschwemmungen, Hangrutschungen, Dammbrüchen, Erdbeben, Lawinenabgängen und ähnlichen Naturkatastrophen erinnert man sich der vorherigen Warnungen von Experten, die gerade an diesen Orten lange schon für besiedlungsfreie Zonen oder wenigstens besondere Vorsichtsmaßnahmen plädiert hatten.

In der Botschaft des Zaren an den Kaiser der Franzosen sehen wir den erfolglosen Warner in der Extremposition des potentiell übermächtigen Feindes, der aber mit einer Art Loyalität, ja Bewunderung dem Gegner die Folgen seiner extrem risikoreichen Absichten vor Auge führt. Unabhängigkeit des Denkens und eine gewisse Loyalität spielen beim Phänomen der vergeblichen Warnung generell eine wesentliche Rolle.

Die großen Übeltäter der Geschichte üben eine eigentümliche Faszination aus. Adolf Hitler oder Josef Stalin werden von den Medien immer noch in zahllosen Dokumentationen "ausgeschlachtet". Diejenigen hingegen, die es besser wussten, die vor den unvernünftig hohen Risiken und der wahrscheinlichen Sinnlosigkeit der zu erwartenden Opfer warnten, werden hingegen kaum erinnert. Sie gehörten meist zur "zweiten Reihe" der Entscheidungsträger und Meinungsmacher, überschauten jedenfalls das Geschehen aus einer gewissen Distanz. Ihre Vorbehalte wurden abgetan, ihre Anträge in Kriegsräten niedergestimmt. Es entspricht aber einem gewissen Sinn für Gerechtigkeit, sich einiger dieser erfolglosen Warner zu erinnern.

Die Figur der Kassandra, der Tochter des Priamos und Schwester des unglückseligen Paris, der durch seinen Raub der schönen Helena den Trojanischen Krieg auslöst, entstammt dem Umfeld der homerischen Epen - aber sie berührt uns bis heute. Die Seherin, die alles Unheil kommen fühlt, aber mit dem Fluch belegt ist, mit ihren Warnungen kein Gehör zu finden, beeindruckt durch ihre ausweglose Tragik.

Ebenfalls im Umfeld der homerischen Epen hat sich die Erzählung von Laokoon entwickelt, dem Warner vor dem Holzpferd, das die griechischen Belagerer Trojas bei ihrem scheinbaren Abzug vor der Stadt zurückgelassen haben. In Schillers freier Übersetzung aus dem zweiten Buch der Vergilschen "Äneis" lautet die zentrale Stelle wie folgt:

"Wenn in dem Rosse nicht versteckte Feinde lauern,
So droht es sonst Verderben unsern Mauern,
So ist es aufgetürmt, die Stadt zu überblicken,
So sollen sich die Mauern bücken
Vor seinem stürzenden Gewicht.
So ist’s ein anderer von ihren tausend Ränken,
Der hier sich birgt. Trojaner, trauet nicht!
Die Griechen fürchte ich, und doppelt, wenn sie schenken."

Spannend an dieser Darstellung ist die Gegenüberstellung von selbstbewusster und rationaler Argumentation und unbelehrbarer, verblendeter Fehlentscheidung.: Hierin liegt ein sehr moderner Aspekt. Das Motiv der göttlichen Bestrafung dagegen, wie wir es auch von den biblischen Propheten her kennen, ist für uns heute ins Märchenhafte gerückt. Es ist seit der Aufklärung obsolet - im Wesentlichen seit Voltaires berühmter Polemik gegen eine solche "Erklärung" des großen Erdbebens von Lissabon (1755).

"Cluster" von Warnern#

Betrachten wir die Gegebenheiten der neueren Geschichte, begegnen wir häufig "Clustern" von Warnern, etwa Personen der zivilen Staatsverwaltung, die Vorstellungen der Militärhierarchie kritisieren - und umgekehrt. Vor allem die Vorgeschichte der beiden Weltkriege bietet reichliches Anschauungsmaterial.

Der Fall des deutschen Reichskanzlers Theobald von Bethmann-Hollweg, der immer wieder für einen Verständigungsfrieden eintrat und sich als Gegner des U-Boot-Krieges profilierte, ist so ein Beispiel eines relativ Ohnmächtigen in hoher Position. Auch die eigenartige Situation der aristokratischen und faschistischen italienischen "Paralleleliten" der Ära Mussolini zeigt dieses Phänomen - bis hinauf zum Königshaus (König Viktor Emanuel III. warnte 1939 angesichts des "Mitleid erweckenden" Zustandes der italienischen Streitkräfte auf das Nachdrücklichste vor einem Kriegseintritt Italiens auf der Seite Hitler-Deutschlands).

Ein klassisches Beispiel für eine relativ ungefährdete Mahnerrolle innerhalb der Machtelite sind jene hohen Militärs des deutschen Generalstabs, die sofort nach der Machtergreifung mit Hitlers Kriegsplänen konfrontiert wurden und diese als Techniker der kriegerischen Auseinandersetzung für undurchführbar hielten. Sie sahen die Katastrophe kommen, deponierten ihre kritische Sicht - konnten aber ungefährdet in Pension gehen, zumal sie darauf verzichteten, ihre kritische Sicht öffentlich zu machen.

Der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941
Der japanische Angriff auf Pearl Harbour im Dezember 1941 wurde von mehreren amerikanischen Admirälen vorausgesagt, doch blieben ihre Warnungen wirkungslos.
© Corbis

Privilegierte Außenseiter sind auch jene Mächtigen, die - gezeichnet von schwerer Krankheit - an ihre physischen Grenzen stoßen und vergeblich vor ihren Nachfolgern warnen. Lenin, der in seinem "politischen Testament" vor Josef Stalin warnte, stand aus gesundheitlichen Gründen bereits am Rande seiner politischen Einflussmöglichkeiten. Kronprinz Franz Ferdinand wiederum, der die österreichische Monarchie vor einem Krieg mit Russland warnte, weil dieser beide Kaisertümer vernichten würde, wartete ungeduldig im Wiener Belvedere auf die Macht, die er nie erringen sollte.

Zur persönlichen Sphäre zählen die Appelle zur rechtzeitigen Flucht nahestehender Menschen und Menschengruppen. Anton Kuhs bewegende letzte Wiener Stegreifrede vor dem "Anschluss" formulierte die Aufforderung an die Juden Österreichs, dringlichst das Land zu verlassen, um ihr Leben zu retten. Ähnlich motiviert war die Haltung des amerikanischen Journalisten Edgar Mowrer, der schon zu Beginn der 1930er Jahre die deutschen Juden aufforderte, rechtzeitig Hitlers Machtbereich zu verlassen. So wie später Kuh stieß Mowrer auf träge Ablehnung und Verharmlosung.

Hasardspiele#

Wo konstruktive Warner militärische Optionen der Kritik unterziehen und dabei letztlich Recht behalten, liegt übrigens oft eine besondere Lage vor, die eine strukturelle Verlockung zum Hasardieren beinhaltet.

Eine solche Lage existiert immer dann, wenn relativ junge, ehrgeizige und charismatische Führungspersönlichkeiten in eher feindlichem Umfeld agieren, das noch dazu durch eine strukturelle Unterlegenheit der von ihnen geleiteten Institutionen gekennzeichnet ist.

In solchen Situationen gedeihen die Verlockung zur Überschätzung der eigenen Kräfte und die Illusion, durch Willenskraft, Überraschungscoups und zeitweilige punktuelle Überlegenheit das Unmögliche möglich zu machen. Eine "Philosophie des Handstreichs", wie sie etwa für die Mentalität der Faschismen typisch war, zeitigt aber in der Regel nur kurzfristige Erfolge.

Beispiele bieten die Expedition des Alkibiades nach Sizilien ebenso wie Hannibals legendäre Alpenüberquerung im Zweiten Punischen Krieg, die Sezession der Südstaaten zu Anfang des Amerikanischen Bürgerkriegs oder das Russland-Abenteuer des Schwedischen Königs Karl XII.

Zuweilen sind sich die Agierenden sogar bewusst, welch hohe Risiken sie eingehen. Der japanische Admiral Yamamoto, der die Attacke auf den amerikanischen Flottenstützpunkt von Pearl Harbor konzipierte, war sich bewusst, dass er durch seinen Überraschungsschlag Japan gegenüber den weit ressourcenreicheren USA nur eine etwa zwei Jahre dauernde militärische Überlegenheit verschaffen könnte. Würde es Japan nicht gelingen, bis zum Ende dieser Periode einen Verhandlungsfrieden zu erreichen, wären die Aussichten fürchterlich.

Bei solchen bis zur Absurdität riskanten Entscheidungen spielt oft ein überzogener Ehrbegriff mit eine Rolle - und der Wunsch, eine schon lange existierende Bedrohung durch einen Befreiungsschlag zunichte zu machen. In manchen Fällen muss man allerdings davon ausgehen, dass Entscheidungsträger von einem latenten Drang zur Selbstvernichtung geprägt sind. Im Falle des Wagnerianers Adolf Hitler ist etwa die Behauptung, er habe seine realgeschichtliche Götterdämmerung selbst inszenieren wollen, nicht von der Hand zu weisen.

Auch Entscheidungen, die aus Gründen der "Ehre" oder "Selbstachtung" im vollen Wissen der eigenen Unterlegenheit gefällt werden, enthalten oft ein Element des tragischen Fatalismus. Der österreichische Generalstabschef Conrad von Hötzendorf schrieb beispielsweise am 28. Juni 1914, also etwa einen Monat vor Beginn des Ersten Weltkriegs, an seine geliebte Gina von Reininghaus in Bezug auf den bevorstehenden Krieg: "Es wird ein aussichtsloser Kampf werden, dennoch muss er geführt werden, da eine so alte Monarchie und eine so glorreiche Armee nicht ruhmlos untergehen können". Auch die am 12. April 1861 bei Fort Sumter in der Charleston Bay von den Konföderierten begonnenen Feindseligkeiten des Amerikanischen Bürgerkriegs wurden im Bewusstsein des eigenen wahrscheinlichen Unterganges unternommen.

Schon Otto von Bismarck war sich bewusst, mit der Annexion des französischsprachigen Lothringen den Wünschen der Krone und den Bestrebungen der deutschen Schwerindustrie zu weit entgegengekommen zu sein. Sein Bemühen ging daher in der Folge stets dahin, das Erworbene zu sichern und keine zusätzlichen Animositäten bei den voraussichtlichen Gegnern zu erzeugen.

Robert Schediwy, geboren 1947, lebt als Sozialwissenschafter und Kulturpublizist in Wien. Er arbeitet zur Zeit an einem Buch zur Geschichte der vergeblichen Warnungen.

Wiener Zeitung, Sonntag, 28. Februar 2016