unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Margarethe Ottillinger: Ihr Gelübde brachte Wotrubas Kunst zur Blüte#

Verschleppt, nach Sibirien verbannt, heimgekehrt – und ein zweites Leben begonnen: Die außergewöhnliche Schicksalslinie der späteren ÖMV-Vorstandsdirektorin und Stifterin der Kirche in Wien-Mauer.#


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: Die Presse (Freitag, 22. Juni 2012)


Rohe Betonblöcke sind es, insgesamt 152 Stück, die am Georgenberg in Mauer im 23. Wiener Gemeindebezirk den Blick auf sich ziehen: Die inzwischen weltberühmte „Wotruba-Kirche“. Sie ist der Initiative zweier höchst begabter, völlig unterschiedlicher Menschen zu verdanken: Dem Bildhauer Fritz Wotruba (1907–1975) und der ÖMV-Direktorin Margarethe Ottillinger (1919–1992).

Das verwirrende Kunstwerk, das seit den Siebzigerjahren zum viel bestaunten Schauobjekt der Architektenzunft geworden ist, sollte nach Ansicht Wotrubas zeigen, „dass Armut nicht hässlich sein muss, dass Entsagen in einer Umgebung sein kann, die trotz größter Einfachheit schön ist und auch glücklich macht“. Es sollte sein größtes Werk bleiben, den Abschluss des Baues 1976 hat er nicht mehr erleben können.

Wer aber war die treibende Kraft hinter dieser ungewöhnlichen Schöpfung? Eine wahrlich außergewöhnliche Frau, deren Schicksal betroffen macht, das jedoch zuletzt eine glückliche Wendung genommen hat. Margarethe Ottillinger war nach ihrer Heimkehr aus sibirischer Strafhaft von der Idee beseelt, Gott für ihre Errettung sichtbar zu danken. „Der Bau muss schockieren“, wies sie den Künstler an, „damit die Menschen innehalten. Die Kirche muss licht und hell sein, damit sich die Herzen zu Gott erheben. Und sie muss wirken wie eine Burg, wie eine Festung, ein Bollwerk gegen den Unglauben.“ Und dies in einem Europa, „in dem der Glaube an Gott schwindet“.

Und sie förderte großzügig das Projekt aus eigener Tasche. Ihr stattlicher Verdienst als Vorstandsdirektorin der staatlichen Mineralölverwaltung floss in diese Kirche.

Menschenraub an der Ennsbrücke#

Das war freilich bereits das „zweite Leben“ der Margarethe Ottillinger. Ihr „erstes“ sorgte für Empörung in Österreich, für Verwirrung und Spekulationen.

Am 5. November 1948, einem Freitag, stoppte das Dienstauto der erst 28-jährigen Sektionsleiterin im Ministerium für Vermögenssicherung auf der Ennsbrücke: Passkontrolle durch die sowjetische Besatzungsmacht. Hier verlief die gefürchtete „Zonengrenze“ zwischen den beiden ideologischen Todfeinden USA und UdSSR. Während der ebenfalls im Wagen befindliche Ressortminister Peter Krauland unbeanstandet weiterfahren durfte, holte man die Beamtin aus der Limousine. Nicht nur über dieses eigenartige Verhalten des Ministers gibt es seither zahlreiche Spekulationen. Er wurde Jahre danach wegen Korruption verurteilt, fiel aber unter das Amnestiegesetz.

Ottillinger hingegen blieb in den Fängen des sowjetischen Geheimdienstes. Ihre Prüftätigkeit in den Betrieben der russischen Erdölförderung in Niederösterreich sollte ihr zum Verhängnis werden. Zwar protestierte die Bundesregierung beim sowjetischen Hochkommissar gegen diesen dreisten Fall von Menschenraub. Aber von der Beamtin fehlte seit damals jede Spur.

Ohne Wissen der Österreicher landete sie als „US-Spionin“ zunächst im russischen Zentralgefängnis in Baden bei Wien. Acht Wochen blieb sie dort. Die sowjetischen Behörden hatten eine strikte Weisung aus Moskau bekommen, ein Geständnis zu erzwingen, das man öffentlichkeitswirksam gegen Österreich und vor allem gegen die Amerikaner verwenden konnte.

„Man darf nicht vergessen, dass die österreichische Regierung eine Agententruppe Amerikas ist . . .“

KPÖ-Chef Koplenig in einer geheimen Aussprache 1948 in Moskau mit dem Zentralkomitee der KPdSU.

Man legte ihr fertige Geständnisse vor, sicherte ihr eine schöne Karriere im Ostblock zu, aber die nächtlichen Verhöre endeten ergebnislos, weil sie nichts zu gestehen hatte. So wurde sie schließlich vom Moskauer Ministerium für Staatssicherheit im Mai 1949 zu 25 Jahren Haft in einem „Besserungsarbeitslager“ verurteilt. Ein purer Zufall, dass sie dem sicheren Todesurteil des Geheimdienstchefs Berija entging: Diktator Stalin hatte die Todesstrafe für geraume Zeit ausgesetzt.

Ihr Leidensweg führte zunächst nach Lemberg, dann nach Moskau, wo sich die tiefgläubige Frau in der berüchtigten „Lubjanka“ das Leben nehmen wollte. Doch der Versuch misslang. In ihrer Seelennot gelobte sie, eine Kirche stiften zu wollen, sollte sie je dieser Hölle entrinnen. Es folgten die Stationen Butyrka, Potma und das Sondergefängnis Wladimir. Jede noch grauenvoller als die vorhergehende. Der Grazer Zeitgeschichtler Stefan Karner hat mit seinem Team die sowjetischen Prozessakten des „Falles Ottillinger“ einsehen dürfen. Seine Publikation ist auch heute noch eine mustergültige Aufarbeitung des sensationellsten Falles von willkürlichen Verschleppungen durch die Sowjets in Österreich. Zum ersten Mal konnte ein vollständiger Personalakt aus den geheim gehaltenen Archiven des sowjetischen Innenministeriums und des KGB veröffentlicht werden.

Nach all den Qualen gab es für Ottillinger 1953 einen Hoffnungsschimmer. Doch es dauerte noch zwei Jahre, bis die Unglückliche ihren ersten Brief an die Mutter in Wien absenden durfte. Am 25. Juni 1955 – wenige Wochen also nach Unterzeichnung des Staatsvertrages – brachte ein Zug 186 Österreicher in die Heimat zurück. Die schwerkranke Margarethe Ottillinger wurde auf einer Tragbahre mitgeschickt und von hunderten Landsleuten auf dem Bahnhof von Wiener Neustadt bejubelt. Eine Rippenfellentzündung machte es ihr unmöglich, diese wundersame Errettung bewusst mitzuerleben.

So begann ihr „zweites Leben“ – nach langen Kuraufenthalten. Bundeskanzler Julius Raab verwendete sich für sie, so wurde sie bald Vorstandsmitglied in der ÖMV. Als erste weibliche Führungskraft in diesem Konzern geriet sie so zur Wegbereiterin ihrer Nachfolgerin und Parteifreundin Maria Schaumayer. Sie vertrat den Fachverband der Erdölindustrie und engagierte sich im Kuratorium des Vereines für moderne Unternehmensführung.

Und die Sowjets? Die teilten lediglich mit, dass ihre seinerzeitige Verurteilung „aufgehoben“ worden war.

Von langer Hand geplant#

Über ihren Fall sprach sie danach nicht gern. Sie sagte wiederholt, ihre Verhaftung sei von langer Hand geplant gewesen. Sie wisse auch, wer sie verraten habe, nannte aber nie einen Namen. Sie habe keine schriftlichen Beweise dafür, meinte sie.

1982 ging sie in Pension und übersiedelte in ein Heim, das von der Ordensgemeinschaft der Servitinnen geführt wurde. Kurz vor ihrem Tod trat sie als Terziarin der Gemeinschaft bei. Der Wotruba-Kirche und dem Afroasiatischen Institut in Wien galt nun ihre ungeteilte Aufmerksamkeit. 1992 endete dieses Leben einer furchtlosen Frau, der niemand ihre zeitweilige Depression ansah. Sie war eine Einsame, die ohne Schuld zwischen die Fronten des Kalten Krieges geraten war. Auf ihrem Grabkreuz am Maurer Friedhof steht lediglich: „Sr. M. Ottillinger“ . . .

Literaturtipps:#

Catarina Carsten: Der Fall Ottillinger. Eine Frau im Netz politischer Intrigen. Herder, Wien 1983. Stefan Karner (Hg.): Geheime Akten des KGB. „Margarita Ottilinger“ (sic!). Leykam-Verlag, Graz 1992. Ingeborg Schödl: Im Fadenkreuz der Macht. Das außergewöhnliche Leben der Margarethe Ottillinger. Czernin-Verlag, Wien 2004.

Die Presse, 22. Juni 2012