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"Trotz Massentourismus nicht überfüllt"#

Tourismus ist für die Wiener ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Bei einer Sonntagsöffnung sind sie aber immer noch gespalten.#


Von der Wiener Zeitung (Donnerstag, 2. März 2017) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Alexander Maurer


Stephansdom
Eine vorausschauende Stadtplanung im 19. Jahrhundert sorgt dafür, dass Wien trotz regem Tourismus nicht überfüllt wirkt.
Foto: © Stanislav Jenis

Wien. Entgegen dem Klischee sind Riesenrad, Schloss Schönbrunn und Belvedere nicht nur die Heimstatt fotografierwütiger asiatischer Reisegruppen. Rund drei Viertel aller Wiener besuchen die Sehenswürdigkeiten der Donaumetropole auch selbst. Das hat der Wiener Tourismusverband in einer groß angelegten, in zwei Wellen durchgeführten Befragung mit mehr als 2000 Teilnehmern herausgefunden.

Tourismusdirektor Norbert Kettner zeigt sich erfreut, da nachhaltige Tourismuswirtschaft nicht nur den schönen Schein für die Gäste wahren, sondern auch den Städtern einen Mehrwert bieten solle. Darüber hinaus sehen neun von zehn Befragten den Tourismus als wichtigen Wirtschaftsfaktor an, wie er anmerkt.

Für vier Millionen Menschen konzipiert#

Gespalten sind die Wiener allerdings, wenn es um die Einschätzung geht, ob die Donaumetropole schon dem Phänomen Massentourismus zum Opfer gefallen sei. Während im Schnitt 40 Prozent dieser Aussage widersprechen, sehen 26 Prozent die Stadt von Touristen überrannt, der Rest ist unentschlossen. Hierbei sind die Bewohner der von Touristen stärker frequentierten Bezirke der gleichen Meinung wie die Wiener in den Randbezirken.

Dass die Stadt heute trotz Touristenströmen nicht als überfüllt wahrgenommen werde, sei vor allem der historischen Stadtplanung Otto Wagners zu verdanken, bemerkt Kettner. "Wagner sah nämlich bereits 1893 beim Generalregulierungsplan für Wien die Stadtstruktur einer Vier-Millionen-Metropole vor." Derzeit leben knapp 1,87 Millionen Menschen in Wien. Laut Schätzungen des Statistikamts MA23 werden es im Jahr 2029 zwei Millionen sein.

Tatsächlich liegt Wien, was die Tourismusdichte angeht, mit 7,95 Nächtigungen pro Einwohner unter dem EU-Schnitt von 10,53 Nächtigungen pro Einwohner. "Paris und London wurden jedoch aus der Statistik ausgelassen, da es sich hier um globale Metropolen handelt, die in einer ganz anderen Liga spielen", so Kettner.

Auch bei der Sonntagsöffnung sind sich die Wiener uneins. Während 30 Prozent der Befragten diese Möglichkeit kategorisch ablehnen, erkennt die Hälfte den Bedarf des Wiener Tourismus für ein derartiges Wirtschaftskonzept an. Das bedeutet wohlgemerkt aber noch keine Zustimmung.

"Wir sind auch keine Sonntagsöffnungsfetischisten, aber wir sehen im Tourismus, vor allem im ersten Bezirk, tatsächlich mehr Umsatz", so Kettner. Die Verhandlungen lägen hier bei den Sozialpartnern. "Es sollen die Arbeitnehmer natürlich auch was davon haben", so der Tourismus-Chef weiter. Auch müsse keine flächendeckende Sonntagsöffnung eingeführt werden, auch eine teilweise Umsetzung für Tourismuszonen könne sich Kettner vorstellen.

Tourismusverband will mehr internationale Filmdrehs#

"Man kann sich sicher noch gut erinnern, was für ein Trubel in Wien herrschte, als ,Mission: Impossible‘ hier gedreht wurde. Auch ein Bollywood-Blockbuster wurde in der Stadt gefilmt, aber das geschieht dann meist unter dem Radar", sagt Kettner und zieht ein Beispiel heran, als er erklärt, dass sich die Hälfte der Befragten Wiener ein verstärktes Engagement bei internationalen Filmproduktionen wünscht. Der Tourismusverband hakt sich hier bei einer Forderung der Vienna Film Commission ein und plädiert für eine wirtschaftliche Filmförderung in der Donaumetropole. "Wir haben mittlerweile die Situation, dass Filme, die in Wien spielen, nicht mehr in Wien gedreht werden. Beispielsweise wurde eine HBO-Serie über Mozart nicht in Wien, sondern in Budapest gefilmt", meint Kettner und unterstreicht damit den Wunsch nach Förderung.

Der Wiener Tourismusverband bekräftigt überdies erneut seinen Standpunkt, dass er die dritte Piste am Flughafen Schwechat für "alternativlos" halte. Der Bundesverwaltungsgerichtshof hatte den Bau der dritten Piste vor allem wegen Umweltbedenken untersagt, der Flughafen Wien plant, gegen das Urteil vorzugehen.

"Natürlich kann man derartige Entscheidungen fällen, aber man muss auch mit den Konsequenzen leben können. So darf man sich dann beispielsweise nicht wundern, wenn Wien in den Kongressstatistiken abrutscht, weil der Flughafen den stärkeren Flugverkehr nicht so gut stemmen kann wie seine Konkurrenten", gibt Kettner zu bedenken.

Bessere Taxis und ein Busbahnhof#

Der Tourismus-Chef rechnet damit, dass sich durch den Wegfall der dritten Piste nichts an der Umweltsituation ändern werde. Die zusätzlichen Flüge würden stattdessen beispielsweise den 80 Kilometer entfernt liegenden internationalen Flughafen Bratislava ansteuern. "Dort wird man die Freudenfeuer entzünden", so Kettner. Auch der Münchner Flughafen könnte vor allem bei den Langstreckenflügen ein großer Konkurrent werden. Genaue Zahlen und Verteilungen des Flugverkehrs seien jedoch noch nicht abschätzbar, heißt es seitens des Tourismusverbands auf Nachfrage. Kettner sieht an anderer Stelle Einsparungspotenzial für Treibhausgase. "Konservativ geschätzt haben Wiens und Niederösterreichs Taxis vom Flughafen in die Stadt zehn Millionen Leerkilometer im Jahr. Würde man ihnen endlich erlauben, auf der Rückfahrt Gäste mitzunehmen, könnte man hier die Umweltbelastung verringern", ist er überzeugt.

Apropos Taxis: Hier sehen etwas mehr als drei Viertel der Befragten Nachholbedarf, was Schulungen, Qualitätsstandards und Kontrollen angehe. Auch die lang diskutierten Pläne der Stadt, einen zentralen Busbahnhof zu errichten, würden von knapp zwei Dritteln als zumindest wichtig beurteilt. Eine genaue Standortempfehlung will Kettner für das Projekt jedoch nicht abgeben, außer dass es "viel Platz und die Nähe zu einer Autobahn" brauche.

Wiener Zeitung, Donnerstag, 2. März 2017