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Medium des sozialen Dialogs#

Die Briefkultur des 18. Jahrhunderts schuf egalitäre Räume und Formen der Kommunikation. Ein Systemvergleich mit Email, Posting und SMS.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 29./30. Jänner 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt

Von

Evelyne Polt-Heinzl


Der Kreis der Briefschreiber kennt schon im 18. Jahrhundert tendenziell keine Standesgrenzen. C. N. Gijsbrechts: 'Quodlibet'., Foto: Wikimedia
Der Kreis der Briefschreiber kennt schon im 18. Jahrhundert tendenziell keine Standesgrenzen. C. N. Gijsbrechts: "Quodlibet".
Foto: Wikimedia

"Sie haben Post bekommen" – lässt uns der Computer von Zeit zu Zeit wissen und schlüpft damit in die Rolle des Spitzwegschen Postboten. Der Zeit entsprechend legt er sie etwas anders an: weniger pittoresk, standardisiert, nüchtern, aber, so die Message nicht unerlöst im Äther hängen bleibt, durchaus verlässlich und vor allem nahezu ohne zeitliche Verzögerung.

Elektronische Mailbox und der Biedermeier-Maler Carl Spitzweg scheinen nicht ganz zusammenzugehen, doch für die radikalen Veränderungen der Kommunikationsusancen unserer Tage bietet sich das späte 18. Jahrhundert als Vergleichszeitraum durchaus an. Das müssen die Informatiker ähnlich gesehen haben. Denn das Design der Email-Programme zeigt kein Telegramm, also eine drahtlos übermittelte Botschaft, das ob seiner engen Verwandtschaft mit den neuen Übertragungstechniken 2005 zu Grabe getragen wurde; sondern eben den Brief – und der erlebte damals eine erste Hochblüte. Auch im 18. Jahrhundert veränderten sich die Kommunikationsstrukturen grundlegend, vor allem durch die Ausbreitung der Schriftkultur; die Kampfbegriffe von damals sind die Zielvorgaben didaktischer Programme von heute: "Zeitungssucht", "Lesesucht" und "Briefwut" – der Begriff stammt vom Germanisten Georg Gottfried Gervinus – galten als die drei "Grundübel" der Epoche. Kommunikation ist die Basis von Gesellschaft, und fundamentale Veränderungen auf diesem Gebiet ziehen immer Verunsicherung nach sich. Die Palette der mentalen Reaktionsmuster auf derartige Umbrüche reicht von radikaler Ablehnung bis zu hymnischer, oft kritikloser Begeisterung. Damals wie heute.

Die Sprache der Briefe#

Natürlich wurde der Brief nicht erst im 18. Jahrhundert erfunden. Aber bis dahin war seine Verbreitung begrenzt und genau definiert. Der gelehrte Briefwechsel blieb an die Latein-kundige Intelligenz gebunden. Später begann der Brief deutsch zu sprechen, allerdings das formelhafte Holperdeutsch der Kanzleien für behördliche wie geschäftliche Zwecke. Noch das ganze 18. Jahrhundert hindurch erschienen sogenannte "Briefsteller", die schablonenhafte Redewendungen und Anredeformeln auflisteten. Es bedurfte einigen Trainings, um den schriftlichen Ausdruck geschmeidiger zu machen. Der universitäre Rhetorikunterricht empfahl das Anlegen von Thesauren mit besonders geglückten Wendungen – Thesaurus : ein Begriff, der uns erst durch die Suchstrategien des Internet wieder geläufig wurde.

Ende des 18. Jahrhunderts begannen bürgerliche Schreibende den Brief aus dem engen Regelkorsett zu befreien, sie verstanden ihn als Selbstzweck, um das freundschaftliche Gespräch über zeitliche und räumliche Distanzen hinweg aufrecht zu erhalten. In vielen Genrebildern der Zeit werden Briefe gelesen – einsam, dann oft als Liebesbrief erkennbar, vor allem aber in Gesellschaft. Denn der Brief wurde zum Medium der Geselligkeit für eine lose definierte Community , in der er vorgelesen, weitergereicht und besprochen wurde. War man in den Kreis eingeklinkt, wurde die Zugriffsmöglichkeit auf die Inhalte nicht weiter hinterfragt, sondern gehörte zum Selbstverständnis dieser Frühform des Chatrooms . Diese Freundschaftsbriefe scheinen wie die Emails von heute im Moment des Verfassens intim zu sein, und trotzdem liest, potenziell oder intendiert, die ganze Welt mit.

Die Briefschreiber gehörten der gebildeten Schicht der Städte und kleinen Residenzen an. Die selbstbewusste Abgrenzung von den überkommenen rhetorischen Mustern orientierte sich am Ideal des mündlichen Ausdrucks. "Schreib wie du redest, so schreibst du schön", hieß die Leitformel, die plötzlich auch den "ungebildeten Frauenzimmern" nicht nur Teilnahme am gebildeten sozialen Dialog ermöglichte, sondern deren "Unverbildetheit" und "Spontaneität" im Ausdruck gar als Ideal verstand. Als Mittel, kommunikative Nähe zu erschreiben, sollten die Briefe unmittelbar, natürlich und ungezwungen klingen. Das tun sie für den heutigen Leser wohl nicht mehr wirklich, aber die Zeitgenossen empfanden die Emanzipation von der formelhaften Rede und den Wegfall der diffizilen Initial- und Final-Komplimente, die ein anschauliches Abbild des sozialen Hierarchieverständnisses geben, als absolute Befreiung. Tatsächlich eignet der Briefkultur des 18. Jahrhunderts ein demokratisch egalitärer Impetus. Der Kreis der Briefschreiber kennt tendenziell keine Standesgrenzen. Die soziale Offenheit im Zeichen des Freundschaftskultes kompensiert auch die soziale Ortlosigkeit der neuen Schicht der "Gebildeten" in einer Zeit radikaler sozialer Umbrüche.

Beide Momente spielten auch bei der Herausbildung der neuen Kommunikationsformen im virtuellen Raum eine Rolle. Die sozial unvernetzten Teilnehmer an der Internet-Community, denen die Gesellschaft kaum mehr berechenbare Lebensentwürfe bereitstellt, schaffen sich einen Zusammenhalt im virtuellen Raum.

Formfreier Diskursraum#

Als Zwitterform zwischen Schrift und Gespräch folgen die Kommunikationsformen hier keiner überkommenen Ästhetik und keinen formalen Normen. Da sich die Gesprächspartner meist nicht persönlich kennen und aus den kürzelhaften Anschriften und fiktiven Nicknames Rang und Status der Partner nicht ablesbar sind, entstehen, den anfänglichen Demokratisierungsutopien des Internet entsprechend, tendenziell herrschaftsfreie Diskursräume. Im Netz ist nicht zu sehen, ob einer schwarz ist und keinen Job hat, zitiert Peter Glaser einen Arbeitslosen aus Seattle. Partner kann hier jeder sein, der sich einklinkt und minimalste Anstandsregeln beachtet. Diese Grenze ist allerdings labil, und die Stammtischrede scheint längst großflächig in die Posting-Kultur immigriert.

So wie die Befreiung des Briefes aus den Regelzwängen der verstaubten Kanzleipraxis zum Boom der Gattung Brief führte, hatte die Befreiung von der Gattung Brief durch Emails, Postings oder SMS einen sprunghaften Anstieg der schriftlichen Kommunikationsbereitschaft zur Folge. Im Brief um 1800 finden sich zwar noch nicht die lautmalerischen Einschübe und bildhaften Abkürzungen unserer Tage, jedoch eine Fülle von Ausrufen oder Satzstellungen, die mündliche Rede imitieren. Auffallend ist die Sorgfalt, mit der in den Briefen imaginäre Gesprächsräume aufgebaut und ausgestaltet werden. Ausführlich wird beschrieben. wie, unter welchen Umständen, an welchen Orten und mit welchen Gefühlen gerade geschrieben wird. Emphatisch ist auch das Datierungsbedürfnis. Goethe zum Beispiel gibt stets genaue Rechenschaft darüber, an welchem Tag und zu welcher Stunde er den Brief zu schreiben beginnt und wann er im Falle einer Unterbrechung mit dem Schreiben fortfährt. Die minutengenaue Datierung übernimmt heute der Computer; höchst produktiv für die intime Verständigung mit fernen Freunden scheinen damals wie heute die einsamen Nachtstunden zu sein, im dunklen Raum, beim Flackern der Kerze oder des Bildschirms.

Schon unter den Briefschreibern des 18. Jahrhunderts regte sich mitunter der Verdacht, dass die Abkehr von der steifen Rhetorik zur Ausbildung einer neuen Formelhaftigkeit führen könnte, die sich als Standard im Sprechen über persönliche Dinge und Stimmungen entwickelt. Tatsächlich entstand eine neue Rhetorik des Authentischen, ein zeittypischer Code des intimen Ausdrucks für Gefühle, wenn auch noch nicht auf Tastenkombinationen von Klammerzeichen, Doppelpunkten und Bindestrichen bildhaft verkürzt. Was den Brief näher an das persönliche Gespräch rückt, ist die Präsenz des Schreibers im Medium seiner Handschrift, aus der sich tendenziell emotionale Befindlichkeiten herauslesen lassen. Heute standardisiert die dazwischen geschaltete Apparatur den optischen Eindruck der Mitteilung. Die Zahl der Tipp-, Grammatik- und Flüchtigkeitsfehler gibt eher Auskunft über Maschinschreibfähigkeiten und Sprachkenntnisse des Schreibers, denn über seinen Gemütszustand.

Die Beliebtheit des Briefes um 1800 führte nicht nur zu Briefeinschüben in der zeitgenössischen Erzählliteratur, auch die Form des Briefromans entstand aus der Begeisterung am neuen Medium. Das Urbild der Briefromane von Rousseau, Wieland, Goethe, Tieck oder Hölderlin war "Pamela" (1740) von Samuel Richardson: Der hatte einen Auftrag für eine Sammlung von privaten Musterbriefen bekommen und wurde dadurch zu seiner Idee eines Romans in Briefen angeregt. So gesehen ist es nicht verwunderlich, dass die ersten Email-Romane nicht lange auf sich warten ließen – ein neues Medium fasziniert und fordert eben zu ästhetischen Nebennutzungen heraus. Daniel Glattauer hat mit dem enormen Erfolg seines Emailromans "Gut gegen Nordwind" (2006) und der Fortsetzung "Alle sieben Wellen" (2009) auch gezeigt, dass im 21. Jahrhundert der Märchenprinz, sei er nun Graf, Oberarzt oder Indianerhäuptling, nicht mehr aus der Trivialliteratur imaginiert wird, sondern aus dem Chatroom. Mittlerweile gibt es auch die ersten SMS-Roman-Experimente. Nach einem chinesischen und einem finnischen Versuch hat im Dezember 2010 Manfred Chobot in Zusammenarbeit mit dem Limbus Verlag und T-Mobile Austria den SMS-Fortsetzungsroman "Der Bart ist ab" gestartet; die ersten hundert der fast 2000 SMS der Liebesgeschichte kann man stilgerecht für das eigene Handy abonnieren – des Klingelns wird kein Ende sein.

Lektüre als Thema#

In den Freundschaftsbriefen des 18. Jahrhunderts war auch der Austausch von Lektüreerlebnissen ein zentrales Thema. Diesbezüglich hat das Internet ungeahnte Mitteilungsbedürfnisse geweckt, und die spontane Verschriftlichung von Leseeindrücken ist durchaus zu begrüßen – so sie nicht mit Literaturkritik verwechselt wird.

Soziale Netzwerke, erklärte ein Mitarbeiter des 2001 in Gießen gegründeten Zentrums für Medien und Interaktivität (ZMI) jüngst in einem Interview, entstehen dadurch, dass das System aufgrund der Nutzerprofile Partner vorschlägt, die eine neue Form zielgerichteter Kommunikation ermöglichen – als Beispiel nannte er die Buchvorschläge von Amazon. Doch niemand wies darauf hin, dass Leser immer schon über Bücher debattiert haben und dazu nie automatisierte Buchtipps benötigten, die sich im besten Fall an Verkaufszahlen, im schlimmsten Fall an geleisteten Schmiergeldern orientieren.

Evelyne Polt-Heinzl, geboren 1960, ist Literaturwissenschafterin und -kritikerin.

Wiener Zeitung, 29./30. Jänner 2011