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Ohne Filter und Scheuklappen#

Der Abenteurer, Bergsteiger und Schriftsteller Herbert Tichy#


Von der Wiener Zeitung (25. Mai 2012) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Walter Klier


Der letzte der klassischen Forschungsreisenden wäre am 1. Juni 100 Jahre alt geworden.#

Herbert Tichy
Herbert Tichy an seinem Schreibtisch, 1954.
© Imagno/Barbara Pflaum

Weltreisender, Schriftsteller, Umweltschützer, Geologe, Liebhaber von Filterlosen und Hochprozentigem, Teilnehmer an der ersten Motorradfahrt nach Indien, und natürlich, aber mehr nebenbei, Erstbesteiger eines Achttausenders - all das und noch einiges mehr war der am 1. Juni 1912 in Wien geborene und 1987 daselbst verstorbene Herbert Tichy.

Berühmt geworden ist er 1954 durch die Erstersteigung des 8153 Meter hohen Cho Oyu, einem der "leichteren" Achttausender am äußeren Rand der Welt. Die Expedition bestand aus drei Österreichern, Tichy, Sepp Jöchler und Helmut Heuberger, und einigen Sherpas, und das Expeditionsgepäck, das 900 kg wog, wurde von 50 Trägern ins Basislager am Fuß des Berges geschafft.

Helden der Nation#

Das war ein Bruchteil von dem, was zu dieser Zeit Expeditionen zu den Weltbergen benötigten. Üblicherweise wurden die begehrten Achttausender von militärisch durchorganisierten Truppen mit hunderten von Trägern und einem Dutzend Bergsteigern berannt. Aber Tichy, der sonst eigentlich lieber wanderte und das am liebsten allein, hatte bei seinen Reisen im Inneren Asiens den Plan gefasst, auch einen der großen Berge dort zu besteigen.

Pasang Dawa Lama, ein Sherpa, den er von einer früheren Unternehmung her kannte, hatte ihn auf den noch unbestiegenen Cho Oyu mit den Worten aufmerksam gemacht "a mountain can do" - ein Berg, der mit einfachen Mitteln zu schaffen ist. Und Pasang war es auch, der zusammen mit Jöchler und Tichy schließlich ganz oben stand. Es war knapp hergegangen. Der erste Versuch endete im überstürzten Rückzug in einem Schneesturm - und damit, dass Tichy beide Hände erfroren und er sich bis auf weiteres weder die Hose aufknöpfen konnte, um seine Notdurft zu verrichten, noch sich eine seiner lebensnotwendigen Filterlosen anzuzünden. Das und noch mehr, nämlich so ziemlich alles, mussten seine Bergkameraden für ihn machen.

Dann tauchte überraschend eine Schweizer Expedition auf; die Mannschaften begrüßten einander mit einem wechselseitigen "Was machen denn Sie hier?" Nach einigem Hin und Her erklärten sich die Schweizer bereit, den Österreichern noch eine Chance zu lassen. Die nutzten sie, und als sie nach vielen Wochen endlich wieder in der Heimat eintrafen, waren sie die Helden der Nation. Man bedenke, dass Österreich im Jahr 1954 ein an den Kriegsfolgen laborierendes, von den Alliierten besetztes kleines Land war, das jede Art von Aufmunterung gebrauchen konnte. Und seine erfolgreichen Bergsteiger und Skifahrer sorgten für eine solche. Heute noch lässt sich das Nationalgefühl durch sportliche Erfolge aufmöbeln.

Ein wenig berühmt war Herbert Tichy schon seit den 1930er Jahren gewesen. Im zarten Alter von 21 hatte er zusammen mit dem Motorradpionier Max Reisch eine Fahrt von Wien nach Bombay unternommen. Der fahrbare Untersatz war eine 250er Puch. Der Motor hatte 6 PS, das Gefährt wog 190 kg, und die Länge der projektierten Reiseroute betrug rund 13.000 km. Über weite Strecken konnte man nicht mit Straßen im engeren Sinn rechnen, und am Ende wäre die glückliche Heimkehr beinahe daran gescheitert, dass Reisch den Bedarf an Ersatzspeichen dramatisch unterschätzt hatte.

"Wir sprachen in all diesen Tagen nur sehr wenig. Der Tod saß uns im Nacken, denn wenn das Hinterrad zusammenbrach, war es aus - und zwar endgültig. Herbert schleppte sich große Strecken zu Fuß vorwärts, um das Motorrad zu entlasten. Ich fuhr so vorsichtig, als hätte ich statt Räder rohe Rieseneier in den Achsen. Aber es half alles nichts. Die Räder wurden immer ,eckiger‘, von Stunde zu Stunde warteten wir auf den endgültigen Zusammenbruch", schreibt Reisch in seinem Buch über die denkwürdige Reise; am Ende ging alles gerade noch gut aus; ebenso wie die Motorradfahrt, die Herbert Tichy zwei Jahre später, diesmal solo, in Indien unternahm. Sie führte ihn nicht nur nach Afghanistan und Burma, sondern auch nach Tibet. Er hatte es sich in den Kopf gesetzt, den heiligen Berg Kailash zu besuchen; zu diesem Behufe verkleidete er sich als indischer Pilger. Unter der Obhut eines einheimischen Freundes, den er inzwischen gewonnen hatte, schlossen sie sich einer Pilgergruppe an. Um nicht in die Verlegenheit zu kommen, sich mit den anderen Pilgern unterhalten zu müssen, schlüpfte Tichy in die Rolle eines geistig stark Behinderten. Dass sich die Leute ganz problemlos von seiner schauspielerischen Leistung überzeugen ließen, kränkte ihn dann doch ein wenig.

Aufgeflogen wäre der Schmäh dann beinahe, weil Tichy noch den Versuch unternahm, einen am Weg liegenden 7000 Meter hohen Berg "mitzunehmen". Und dann versuchte er auch noch heimlich zu fotografieren, wovon der zufällig anwesende Fürst von Westtibet Wind bekam. Tichy durfte erst weiterziehen, als er dem Fürsten sein Fernglas überlassen hatte, durch das man offenbar die Götter auf dem Kailash sehen konnte.

Herbert Tichy stammte aus gutbürgerlichem Wiener Milieu; die Geschäfte waren, wohl auch durch die Zeitläufte bedingt, nicht immer blendend gegangen. Aus seiner gutsituierten Jugend war ihm zumindest ein lebenslanges Wohnrecht in der großelterlichen Villa geblieben, die freilich längst verkauft war, und Anteile an einem Wiener Kino. Vor allem für seine zahlreichen und teils Jahre dauernden Reisen musste das Geld irgendwo, irgendwie verdient werden. So kam er, der ursprünglich Geologie studiert hatte, auf den Journalismus und aufs Bücherschreiben.

Seine ewige Hoffnung, endlich einmal ein Buch wie "Robinson Crusoe" zu schreiben, also eines, von dem sich von da an in Ruhe leben ließ, blieb ihm, wie den allermeisten Schriftstellern, unerfüllt. Er musste jede Reise wieder zu einem Buch und damit - hoffentlich - zu neuem Geld machen. Am Ende sind es 25 Bücher geworden, und das ist auch ein Glück, und zwar für die vielen Leser, die er - bis heute - gefunden hat.

Reisen in Seelenwelten#

Was hebt Tichy aus der Menge der Abenteurer heraus, die in der Moderne, in immer noch wachsender Zahl, über die Erde hin schwärmen, jeder auf der Suche nach dem großen, dem unverwechselbaren Erleben? Zunächst ist es seine besondere Stellung in der Geschichte der Erkundung der Welt. Er ist gewissermaßen der Letzte der klassischen Forschungsreisenden, die seine Vorbilder waren - wie etwa der von ihm über alles verehrte Sven Hedin. Zugleich steht er am Beginn einer Individualisierung, die an die Stelle des "objektiven" Erforschens und Katalogisierens der Welt das innere Erleben sucht, eben das Unverwechselbare, das jeder in sich trägt und im Kontakt mit dem Fremden zur Entfaltung bringt.

Seine Reisen waren immer auch Reisen in die Seelen- und Geisteswelt der betreffenden Länder, und es ist kein Zufall, dass es ihn vordringlich und immer wieder nach Asien zog, in jene Zen-tralzone des Mystizismus zwischen Indien und China (mit Tibet als dem nicht nur geografischen Mittel- und Höhepunkt), die schon früher und bis heute so viele "Westler" magisch angezogen hat.

Nicht jeder Abenteurer ist schon etwas Besonderes, nur weil er weit fort war. Man kennt das ja aus den zahllosen Urlaubsberichten von Bekannten, die über die exotischen Orte, die sie besucht haben, nichts von Belang zu erzählen wissen. Herbert Tichy erlebte nicht nur Erstaunliches, er konnte es auch gut erzählen. Alles, was er schrieb, war mit einer feinen Dosierung von Humor und Selbstironie durchsetzt. Das würzte, den Berichten zufolge, auch die vielen Vorträge, die er des Geldes wegen hielt, ja halten musste. Als Beispiel mag ein Zitat aus dem Buch über seine erste Solo-Indienreise dienen, fremde Essgebräuche betreffend: "Es ist in Indien allgemein üblich, Speisen mit einem Gewürz namens Tschilli zu würzen. Der Anfänger, der zum ersten Mal ein Tschilligericht isst, hat dasselbe Gefühl, als ob man seine Zunge mit einem schartigen Rasiermesser abgezogen hätte und darauf ein Gemisch von Paprika, Pfeffer und Spiritus verbrennen würde. Es hat mich häufig Tränen und verdorbenen Magen gekostet, bevor ich soweit war, indisch essen zu können. Aber schließlich war ich soweit."

Mit den Jahren kamen die Ehrungen. Tichy wurde Professor und was man in Österreich eben so wird. Franz Jonas und Bruno Kreisky trugen ihm Posten an, um ihm eine gewisse Absicherung zu geben. Doch Tichy, der zeitlebens weder kranken- noch pensionsversichert war, blieb lieber -im buchstäblichen und übertragenen Sinn - im Freien draußen. In einem Interview sagte er: "Wenn man aus einer Gegend, in der es kein Fernsehen und kein Radio gibt, zurückkehrt nach Österreich und plötzlich sieht, dass alle Leute, die man kennt, von nichts anderem als einer gewissen Krimiserie reden oder sich nichts sehnlicher wünschen, als dass der Franz [Klammer, Anm.] morgen beim Abfahrtslauf gewinnt, kommt einem das schon sehr unsinnig vor."


Walter Klier, geboren 1955, lebt als Schriftsteller, Maler und Verfasser von Berg- und Wanderführern in Innsbruck.

Wiener Zeitung, 25. Mai 2012