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Sind wir ostalpine Gallier? #

Das Bild der Kelten ist noch immer geprägt von Missverständnissen, Ignoranz und Fehldeutungen. Georg Rohrecker, leidenschaftlicher Anwalt keltischer Kultur, zeigt in seinem Buch, wie reich das Erbe unserer fantasievollen keltischen Vorfahren ist.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. August 2011)

Von

Johannes Preßl


Nachgebautes Keltendorf über Hallein/Sbg., Foto: © Pichler Verlag
Nachgebautes Keltendorf über Hallein/Sbg.
Foto: © Pichler Verlag

Vercingetorix wirft Cäsar die Waffen zu Füßen (Gemälde von Lionel-Noel Royer, 1899), Foto: © Pichler Verlag
Vercingetorix wirft Cäsar die Waffen zu Füßen (Gemälde von Lionel-Noel Royer, 1899)
Foto: © Pichler Verlag

Unter unseren vielen Ahnen, die Österreich besiedelt haben, sind es die Kelten, deren Bild bis heute am unschärfsten ist. Wer waren sie, woher kamen sie und wie groß ist ihr kulturelles Erbe, das uns heute noch umgibt und prägt? Der 2009 verstorbene Salzburger Autor Georg Rohrecker war ein exzellenter Kenner der keltischen Kultur in Mitteleuropa. Mit viel Akribie und Spürsinn sammelte er eindrucksvolle Beispiele für ihre Naturverbundenheit, ihren Erfindergeist, ihre Lust am Leben, ihre Kunst und Mythen. Er spürte den Kelten in ihren alten Kultplätzen und Kraftorten, in unzähligen Wallfahrtszielen mit ihren Heiligen und Kirchenpatronen nach und legte bisher unbekannte Wurzeln unserer kulturellen Identität frei.

Mystik. Große Quellen – wie hier der Gollinger Wasserfall – dienten den keltischen Seelen als Ein- und Ausgänge in die Anderswelt., Foto: © Pichler Verlag
Mystik. Große Quellen – wie hier der Gollinger Wasserfall – dienten den keltischen Seelen als Ein- und Ausgänge in die Anderswelt.
Foto: © Pichler Verlag

Georg Rohrecker macht deutlich, dass das eigentliche Kernland der Kelten die österreichischen Alpen waren. Unsere Geschichte ist demnach mehr keltisch als römisch oder germanisch. „Vermutlich nahezu tausend Jahre war das Gebiet des heutigen Öster reich – insbesondere um die Salzbergbau-Metropolen Hallstatt und Hallein/Dürrnberg – bereits keltisch, bevor die begehrlichen Römer ihre Finger nach uns ausstreckten.“

Der „Ötzi“ lebte lange vor den Kelten, er trug aber schon eine mit Kupfer veredelte Axt mit sich., Foto: © Pichler Verlag
Der „Ötzi“ lebte lange vor den Kelten, er trug aber schon eine mit Kupfer veredelte Axt mit sich.
Foto: © Pichler Verlag

Rohrecker tritt in diesem Buch als Anwalt der keltischen Kultur auf und erbringt mehrere Belege dafür, dass Österreich im Lauf der Jahrhunderte systematisch vom inneren keltischen Erbe entfremdet wurde. Rohrecker beleuchtet die neuen historischen Hintergründe unseres Landes und liefert eindrucksvolle Beweise für unsere keltische „Volksseele“. „Gerade die heimischen Sagen sind es, aus denen wir tatsächlich unsere keltische Herkunft und Identität entschlüsseln können. Wenn wir überhaupt noch Lust auf Sagen haben, dann können wir mit Hilfe der alpinen Druiden, Wilden Frauen und Andersweltfürsten auf spannende und eindrucksvolle Weise erfahren, dass wir tatsächlich ihre Erben sind und sie ein wertvoller Teil von uns, der zwar – mit unterschiedlichem Erfolg – immer wieder verdrängt werden sollte, aber dennoch weiter zu wirken vermag bis ins dritte Jahrtausend nach Christus.“

Eine eigene Kultur, aber kein Volk#

Wenn es eine „keltische Volksseele“ gibt – waren die Kelten dann doch ein Volk? Georg Rohrecker weist mit Nachdruck darauf hin, dass es sich bei dem, was „das Keltische“ ausmachte, nur um eine von anderen unterscheidbare Kultur handelte. „Kultur im Sinne einer ‚veredelten‘ Art miteinander zu leben, zu handeln und zu denken, sich auszudrücken – was übrigens bei den Kelten in der Regel mündlich, symbolisch, rätselhaft, übertreibend und humorvoll geschah.“

Unsterblich Die Kelten waren davon überzeugt, dass der Körper nur eine Hülle sei und sie eine unsterbliche Seele besäßen., Foto: © Pichler Verlag
Unsterblich Die Kelten waren davon überzeugt, dass der Körper nur eine Hülle sei und sie eine unsterbliche Seele besäßen.
Foto: © Pichler Verlag

Die weiteren Kapitel des Buches befassen sich mit den wichtigsten Leistungen und Zeugnissen der Kelten und lassen am Ende – einem Kaleidoskop gleich – ein vollständiges Bild entstehen. Da geht es um die Ausbreitung des Keltischen zwischen Irland und Kleinasien, Zeugnisse ihres Erfindergeistes, ihr Augenmerk auf eine funktionierende „profane“ Infrastruktur in Form von Straßen, Stützpunkten und Orientierungshilfen, um dominante Göttinnen, potente Muttersöhnchen und glänzende Heroen. Viel Raum widmet der Autor den heiligen Orten, Ritualen, Festen und Sagen der Kelten. Das Buch ist ein leidenschaftlicher Appell, uns mehr mit unserer Herkunft zu beschäftigen, Zeugnisse unserer keltischen Vergangenheit zu erkennen und zu respektieren. Im Anhang findet sich eine Auflistung österreichischer Museen, in denen keltische Schätze ausgestellt sind. Dabei fällt das Fehlen von Hallstatt auf. Umso umfangreicher ist jedoch das Verzeichnis der verwendeten Literatur.

Die grafische Gestaltung des Buches unterstreicht die Qualität des Inhaltes. Katrin Rose zeichnet für ein ästhetisches Layout verantwortlich, geschmackvoll ausgewählte Schriften und unaufdringlich platzierte grafische Elemente steigern die Attraktivität des Werkes.

Eine editorische Notiz auf der letzten Seite gibt Aufschluss, warum diese Neuerscheinung erst zwei Jahre nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurde: Ihr liegen vier Bücher zugrunde, die der Kelten-Experte zwischen 2002 und 2007 publiziert hatte.


Die Kelten Auf den Spuren unseres versteckten Erbes

Von Dr. Georg Rohrecker

Pichler Verlag 2011, 240 Seiten, eur 24,95


DIE FURCHE, 18. August 2011


--> Siehe auch Keltenwelt Frög

-- Maurer Hermann, Donnerstag, 23. Juli 2015, 18:46