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Enzyklopädie eines ungewöhnlichen Lebens #

Die Erinnerungen der ORF-Legende Paul Lendvai spiegeln ein Stück Zeitgeschichte wider und verbinden Österreich-Liebe mit Weltoffenheit. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 5. September 2013).

Von

Janko Ferk


Lendvai. Er sei gegenüber seiner neuen Heimat „vielleicht stets zu nachsichtig“ gewesen, meint Paul Lendvai, was daran liege, dass er das „gute Öster reich“ kennengelernt habe., Foto: © Gerhard Deutsch / APA / picturedesk.com
Lendvai. Er sei gegenüber seiner neuen Heimat „vielleicht stets zu nachsichtig“ gewesen, meint Paul Lendvai, was daran liege, dass er das „gute Öster reich“ kennengelernt habe.
Foto: © Gerhard Deutsch / APA / picturedesk.com

„Die allerwichtigste Lehre“, meint Paul Lendvai, der Doyen des österreichischen Qualitätsjournalismus, „waren für mich die Toleranz und der Respekt für die Andersdenkenden.“ Gelernt habe er diese Tugenden in einem vielkritisierten Land, nämlich in Österreich, wo er das werden konnte, was zu seiner Passion geworden ist: „Ja, ich liebe meinen Beruf sehr. Der Journalismus ist ein außergewöhnliches Metier.“ Lendvai ist ein Vollblutpublizist – und dennoch hat er seine Biografie nicht selbst geschrieben, sondern sich von Zsófia Mihancsik in seiner Muttersprache Ungarisch interviewen lassen. Vorweggenommen sei, dass sich das von Ernö Zeltner ins Deutsche übersetzte Buch liest wie ein Krimi, war doch das Leben des Austro-Magyaren aus dem ORF-Europastudio mehr als spannend.

„Jedes Mal“, meint der Herzensösterreicher, „fühle ich mich leichter, wenn ich – mit dem Auto aus Budapest kommend – die Grenze überschreite.“ Heute führt er mit seiner Ehefrau Zsóka, der Chefin des jungen Nischenverlags, „das dritte Leben“ und resümiert nach so viel Lebenserfahrung: „Eine wichtige Lehre ist: Freiheit bleibt unteilbar.“ Lebensentscheidend waren für Lendvai, der 1957 aus Ungarn geflohen ist, Begegnungen, und zwar zuerst in Warschau mit Sydney Gruson und Flora Lewis, dann in Wien mit Hugo Portisch sowie Adam Wandruszka und schließlich mit seiner britischen Ehefrau Margaret, die ihn in die englische Lebensart eingeführt hat.

Nicht zu übersehen ist die schicksalhafte Begegnung mit Bruno Kreisky und mit seinem besten Freund, dem Journalisten Kurt Vorhofer (langjähriger Leiter der Wiener Redaktion der Kleinen Zeitung; red.). Das Namedropping könnte endlos fortgesetzt werden, erwähnt werden muss jedenfalls Josef Taus, war dieser doch der Geburtshelfer der bis heute bestehenden und bedeutenden Europäischen Rundschau.

Kreisky und die Bilderberger #

Paul Lendvai blickt im Buch auf Budapest 1956, Prag 1968, Polen 1981 sowie Bosnien 1993 zurück und behauptet, Österreich sei immer ausländerfreundlich gewesen, verkennt aber nicht, dass in diesen Jahren der Ausländeranteil kleiner war als in der Gegenwart. „Die Ungarn“, sagt er, „waren immer relativ beliebt, es gab und gibt kein Schimpfwort für sie.“

Unter dem Strich war Kreisky Lendvais Lebensmensch mit augenscheinlichen Gemeinsamkeiten: Beide sind Agnostiker und Juden, die viele Angehörige in den Konzentrationslagern verloren haben; beide waren zeitweise Flüchtlinge und immer überzeugte Sozialdemokraten. Sein Lebensmensch war er „aber auch, weil ich von ihm und durch sein Schicksal so viel über Österreich gelernt habe“. Wohl ewig dankbar sein wird Lendvai Kreisky für die „Bilderberg- Geschichte“: Sein Freund hat ihn damals, was heute und anderswo undenkbar wäre, zu diesem elitären Treffen, zu dem der Politiker geladen war, geschickt, und ihm dadurch viele bleibende Möglichkeiten eröffnet. Die sogenannte Bilderberg-Konferenz versammelt seit 1954 jährlich führende Politiker, Ökonomen sowie Intellektuelle aus den Vereinigten Staaten von Amerika und demokratischen Ländern Europas.

Der große und großherzige Osteuropa- Experte Paul Lendvai, der heute zwischen Wien und Budapest pendelt, behauptet, er sei gegenüber seiner neuen Heimat „vielleicht stets zu nachsichtig“, was daran liege, dass er das „gute Österreich“ kennengelernt habe.

Das 250-seitige Biografiegespräch ist ein Fundus an humorvollen Anekdoten, kompetenten Expertenanalysen, historischen Fakten und authentischen Zeitzeugenberichten. Lendvai erklärt aufschlussreich, warum er von der gegenwärtigen ungarischen Regierung nichts hält. Bezeichnend für dieses Kabinett seien Antisemitismus, Provinzialismus und Rassismus. Zu den verleumderischen Attacken, die in den letzten Jahren von Ungarn aus gegen ihn geführt wurden, nimmt er im Buch naturgemäß Stellung.

Mit dem „Grenzgänger“-Band ist insgesamt eine Enzyklopädie über einen Menschen entstanden, der neugierig und offen war, und der vor allem mehr erlebt hat als gemeinhin für ein Leben vorgesehen ist, und der letztlich erkannt hat, dass ein guter Journalist zwar einiges bewegen, aber nichts ändern könne. Wie auch immer, Österreich lebt von Menschen wie Paul Lendvai.

Bild 'Leben-Grenzgängers'

Leben eines Grenzgängers

Erinnerungen von Paul Lendvai, aufgezeichnet im Gespräch mit Zsófia Mihancsik.

Kremayr & Scheriau, Wien 2013, Ln., 255 S. 24 EUR

DIE FURCHE, Donnerstag, 5. September 2013