unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Großmeister ohne Haken #

Vor 130 Jahren kam Paul Preuß zur Welt: Der Stil des Altausseers war so elegant wie kompromisslos – und er prägt noch bis zum heutigen Tag, dem Welttag der Berge, den Alpinismus. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Kleinen Zeitung (Sonntag, 11. Dezember 2016)

Von

Andreas Kanatschnig


Paul Preuß mit Schwester Mina am Einstieg zur entscheidenden Tour auf die Guglia di Brenta
Paul Preuß mit Schwester Mina am Einstieg zur entscheidenden Tour auf die Guglia di Brenta
Foto: Preuss Gesellschaft

Wir kennen dieses Alter von anderen jung Gestorbenen: 27. Als Paul Preuß am 3. Oktober 1913 an der Mandlkogelkante am Gosaukamm abstürzte, war er, der wohl größte Kletterer seiner Zeit, gerade mal 27 Jahre alt geworden.

War er ein Getriebener? Bestimmt. Gleichzeitig muss er ein faszinierender Mann gewesen sein, dieser in Altaussee geborene Pioniergeist. Dabei war ihm das Bergsteigen nicht in die Wiege gelegt: Im Alter von sechs Jahren erkrankte Preuß so schwer, dass er teilweise gelähmt war. Der junge Bub war mit einem starken Willen ausgestattet und lernte wieder zu gehen. Als Preuß zehn Jahre alt war, starb sein Vater Eduard. Mit elf Jahren begann er mit dem Bergsteigen. „Und wurde so zum Vater des Freikletterns“, sagt Dokumentarfilmer Lutz Maurer, der als Obmann der „Internationalen Paul Preuß Gesellschaft“ die Erinnerung an diesen grazilen und schlanken Mann aus dem Ausseerland am Leben hält. Reinhold Messner, Mediziner und Alpinist Oswald Ölz oder der Südtiroler Alpinist und Bergführer Hanspeter Eisendle sind nur drei der vielen Mitglieder der Gesellschaft, die durch die Ideen von Paul Preuß inspiriert wurden.

„Die Leistung von Männern wie Preuß war psychisch viel ärger. Die haben ja zu jener Zeit oft nicht gewusst, wie hoch so eineWand war.AmEverest hast du heute jeden Laufmeter beschrieben“, sagt Maurer. Die große Zeit des Paul Preuß, der vor 130 Jahren geboren wurde, war zwischen 1911 und 1913. Als sein Meisterstück aus dieser Zeit – so bezeichnet es der Doyen des Internationalen Alpinismus, Reinhold Messner – gilt die Guglia di Brenta in Italien. Preuß durchquerte als erster Bergsteiger die glatte senkrechte Wand – Schwester Mina und ihr Verlobter Paul Relly begleiteten den Altausseer bis kurz unter den Gipfel.

Preuß durchkletterte im Herbst 1911 – er war wieder mit Mina und Relly unterwegs – den heute als „Torre Preuß“ bekannten Gipfel des Drei-Zinnen- Massivs. In der Nordwand ist heute der Preuß-Riss auch nach ihm benannt. Um zu verstehen, was Preuß geleistet hat, muss man seine Routen wohl am eigenen Leib erfahren. Reinhold Messner ist einer, der das getan hat. In jungen Jahren wiederholte er die Touren an der Guglia di Brenta und am Torre Preuß.

Der Preuß’sche Nachhall in der Gegenwart ist auch bei all jenen präsent, die heute klettertechnische Meisterleistungen vollbringen. Preuß bleibt für Bergsteiger ein gewichtiger Faktor. David Lama, Tiroler Ausnahmealpinist und einstiges „Kletter-Wunderkind“, ist nur einer von vielen, die im Preuß’schen Sinne klettern. Und natürlich ist es ein Hansjörg Auer (siehe Bericht nebenan), der mit seinen Free-Solo- Begehungen (also ohne Seil und ohne Haken) ganz Paul Preuß wird.

Schon früh entwickelte Preuß seine hehren Ideale von einem Klettern ohne Mauerhaken: Der Mauerhaken war für Preuß nur eine Notreserve und nicht Grundlage der Arbeitsmethode. Außerdem durfte in seinem Sinne auch das Seil nicht das „alleinselig machende Mittel sein, das die Besteigung der Berge ermöglicht“. Würde man die Preuß’schen Regeln konsequent umsetzen, würde es wohl keine Klettersteige geben. Preuß war ein Pionier des Freikletterns – eine nur wenigen vorbehaltene Leistung von Klettereliten, die in schwindelerregenden Höhen an der Grenze von Leben und Tod balancieren. Preuß war aber auch ein Schreiber – in vielen Briefen und Beiträgen für Magazine teilte er mit, was er zu sagen hatte: „Ein gütiges Schicksal hat es mir verliehen, mit 17 jungen Damen in feste Verbindung – durch das Seil – zu treten.“ Damit bereitete Preuß auch dem Frauenalpinismus den Weg.Am 2. Oktober brach er leider alleine auf und stürzte an der Mandlkogelkante ab. Wohl ohne Haken.

Preuß bricht mit Freund Fred Henning zum Skifahren auf
Preuß bricht mit Freund Fred Henning zum Skifahren auf
Foto: Preuss Gesellschaft
Paul Preußwar nicht nur ein lustiger Kerl – er war auch nachdenklich
Paul Preußwar nicht nur ein lustiger Kerl – er war auch nachdenklich
Foto: Preuss Gesellschaft
Preuß mit Kletterfreundin Emmy Eisenberg und dem deutschen Alpinjournalisten Walter Schmidkunz
Preuß mit Kletterfreundin Emmy Eisenberg und dem deutschen Alpinjournalisten Walter Schmidkunz
Foto: Preuss Gesellschaft

Kleine Zeitung, Sonntag, 11. Dezember 2016