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Prototyp eines Aufsteigers#

Leopold Ritter von Wertheimstein, der am 7. Jänner 1883 starb, war als Bankier, Eisenbahnpionier und Villenbesitzer eine bestimmende Persönlichkeit im Wien des 19. Jahrhunderts. Ein nach seiner Familie benannter Park erinnert bis heute an ihn.#


Von der Wiener Zeitung (Samstag/Sonntag, 5./6. Jänner 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christian Hlavac

Wertheimstein-Park
Der Wertheimstein-Park in Wien-Döbling wurde von Lepolds Tochter Franziska testamentarisch der Öffentlichkeit vermacht.
Foto: wikipedia

Direktor einer privaten Eisenbahnstrecke, Mitbegründer einer Bank und Vater einer sensiblen Tochter und Salondame: Leopold von Wertheimstein vereinigte viele berufliche, öffentliche und private Funktionen. Er war in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein Prototyp des Bankiers, Industriellen und gesellschaftlich aufsteigenden Bürgers in Wien. Im Gegensatz zu vielen anderen Zeitgenossen blieb er im kollektiven Gedächtnis: Der durch seine Tochter nach der Familie benannte Wertheimsteinpark samt Villa erinnert an ihn.

Der am 23. Oktober 1801 in Wien geborene Leopold Wertheimstein entstammte dem rheinländischen, jüdischen Geschlecht der Wertheim(b)er. Bereits ab 1680 waren Familienmitglieder in Wien ansässig. In den Jahren 1791 bis 1796 wurden drei Vertreter der Familie als "Edle von Wertheimstein" in den erbländisch österreichischen Adelsstand erhoben.

Ein Begleiter Ghegas#

Leopold Wertheimstein trat im Jahre 1820 in das Bankhaus von Salomon Rothschild ein, in dem er später Prokurist wurde. Salomon Rothschild war einer der großen Wegbereiter und Finanzier des österreichischen Eisenbahnnetzes. Er gehörte zu den bedeutendsten Industriellen und Grubenbesitzern Österreichs. Sein enger Mitarbeiter Wertheimstein übernahm zusätzlich die Funktion des Direktors der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn.

Seine Tätigkeit im Eisenbahnwesen war ein Grund, dass er mit dem Grazer Montanistiker und Eisenbahnpionier Franz Xaver Riepl 1835 eine Eisenbahn-Erkundungsreise durch England unternahm, die Rothschild finanzierte. Wertheimstein begleitete ein Jahr später Carl Ghega, den späteren Chefplaner der Semmeringbahn, auf dessen Ingenieurreise durch Westeuropa und England. Am Programm standen unter anderem Brüssel, Köln, Paris und London.

In dem erhaltenen Büchlein "Mein Besitz und alle Engagements in div. Effectie" vermerkte Wertheimstein von 1857 bis 1862 verschiedene An- und Verkäufe von Aktien, Pfandscheinen, Depots und Anleihen, so zum Beispiel von der West-, Nord- und der galizischen Carl Ludwig-Bahn. Sie geben einen Einblick in sein persönliches Geschäftsgebaren und das Finanz- und Unternehmerwesen jener Zeit. Wertheimstein war Mitbegründer der Creditanstalt, deren Verwaltungsrat und Vizepräsident. Die "k. k. privilegierte Österreichische Credit-Anstalt für Handel und Gewerbe" wurde am 31. Oktober 1855 von Anselm von Rothschild gegründet, dem Sohn Salomons. Sie galt bald als größte Bank Österreich-Ungarns. All die Funktionen von Leopold Wertheimstein zeigen die enge Verflechtung mit der Bankiersfamilie Rothschild, mit der erst viel später eine verwandtschaftliche Beziehung entstand: Die Ungarin Rozsika von Wertheimstein, weitschichtig mit Leopold verwandt, heiratete 1907 den Baron Nathaniel Charles Rothschild aus dem Londoner Zweig der Familie.

Villa Wertheimstein
In der Villa Wertheimstein führten Leopold und Gattin Josephine einen Salon, der zu einem geistigen und kulturellen Zentrum Wiens wurde und in dem bedeutende Künstler und Wissenschafter verkehrten.
© Hlavac

Die offizielle Anerkennung und Erhöhung der Person Leopold von Wertheimstein erfolgte relativ spät am 12. August 1862. An diesem Tag erhob man den 61-jährigen aufgrund seiner wirtschaftlichen Tätigkeiten in den Ritterstand. Leopold stand nun am gesellschaftlichen Zenit.

Wertheimstein dürfte ab 1868 eine Biedermeier-Villa samt Garten in der Döblinger Hauptstraße gemietet und erst 1870 gekauft haben. Die Geschichte der später nach Wertheimstein benannten Villa und ihres Parks in Oberdöbling beginnt beim sogenannten "Tullner Hof": Im Jahre 1834 erwarb der Wiener Großhändler, Produzent und Exporteur von Shawls, Kunstsammler und Kunstmäzen Rudolf Arthaber (1795-1867) den seit Jahrhunderten bestehenden Wirtschaftshof der Tullner Dominikanerinnen, an dessen Stelle der Architekt Alois Ludwig Pichl eine klassizistische Villa errichtete.

Die spätere sogenannte "Wertheimstein-Villa" gilt noch heute als ein typisches Beispiel bürgerlicher Wohnkultur der Biedermeierzeit. Wertheimstein und Arthaber kannten einander vom 1848 kurz bestehenden "provisorischen Bürgerausschuss", in den sie beide gewählt wurden: Arthaber als Vertreter des Wiener Handelsstandes, Wertheimstein als Vertreter der Wiener Israelitischen Gemeinde. Beide sollten später zu Präsidenten werden: Arthaber wurde erster Präsident der Wiener Handelskammer (1851), Wertheimstein erster Präsident der Israelitischen Gemeinde (1853). Leopold Wertheimstein war seit 1843 mit Josephine Gomperz verheiratet. Josephine und ihre gemeinsame Tochter Franziska (1844-1907) führten in ihrer Stadtwohnung in der Singerstraße Nr. 7 und in ihrer Döblinger Villa einen Salon, der zu einem geistigen und kulturellen Zentrum Wiens wurde und in dem bedeutende Künstler und Wissenschafter - zu Gast war unter anderem der Architekt Theophil Hansen - verkehrten. Der Salon der Familie gilt als beispielhaft für das gesellschaftliche Leben des Großbürgertums in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Der Park, heute wie einst vom Hof der Villa durch ein niedriges Gitter getrennt, wurde zu Zeiten der Familie Wertheimstein zur eigenen Erholung genutzt, er diente aber auch als Ort privater Einladungen und künstlerischer Gespräche. Bezeugt sind zahlreiche und lange Morgenspaziergänge von Franziska mit dem Dichter Ferdinand von Saar. Hugo von Hofmannsthal war 1893 und 1894 mehrmals zu Gast in der Villa.

Andererseits diente die Gärtnerei mit mehreren Glashäusern im Park dazu, Blumendekorationen für die Villa bereitzustellen. In verschiedenen zeitgenössischen Beschreibungen des Salons und anderer Räume der Villa wird immer wieder die umfangreiche Dekoration mit Blumen erwähnt. Die große Vielfalt an Pflanzen und deren Blüten dürfte Josephine von Wertheimstein geschätzt haben: In einem Brief vom April 1874 schreibt sie kurz von ihrem Garten: "Der Garten ist in vollstem Glanze: Flieder, weiß und blau, alle möglichen farbigen Blüthen an den Gebüschen, die Obstbäume weiß und rosenroth blühend, die Wiesen und Bäume in saftigsten Grün."

Öffentlicher Garten#

Universalerbin von Leopold von Wertheimstein, der am 7. Jänner 1883 starb, war seine Tochter Franziska. Die kinderlos gebliebene Frau bedachte in ihrem Testament die öffentliche Hand: "Ich vermache mein Besitzthum in Döbling Hauptstraße Nr. 96 [...] der Commune Wien unter der Bedingung, daß der Garten als öffentlicher Garten dem Publikum für ewige Zeiten zugänglich gemacht werde und für immer den Namen ‚Wertheimstein-Park‘ zu führen hat. Das auf meinem Besitz befindliche große Wohnhaus soll dem Zwecke einer Volksbibliothek zugeführt werden."

Nach Adaptierungsarbeiten nahm am 20. Juni 1908 der damalige Wiener Bürgermeister Karl Lueger die Eröffnung des öffentlichen "Wertheimsteinparks" mit einem Flächenausmaß von 45.000 m² vor. Die von Franziska geforderte Volksbibliothek in der Villa wurde 1912 feierlich eröffnet. Seit 10. Juni 1964 ist das Döblinger Bezirksmuseum in der Villa untergebracht. Auch durch die Arbeit des Vereins ist sichergestellt, dass der Name "Wertheimstein" den nächsten Generationen geläufig sein wird.

Die im wahrsten Sinne des Wortes letzten Spuren von Leopold von Wertheimstein liegen in einem Ehrengrab der Stadt Wien am Döblinger Friedhof. Dort sind - unweit von Theodor Herzl - er, seine Frau und die beiden Kinder begraben.


Christian Hlavac lebt als Gartenhistoriker und Publizist in Wien. Er ist Mitherausgeber des Buches "Historische Gärten und Parks in Österreich" (2012).


Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 5./6. Jänner 2013