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50 Minuten im Salzwassersarg #

Für die einen ist der Samadhi-Tank ein Mutterschaftsbusen, für die anderen eine beklemmende Erfahrung #


Von der Wiener Zeitung (Freitag 15. November 2013) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Iga Mazak


Walter Urbaneks Samadhi-Tank
Walfischbauch nennen Besucher Walter Urbaneks Tank.
Foto: © Mazak

Ein schwebender Selbstversuch in der Dunkelwanne in der Wiener Sargfabrik. #

Wien. Mit der Gelassenheit eines weisen Yogi-Gurus hält Walter Urbanek seinen Vortrag. Detailliert erklärt er die Abläufe in „seinem Baby“. Seine Besucher nennen es liebevoll den Walfischbauch, den alten Schlaumeier, den volltönigen Mutterschaftsbusen oder den Heimbunker. Die Rede ist vom „Samadhi-Tank“, einem rund 1,20 mal zwei Meter großen, mit Salzlake gefüllten Dunkeltank. Hier soll das Bewusstsein in vollkommener Ruhe und Dunkelheit erweitert werden.

Was in den USA zum Wellness- Mainstream gehört, ist in Wien selbst 20 Jahre nach dem Einzug in die Hippie-Genossenschaft der Wiener Sargfabrik in der Goldschlagstraße im 14. Bezirk, eine absolute Rarität.

Möge das Verschwimmen beginnen #

Nachdem der Deckel fällt, ist die Badewanne verschlossen – im Adamskostüm beginnt der Gast, sich an die Körpertemperatur des Wassers zu gewöhnen. Absolute, isolierte Stille – kein Ton dringt in die rund 37 Grad warme Höhle hindurch. Sofort schluckt einen die Dunkelheit und allerletzte Lichtreflexe flitzen, vom Hirn projiziert, am Sichthorizont. Einige Minuten und etliche Male Augenreiben braucht es, um schlussendlich offene Augen von geschlossenen unterscheiden zu können – ganz ohne Angreifen, und das ist auch gut so. Die rund 400 Kilo Spezialsalz im Wasser verhindern zwar das Absinken des Körpers, sorgen für ein schwereloses Auftreiben und beugen Keimen und Verunreinigungen im Wasser vor, brennen aber auch höllisch in den Augen der Neulinge. Das Schweben ohne Schwerkraft, die wichtigste Eigenschaft des Bittersalzes – auch Floaten genannt –, wird als das elementarste Gefühl im Samadhi-Tank beschrieben. Und tatsächlich verschwimmen schon nach kurzer Zeit eigene Körpergrenzen mit dem warmen Wasser. Urbanek kennt die Abläufe im Tank auswendig. Seit 1984 ist er fasziniert von der sargähnlichen Badewanne und leitet den kleinen Verein Samadhi Now! zum Selbstkostenpreis. Reich wird er damit nicht – eine dreistündige Sitzung kostet 25 Euro. Gerade so viel, um die Energie- und die Betriebskosten des Tanks zu decken und das ausgeklügelte Wasserfiltersystem in Schuss zu halten.

Geschätzte 1500 Mal war Urbanek bereits in der dunklen Kammer, die den Körper vergessen lässt – es zumindest verspricht. Das Wort Samadhi – aus dem Sanskrit – steht für Wiedervereinigung, für die absolute Ruhe, für jenen Zustand, den man bei Meditation auf der höchsten Stufe des Yogas erlangen kann. „Ein bisschen ungewohnt kann es werden so ganz ohne Eindrücke von außen“, warnt er. Verdrängte Emotionen können hervorkommen, besonders knifflige Probleme mal im wahrsten Sinne des Wortes schwerelos betrachtet werden. Vor allem bei Trennungen, Todesfällen und elementaren Lebenskrisen à la „wo soll es hingehen?“ kann der Tank Wunder bewirken. Erfahreneren verspricht Urbanek „Out-of-body-Experience“ tiefe Meditationszustände und Entspannung „bis hin zu Rauschzuständen“. Was im Körper des Floatenden freigesetzt wird, sind Endorphine – eine Art körpereigenes Opiat.

Als John C. Lilly 1954 den ersten sogenannten Isolationstank baut, ist sein Ziel die Erforschung des Nichts. Genauer: die Erforschung dessen, was passiert, wenn nichts passiert. Wenn äußerliche Reize wie Schwerkraft, Geräusche, Bilder und körperliche Empfindungen ausgeschaltet werden. Wenn sich Geist und Gedanken aus sich selbst konzentrieren müssen. Auch die sensorische Deprivation genannt. Lillys These lautete, dass kompletter Reizentzug die Menschen geisteskrank machen würde – das exakte Gegenteil stellte sich heraus.

Bis zu 80 Prozent des Gehirns werden Tag für Tag für Steuerungsfunktionen verbraucht. Fallen diese weg, stellt sich ein Zustand ein der irgendwo zwischen Schlafen und Wachen angesiedelt werden kann. Durch die enorme Entlastung entsteht Raum für Kreativität und Innovation – vor allem was das eigene psychische Erleben betrifft. Jenes Erleben soll nun auch eine Forschungsgruppe der medizinischen Universität, bestehend aus Psychologen und Psychiatern, näher erörtern. Dissertant und Leiter des Forschungsprojekts Andreas Huber möchte den Fokus seiner Arbeit vor allem auf die Gemeinsamkeiten der Erfahrungen der Teilnehmer richten. Denn die meisten berichten von ähnlichen Bildern, und zwar, dass sie bei der Nutzung des Tanks an die Oberfläche ihres Bewusstseins gelangen.

Beklemmendes Gefühl, so allein im Soletank #

Entspannend ist es im Tank. Der Atem ist ruhig, der Körper gleitet vor sich hin, das Wasser lässt eigene physische Grenzen vergessen. Verspannungen sind wie weggewischt – Körperfunktionen wie Schlaf, Hunger, Durst oder Ausscheidung – nicht präsent. Doch nach rund 50 Minuten ist der Zenit erreicht und es wird dann doch etwas beklemmend im Soletank. Das Salz brennt in den Augen. Ebenso die eigenen Gedanken. Immer wieder kreisen sie um die gleichen Problemfragen. Lebt man sein Leben in vollen Zügen? Passt der Job? Und führt man die Beziehung, die man führen will? Die man verdient? Eine Stunde einsame Stille mit der lautesten Zweiflerstimme reicht – jedenfalls für die meisten.

Laut Lilly ist das Durchhalten in diesem Moment besonders wichtig. Die durchschnittliche Verweilzeit im Tank beträgt rund eine Stunde. Lilly verbrachte in seinen Sitzungen bis zu neun Mal so lange im reizarmen Zustand. Zeit seines Lebens nutzte er die Wanne als Quelle der Entspannung und Erforschung tieferer Bewusstseinszustände. Nachdem sich der Geist entspannt hat, können sich bei manchen Menschen Visionen offenbaren, Lichtreflexionen und optische Veränderungen, heißt es. „Doch das ist bei Anfängern noch eher selten“, erklärt Samadhi-Guru Urbanek. Nach 50 Minuten hat der Anfänger genug und ist froh, wenn sich der Deckel wieder öffnet. Und die laute Zweiflerstimme wieder leiser wird.

Wiener Zeitung, Freitag 15. November 2013