unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
5

Die Science-Fiction-Archäologie#

Die Präastronautik hat den History Channel erobert und boomt im Internet - was ist dran an den Spekulationen?#


Von der Wiener Zeitung (Dienstag, 24. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Edwin Baumgartner


Ruinen von Puma Punku
Die Ruinen von Puma Punku: Präastronautiker meinen, die Stadt sei von Außerirdischen gebaut worden.
© dmitriy_rnd/Fotolia.com

Die ganze Sache ist demnach so verlaufen: Vor ein paar tausend Jahren landeten Außerirdische auf der Erde. Soweit ist das unbestritten. Über das weitere Geschehen gehen die Auffassungen auseinander: Die einen folgen dem US-amerikanischen Autor Zecharia Sitchin in der Überzeugung, die Außerirdischen hätten den Menschen als eine Art Sklavenrasse erschaffen. Die anderen teilen die Auffassung, die Außerirdischen seien auf unterentwickelte Kulturen getroffen und hätten eine Art kulturelle Entwicklungshilfe geleistet. Die Menschen hätten die Außerirdischen für Götter gehalten und ihr Eingreifen in die Erdgeschichte in Bauwerken, Bildern, Artefakten und in schriftlichen Zeugnissen festgehalten. Dementsprechend finden sich über die ganze Welt verstreut Hinweise auf den vor- und frühgeschichtlichen außerirdischen Besuch. Man muss sie nur als solche erkennen. Das wiederum kann der seriösen Wissenschaft nicht gelingen, weil sie in zu engen Bahnen denkt. Mitunter wird auch eine Verschwörung der Wissenschafter angenommen, um die Menschheit weiter in Unkenntnis über die Tatsachen zu halten, denn sollte herauskommen, dass Gott oder die Götter keine allmächtigen Schöpfer, sondern lediglich Raumfahrer waren, würde das moralische Koordinatensystem, das in religiösen Vorstellungen wurzelt, zusammenbrechen.

Horrorliteratur als Ausgangspunkt#

Das ungefähr ist die Lehre der sogenannten Präastronautik. Natürlich steckt dahinter die ewige Frage des Menschen: Woher kommen wir? Was auf einen ersten Blick wie eine Leugnung sowohl der religiösen als auch der evolutionstheoretischen Antworten aussieht, verlagert in Wahrheit beide Interpretationen unserer Existenz bloß in die Tiefen des Weltalls: Der göttliche Schöpfungsakt oder die Evolution sind dann eben einem anderen Planeten zuteil geworden.

Prinzipiell wäre diese Science-Fiction-Archäologie kein Wort wert, würde sie nicht, nach merklichem Abflauen in den Achtzigerjahren, derzeit wieder an Boden gewinnen. Nicht nur das Internet macht’s möglich, wo ohnedies jede Verschwörung, jede fliegende Untertasse und selbstverständlich auch der Yeti Anhänger findet - die Präastronautik hat es sogar in einen Wissenschaftskanal des Fernsehens geschafft: "Ancient Aliens" läuft seit 2010 auf History Channel. Mittlerweile hält man bei Staffel 6, die Folgen der vorangegangenen Staffeln werden als Wiederholungen gebracht. 73 Folgen sind es bisher.

History für den deutschen Sprachraum ist ein Produkt von A+E Networks und NBC Universal Global Networks Germany. Spezialitäten sind Reality Soaps mit Holzfällern und Trödelsammlern, Survival-Geschichten, aber auch historisch informierte Sendungen. Vieles ist reißerisch aufgemacht, doch realitäts- bzw. geschichtsbezogen. Die totale Desinformation jenseits aller Wissenschaftlichkeit und Wahrheit ist dem History Channel im Grunde fremd. "Ancient Aliens" ist die Ausnahme.

Die Theorie der Präastronautik basiert auf den genialen, aber rein fiktiven Horrorgeschichten des US-Amerikaners H. P. Lovecraft. Dieser entwickelte ein System von dämonischen Wesen, die auf die Erde kamen, als diese noch jung war. Sie bauten die megalithische Stätten, ehe sie von den Menschen gebannt wurden.

Lovecraft wurde nicht müde zu betonen, seine Werke seien ausschließlich Produkte seines Geistes ohne jeglichen Realitätsbezug. Lovecraft starb 1937 nahezu unbekannt. Unmittelbar nach seinem Tod begann ein Anhängerkreis, Lovecrafts Werk zu propagieren. Als das US-Militär nach 1945 seine in Frankreich stationierten Truppen auch mit Lesestoff versorgte, waren darunter Geschichten Lovecrafts. Diese stießen auf das Interesse von Jacques Bergier und Louis Pauwels.

Bergier war ein polnisch-französischer Chemiker, Spion, Okkultist und Autor, Pauwels ein belgisch-französischer Journalist. Bergier hatte Lovecraft ins Französische übersetzt. Er und Pauwels fragten sich nun, was wäre, beruhten Lovecrafts Geschichten auf Fakten. 1960 veröffentlichten sie "Le Matin des magiciens" (deutsch: "Aufbruch ins dritte Jahrtausend"). Sie bezeichneten ihre präastronautischen Thesen als "phantastische Vernunft". Der französische Autor Robert Charroux (1909-1978) scheint dieses Buch genau gekannt zu haben, als er 1965 "Histoire inconnue des hommes depuis cent mille ans" (deutsch: "Phantastische Vergangenheit") veröffentlichte.

Däniken verschafft den Spekulationen den Durchbruch#

Den Durchbruch verschaffte den Spekulationen aber der Schweizer Hotelier Erich von Däniken, der ebenfalls das Buch von Bergier und Pauwels (und wohl auch das Charroux’) studiert hatte. Jedenfalls reiste Däniken auf der Suche nach Spuren der Außerirdischen erst um die halbe, später wohl mehrfach um die ganze Welt und versorgte seine wachsende Gemeinde vor allem mit "Beweisfotos", wobei die Fotos selbst gar nichts beweisen, sondern erst durch Dänikens Interpretation Beweischarakter erlangen. Erstmals hatte Däniken seine Überzeugungen 1968 in "Erinnerungen an die Zukunft" veröffentlicht. Das Buch wurde zum Bestseller, der Film Harald Reinls erhielt eine Oscarnominierung.

Der US-amerikanische Däniken-Anhänger, der Rechtsanwalt Gene Phillips, gründete dann 1973 in den USA die Ancient Astronaut Society (AAS), die mehrere internationale Kongresse ausrichtete. Mittlerweile ist der 1978 geborene griechisch-schweizer Sportwissenschafter und ehemalige Bodybuilding-Promoter Giorgio A. Tsoukalos zu Dänikens Propagandisten und geistigem Nachfolger geworden. Tsoukalos leitete 15 Jahre lang Dänikens Center for Ancient Astronaut Research und ist die treibende Kraft hinter der Fernsehserie "Ancient Aliens".

Der amerikanische Autor Zecharia Sitchin (1920-2010) beruft sich in seinen 13 Büchern auf sumerische und akkadische Schriften, die er im Original studiert haben will. Außerirdische, die Anunaki, landeten demnach vor 432.000 Jahren auf der Erde, um Gold abzubauen. Sie erschufen den Menschen als Arbeitssklaven. Die Außerirdischen hätten sich mit menschlichen Frauen vermischt, und diese Hybridform habe sich vermehrt.

Damit sind wir bei der Gretchenfrage: Was ist dran an der Präastronautik? Die Antwort ist einfach: nichts.

Nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf, sondern, weil die gesamte Präastronautik auf einem Konglomerat von ignorierten Fakten und ignorierter Wissenschaft beruht - und auf einer fehlerhaften Erkenntnisfindung: Statt die beim Ansatz unbekannte These aus den Fakten abzuleiten, werden zur als Wahrheit angenommenen These Beweise gesucht.

Die Beweise sind "Beweise"#

Konkret bedeutet das: Der Präastronautiker geht vom Kontakt mit Außerirdischen aus und sucht nach Belegen dafür. Dementsprechend interpretiert er alte Schriften, Bauwerke und Artefakte um in Beweise für außerirdische Kontakte. Notfalls wird das nicht Passende auch passend gemacht. So konnte etwa Michael S. Heiser, US-amerikanischer Spezialist für semitische Sprachen, nachweisen, dass Sitchin entweder die korrekten Übersetzungen der sumerischen und akkadischen Texte ignorierte oder sogar gezielt falsch übersetzte, um seine sonst unhaltbaren Thesen zu stützen. Ebenso steht es um die "Beweise", die Däniken und seine Gemeinde anführen. Ein Herzstück der Präastronautik etwa ist die präinkaische Ruinenstätte Puma Punku in Bolivien. Diese Stadt sei von den Außerirdischen selbst gebaut worden. Tsoukalos sieht das bewiesen durch die perfekte Bearbeitung der extrem harten Gesteine Granit und Diorit; Däniken verweist auf das ungeheure Gewicht der Blöcke von 800 Tonnen. Der US-amerikanische Filmemacher Chris White indessen überführt die beiden Präastronautiker im Film "Ancient Aliens Debunked" der Unwahrheit: Das Material ist vergleichsweise leicht zu bearbeitender Roter Sandstein und Andesit, und der schwerste Block wiegt 130 Tonnen.

Auch andere "Beweise" brechen bei genauer Betrachtung (es bedarf nicht einmal eines Archäologiestudiums, sondern tatsächlich bloß des Hinschauens) zusammen: Da entpuppen sich vermeintliche Raumhelme als Tiermasken oder Versuche perspektivischer Darstellung, angeblich präinkaische Flugzeugmodelle als Darstellungen von Gitarrenfischen oder fliegenden Fischen, und der Maya-Raumfahrer auf der Grabplatte von Palenque ist König Pakal vor dem traditionellen Maiskreuz. Oben drauf sitzt übrigens ein Quetzalvogel, den die Präastronautiker schlicht ausblenden. (Wäre ja schwierig zu erklären, was ein Vogel auf einem fliegenden Raumfahrzeug zu suchen hat.) Und wer die Symbolsprache der Bibel versteht, wird auch die Vision Hesekiels eben als Vision und nicht als Bericht über die Landung Außerirdischer lesen.

Nicht ein einziger dieser sogenannten Beweise der Präastronautik hält auch nur diesem genauen Hinschauen stand. Unsere Vorfahren waren vielmehr clevere Kerlchen, die zu erstaunlichen Leistungen fähig waren. Sie waren weder eine tumbe Sklavenrasse noch brauchten sie Entwicklungshilfe von Raumfahrern aus hintergalaktischen Gefilden.

Wiener Zeitung, Dienstag, 24. Juni 2014