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Ein Syrer im Westen #

Nach 300 Jahren wurde der Reisebericht des Syrers Hanna Diyab wieder entdeckt: Das kulturhistorische Juwel ist nun auf Deutsch zu lesen. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 19. Jänner 2017).

Von

Oliver vom Hove


Die Zitadelle von Aleppo
Die Zitadelle von Aleppo, aus dem Atlas Blaeu-Van der Hem, entstanden zwischen 1660 and 1663.
Foto: IMAGNO / ÖNB

Vor unseren Augen wurde in den letzten Monaten eine ganze Stadt in Schutt und Asche gelegt. Unaufhörlich warfen Bomber ihre zerstörerische Fracht über Häusern, Schulen, Spitälern ab und löschten immer mehr Leben in der vom Bürgerkrieg geschüttelten Metropole aus. Diese zivilisatorische Tragödie traf Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens, die seit der Antike als Handelszentrum Weltgeltung hatte und jahrhundertlang dank religiöser Toleranz als eine der wohlhabendsten und friedlichsten Städte des Nahen Ostens geschätzt wurde.

Aus ebendiesem Aleppo machte sich vor mehr als 300 Jahren ein junger Christ auf, um in einem Kloster nahe Tripolis als Novize dem Mönchsorden beizutreten. Doch die strengen Gehorsamkeitsregeln missfielen ihm bald, und er kehrte nach Aleppo zurück. Dort entdeckte 1707 ein französischer Reisender die Sprachkenntnisse des kaum 20-Jährigen, der Hanna Diyab hieß und neben Arabisch auch Türkisch, Französisch, Provenzalisch und Italienisch sprach. Der wissbegierige Sohn eines maronitischen Händlers hatte sich im heimatlichen Bazar in Gesprächen mit europäischen Kaufleuten sprachkundig gemacht.

Über Zypern, Ägypten und Libyen #

Solch einen Dolmetscher konnte Paul Lucas, ein Gesandter Ludwigs XIV. im Orient, für seine Rückreise nach Frankreich gut gebrauchen. Der Franzose war auf der Suche nach alten Handschriften, Münzen und Edelsteinen, in deren Besitz er auf mehr oder weniger legale Weise für den Hof des Sonnenkönigs zu kommen suchte.

Im Frühjahr 1707 schifften sich die beiden ein und landeten zunächst in Zypern, wo der junge Aleppiner zum ersten Mal eine Schweinezucht sah und von der Verfolgung der maronitischen Christen erfuhr. Von Larnaca ging es weiter nach Alexandria und Kairo. In Ägypten bestaunten sie die Obelisken und schmuggelten auf anrüchige Weise eine Mumie außer Landes. Vor Libyen gerieten sie in Seenot und verhungerten, kaum gerettet, beinahe in der Wüste. Nur mit Datteln konnten sie ihre Mägen füllen.

In Tunis liefen dem Orientalisten Paul Lucas, der wohl eine Art Naturheiler war, zahlreiche Kranke der Stadt zu, und die Heilkünste des Franzosen verschafften dem Gespann hohes Ansehen. Für den „Sultan von Frankreich“, wie Hanna Diyab den Sonnenkönig nannte, sammelten sie Wüstenspringmäuse ein und nahmen sie in Holzkäfi gen mit, um sie in Versailles vorzuführen.

Plan von Paris, 1740
Plan von Paris, 1740.
Foto: Wikimedia

Woher wir das alles wissen? Der Franzose Jérome Lentin stieß durch Zufall in Rom auf Hanna Diyabs handschriftlich verfassten Reisebericht, der 1928 aus Aleppo in den Besitz der Vatikanischen Bibliothek gelangt war. Vor drei Jahren veröffentlichte Lentin ihn in französischer Übersetzung. Als bibliophile Kostbarkeit gelangt er nun 2016 in Gennaro Ghirardellis Übertragung aus dem Französischen unter Berücksichtigung des arabischen Originals in die Hände deutschsprachiger Leser. Es ist dank der unverstellten Beobachtungsgabe des Verfassers ein Juwel der Anschaulichkeit und zudem ein kulturhistorischer Glücksfall, da sich aus den köstlichen einzelnen Wahrnehmungen eines jungen arabischen Christen im Westen ein besonders origineller Beitrag zum Verständnis von Orient und Okzident zusammenfügt.

Über Livorno nach Paris #

Vorerst freilich mussten die beiden Reisenden erst im Okzident ankommen. Von Korsika aus setzten sie auf die apenninische Halbinsel über und fielen unterwegs prompt unter die Seeräuber. In Livorno angekommen, konnten sie dank dem Ansehen von Paul Lucas den Korsaren einen Großteil des geraubten Guts wieder abjagen.

Und Hanna Diyabs Verblüffung wächst. In orientalischer Ehrerbietung wendet er sich an den Leser: „Von diesem Tag an erging sich Euer ergebenster Diener in den Straßen der Stadt und staunte über Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte. Es war die erste Stadt in Christenland, die ich betreten hatte. Ich sah Frauen in den Geschäften, die verkauften und kauften, als ob sie Männer wären. Sie schlenderten unbedeckt, mit unverschleierten Gesichtern in den Straßen umher. Ich glaubte zu träumen.“

Aus dem Staunen kommt Diyab auch in der französischen Hauptstadt nicht heraus. Über Marseille und das Rhonetal gelangten Herr und Diener im Februar 1709 abends endlich an den Rand der Stadt Paris. „Von ihrer Ausdehnung und unermesslichen Größe“ zeigt sich der junge Syrer überwältigt: „Als wir uns näherten, sah ich eine große Fläche, die sich, soweit das Auge reichte, vor mit erstreckte. Dieser riesige Raum war mit Lichtern wie von Kerzen übersät… Wir betraten die Stadt und gingen durch die Gassen und durch große und breite Straßen. Man kann die Häuser nicht zählen, so viele sind es!“ Die Straßenlaternen, stellt er begeistert fest, „sind auf Kosten der Stadt erstellt worden. Die Kerzen werden den Bewohnern des Viertels gestellt, damit sie sie an ihrem Ort anzünden.“

Hell erleuchtet war auch das neu errichtete Schloss von Versailles, wo Diyab beim König Ludwig XIV. und seinen Ministern Audienz erhielt und sich tagelang unter den Hofstaat mischen durfte. Die mitgebrachten Wüstenwühlmäuse erfüllten allseits ihren aufsehenerregenden Zweck.

Begegnung von Orient und Okzident #

In Paris wohnt Diyab einer Prozession des Erzbischofs bei und wundert sich über den mitgeführten Baldachin, in den offenbar unbedacht eine erbeutete muslimische Standarte eingenäht worden war. „Allah ist groß“ entziffert der Syrer in arabischen Schriftzeichen über dem Haupt des katholischen Kirchenfürsten, der ahnungslos unter dem Symbol des christlichen Himmels wandelt.

Unerwartete Früchte trug vor allem Diyabs Begegnung mit Antoine Galland. Der Orientalist gab ab 1704 unter dem Titel „Tausendundeine Nacht“ eine Sammlung arabischer Märchen heraus, die noch unvollständig war. „Dieser Mann suchte meine Hilfe zu einigen Punkten, die er nicht verstand und die ich ihm erklärte“, schreibt Diyab schlicht in seinem Reisebericht. „Es fehlten im Buch, das er übersetzte, einige Nächte, und ich erzählte ihm daher die Geschichten, die ich kannte.“ Der Leser reibt sich die Augen über so viel Bescheidenheit, denn immerhin schenkte Diyab dem Herausgeber vierzehn Geschichten, darunter die beliebtesten: „Aladin und die Wunderlampe“, „Ali Baba und die vierzig Räuber“ oder „Das Ebenholzpferd“. Sie wurden die Prunkstücke des großen Märchenepos, in dem die mit Tod bedrohte Scheherazade in tausendundein Erzählnächten den zu allem entschlossenen Herrscher mit Geschichten umzustimmen sucht.

„Ich bin ein Mann, der seinen Weg selbst bestimmt“, bekannte der junge Hanna Diyab am Beginn der Reise, von der er 1714 ins heimatliche Aleppo zurückkehrte. Dort wurde er ein wohlbestallter Tuchhändler und schrieb seinen so farbenprächtigen Bericht erst 1764, als alter Mann, nieder. Der Rückblick, der so lange unentdeckt blieb, erweckt dank der unerschöpfl ichen Erzählfreude des Autors ein Kulturbild zu wundersam klarem Leben, in dem sich Orient und Okzident durch Neugier und Vorurteilsfreiheit noch fruchtbar ergänzten.

Buchcover

Von Aleppo nach Paris. Die Reise eines jungen Syrers bis an den Hof Ludwigs XIV.

Von Hanna Diyab. Aus der franz. Übertragung übersetzt von Gennaro Ghirardelli

Die Andere Bibliothek 2016 490 S., geb., €43,20

DIE FURCHE, Donnerstag, 19. Jänner 2017