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Theodor Storm als Taufpate#

Der große Theatermann Max Reinhardt legte seinen Familiennamen Goldmann ab, weil dieser ihm zu jüdisch klang. Aber warum nannte er sich Reinhardt? #


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 10. Juni 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Dietmar Grieser


Max Reinhardt
Der junge, aufstrebende Theaterjüngling Max Reinhardt.
Foto: © AP Archiv

Der Kartenvorverkauf liegt in den Händen einer Blumenhändlerin in der Margareten- und eines Konditors in der Wiedner Hauptstraße; der teuerste Sitzplatz kostet 60, der Stehplatz 20 Kreuzer. Die Vorstellungen sind für jedermann zugänglich - es sei denn, begüterte Familien kaufen sämtliche Billets auf, um ihrem hoffnungsvollen Sprößling ein Podium für dessen Theaterdebüt zu verschaffen.

Das "Fürstlich Sulkowskische Privat-Theater" im Wiener Vorstadtbezirk Matzleinsdorf wird als "Übungsbühne" geführt, die nicht nur künftigen Profis, sondern auch zahlungskräftigen Dilettanten offensteht. Während die Sonntagsvorstellungen fürs allgemeine Publikum bestimmt sind, das sich keine der größeren Bühnen, geschweige denn das Burgtheater leisten kann, haben unter der Woche auch Amateure die Möglichkeit, "beim Sulkowski" ihr Talent zu erproben. In diesem Fall besteht freie Stückwahl - allerdings unter der Voraussetzung, dass sich der Interessent zur Abnahme eines größeren Kartenkontingents verpflichtet. Burschen (und in geringerer Zahl Mädchen) aus wohlhabendem Hause können sich somit vor ihrem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis als Mimen versuchen.

Der 16-jährige Banklehrling Max Goldmann, der hier am 19. April 1890 zum ersten Mal vors Publikum tritt, zählt nicht zu jenen Privilegierten, denen gut situierte Eltern, stolz auf die schauspielerische Begabung ihres Sprößlings, großzügig unter die Arme greifen: Im Hause Goldmann fehlt es dafür nicht nur am Geld, sondern auch am persönlichen Interesse. Er selber, der Halbwüchsige aus dem Vorstadtbezirk Fünfhaus, dessen Vater sich mit Ach und Krach als Miedermacher durchbringt und dessen Mutter eine kleine "Dampfappretur" betreibt, ist die treibende Kraft. Statt zum Bankgeschäft, für das ihn seine Eltern bestimmt haben, zieht es ihn zum Theater, und damit er sich diesen seinen Lebenswunsch erfüllen kann, nimmt er für sein Debüt sogar in Kauf, dass man ihn mit der Rolle eines Neunzigjährigen betraut: mit der Figur des greisen Apothekers Paul Hofmeister im Lustspiel "Krieg im Frieden", das aus der Feder des durch den Kassenschlager "Der Raub der Sabinerinnen" berühmt gewordenen Franz von Schönthan stammt.

Dilettanten unter sich#

Anfänger Max Goldmann macht seine Sache gut, ja so gut, dass man ihn auch in der Folge für Charaktere einsetzt, die dem Alter nach seine Großväter sein könnten: den Attinghausen, den König Philipp, den Rabbi Ben Akiba. Sein großes Vorbild ist der spätere Burgtheaterstar Josef Kainz, der ebenfalls - 17 Jahre vor ihm - am Fürstlich Sulkowskischen Privat-Theater debütiert hat. Ursprünglich das Haustheater des Armeelieferanten Josef von Dietrich, ist das Etablissement in der Matzleinsdorferstraße im Zuge der Freiheitskämpfe von 1848 zerstört worden, weil die Truppen von Feldmarschall Windisch-Graetz das über dem Portal applizierte Fresko der Theatermuse Thalia für die Darstellung einer Freiheitsgöttin und somit für ein Symbol der Revolution gehalten haben.

In der Folge zwar wiederaufgebaut, doch ständig mit finanziellen Problemen belastet, kann das fragile Unternehmen nur saniert werden, indem es Prinzipal Valentin Niklas in eine Dilettantenbühne umwandelt. Für den Banklehrling Max Goldmann ist der 19. April 1890 in zweifacher Hinsicht ein besonderes Datum: Es ist das erste Mal, dass sein Name auf einem Programmzettel aufscheint, und das erste Mal, dass dieser Name nicht Goldmann lautet, sondern Reinhardt. Goldmann klingt jüdisch, und das ist bei dem in Wien grassierenden Antisemitismus prekär. Man denkt also im Familienkreis über ein Pseudonym nach, das es dem angehenden Künstler erleichtern würde, in dem von ihm angestrebten Beruf voranzukommen. Dass dabei die Wahl auf den Namen Reinhardt fällt, hat mit dem Vater unseres Debütanten, genauer, mit dessen Lieblingslektüre zu tun. Ein besonders eifriger Leser ist dieser Textilhändler Wilhelm Goldmann zwar nicht, aber wenn er schon in seiner Freizeit nach einem Buch greift, dann sollte es nach Möglichkeit eines des norddeutschen Novellendichters Theodor Storm sein, dessen Werke seit einiger Zeit auch beim österreichischen Bildungsbürgertum hoch im Kurs stehen.

Vor allem die Hauptperson der Storm-Novelle "Immensee" ist es, die es Vater Goldmann angetan hat. Dieser Reinhardt (wie ihn der Dichter nennt) ist ein Mann in fortgeschrittenen Jahren, der nach dem Studium ein nicht näher bezeichnetes "Amt" ausgeübt hat, nebenher seinen wissenschaftlichen und schriftstellerischen Neigungen nachgeht und nun, als melancholisch gestimmter Greis, in milder Resignation auf seine verlorene Jugend zurückblickt.

Er trauert seiner ersten Liebe Elisabeth nach, die ihm sein Gegenspieler, der geschäftstüchtige Gut- und Fabriksbesitzer Erich, unter tatkräftiger Mitwirkung von Elisabeths Mutter abspenstig gemacht hat. Mit dem in den Prosatext eingestreuten Vers "Meine Mutter hat´s gewollt / den andern ich nehmen sollt" lässt Theodor Storm auch die von ihrem Leben enttäuschte Frau in das Klagelied des um sein Liebesglück betrogenen Reinhardt wehmutsvoll einstimmen. Immensee" ist eine Dreiecksgeschichte, die in manchen Details an Goethes "Leiden des jungen Werther" erinnert, 1849 entstanden und im Jahr darauf im "Volksbuch für Schleswig, Holstein und Lauenberg" zum ersten Mal veröffentlicht worden ist. Weitere Ausgaben folgen, noch zu Storms Lebzeiten erreicht "Immensee" die dreißigste Auflage, zählt mit zu den Werken, die seinen Ruhm begründet haben. Der Dichter selber nennt es "eine Perle deutscher Poesie", von der er hoffe, dass sie noch recht lange "alte und junge Herzen mit dem Zauber der Dichtung und der Jugend ergreifen" möge.

Familie wird umbenannt#

Wer neben ungezählten anderen diesem "Zauber" verfällt, ist Max Reinhardts Vater. Auch wenn wir nichts sonst über die Lesegewohnheiten dieses Wilhelm Goldmann wissen: Storms "Immensee" nimmt in seinem Bücherschrank einen Ehrenplatz ein. Wie sonst würde er 14 Jahre nach der Namensänderung seines Erstgeborenen dessen Beispiel folgen und bei der zuständigen Behörde auch für sich und den Rest der Familie die Umbenennung auf "Reinhardt" betreiben? 1904 wird ihm das beim Bezirksgericht seiner Heimatgemeinde Stampfen beantragte Dokument ausgefolgt: Aus den Goldmanns sind endgültig Reinhardts geworden. Und als Sohn Max Reinhardt 1938 in die USA emigriert und um die dortige Staatsbürgerschaft ansucht, stellt ihm das Budapester Innenministerium eine in Ungarisch und Englisch abgefasste Beglaubigung des seinerzeitigen Bescheids aus.

Dass es ungarische Behörden sind, die mit der Causa befasst werden, hängt mit Max Reinhardts familiärer Abkunft zusammen. Die Goldmanns stammen aus der 15 Kilometer nördlich von Preßburg gelegenen Kleinstadt Stampfen (die heute, der Slowakei zugehörig, Stupava und in der ungarischen Version Stomfa heißt). 1872 heiratet der Kaufmann Wilhelm Goldmann die fünf Jahre jüngere Rosa Wengraf aus dem mährischen Nikolsburg.

Als am 9. Mai des folgenden Jahres, dem sogenannten "Schwarzen Freitag", die Wiener Börse kracht und Goldmanns Firma in den Konkurs schlittert, entschließt man sich zur Übersiedlung in die Reichshaupt- und Residenzstadt: Das liberale Wien bietet den nichtchristlichen Mitbürgern besseren Schutz als das Grenzland an der March, wo es schon in früheren Jahren wiederholt zu Pogromen gekommen oder die jüdische Bevölkerung über den Fluss gejagt worden ist.

Auch die zunehmende Zwangsmagyarisierung der Deutschsprechenden in den Randgebieten des Königreichs Ungarn verleidet den Goldmanns den Verbleib in der alten Heimat. Das Experiment Wien gelingt: In der Praterstraße gegenüber dem Carl-Theater, also mitten im Herzen des Judenviertels, beziehen Wilhelm und Rosa Goldmann ihr erstes Wiener Quartier; im Textilbezirk am anderen Ufer des Donaukanals eröffnet der 27-Jährige mit seinem Kompagnon Joel Singer einen Commissionshandel für Baumwollwaren; den Kurort Baden wählt man für die Sommerfrische. Und hier, in der Schießstadtgasse am südlichen Stadtrand von Baden, kommt am 9. September 1873 das erste von elf Kindern zur Welt: Sohn Max. Ganz können die Goldmanns allerdings auch in Wien ihre ungarische Staatszugehörigkeit nicht abschütteln: Als Max (ungarisch: Miksa) mit 18 die militärische Reife erlangt, wird er sich gemäß dem "Heimatrecht" seines Vaters der ungarischen Assentierungskommission zur Musterung stellen.

Dem wirtschaftlichen Auf und Ab des väterlichen Unternehmens folgen mehrere Übersiedlungen; auch die Schulen (die dem heranwachsenden Max nur durchschnittliche Noten, aber immerhin ein "vollkommen entsprechendes sittliches Verhalten" bescheinigen) werden mehrmals gewechselt. Dass Max die Realschule vorzeitig abbrechen muss, hat wirtschaftliche Gründe: Der Stammhalter soll auf Wunsch seiner Eltern eine Banklehre absolvieren und in den Kaufmannsberuf einsteigen. Als einzige musische Betätigung im Elternhaus ist das Klavierspielen zugelassen. So ist es also zunächst die Musik, die den kleinen Max in ihren Bann zieht. Noch stärker zieht es den "stillen, scheuen Buben" (wie er sich selber bezeichnet) zur Bühne. Mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder Edmund, der ihm von allen Familienmitgliedern am nächsten steht, spielt er Puppentheater - nach selbsterdachten Geschichten und mit selbstgefertigten Kostümen. Kein Wunder, dass er sich nach dem Abgang von der Schule und dem vom Vater erzwungenen Eintritt ins Bankgewerbe verloren vorkommt: Max nützt jede Gelegenheit, Theatervorstellungen zu besuchen.

Die Burgtheatergötter Josef Lewinsky und Adolf von Sonnenthal sind seine Leitsterne, als in dem 16-Jährigen der Wunsch reift, den Schauspielerberuf zu ergreifen. Obwohl selber theaterfern, geben ihm die Eltern immerhin die Einwilligung, Schauspielunterricht nehmen zu dürfen - aus Kostengründen allerdings nicht in einer "richtigen" Theaterschule, sondern bei einem ehemaligen Statisten namens Rudolf Perak, gefolgt von Privatstunden bei dem Konservatoriumsprofessor Emil Bürde. Welche Früchte diese ersten Gehversuche auf den Brettern, die die Welt bedeuten, tragen, wissen wir bereits: Max Goldmanns alias Max Reinhardts Debüt im Fürstlich Sulkowskischen Privat-Theater in Matzleinsdorf.

"Das zweite Ich"#

Das Spiel mit Pseudonymen, Spitznamen und Incognitos bildet eines der aufregendsten Kapitel der Kulturgeschichte. Dietmar Grieser hat sich in seinem neuen Buch auf die Suche nach abgelegten und angenommenen, nach echten und falschen Indentitäten gemacht. Dieser Artikel ist ein Auszug aus diesem Buch.


Dietmar Grieser, geboren 1934, lebt als Schriftsteller und literarischer Reporter in Wien.


  • Das zweite Ich. Von Hans Moser bis Kishon, von Falco bis Loriot. Amalthea Verlag, Wien 2011, 256 Seiten, 19,95 Euro.

Wiener Zeitung, 10. Juni 2011