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Das Sinnbild des Wiederaufbaus Österreichs #

Der blendend aussehende, bescheidene Bursche aus den Alpen wurde zum neuen Gesicht Österreichs.#

Nachruf#


Von der Zeitschrift Furche freundlicherweise zur Verfügung gestellt. (Donnerstag, 27. August 2009)

Von

Michael Kraßnitzer


Anton Engelbert Sailer (1935-2009)
Anton Engelbert Sailer (1935-2009)
© FURCHE / Foto: EPA

Eine Symbolfigur der Zweiten Republik ist tot. Toni Sailer, der am Montag im Alter von 73 Jahren einem Krebsleiden erlag, war weit mehr als ein großer Sportler und Olympiasieger. Der legendäre Schifahrer war nicht weniger als das Sinnbild des Wiederaufbaus Österreichs nach den Katastrophen des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs. Der blendend aussehende, bescheiden auftretende Bursche aus den Alpen wurde zum Gesicht des neuen Österreich. Er symbolisierte den Aufstieg aus den Trümmern ebenso wie die Ablösung von der unseligen Vergangenheit.

Mitte der 1950er-Jahre folgte in Österreich eine historische Wegmarke auf die nächste: die Unterzeichnung des Staatsvertrags im Mai 1955, die Wiedereröffnung des Burgtheaters im Oktober, die Wiedereröffnung der Staatsoper im November. Und kurz darauf, Ende Jänner/Anfang Februar 1956, errang Sailer drei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen in Cortina d’Ampezzo und die damit verbundenen vier Weltmeistertitel.

Mit einer weißen Zipfelmütze und mit am Unterschenkel angebundenen Hosenbeinen (gegen das Flattern im Wind) gewann der technisch und athletisch überragende Fahrer Slalom, Abfahrt und Riesentorlauf mit jeweils mehreren Sekunden Vorsprung. Die Behauptung, ganz Österreich habe vor den Radio- und (noch wenigen) Fernsehgeräten mitgefiebert, ist wahrscheinlich keine Übertreibung.

Jugendidol mit Zipfelmütze#

Der 1935 als Anton Engelbert Sailer in Kitzbühel geborene Tiroler wurde schlagartig zum Jugendidol. Allein zum Wiener Westbahnhof waren 50.000 Menschen gekommen, um den Feschak mit seiner tollen Elvis-Frisur nach seinen Siegen zu empfangen.

Weitere Zigtausende säumten die Straßen zum Wiener Rathaus, wohin das österreichische Olympiateam geladen war. Nachdem Sailer zwei Jahre später bei der Ski-Weltmeisterschaft in Bad Gastein mit drei Titeln abermals triumphiert hatte ("„nur um zu beweisen, dass meine Erfolge von Cortina keine Eintagsfliege waren") beendete er 23-jährig seine Sportlaufbahn, wandte sich dem Showbusiness zu und begann eine Karriere als Schlagersänger und Schauspieler. Er brachte es auf 18 Schallplattenaufnahmen, zierte das Titelblatt der Bravo und wurde sogar in Japan zum Star.

Toni Sailer trat in mehreren Musikfilmen auf, in seinem zweiten, nach seinem Spitznamen "Der schwarze Blitz" benannten Film spielte er mehr oder weniger sich selbst, aber er versuchte sich auch im ernsten Fach: 1962 verkörperte er die Hauptrolle in Luis Trenkers letztem Film "Sein bester Freund" – naturgemäß ein Bergsteigerdrama – und in Arthur Millers "Tod eines Handlungsreisenden" wagte er sich sogar auf die Bühne. Mitte der sechziger Jahre kehrte Sailer der Unterhaltungsbranche den Rücken und ging nach Kanada, wo er Schi produzierte. Von 1972 bis 1976 war er als Cheftrainer des Österreichischen Skiverbandes maßgeblich am Aufbau des heimischen Schi-Idols jener Zeit verbunden: Franz Klammer. Als Rennleiter des berühmten Hahnenkammrennens in seinem Heimatort Kitzbühel und als hoher Funktionär des Internationalen Schiverbandes blieb er dem Skisport bis vor wenigen Jahren verbunden.

1999 wurde Toni Sailer zu Österreichs Sportler des Jahrhunderts gewählt. Ein Titel, der ihm ohne jeden Zweifel gebührt.


FURCHE, 27. August 2009