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Unendlich viel für Österreich getan#

100. Geburtstag von Simon Wiesenthal #


Von der Zeitschrift DIE FURCHE (Freitag, 2. Jänner 2009) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

von

Otto Friedrich


Simon Wiesenthal
Simon Wiesenthal
© Die Furche

  • Die „Arbeiter-Zeitung“ verstieg sich gar zu einer Beschimpfung der „ehemals linkskatholischen Wochenzeitschrift Furche" wegen deren Eintretens für Wiesenthal.

„Ich danke der FURCHE für ihre Glosse ‚Arbeit für Wiesenthal‘. Sie drückt in wenigen Zeilen aus, worüber ein ganzes Buch geschrieben werden müsste: Dr. Brodas Amtszeit als Justizminister.“ Solches schrieb Simon Wiesenthal am 8. November 1969, als es im Land wenige gab, welche den unermüdlichen Kämpfer um „Recht, nicht Rache“ (so der Titel seiner 1988 erschienenen Erinnerungen). Ungeheuerlich, welcher Kungelei sich Christian Broda mitschuldig machte, um die damals immerhin bald 25 Jahre fällige Aufarbeitung der österreichischen Mitverantwortung an den NSVerbrechen hintanzuhalten. Die Arbeiter-Zeitung verstieg sich gar zu einer Beschimpfung der „ehemals linkskatholischen Wochenzeitschrift ‚Furche‘“ wegen deren Eintretens für Wiesenthal. Es sollte noch Jahre dauern – die Generation Brodas und Kreiskys musste erst abtreten –, bis auch die SPÖ Wiesenthal als einen der bedeutendsten Österreicher des 20. Jahrhunderts erkannte. Eine Versöhnung mit Bruno Kreisky fand nie statt. Der große Kanzler konnte auch in den Gemeinheiten groß sein: Als Wiesenthal Mitte der 70er Jahre FPÖ-Chef Friedrich Peter als Angehörigen einer Mordbrigade der Waffen-SS outete, machte Kreisky anzügliche Bemerkungen über eine angebliche Gestapo-Kollaboration Wiesenthals.

Keinen Schaum vor dem Mund#

Doch der „Nazijäger“ hatte keinen Schaum vor dem Mund: Kurt Waldheim verteidigte er 1986 – erfolglos – gegen den Vorwurf, Kriegsverbrecher zu sein; er sah darin eine Verharmlosung der tatsächlichen Täter. Doch gegen die geballte Gegnerschaft Waldheims, die an dessen Person den ganzen Zorn über die Nichtaufarbeitung der NS-Geschichte Österreichs ablud, vermochte auch Wiesenthal nichts auszurichten. Er scheiterte dann auch mit seinen Rücktrittsaufforderungen an Waldheim – denn obwohl dieser für ihn kein Kriegsverbrecher war, hielt er ihn als Staatsoberhaupt für untragbar, weil Waldheim seine Kenntnisse über das, was er im Krieg gesehen haben musste, verschwiegen hatte. So saß Simon Wiesenthal zwischen den Stühlen aller politischen Lager – und hat für das Land unendlich viel getan, indem er seine Finger auf dessen Wunden legte.

Zweimal Stoff für Hollywood#

1945 wurde der galizische Architekt nach einer Odyssee durch KZs in Mauthausen befreit – wie durch ein Wunder überlebte auch seine Frau Zyla das Grauen. Von Linz aus begann er seine Suche nach den Tätern, die sich in alle Welt davonzuschleichen begannen, in Wien setzte er sie bis zum Tod im September 2005 fort. Spektakulärster Erfolg war das Aufspüren von Adolf Eichmann 1961, der vom israelischen Geheimdienst zu Prozess und Hinrichtung nach Israel verbracht wurde. Erst im hohen Alter wurde diese Arbeit auch in Österreich anerkannt und geehrt. Dabei waren er und sein Lebenswerk Gegenstand zweier Hollywoodfilme: 1973 im Frederick-Forsyth-Thriller „Die Akte Odessa“, 1989 spielte ihn Ben Kingsley in „Die Mörder sind unter uns“. 2000 verlieh ihm US-Präsident Bill Clinton als erstem Nicht- US-Bürger die „Medal of Freedom“. Wer Wiesenthals lebenslanges Ringen um Gerechtigkeit verstehen will, sollte seine Erzählung „Die Sonnenblume“ (1969) lesen. Wiesenthal beschreibt dort einen sterbenden SS-Offizier, der ihm, dem KZ-Häftling, seine Verbrechen an den Juden gesteht und ihn um Vergebung bittet. Wiesenthal verweigert diese jedoch: Denn wie kann er das, was anderen angetan wurde, vergeben?

Simon Wiesenthal Geb. am 31. Dezember 1908 in Buczacz (heute Ukraine), Architekturstudium in Prag, 1941 verhaftet und in verschiedenen KZs inhaftiert. 1945 von US-Truppen in Mauthausen befreit. Gestorben am 20. September 2005 in Wien.

DIE FURCHE, 2. Jänner 2009