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Der Tag der Schande#

Das Schluss-Spiel der Heim-WM 1950 stürzte Brasilien in ein Trauma. Aber auch sonst verlief das Turnier kurios.#


Von der Wiener Zeitung (Freitag, 27. Juni 2014) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Christoph Rella


Brasiliens Torhüter Moacyr Barbosa ließ zwei Tore zu
Brasiliens Torhüter Moacyr Barbosa ließ zwei Tore zu und wurde dafür zum Sündenbock.
© afp/Picturedesk

Rio de Janiero. Sonntag, 16. Juli 1950. Im nagelneuen Maracaña-Stadion in Rio de Janiero herrscht Weltuntergangsstimmung. Eben hat Uruguay Titelfavorit Brasilien im alles entscheidenden Schlussspiel der WM mit 2:1 geschlagen. Während die Gäste aus Montevideo in der Kabine ihren zweiten WM-Titel nach 1930 feiern - Fifa-Boss Jules Rimet ließ die Übergabe der nach ihm benannten Trophäe aus Angst vor Ausschreitungen in die Katakomben verlegen -, sind auf den Rängen draußen vier Todesopfer zu beklagen. Angesichts der Niederlage hatten drei Fans einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, ein Mann hatte sich sogar aus Gram von der Tribüne in den Tod gestürzt.

Die Urkatastrophe, mit der niemand gerechnet hat, ja niemand rechnen wollte, ist an diesem Tag eingetreten. Brasilien hat die vierte Fußball-Weltmeisterschaft, die erste seit 1938, vor rund 200.000 fanatischen Cariocas verloren, in 30 Minuten eine sicher geglaubte 1:0-Führung aus der Hand gegeben. Dabei hätte den Gastgebern für den Titel - 1950 wurde statt der Finalphase noch eine Schlussrunde der Gruppensieger im Jeder-gegen-jeden-Modus ausgetragen - ein Remis gereicht. Die Folgen waren jedenfalls verheerend. Anstatt die Fakten, etwa Uruguays glänzendes Defensivverhalten und aggressives Pressing, anzuerkennen, ging man im Streit auseinander. Ein Sündenbock für die Niederlage war (neben den Verteidigern Bigode und Juvenal Amarijo) rasch gefunden: Torhüter Moacyr Barbosa. Zur Persona non grata erklärt, wurde er in der Heimat über Jahrzehnte gemieden. Als er 1993 ein Training der Seleção besuchen wollte, wurde Barbosa sogar mit der Begründung, er könne der Mannschaft Pech bringen, der Zutritt verwehrt. Er selbst hat diese Ächtung schwer verkraftet. "In Brasilien sieht das Gesetz 30 Jahre Haft für einen Mord vor. Es ist weit mehr als diese Zeit seit dem Finale von 1950 vergangen, und ich fühle mich noch immer eingekerkert, die Menschen sehen in mir immer noch den Schuldigen für unsere Niederlage", sagte Barbosa im Jahr 2000 im "Guardian".

Dabei hatte das Turnier für die Gastgeber so vielversprechend begonnen. Mit Ausnahme des Remis gegen die Schweiz feierte die Seleção in der Gruppenphase gegen Mexiko und Jugoslawien glänzende Siege, wobei letzteres Spiel kurios gestartet war. Die Gäste begannen mit zehn Spielern, da sich Rajko Mitiæ im dunklen Gang zwischen Kabine und Spielfeld den Kopf aufgeschlagen hatte. Als er mit Binde auf dem Platz erschien, stand es bereits 1:0 für Brasilien.

Der Unfall war aber nicht die einzige Kuriosität bei dieser Weltmeisterschaft, schon in der Vorentscheidung ging einiges drunter und drüber. Denn obwohl sich 16 Mannschaften für das Turnier qualifiziert hatten, waren lediglich 13 Teams nach Brasilien angereist. Die Gründe waren bemerkenswert: So ist etwa der Verzicht Argentiniens auf einen Streit mit dem brasilianischen Fußballverband zurückzuführen, Frankreich wiederum sagte ab, als es erfuhr, dass die Spielorte der Équipe Tricolore rund 3000 Kilometer voneinander entfernt lagen. Dass mit Indien auch der einzige asiatische Vertreter verzichtete, lag daran, dass die Fifa dem Wunsch des Nationalteams, barfuß antreten zu dürfen, nicht entsprechen wollte.

Die verbliebenen 13 Nationen wurden in der Vorrunde in zwei Gruppen zu vier, eine zu drei und eine zu zwei Mannschaften aufgeteilt, wobei letztere einen eindeutigen Wettbewerbsvorteil genossen. Denn während Brasilien in Gruppe eins gegen drei Gegner antreten musste, genügte Uruguay ein einziges Spiel (gegen Bolivien) zum Weiterkommen.

Spannend war die Gruppenphase, die an sechs Standorte ausgetragen wurde, dennoch. Eine Sensation lieferten die USA ab, als sie dank eines Treffers des gebürtigen Haitianers Joseph Gaetjens Titelfavorit England mit 1:0 bezwangen. Einen Paukenschlag setzte es auch in Gruppe drei, als Schweden trotz 0:1-Rückstand Italien mit 3:2 besiegte. Damit waren - wie bei der laufenden WM - zwei Titelanwärter aus dem Rennen. Verantwortlich für die sportlich schwache Leistung der Squadra Azzurra war auch die wochenlange Anreise per Schiff gewesen, während der kaum trainiert werden konnte. Ein Jahr zuvor war die Hälfte der italienischen Nationalmannschaft bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, dieses Risiko wollten die Kicker nicht noch einmal eingehen.

Statt Italien zog nun - neben Brasilien, Uruguay und Spanien - Schweden in die Finalrunde ein und erreichte sogar noch den dritten WM-Platz. Aber die Brasilianer, die in diesem Turnier nahezu alle Spiele mit zwei bis sechs Toren Vorsprung gewonnen hatten, mussten sich mit Rang zwei begnügen. Den Coupe Jules-Rimet sollten sie am Ende doch noch erobern - und zwar 1970 in Mexiko. Weil sie die WM zum dritten Mal gewonnen hatte, durfte die Seleção die Trophäe behalten. Ein später Trost, aber immerhin.

Information#

WM 1950

1950 wurde die Fußball-WM in sechs Stadien mit insgesamt 470.000 Plätzen gespielt. Viele davon verfügten damals noch über Stehplätze. Der klassische braune Ball, mit dem die Spieler die WM bestritten, trug den Namen "Super Duplo T" und war aus echtem Rindsleder gefertigt. Er verfügte über ein Ventil und wurde von einer argentinischen Firma hergestellt. Seit 1970 stellt Adidas die Wettkampf-Bälle her.

1950 steckte der Profi-Fußball noch in den Kinderschuhen, was sich am Einkommen der Spieler ablesen lässt. Englands Star Stanley Matthews verdiente 1950 zwölf britische Pfund pro Woche. Sein Nachfolger Wayne Rooney kassiert heute satte 300.000 Pfund (364.000 Euro) pro Woche.

Wiener Zeitung, Freitag, 27. Juni 2014