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Die Straße mit Weltstadtambition#

Seit dem späten 19. Jahrhundert war die Kärntner Straße von dem Bemühen geprägt, an die internationale Kaufhaus-Kultur auf Wiener Weise anzuknüpfen.#


Von der Wiener Zeitung, (Samstag/Sonntag, 3./4. September 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Susanne Breuss


Firma Peek & Cloppenburg
Die neueste Errungenschaft: Das "Weltstadthaus" der Firma Peek & Cloppenburg.
© APA/GEORG HOCHMUTH

1868 notiert der Wiener Baedeker zur Kärntner Straße: "Einst wirklich die nach Kärnthen führende Strasse ist sie gegenwärtig eine der Hauptverkehrsadern der inneren Stadt und bei ihrer Enge für Fussgänger oft geradezu lebensgefährlich." Drei weitere magere Zeilen versorgen den solcherart bereits abgeschreckten Touristen mit Hinweisen auf sehenswerte Gebäude. Ähnlich 1873 der Journalist Franz F. Masaidek: "Die Passage durch diesen Engpaß ist so gefährlich, dass gute Katholiken, die denselben passieren müssen, sich vorher entweder bei St. Stephan oder bei den Augustinern mit den heiligen Sterbesakramenten versehen lassen."

Ein weitaus positiveres Bild wird zu Beginn des 20. Jahrhunderts gezeichnet. Nun gilt die Kärntner Straße als eine der schönsten und belebtesten Straßen des modernen Wien. Schuld an diesem Imagewandel sind die umfassenden baulichen Veränderungen, die seit den 1870er Jahren vorgenommen wurden. Mit der in Wien einsetzenden Demolierungs- und Modernisierungswelle erhält auch der zentrale und längste Straßenzug der Inneren Stadt ein neues Antlitz. Er wurde in das Stadterweiterungsgebiet der Ringstraße hinausgezogen und die Zurückschiebung der Baulinie führte zu einer Verbreiterung von ehemals neun auf siebzehn Meter. Damals begann sich die Kärntner Straße zu jener für Einheimische wie für Touristen attraktiven Einkaufs- und Flaniermeile zu entwickeln, als welche sie heute weithin bekannt ist.

Entstanden ist sie gegen Ende des 12. Jahrhunderts im Zuge der babenbergischen Stadterweiterung. Zugleich Fernhandelsweg und Marktstraße, Pilgerweg und Heerstraße, wurde sie durch entsprechende Bauten und Einrichtungen geprägt.

Zeit des Aufschwungs#

Eine herausragende Bedeutung als Geschäftsstraße kommt ihr dennoch erst seit dem 19. Jahrhundert zu, als sie gegenüber dem Graben, dem auf dem Bekleidungssektor führenden Einzelhandelszentrum der barocken Residenz, stark an Renommee zulegen kann. So verzeichnet man 1847 allein sechs Juweliere, dreizehn Putzwarenhandlungen, sieben (Stroh)hut-, sechs Zwirn- und fünf Leinenwäschehändler, aber auch Tuch-, Seiden- und Weißwarenhändler und eine Fächerhandlung. Weiters konzentrieren sich hier "Nürnbergerwarenhandlungen", deren Angebot Spiel- und Papierwaren, Reise- und Jagdrequisiten, Galanterie- und Werkzeugartikel umfasst. Dank der wichtigen verkehrstechnischen und sozialen Funktion existiert eine beachtliche Anzahl an gastronomischen Einrichtungen. Zudem gibt es etliche Lebens- und Genussmittelgeschäfte, was von einem noch hohen Anteil an Wohnbevölkerung zeugt.

Unter den repräsentativen Neubauten der zweiten Jahrhunderthälfte befinden sich neben mehreren Hotels zahlreiche Geschäfts- und Wohnhäuser. Mit dem Thonet-Haus ("Eisernes Haus", 1875/76) und dem Porzellanhaus Wahliss (1878/79) entstehen erste Warenhäuser. Es folgen Haas und Cžjžek (1882/83), Zwieback (1895) und Neumann (1895/96).

Die Kärntner Straße entspricht nun von allen Hauptverkehrsadern der Inneren Stadt am meisten dem Typus der modernen Großstadtstraße und avanciert zu einer der wichtigsten und elegantesten Geschäftsstraßen Wiens. "Seit der Gründerzeit gibt es straßauf, straßab immer nur Schaufenster und wieder Schaufenster", resümiert der Feuilletonist Siegfried Weyr diese Entwicklung. Das Preisniveau ist hoch, und so ist es ein elitäres Publikum, das sich hier zum Einkaufsbummel trifft.

Diese noble Periode der Kärntner Straße geht mit dem Zweiten Weltkrieg zu Ende. Nach der Arisierung der in jüdischem Besitz befindlichen Geschäfte kommt es in den letzten Kriegstagen zu massiven Zerstörungen durch Bomben, Artilleriegeschoße und einen durch Plünderer verursachten Brand. Zu Kriegsende präsentiert sich die Kärntner Straße als ein gigantischer Trümmerhaufen.

Nach dem zunächst nur langsam vorankommenden Wiederaufbau erfordern in den 1950er und 1960er Jahren wirtschaftliche und soziale Veränderungen ein neues Profil. Die Tradition als "Bekleidungsstraße" setzt sich fort, neu hinzu kommen Geschäfte für Fotoartikel, Reisebüros und Fluglinien, die Zahl der Gastwirte und Lebensmittelhandlungen geht zurück. Eine wesentliche Änderung bedeutet 1974 die im Zuge des U-Bahnbaus erfolgte Umwidmung des Abschnitts zwischen Oper und Stephansplatz zur Fußgängerzone.

Warenhaus Neumann
Das Warenhaus Neumann, erbaut 1895/96.Foto: In Paul Kortz: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts, 1906 Das Warenhaus Neumann, erbaut 1895/96.
© Foto in Paul Kortz: Wien am Anfang des XX. Jahrhunderts, 1906

Heute zählt die Kärntner Straße nach wie vor zu den exklusiven Wiener Einkaufsstraßen. Neben teuren und teils traditionsreichen Geschäften finden sich jedoch zunehmend Ableger von großen internationalen Ketten, die preisgünstige Massenware anbieten. Parallel zur Öffnung hin zu breiteren Käuferschichten sowie der Globalisierung des Angebots kommt es zu einer Erosion traditioneller Wiener Geschäftskultur und zur Zurückdrängung alteingesessener Firmen, die sich die stark gestiegenen Mieten nicht mehr leisten können.

Die prominente Stellung der Kärntner Straße - gemeinsam mit Graben und Kohlmarkt bildet sie das "goldene U" der innerstädtischen Einkaufsstraßen - sorgt dafür, dass Veränderungen seitens der Öffentlichkeit stets aufmerksam verfolgt werden. So auch die in den letzten Jahren vorgenommenen Sanierungs- und Umgestaltungsarbeiten.

Kein Wunder also, dass der aktuellste Neubau, der am 1. September 2011 eröffnete Flagship-Store der deutschen Modekette Peek & Cloppenburg, einiges Aufsehen erregt. Bedeutet er doch seit längerer Zeit erstmals wieder einen gravierenden Einschnitt in das bestehende bauliche Gefüge. Anlass genug, einen Blick auf das historische Umfeld zu werfen, in dem der als "Weltstadthaus" titulierte Konsumtempel ein markantes architektonisches Zeichen setzen will. Zumal die Statements des Konzerns wie des Architekten durch - für Wiener Verhältnisse ja geradezu obligatorisch anmutende - rhetorische Verweise auf Tradition und Geschichte gekennzeichnet sind.

"Haus der Fenster"#

Der Bau des britischen Architekten David Chipperfield (der im intelligenten und sensiblen Umgang mit historischer Bausubstanz große Erfahrung hat; verwiesen sei etwa auf seine ergänzende Rekonstruktion des Neuen Museums in Berlin) - reagiere, so wird betont, subtil auf die Umgebung, die als Weltkulturerbe unter UNESCO-Schutz steht. Das als "Haus der Fenster" konzipierte Gebäude knüpfe an die Tradition der späten Wiener Warenhausarchitektur an und interpretiere diese zeitgemäß. Blickt man auf knapp 150 Jahre Wiener Warenhausgeschichte, wird man auf der Suche nach historischen Referenzobjekten - zumindest was die für die Wirkung im Straßenbild ausschlaggebende Geschäftsfassade betrifft - nicht recht fündig.

Wien war aus verschiedenen Gründen nie eine Stadt der bedeutenden Warenhäuser. Die typischen Monumentalbauten, wie man sie seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus anderen Metropolen kennt, sind hier nicht entstanden. Die meisten der als Warenhäuser bezeichneten Geschäfte waren eigentlich Großkaufhäuser (da auf bestimmte Warengruppen, meist Textilien und Bekleidung, spezialisiert) und bewegten sich nicht nur von der Verkaufsfläche, sondern auch von der Mitarbeiterzahl her in vergleichsweise bescheidenen Dimensionen. "Was bei uns als Warenhaus schon angestaunt wird, zählt in gleicher Größe in Berlin und gar in Paris oder London zu den kleinen Betrieben", konstatiert 1900 die Zeitschrift "Der Handlungsgehilfe".

Vor dem Hintergrund einer ausgeprägt kleinbetrieblichen Handelsstruktur erscheinen dem Wiener Publikum die relativ wenigen und eher kleinen Warenhausbauten, die in der Innenstadt und auf der Mariahilfer Straße vereinzelt schon ab den 1860er Jahren, dann verstärkt um die Jahrhundertwende entstehen, dennoch als wichtige Signifikanten moderner Urbanität. Mit dem Begriff "Weltstadt" hantiert nicht erst das heutige P & C-Marketing, bereits bei der Eröffnung des von Otto Wagner entworfenen Konfektionswarenhauses Neumann (heute befindet sich dort der "Steffl") ist vom "weltstädtischen Charakter des Etablissements" die Rede.

Behäbiger Klassizismus#

Auch wenn sie nicht mit Paris oder London zu vergleichen waren, präsentierten sich die Wiener Warenhäuser um 1900, so der Architekturhistoriker Andreas Nierhaus (Kurator im Wien Museum und Lehrbeauftragter an der Universität Wien) als "technisch oftmals innovative, stets höchst effiziente, in jedem Fall aber elegante Bauten, die mit ihrer Modernität warben".

Im Gegensatz dazu versuche sich die neue P & C-Filiale eher in einem vermeintlich zeitlosen, behäbigen Klassizismus, der in der Wiener Architektur nie recht heimisch war. Der "makellos glatte" Bau hebe sich deutlich von der Umgebung ab: "Die Fassaden der Kärntner Straße sind wie die meisten Wiener Straßenzüge von jenem typischen filigranen Oberflächenrelief geprägt, das aus der traditionellen Wiener Putzarchitektur und der im 19. Jahrhundert noch einmal auflebenden Stuckdekoration entsteht". Der tendenziell vertikalen Struktur der Fassaden ringsum stelle Chipperfield einen durch die Proportionen der Fenster eher breit gelagerten Bau entgegen, der durch die tief in der Wand liegenden Fensterhöhlen und die Pfeiler den Eindruck von massiger Schwere erwecke - ein deutlicher Gegensatz zum Eindruck von Leichtigkeit, den die anderen Fassaden vermitteln.

Der für die massiv aufgemauerte Fassadenverkleidung verwendete Donaukalk ist laut Chipperfield ein für Wien typischer Stein. Nierhaus dazu: "In Wien wurde der aus Deutschland importierte Donaukalkstein, vor allem nach der Mitte des 19. Jahrhunderts, kaum mehr verwendet, wie überhaupt massive Steinfassaden bei Wohn- und Geschäftshäusern stets die Ausnahme blieben."

Für den Architekturhistoriker ist der Bau ein Fremdkörper in der Stadt: "Was für sich genommen nicht so schlimm wäre, wenn man es nur zugeben würde." Er verkörpere Beliebigkeit auf solidem Niveau und könnte überall stehen: "Es handelt sich nicht um ein Weltstadthaus, sondern um ein Allerweltshaus".

Susanne Breuss

Susanne Breuss, geboren 1963 Kulturwissenschafterin und Kuratorin im Wien Museum.

Wiener Zeitung, Samstag/Sonntag, 3./4. September 2011