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Wien wird zu einer Metropole #

Die 1873 in Wien stattfindende Weltausstellung setzte einen Modernisierungsschub in Gang, der heute noch sichtbar ist. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 12. Juni 2014)

Von

Michael Kraßnitzer


Bilder, die dokumentieren, dass Wien wächst.
Wien wächst. Das Ölgemälde von Josef Langl (1873, re. o.) zeigt Wien zur Zeit der Weltausstellung. Vom Haupteingang sah man bereits zur Rotunde (Fotografie von 1873, li.).
Fotos: © Wien Museum

Den aktuellen Stand der Entwicklung und des Fortschritts der Menschheit darzustellen: Das war der Anspruch der großen Weltausstellungen des 19. Jahrhunderts. Derjenigen unter den internationalen Universalschauen, die 1873 in Wien stattfand, widmet nun das Wien Museum eine große Ausstellung („Experiment Metropole“), die jedoch weit über einen Rückblick auf das historische Mega-Event hinausgeht. Das Weltausstellungsjahr ist ein Brennpunkt für die gesellschaftlichen Umwälzungen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und es brachte eine letztlich bis heute nachwirkende politische Zäsur mit sich. Die Weltausstellung selbst war eine Manifestation der damals stattfindenden Globalisierung und ein Zeugnis des entstehenden weltweiten Tourismus. Und nicht zuletzt setzte die Weltausstellung einen gigantischen Modernisierungsschub für die Stadt Wien in Gang, der sich noch im heutigen Stadtbild bemerkbar macht.

Wien im wirtschaftlichen Aufschwung #

Der österreichisch-ungarische Ausgleich, mit dem 1867 aus dem absolutistischen Kaisertum Österreich die Doppelmonarchie Österreich- Ungarn wurde, war der Startschuss für die „Gründerzeit“ genannte Epoche. „Nie war die Euphorie in der Geschäftswelt größer als in den frühen siebziger Jahren“, charakterisierte der Historiker Eric Hobsbawm jene Zeit. Wien wurde zu einem bedeutenden Finanzplatz. Die mit dem Ausgleich verbundenen Reformen der Handels-, Zoll- und Steuerpolitik brachten einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung mit sich. Metall- und Maschinenindustrie sowie die Baubranche boomten. 1873 waren die sechs großen Bahnhöfe der Stadt fertiggestellt. Die Hochquellenwasserleitung wurde gerade fertig, die Donauregulierung war im Gange. Einige bedeutende Bauten der Ringstraße – damals Architektur auf der Höhe der Zeit – standen bereits: die heutige Staatsoper, das Museum für Kunst und Industrie (heute MAK), Künstlerhaus, Musikverein, Akademisches Gymnasium; die Votivkirche war noch immer nicht ganz fertig.

Motor des Wirtschaftsbooms war das zu Einfluss gekommene Großbürgertum, Leitideologie war der Liberalismus, den man sich weniger als politisches Programm, denn als Zeitgeist vorstellen muss, der die Emanzipation des Individuums in den Mittelpunkt stellte, um freie Bahn für dessen wirtschaftlichen Interessen zu schaffen. Der großbürgerliche Geldadel war sehr stark jüdisch geprägt, Dynastien wie die Ephrussis, Epsteins oder Todescos – an die heute noch prächtige Palais in Wien erinnern – stammten aus dem Nordosten der Monarchie oder aus östlichen Nachbarstaaten. Gleichwohl man die se Superreichen wohl kaum mit gewöhnlichen Migranten vergleichen kann, war ihr Aufstieg Ausdruck der gewaltigen Migrationsströme, die sich durch die Donaumonarchie bewegten.

Bau der Staatsoper um 1863
Bau der Staatsoper. Auf der um 1863 entstandenen Fotografie ist erst die Baugrube der Staatsoper, gegenüber dem Heinrichhof, zu sehen.
Foto: © Wien Museum

In den zwanzig Jahren vor der Weltausstellung hatte sich die Wiener Bevölkerung auf dem Gebiet der heutigen Stadt mehr als verdoppelt. Damals wie heute zog es Habenichtse aus ländlichen Regionen in die „Arrival Cities“ (Doug Saunders), um sich dort eine neue, bessere Existenz aufzubauen. Um 1850 lebten rund 550.000 Menschen in der Hauptstadt, um 1880 waren es bereits rund 1,16 Millionen. Die zahlenmäßig bedeutendsten Migrantengruppen waren Tschechen, Deutschböhmen und Juden. Die meisten von ihnen kamen in neuen, rasterförmig angelegten Bezirken wie Favoriten unter, in Häusern, hinter deren schmucken historistischen Fassaden sich die Armut jener verbarg, die hart – aber letztlich erfolgreich – für ihren eigenen Aufstieg und den ihrer Kinder schufteten.

Beginn des Tourismus #

Auch eine ganz anders motivierte Form des Ortswechsels begann in jener Zeit aufzublühen: der Tourismus. Auf diesem Gebiet hinkte Österreich hinter Westeuropa deutlich nach: Luxushotels suchte man bis kurz vor 1870 vergebens, noch dominierte als Übernachtungsmöglichkeit der überkommene Typus des Einkehrgasthofes. Im Vorfeld der Weltausstellung wurden eine Reihe von Hotels auf internationalem Niveau errichtet. Das älteste Reisebüro der Welt, das Unternehmen des Engländers Thomas Cook, bot seinen Kunden ein Arrangement für die Reise nach Wien an. Auch für ein neues Genre am Buchmarkt wurde Wien plötzlich interessant: Es erschienen zahlreiche Reiseführer, die Touristen Wiener Sehenswürdigkeiten anpriesen und praktische Ratschläge für den Aufenthalt erteilten.

Auch alle anderen genannten Entwicklungen spitzen sich in der Weltausstellung zu, deren Ausrichtung als ideale Gelegenheit erschien, der außenpolitisch ramponierten Donaumonarchie – die militärische Niederlage von Königgraetz und der Verlust Venetiens lagen erst wenige Jahre zurück – und ihrer Hauptstadt ein fortschrittliches und selbstbewusstes Image zu verschaffen. „Mit der Weltausstellung demonstrierte die Stadt Wien ihren Willen zur Größe und trat in den Bedeutungswettkampf um den Rang der Metropole ein“, schreibt der Direktor des Wien Museums, Wolfgang Kos, im – wie immer – hervorragenden Katalog zur aktuellen Schau. Auf der Weltausstellung präsentierten 53.000 Aussteller aus 35 souveränen Staaten und dazugehörigen Kolonien Waren, Güter und Produkte. Im Zentrum lag der fast einen Kilometer lange Industriepalast mit dem damals größten Kuppelbau der Welt, der Rotunde, die mit ihrem Durchmesser von 108 Metern den Petersdom in Rom übertraf. Rundherum befanden sich, ein Novum bei einer derartigen Ausstellung, thematisch festgelegte Pavillons – wenn man so will: die Geburtsstunde der modernen Freizeitparks. Nicht weniger als 7,2 Millionen Menschen besuchten die Ausstellung.

In den Augen der Zeitgenossen freilich galt die Schau als Misserfolg. Schließlich waren 20 Millionen Besucher erwartet worden. Außerdem überschattete ein gigantischer Börsenkrach die Weltausstellung. Der „Schwarze Freitag“ acht Tage nach der Eröffnung stellte die erste globale Finanzkrise dar, deren Auswirkungen weltweit zu spüren waren. Ausgelöst wurde er nicht zuletzt durch eine Spekulationsblase, die mit überzogenen Erwartungen an die Weltausstellung zu tun hatte. Überdies brach justament während der Ausstellung eine Choleraepidemie aus, die 3.000 Menschen das Leben kostete – es sollte der letzte massenhafte Ausbruch dieser Krankheit in Wien sein.

Der öffentliche Verkehr entsteht #

Der Börsenkrach stellte im Rückblick nicht nur eine erste Warnung dar, welch zerstörerische Kraft entfesselte Finanzmärkte entfalten können, sondern brachte auch das jähe politische Ende des Liberalismus mit sich – und damit den Aufstieg dreier neuer politischer Lager, die in den folgenden hundert Jahren die politische Landschaft Österreichs prägen sollten: die Christlichsozialen, die Deutschnationalen und die Sozialdemokraten.

Für die Weltausstellung wurden – von privaten Unternehmen, nicht von der Stadt – die Grundlagen des öffentlichen Verkehrs in Gestalt eines Netzes von Pferdetramways geschaffen. Viele der damals erbauten Hotels sind noch heute in Betrieb: Imperial, Hotel de France, Regina oder auch das Kummer in der Mariahilferstraße. Außerhalb der Innenstadt wurden für die Besucher der Weltausstellung neue Straßen angelegt und alte verbreitert.

Von der Ausstellung selbst ist baulich kaum etwas übrig geblieben. Von all den Gebäuden überlebten nur der „American Pavillon“, der heute das Café-Restaurant Meierei beherbergt, und die „Pavillons des amateurs“, die als Bildhauerateliers des Bundes an Künstler vermietet werden. Der zentrale Brunnen im französischen Stil wurde von der Stadt Graz erworben und sprudelt noch heute munter im dortigen Stadtpark. Die Rotunde hingegen, lange eines der Wahrzeichen von Wien, wurde 1937 bei einem Großbrand zerstört.

--> www.wienmuseum.at

DIE FURCHE, Donnerstag, 12. Juni 2014