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Wintersport in der Wüstenhitze#

Dubai sammelt Superlative: die Wolkenkratzer sind so hoch wie nirgendwo sonst, die Festival sind extrem gut besucht und die größte Skihalle der Welt befindet sich ebenfalls in dem arabischen Emirat.#


Von der Wiener Zeitung (Sa./So., 16./17. Jänner 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Günter Spreitzhofer


Skihalle von Dubai
Um 60 Euro kann man sich zwei Stunden lang in der Skihalle von Dubai vergnügen.
© Spreitzhofer

Eigentlich bestehen die Vereinigten Arabischen Emirate, kurz V.A.E., aus sieben Emiraten. Abu Dhabi ist das größte und badet fast im Öl. Sharjah ist das konservativste und verbietet Alkohol und Kasinos. Vier kleinere Brüderemirate basteln an Reise-Super-Sonderangeboten bei Hofer und Billa. Und dann ist da noch Dubai. Dubai ist so groß wie das Burgenland, mit einer Bevölkerung von etwa 1,7 Millionen, davon bis zu 75 Prozent Ausländer - ein paar Businessmen aus Europa und Amerika sind auch dabei, aber die meisten sind junge Gastarbeiter aus Südasien. Denn Arbeit gibt es immer noch genug hier, trotz aller Krisenlamenti seit 2008 - und zu staunen auch.

Dubai City protzt gerne mit seinen Superlativen. Nirgendwo zeigt man deutlicher, was man hat: vor allem Geld, 25.000 Kräne und große Pläne. Einigen der rund 70.000 Dollar-Millionäre in Dubai ist die Finanzkrise wahrscheinlich dazwischen gekommen, aber das fällt den meisten Gästen gar nicht auf. 2007 kamen schon acht Millionen, für 2015 waren doppelt so viele eingeplant.

Dubai glaubt jedenfalls zu wissen, was die Gäste wollen: Shopping, Fun and Future. Künstliche Inseln im Wasser, in Form von Palmen oder gleich der ganzen Welt. Dune-Bashing, das sind Jeep-Safaris, und Luxus-Vergnügungsparks im Sand. Dazu arabeske Hotelanlagen, wenn möglich mit Blick auf Palmen und Meer. Letzteres hat sommers Temperaturen von über 37 Grad, deshalb sind die Hotelpools hier manchmal sogar gekühlt.

Hoch hinaus#

Kein architektonischer Traum ist verboten und kein Wolkenkratzer zu hoch. Seit 1990 sind über 200 Häuser entstanden, die mehr als 150 Meter hoch sind, weitere 69 überragen 200 Meter, sieben sind gar höher als 300 Meter. Das Burj al Arab, der 321 Meter hohe Hotelturm mit sieben Sternen und der Form eines Segels, hat als Wahrzeichen jedenfalls fast ausgedient: Das Burj Khalifa ist derzeit das höchste Gebäude der Welt und wurde 2010 auf 828 Meter aufgestockt - sieben mal höher als der Wiener Stephansdom. High Life am Golf eben. Und innen so ultracool, dass draußen Kameralinse und Sonnenbrille beschlagen.

Selbst manche Wartehüttchen für öffentliche Stadtbusse sind klimatisiert, die Glasburgen sowieso, denn erst Air-Con macht die arabischen Sommer erträglich. Die alten Windtürme haben nur mehr historische Bedeutung, auch die kühlen Lehmkeller von seinerzeit sind längst nicht mehr schick genug.

Protzige Porsches parken in den Tiefgaragen der Mall of the Emirates, angeblich das größte Shoppinggelände außerhalb Nordamerikas. Im Hintertrakt ist die größte Skihalle der Welt längst eisige Wirklichkeit: Ski Dubai, ein Kunstschnee gewordener, wahrscheinlich uralter arabischer Menschheitstraum - 85 Meter hoch, 80 Meter breit, 21 Schneekanonen, mit 3000 Quadratmetern der größte Schneepark der Welt, direkt vor den Balkonen der Luxus-Ski-Chalets des Kempinski- Hotels. Nachts rieselt Schnee von der Plastikdecke vor den Fenstern, tagsüber Musik. Und Pistenraupen sind in den V.A.E. noch so selten, dass ihnen manche stundenlang zuschauen können. Eigentlich ist alles da, was es für Wintervergnügen braucht: Eine Skihütte, die garantiert lawinensichere Avalanche Bar bei der Mittelstation des Vierersessellifts, mit alkoholfreiem Glühwein und Heizstrahler. Dazu fünf Pisten und eine Skischule, Förderbänder und Quarterpipes für bis zu 1500 Tagesgäste, die aber höchstens freitags kommen. Erstaunlicherweise kennen die wenigsten DJ Ötzi, machen oft auch lieber im Pinguinland Selfies oder lassen sich in gewaltigen, durchsichtigen Schneeflockenkugeln hügelabwärts rollen.

25 Tonnen Schnee werden täglich erzeugt, jährlich 300.000 Paar Ski(wegwerf)socken verschenkt. Der Sessellift bewegt sich im Schneckentempo, um arabischen Familien mit Leih-Moonboots, Mütze und Handschuhen - die gibt es in den Shops vor dem Eingang zuhauf - eine angstfreie Premiere in der Winter-Wonder-World bei minus zwei Grad zu ermöglichen.

Um rund 60 Euro für eine Zwei-Stunden-Karte ist jeder dabei - Leihski, Leihschuhe, Socken, Leihstöcke, selbst der Skianzug ist inklusive. "Wir kommen jährlich für ein paar Tage", sagt Vaclav aus Znaim. "Ist schließlich billiger als Gletscherskifahren in Österreich". Dort ist der Höhenunterschied allerdings größer als die knapp hundert Meter hier. Für die Stadtmeisterschaften von Abu Dhabi reicht’s jedoch allemal, auch ohne Jägermeister, dafür mit viel Red Bull - irgendwo müssen die Pistenraser ja ihre Flügel hernehmen, wenn schon der Pflugbogen noch nicht sitzt. Der Energieverbrauch der Anlage bleibt ein gut gehütetes Geheimnis, so großzügig die Werbemaschinerie ansonsten läuft.

Das Emirat Ras al Khaimah, Dubais kleiner Bruder, der gerne RAK genannt werden will, kann da nicht nachstehen. Der "Iceland Waterpark" dort hat viele Plastikeisbären auf Rodeln und Pinguine mit Schal - in Überlebensgröße natürlich - auf dem Parkplatz aufgebockt. Drinnen tosen die größten künstlichen Wasserfälle der Welt: Auf einer Breite von etwa 180 Metern und einer Höhe von rund 40 Metern rauschen in den Penguin Falls jede Minute gigantische Wassermengen in die Tiefe.

Künstlicher Winter#

Laut Wetterbericht von Al Jazeera hätte es draußen 50 Grad im Schatten, wo immer dieser zu finden sein könnte. So zeigt das Autothermometer, trotz Klimaanlage, erfrischend angenehme 42 Grad. Wasser ist weit und breit keines in Sicht, auf der Autobahnfahrt in das nordöstlichste Emirat an der Grenze zur Halbinsel Musandam, die großteils Staatsgebiet des Oman ist. Kahle Bergketten tauchen im diesigen Dunst nur schemenhaft auf, angeblich soll es oben bisweilen etwas Schnee geben. Laut "Gulf News" könnte einer der Hügel teilweise überdacht werden, für eine richtige Ganzjahres-Skipiste. Auch eine 36 Kilometer lange Stichstraße zum Gipfel des Jebel Jais auf 1900 Metern Höhe steht vor der Fertigstellung, eine Resortanlage in Gestalt eines gigantischen Adlernestes - geplant vom Office for Metropolitan Architecture - ist in Projektierung. "Derzeit experimentieren wir mit Techniken, die im Winter ausreichend Schnee und Eis erzeugen", sagt Salem Sultan Al Qassimi, Vorsitzender der Zivilluftfahrtsstelle von RAK.

Bis dahin muss sich die Zielgruppe wohl mit Jetski und Wasserski begnügen und hoffen, dass der avisierte Real-Madrid-Themenpark in RAK in die Umsetzungsphase kommt. Kein überraschender Schritt: Emirates, Dubais nationale Fluglinie, verfügt bereits über Partnerschaften mit europäischen Topklubs wie AC Milan, Real Madrid oder Paris Saint-Germain und hat sich 2004 die Entscheidungshoheit über den britischen Traditionsverein Arsenal London gesichert. Ein Spielzeug mehr.

Seit 2006 ist das Wochenende auf Freitag und Samstag verlegt worden, um Shopping Trips zu erleichtern. Shopping als Entertainment und Event erfindet sich alljährlich neu - seit 1996 ist das mehrwöchige Dubai Shopping Festival ein Fixpunkt im Veranstaltungskalender, das Jahr für Jahr Millionen Besucher anlockt.

Tourismus sorgt schon heute für mehr als ein Viertel der Staatseinnahmen. Das sollte deutlich mehr werden, denn die Ölvorkommen gehen zur Neige und Plan B, die Zukunft als Finanzdienstleistungszentrum, scheint derzeit reichlich unsicher. Denn seit Beginn der globalen Finanzkrise 2008 sind viele Megaprojekte sanft entschlafen.

Für die touristische Vision fehlen noch rund 30.000 Betten und ein neuer Flughafen, der - richtig erraten - natürlich der weltgrößte sein könnte und im Endausbau für 120 Millionen Passagiere jährlich konzipiert sein soll. Neue Stadtteile wie Bawadi, die arabische Variante von Las Vegas, mit 31 neuen Hotels und 29.000 Betten, wurden jedoch 2014 endgültig auf Eis gelegt. Allein das Asia-Asia Hotel hätte 6500 Gäste beherbergt, wäre es je fertig geworden. Auch die Eröffnung des Hydropolis, ein Zehn-Sterne-Unterwasserhotel, zwanzig Meter unter dem Meeresspiegel mit Zimmerpreisen von 5000 US-Dollar pro Nacht, wurde storniert. Selbst der "Queen Elizabeth 2", die vor geraumer Zeit in Dubai ihren letzten Hafen gefunden hat, ging es schon einmal besser: Das legendäre Kreuzfahrtschiff sollte bis 2015 zu einem schwimmenden Hotel mit bordeigenem Einkaufszentrum werden, liegt aber noch aufgedockt in Port Rashid.

Die Palmeninseln#

Das Hotel Atlantis auf den Jumeirah Palmeninseln (Palm Jumeirah) ist dagegen schon fertig. Über einen sechsspurigen Autotunnel erreichbar, wurde die Anlage im Herbst 2008 eröffnet und besitzt bescheidene 1539 Zimmer, einen Wasser-Vergnügungspark von 17 Hektar und eine eigene Shoppingmeile. Die Landaufschüttungen vor der Küste, vielfach in Gestalt von Palmeninseln aus der Vogelperspektive, nehmen Gestalt an, auch wenn das Projekt Palm Deira momentan auf Eis liegt.

"DubaiLand" wird noch ein wenig brauchen, bis es Disneyland in den Schatten stellen kann: Der Baustopp im größten Freizeitpark der Welt wurde 2013 aufgehoben. Bis 2020 rechnet man mit bis zu 200.000 Gästen täglich, auch wenn die Wasser-Vergnügungsparks wie Aqua Dubai und Aqua Dunya zunächst einmal trocken bleiben werden. Ob sich das Dubai Wheel - das größte Riesenrad der Welt, was sonst? - je drehen wird, liegt ebenfalls noch im Dunst der Wüste.

Tausend und ein paar Nächte: Viel länger sollte es kaum mehr dauern, bis das moderne Märchen am Golf sein Happy End gefunden hat. Oder auch nicht, sagen nicht nur Skeptiker des vereinigten emiratischen Größenwahns. Themenparks sind vor allem wichtig, wenn gesellschaftliche Themen fehlen, die über protziges Moneymaking und Steigerung von Touristenzahlen hinausgehen.

Günter Spreitzhofer, geb. 1966, ist Lektor am Institut für Geographie und Regionalforschung an der Universität Wien; Arbeitsschwerpunkte: Tourismus, Urbanisierung & soziokulturelle Transformation, Umwelt & Ressourcen.

Wiener Zeitung, Sa./So., 16./17. Jänner 2016