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Rauschen im Häusermeer#

Auf dem Weg zu einer modernen Metropole: Wie sich Wien zur Zeit der Weltausstellung in den 1870er Jahren akustisch, optisch und olfaktorisch präsentierte.#


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus der Wiener Zeitung (Sa./So., 10./11. Mai 2014)

Von

Peter Payer


Pferde-Tramway, 1868
Pferde-Tramway, die vom Schottenring nach Dornbach verkehrte, Aquarell, 1868.
© Abbildung: Wien Museum

Wer Anfang der 1870er Jahre von einem erhöhten Punkt auf die Stadt Wien blickte - sie zählte inklusive der Vororte knapp eine Million Einwohner -, dem kam wohl ziemlich bald ein treffender Begriff in den Sinn: "Häusermeer". Schon Adalbert Stifter hatte davon in seinen berühmten Schilderungen gesprochen, nun - nach dem Abbruch der Befestigungsanlagen und dem sukzessiven Zusammenwachsen der inneren und äußeren Stadtteile - begann es unumstößliche Realität zu werden: Immer mehr breitete sich die Verbauung aus, ehemals klar erkennbare Bereiche verschmolzen zu einer kontinuierlichen Stadtlandschaft.

Ein überwältigender Eindruck, auch im akustischen Sinne, denn so statisch das Gesehene auch war, die in unsichtbarer Tiefe sich abspielenden Bewegungen von Menschen und Gütern drangen nur allzu deutlich an die Oberfläche. So bemerkte Julius Rodenberg, Dichter und Journalist und aus Berlin zur Wiener Weltausstellung 1873 angereist: "Dumpf, aus weiter Ferne, vernimmt man das Rauschen und Brausen des Wiener Lebens wie einen Ocean."

Hörbares Treiben und Schaffen der Weltstadt#

Der akustische Raum der Stadt hatte sich durch die voranschreitende Versiegelung des Untergrundes und das Anwachsen der geschlossenen Verbauung grundlegend gewandelt. Der Großteil der Wiener Verkehrsflächen, vor allem in der Innenstadt, war bereits gepflastert, die Zahl wie auch die Höhe der Gebäude waren gewachsen. Eine steinerne Stadtlandschaft entstand, mit zum Zentrum hin immer tiefer werdenden Straßenschluchten, in denen sich die Schallwellen vielfach reflektierten. Dies registrierte auch der Schriftsteller und Publizist August Silberstein. Schon von der Ferne nahm er ein "Getöse" wahr, das ihm wie das "Zusammenbrausen von unzähligen rollenden donnernden Eisenbahn-Courierzügen" schien, absolut positiv konnotiert als "das hörbare Schaffen und Treiben der Weltstadt". Von der Nähe erkannte er: "Die hohen Häuser halten den Schall zusammen und verstärken ihn."

Die Stadt war im Begriff groß und laut zu werden, das empfanden immer mehr Zeitgenossen. Wesentlichen Anteil daran hatte die schier unüberblickbare Anzahl an Baustellen. Nicht nur bei den Großprojekten Ringstraße und Donau- bzw. Donaukanalregulierung, auch an unzähligen anderen Orten wurde aufgegraben, abgerissen, um- und neugebaut. Zugleich hatten auch die Verkehrsdichte und die damit verbundenen Straßengeräusche deutlich zugenommen. Während im innerstädtischen Nahverkehr noch lange Zeit die Fußgänger dominierten, stand für die Zurücklegung größerer Distanzen mittlerweile eine Vielzahl an pferdegezogenen Wagen zur Verfügung. Das Klappern der eisenbeschlagenen Hufe, das Knarren der Wagen und Rumpeln der Räder auf dem granitenen Kopfsteinpflaster, dazu das Geschrei der Kutscher, waren ständige Begleiter.

Hinzu kam die Pferdetramway, die 1865 eingeführt, auf der Ringstraße und von dort aus in die Vororte verkehrte. Schon von weitem waren ihre charakteristischen Laute zu vernehmen: das Pferdetrappeln und Wagenrattern, das metallische Quietschen der Räder, das Glockenläuten des "Conducteurs". Am eindringlichsten aber war wohl das ständige Klingeln der am Zaumzeug der Pferde angebrachten Glöckchen, das als Dauerwarnton für die übrigen Verkehrsteilnehmer gedacht war und der Pferdetramway den Spitznamen "Glöckerlbahn" einbrachte.

Neben den diversen Fahrzeuggeräuschen war auch die menschliche Stimme ein vertrauter Klang der Straße. So gab es eine Unzahl an Wanderhändlern, die ihre Waren und Dienstleistungen lautstark anpriesen, vom Scherenschleifer über die Lavendelfrau bis hin zum Aschenmann und Maronibrater. Ihre Kaufrufe, die als "Cris de Vienne" in die Literatur eingingen, gehörten unabdingbar zur auralen Charakteristik des öffentlichen Raumes.

Ebenso wie die Darbietungen der zahllosen Straßenmusiker, vom Harfenisten, Gitarristen und Sänger bis hin zum legendären Werkelmann. Wenngleich sich ihre Zahl aufgrund strenger polizeilicher Restriktionen sukzessive verringerte, musizierten sie doch nach wie vor regelmäßig an ausgewählten Plätzen der Innenstadt, vor allem aber in den Straßen und Höfen der Vorstädte. Nicht nur zur Freude der Anrainer. Vor allem gegen die als nervtötend erlebte Musik der Werkelmänner regte sich zunehmend Widerstand und man fragte aufgebracht, woher solch "patentirte Banditen und ehemalige Vaterlandsvertheidiger dass Recht haben, jedermann durch unausgesetztes Ableiern des Radetzky-Marsch zu Tode zu quälen". Schließlich gab es auch das Geläute der Kirchenglocken, welches das geschäftige Treiben der Stadt übertönte, den ganzen Tag, das ganze Jahr über. Im katholisch geprägten Wien war es vor allem die "Pummerin", seit 1711 vom Nordturm des Stephansdomes erklingend, die gleichsam zum akustischen Erkennungszeichen der Stadt geworden war.

Duftspuren und Dünste auf Plätzen und Gassen#

Auch das urbane Geruchspanorama wurde durch die Anwesenheit der zahllosen Pferde und anderen Zugtiere maßgeblich geprägt. Ihre Ausdünstungen und Exkremente verteilten sich auf den Standplätzen und Fahrbahnen, hinterließen dort unüberriechbare Duftspuren.

Wollte man die Luftqualität der Stadt verbessern, was sich auch aus hygienischen Gründen dringend empfahl - die Angst vor gesundheitsschädlichen "Miasmen" war seit den Choleraepidemien allgegenwärtig -, galt es vor allem die Kanalisierung und Straßenreinigung zu intensivieren. Doch erst die forcierte Pflasterung der Straßen, vor allem aber die Inbetriebnahme der Ersten Wiener Hochquellenwasserleitung im Oktober 1873 brachten eine spürbare Erleichterung. Nun war erstmals ausreichend Wasser vorhanden, um die Straßen regelmäßig bespritzen zu können und den Unrat in das Kanalnetz zu spülen.

Damit hoffte man auch einem anderen dringenden Problem Herr zu werden: dem altbekannten Staub. Dass sich über der Stadt nicht selten eine "Decke von Dünsten" ausbreite, das liege, so der Ingenieur und Experte für Stadthygiene Elim Henri D’Avigdor, vor allem am Staub und am Rauch, der in großen Mengen den Schornsteinen der Wohnungen und Fabriken entströme. Und auch an den üblen Ausdünstungen der Flüsse, die die Abwässer der Kanäle ungeklärt aufnahmen. Besonders deutlich wahrnehmbar war das an den Ufern des Donaukanals sowie am Wienfluss. Über die Besucherinnen des Stadtparks hieß es spöttisch, sie seien "durchgehends stark parfümirt, um die Mißgerüche des nahen Wienflusses zu betäuben." Auch den städtischen Gesundheitsbehörden waren die Übelstände nur allzu bekannt. Die Regulierung der Wien und ihre Einwölbung, wie erfolgreich am Alserbach praktiziert, wurde daher dringendst gefordert.

Durchaus eindrucksvoll und von Besuchern immer wieder lobend erwähnt, stellte sich die Beleuchtung der Straßen und Plätze dar. Seit 1818 in Wien die erste öffentliche Gasbeleuchtung des Kontinents eingeführt worden war, ersetzten Gaskandelaber immer häufiger die gängigen Öl- und Petroleumlampen. Das Versorgungsnetz war sukzessive ausgebaut worden, mehr als 40.000 Gasflammen züngelten nunmehr in der Nacht, die meisten von ihnen allerdings nur bis 22 oder 24 Uhr (halbnächtig), nur einige wenige durchgehend (ganznächtig).

Absolutes Lichtzentrum war die innere Stadt mit der seit 1865 gasbeleuchteten Ringstraße. Auch die Vorstädte wiesen bereits ein relativ dichtes Netz an beleuchteten Straßen auf, aus denen einige zentrale Lichtachsen hervorstachen, wie die Landstraßer Hauptstraße, die Favoritenstraße oder die Praterstraße als Hauptverbindung zum Weltausstellungsgelände. Eine Sonderstellung nahm die Mariahilfer Straße ein. Vom Kaiserhaus regelmäßig für Fahrten zwischen der Hofburg und Schloss Schönbrunn benutzt, war sie als erste Wiener Vorstadtstraße durchgehend illuminiert. Und auch hervorragende öffentliche Gebäude erstrahlten im Gaslicht, seit April 1868 etwa das in Fertigstellung begriffene Hofoperntheater oder seit Dezember 1871 der Stephansdom. Deutlich weniger beleuchtet waren die Vororte außerhalb der Linie.

Zwar wurde auf der Weltausstellung erstmals eine elektrische Beleuchtung in Form einer Bogenlampe präsentiert, der Schein des rötlich-schimmernden - und im übrigen auch geruchlich durchaus markanten - Gasfeuers war es jedoch, der das nächtliche Stadtbild dominierte. An der Ringstraße mit ihren vierfachen Laternenreihen und auf manch großen Plätzen eine beinahe magische Erscheinung, wie August Silberstein euphorisch bestätigte: "Endlose Zeilen von Gasflammen dehnen sich vor uns, hinter uns, rechts und links in’s Unabsehbare aus, wie ein stetiges Feuerwerk. Zuweilen ist man an Plätzen von einem leuchtenden Riesenringe, von einem Feuerkreise weitaus und rings umgeben, wie im Märchen, es ist märchenhaft schön."

Verschlafene Stadt, kaum Nachtleben#

Das Nachtleben war bescheiden. Nach zehn Uhr abends, wenn die Hausmeister die Tore sperrten und die Stadt dunkel da lag, waren die Straßen beinahe menschenleer. Wiens Ruf, eine verschlafene Stadt zu sein, passte so gar nicht zum erstrebten Image einer Weltausstellungsmetropole. Ein heftiger Diskurs über die Rückständigkeit in dieser Frage entbrannte, doch es sollte noch einige Jahre dauern, bis sich die Betriebsamkeit der großen Stadt, ermöglicht durch forcierten Ausbau der öffentlichen Beleuchtung, auch in Wien bis weit in die Nacht hinein erstreckte.

Noch waren die gewohnten Wahrnehmungs- und Verhaltensweisen ausgeprägt. Die Transformationszeit der Jahre um 1870 ließ allerdings deutlich spüren, dass es nun immer mehr darum ging, sich an die Erfordernisse einer modernen Metropole anzupassen.

Peter Payer ist Historiker, Stadtforscher und Kurator im Technischen Museum Wien. Arbeitet seit Beginn der 1990er Jahre im Schnittbereich von Stadt-, Alltags- und Sinnesgeschichte. Zahlreiche Publikationen, zuletzt: "Unterwegs in Wien. Kulturhistorische Streifzüge" (2013).

--> www.stadt-forschung.at

Wiener Zeitung, Sa./So., 10./11. Mai 2014