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Eine bekannte Unbekannte #

Bertha von Suttner ist heute vor allem als Friedensnobelpreisträgerin bekannt. Das politische Engagement sowie ihre Werke sind weitgehend in Vergessenheit geraten.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE (Donnerstag, 18. Juni 2014)

Von

Julia Danielczyk


Bertha von Suttner
Bertha von Suttner
Foto: © IMAGNO/Austrian Archives

Am 21. Juni 1914 starb Bertha von Suttner im Alter von 71 Jahren. Suttner wusste, dass sie an Krebs erkrankt war, lehnte jedoch medizinische Behandlungen ab, mit den Worten: „Ich habe lange genug gelebt, ich habe in meinem Leben etwas geleistet, wenn meine Zeit abgelaufen ist, so soll es sein.“ Jene Frau, die sich jahrzehntelang unermüdlich für den Weltfrieden eingesetzt hatte, starb exakt eine Woche, bevor die tödlichen Schüsse auf den österreichisch- ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie fi elen. Suttner erlebte weder den Kriegsausbruch, noch die Ermordung ihres Mitstreiters, des französischen Pazifi sten Jean Jaurès am 31. Juli, und auch nicht die Kriegserklärungen, die folgten, bis beinahe die gesamte Welt in diesen Krieg gezogen war. Mehr als zwanzig Jahre hatte Suttner vergeblich vor diesem „Zukunftskrieg“ gewarnt.

Suttner gilt heute als Utopistin, die eine überragende Rolle sowohl in der österreichischen Geschichte als auch international einnimmt. Dabei darf man nicht bloß von einem Aspekt ihres Wirkens sprechen, denn die nonkonformistische Bertha von Sutt ner spielte als Schriftstellerin, Politikerin, Journalistin, Feministin und Pazifi stin eine wegweisende Rolle.

Kritikerin der Mädchenerziehung #

Als Gräfi n Kinsky 1843 in Prag geboren, lebte Bertha mit ihrem Bruder Arthur und der Mutter Sophie in schwierigen Verhältnissen. Schwierig deshalb, weil die Mutter über keine ausreichende Zahl an hochadeligen Vorfahren verfügte und daher als Bürgerliche galt und der Vater, der sie vor Anfeindungen geschützt hatte, kurz vor Berthas Geburt gestorben war. Suttner wuchs mit ungewöhnlichen Bildungsangeboten für Mädchen auf, lernte Französisch, Englisch und Italienisch und las – im Gegensatz zu den jungen Frauen ihres Standes – die Autoren der Weltliteratur. Bis zu ihrem Tod setzte sie sich mit Shakespeare, Goethe, Schiller und auch Dickens auseinander, las die Gedichte des liberalen Staatsmannes und Dichters Anastasius Grün sowie Romane der französischen Schriftstellerin George Sand.

Stets kritisierte Suttner die traditionelle Mädchenerziehung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, die den „lernbegierigen Kinderköpfen Steine statt Nahrung“ vorsetzte. Mit Marianne Hainisch, der Mutter des ersten Bundespräsidenten, war sie eng befreundet und selbst in der Frauenbewegung aktiv. Als sie bei der Familie Suttner als Gouvernante arbeitete, achtete sie darauf, ihre eigenen Ansprüche einzuhalten und gab den vier Töchtern sowie dem Sohn Arthur ausgiebig Musik- und Sprachunterricht.

Gegen Nationalismus und Antisemitismus #

1873, im Jahr der Weltausstellung, trat sie den Dienst an, bereits im Sommer verbrachte sie die Zeit im Waldviertler Harmannsdorf, wo Baron Suttner über ein Landschloss verfügte. Etwa 80 km nördlich von Wien lag das ehemalige Wasserschloss aus dem 17. Jahrhundert, zu dem auch eine Theater- Bühne, eine Kapelle, eine Orangerie und ein englischer Park gehörten. Bertha von Suttner sollte nach mehrjährigen Auslands- Aufenthalten, vor allem im Kaukasus, 1885 mit ihrem Mann Arthur von Sutt ner (sie hatten 1876 heimlich geheiratet) nach Harmannsdorf ziehen und bis zum 60. Lebensjahr hier wohnen. Tagebuchaufzeichnungen geben Auskunft über engstirnige und konservative Ansichten des gesellschaftlichen Umfeldes, unter welchen die fortschrittlichliberale und antiklerikale Bertha litt.

Nach dem Tod ihres Mannes verließ sie das heute denkmalgeschützte Schloss für immer, auch wenn sie die Geschicke dort noch beobachtete sowie unbezahlte Rechnungen aus früheren Jahren beglich. Letzteres war ohnehin erst nach 1905 möglich, als ihr der hochdotierte Friedensnobelpreis zuerkannt wurde. Ihre Nominierung überraschte kaum, war sie doch seit 1875 mit Alfred Nobel befreundet, bei dem sie als Privatsekretärin gearbeitet hatte, und der ihr ein Leben lang zugeneigt war. Nobel, der Erfi nder des Dynamits, ließ sich von ihr später für die Friedensbewegung einnehmen und unterstützte Suttners Friedensgesellschaften und Vereine.

Ihr Roman „Die Waffen nieder!“ (1889) wurde zu einem Bestseller, nicht nur Alfred Nobel, auch Leo Tolstoi sowie andere bedeutende Zeitgenossen bestätigten die – vor allem politische – Bedeutung des Buches. Suttner arbeitete diszipliniert jeden Tag mehrere Stunden am Schreibtisch, sie setzte sich in ihren Artikeln massiv gegen Nationalismus, Antisemitismus und die Verfolgung der Armenier in der Türkei ein, kritisierte offen den damaligen Wiener Bürgermeister Karl Lueger und wirkte unermüdlich im Sinne einer europäischen Idee. In ihrem antimilitaristischen Denken, ihrer nonkonformistischen Haltung, ihrem Schranken niederreißenden, internationalisierenden Engagement war Bertha von Suttner eine hochmoderne Frau, deren Ideen bis heute ungebrochen Gültigkeit habe

DIE FURCHE, Donnerstag, 18. Juni 2014