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Arsenik und Arsenikesser#

Von H. Maurer

Arsenik, Arsentrioxyd As2 O3, in den Alpen oft Hüttrach genannt, hat ein Molekulargewicht 197.82 und eine Dichte von 3.86. Arsenik hat noch viele andere Namen, wie arsenige Säure, Arseniksäure, Acidum arsenicosum, weißes Arsenik, Arsenicum album, Weißmehl oder Gitftmehl. Es wir künstlich meistens durch das Rösten oder Sublimieren arsenhaltiger Erze gewonnen. In der Natur erscheint Arsenik als Oxydationsprodukt von Arsenmineralien, bekannt unter dem Namen Arsenblüte. Es ist ein höchst giftiges Produkt.

Zwei Berufssparten haben sich immer wieder zur Arsenikzufbereitung verführen lassen. Nämlich vor allem Bergleute, die beim Abbau von Gold, Silber, Kupfer, Eisens, Zinn u.a. immer wieder auf arsenikhaltige Mineralien stießen, die bei der Verhüttung der Erze anfielen (darum auch der Name Hüttrach), andererseits Glasbläser, weil zum Erzeugen von hochwertigem Glass oft arsenhaltige Substanzen eingesetzt wurden.

Ab ca. 1300 wird Arsenik in vielen Gegenden Europas bei der Erzgewinnung gewonnen, von Sachsen über Bayern bis zu großen Teilen Österreichs, vor allem Salzburg, Kärnten und Steiermark.

So unscheinbar dieses weiße Mineralprodukt aussieht, so nachhaltig ist es in seiner Wirkung und so vielseitig ist seine Anwendung bei Mensch und Tier, in der Wissenschaft, in der Heilkunde, im Handel, im Gewerbe und in der Industrie, von seiner Eigenschaft als schwerstes Mineralgift, das die Menschheit kennt, gar nicht zu reden. Freilich sind die durch den Handel transportierten Arsenikmengen in keinem Verhältnis zu den großen Gewichtsmengen anderer Bergbauprodukte der Ostalpen gestanden, wie zum Beispiel des Bleis oder des Eisens. Wenn man aber bedenkt, dass bereits 0.1 Gramm Arsenik tödlich wirkt, dann muss man die Menge eines einzigen Fasses Arseniks, das seinen Weg über die Alpen genommen hat (etwa zum Arsenikumschlagplatz Venedig und von dort weiter in den Nahen Osten, vor allem Damaskus) mit anderen Augen betrachten.

Arsenik ist den Durchschnittsbürgern als Gift am besten bekannt. Es gibt spektakuläre Morde, die mit Arsenik (das in immer stärkeren Dosen verabreicht wurde) begangen und wohl viele nie als solche erkannt wurden. Und es gibt Fälle, die wahr sein können, oder die man auch in das Reich von wilden Theorien verbannen kann. Beispielsweise konnte Arsenik in den Haaren Napoleons gefunden werden. In mehr als einem Aufsatz wir Johann Kepler zur Recht oder Unrecht beschuldigt, seinen Lehrer Tycho Brahe vergiftet zu haben, um an dessen Daten über die Bewegung der Planeten heranzukommen: Wegen des letztlich ungeklärt gebliebenen Todes von Tycho Brahe erlangte 2004 eine „Giftmord-Story“ des Journalistenehepaares Joshua und Anne-Lee Gilder eine gewisse Aufmerksamkeit. In ihrem Buch Der Fall Kepler. Mord im Namen der Wissenschaft. (List-Verlag, Berlin 2005) wird Kepler als Mörder mit hinterhältigem Charakter beschrieben. Die deutsche Kepler-Gesellschaft gab 2005 dazu eine Stellungnahme heraus, in der die Giftmord-Story der Gilders als „absurd und abstrus“ dargelegt wird.

Auf Grund seiner Giftigkeit wurde Arsen oft als Mittel zur Schädlingsbekämpfung (Fliegen, Mäuse, Ratten) verwendet. Es war und ist daher auch heute noch relativ leicht zu kaufen, was seine Beliebtheit als Gift zu Ermordung bis auf den heutigen Tag erklärt. Selbst Schiffsplanken wurden mit Arsenik präpariert um sie gegen den Befall von Holzwürmern zu schützen, oder Getreidesaat gegen Ungeziefer. Mit Arseniksalben wurden sogar Kopfläuse bekämpft!

Arsenik wurde aber auch für Produktionsprozesse verwendet, z.B. zur Enthaarung und Konservierung von Tierfellen, Bälgen und Rauchwaren. Arsenik wurde auch von Goldschmieden benötigt, die es bereits im Mittelalter dem Kupfer beisetzten um eine silberglänzende Farbe und höhere Härte zu erreichen. Arsenik wurde in vielen Metalllegierungen verwendet, aber auch zur Erzeugung von Farbstoffen verwendet. Das beliebte „Schweinfurter Grün“ enthält z.B. 38% arsenige Säure. Bonbons, die man in damit grün gefärbtes Papier wickelte konnten so zu ernsten Vergiftungen führen. Zahlreiche Arsenikvergiftungen im 19. Jahrhundert sind auch durch Kleidungsstücke oder Tapeten aller Art entstanden (auf solche Tapeten wird meist der Arsenikgehalt in Napoleons Haaren zurückgeführt.) All dies ist nur ein kleiner Ausschnitt der Verwendung von Arsenik, das man für besonders schönes Venezianer Glas oder Kerzen verwendete, wobei beim Abbrennen der Kerzen auch tödlich Mengen von Arsenikwasserstoff entstehen konnten.

Neben den gefährlichen aber oft auch nützlichen Anwendungen von Arsenik gibt es seine Verwendung für Mensch und Tier, freilich in kleinsten Dosen. Bei dem Konsum von kleinen Mengen von Arsenik von Mensch oder Tier (vor allem Pferden) führt Arsenik zu schöneren Haaren, zu einem volleren Körperbau und größerer körperlicher Leistungsfähigkeit. Da Arsenik über die Haut ausgeschieden wird, tötet es dabei Milben und andere Hautverunreiniger, wurde daher fallweise als kosmetischen Präparate gesehen!

Mit Arsenik wurden über Jahrhunderte verschiedenste Krankheiten behandelt, vom Fieber bis zu Darmgeschwüren! Bis heute wird Arsenik in der Veterinärmedizin verwendet, als Mittel gegen Lungenkrankheiten und chronische Atemeschwerden wie Asthma, aber auch gegen Darmparasiten, Hauterkrankungen usw. Insbesondere waren Waschungen mit arsenikhaltigem Wasser üblich!

Die Gewohnheit, Pferden mitunter auch dem Rindvieh, Arsenik in kleinen Dosen als Beisatz zum Futter zu verabreichen um größere Arbeitsleistungen zu erzielen war in den Ostalpen bis ans Ende des 20 Jahrhunderts vor allem der Steiermark keine Besonderheit.

Was Menschen anbelangt kam es zum Arsenikessen, das von Frauen und Männern aus kosmetischen Gründen (glatte, gesund aussehende Haut) und bei Männern zur Erhöhung ihrer Kräfte verwendet wurde. Anders formuliert, der Genuss des Giftes bewirkt unter bestimmten Voraussetzungen kein langsames Siechtum, sondern hat eine kräftigende Wirkung und ruft ein blühendes Aussehen hervor. Menschen vertragen im Laufe der Zeit größere und größere Dosen des Giftes, ja es kommt zu einer Arseniksucht ähnlich wie bei bekannten Rauschgiften. Arsenikesser gab es vor allem in der Steiermark bis nach dem zweiten Weltkrieg, nicht zuletzt weil eine kleine Dosis ein warmes Gefühl im Magen und eine gelassene Glücklichkeit auslöst, ähnlich wie es einem Gläschen Schnaps oder Branntwein zugeschrieben wird.

Obige Fakten stammen von steirischen Volksmedizinern bzw. aus dem Buch „Arsenik“ von Richard M. Allesch, Verlag Ferd. Kleinmayr, Klagenfurt, 1959. Wir ergänzen diesen Aufsatz noch durch den Teil eines Beitrags von Ludwig von Hörmann: „Genuss und Reizmittel in den Ostalpen“ aus der Zeitschrift des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins, Band XLIII, Jahrgang 1912, S. 78- 100:

Zum Arsenikessen.

Der Genuß dieses Giftes ist in den Alpen viel mehr verbreitet, als man annimmt, nicht allein bei der Stadt-, sondern auch bei der Landbevölkerung. Das Arsenikessen, worüber bereits eine ansehnliche Literatur besteht, kommt vorzüglich in Steiermark vor und zwar im nördlichen und nordwestlichen Teile in den Bezirken von Hartberg, Lamprecht, Leoben, Oberzeiring, ferner im salzburgischen Pinzgau, Pongau und Lungau, in welch letzterem Gebiete der Arsenikbau die Sache begünstigt, in Niederösterreich, in Kärnten mit dem Hauptsitze in der Villacher Gegend und im Gailtal, befördert durch die dortige Pferdezucht, ebenso in Krain. Aber selbst in Tirol findet sich diese üble Gewohnheit ziemlich verbreitet. Sie herrscht in Windischmatrei, Kais und Defreggen, ebenso in der Gegend von Bozen und Meran, im Oberinntal (Pitztal) und vorzüglich im Zillertal. Zwar wurde das mir gegenüber verneint, aber man leugnete es auch in Steiermark, der Hauptdomäne der Arsenikesser.

Die Gründe, welche für die Übung dieser Gewohnheit angegeben werden und die auch ihre wissenschaftliche Erklärung haben, sind bekanntlich mehrfache. Der Genuss dieses Giftes verleiht nämlich nach allgemeiner Ansicht nicht allein Gesundheit, Kraft und Ausdauer bei anstrengender Arbeit, sondern gibt auch „sichern Tritt" und macht schneidig und stark, vor allem aber erleichtert er das Atmen. Man trifft daher diese Gewohnheit vorzüglich bei Leuten, die Kraftleistungen vollbringen oder hart und streng arbeiten müssen, also bei Roblern und Raufern, ferner bei Holzarbeitern, Gemsjägern, Wilderern und Bergführern. Als ich vor einigen Jahren in Vorarlberg bei einer Bergpartie den Gepäckträger, einen baumstarken Burschen, fragte, ob nicht das, was er jetzt in den Mund gesteckt habe, Arsenik sei, sagte er: „Zucker". Erst als ich ihm vorlog, dass ich Arsenikesser sei, gab er es mir zu. „Man steigt leichter", meinte er. Er hatte das Stück Arsenik, das zum mindesten erbsengroß war, aus der Westentasche geholt.

Er war übrigens kein Vorarlberger. Auf meine Frage, woher er es bekomme, sagte er, von einem guten Freunde. Tatsächlich bekommen es diese Leute, wie man zu sagen pflegt „unter der Hand" von Freunden und Bekannten, die es ihrer¬seits wieder auf alle mögliche Weise sich aneignen. Die Erlangung dieses Giftes ist im Hinblick auf die vielseitige Verwendung zu industriellen Zwecken, als Mittel zur Vertreibung von Ratten und anderem Ungeziefer usw., als Beisatz zum Pferdefutter, um die Tiere wohlleibiger und feuriger zu machen, nicht schwer. Diese letztere Verwendung ist auch der Grund, warum man das Arsenikessen in Gegenden, wo starke Pferdezucht betrieben wird, arg verbreitet findet.

Diese Wirkung veranlasst auch in erster Linie das weibliche Geschlecht, sich des Arseniks, das gewöhnlich zwei bis dreimal in der Woche genommen wird (manche geben es ins Bier und nehmen es so zu sich) zu bedienen, um sich eine frische, glatte Hautfarbe, ein glänzendes Auge und eine volle Büste zu verschaffen, freilich nur zu oft auf Kosten der Gesundheit, besonders bei schwächlicheren Gestalten, die eben deshalb das Hauptkontingent stellen, während bei stärkeren Naturen die Folgen, besonders bei mäßigem Genüsse, nicht so gefährlich zu sein scheinen. Die Leute werden, trotzdem sie die Dosen dieses Giftes allmählich von 1/2 Gran bis zu 5 Gran (1 Gran = 47 Milligramm) und noch mehr steigern, oft sehr alt. Ich kannte selbst zwei erst vor kurzem verstorbene Arsenikesser, beide erreichten ein hohes Alter. Auch war die eine der zwei Personen, eine Frau, wiederholt krank, was der Anschauung des Volkes, daß „einem nichts fehlen dürfe, sonst putze es einen", zu widersprechen scheint. Es wird dies wohl besagen sollen, dass der Organismus der Betreffenden in allen seinen Teilen gesund sein müsse. Langlebigkeit gehört übrigens auch zu den Wirkungen, die das Volk dem Genüsse dieses Giftes zuschreibt, sowie Bewahrung vor Krankheiten. So berührt das Arsenikessen einerseits das Gebiet der Hygiene, anderseits das der Kosmetik.

Weiterführendes#

Quellen#

  • Richard M. Allesch: Arsenik; Verlag Ferd. Kleinmayr, Klagenfurt, 1959.