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Schätze vor der Haustür #

Regionalität wirkt: Heimische Pflanzen passen zu unserem Klima und Organismus – und können dadurch optimal ihre Heilkräfte entfalten.#


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 7. April 2016

Von

Karin Buchart


Kräutergarten
Evolution. Zwecks Kommunikation und Abwehr von biologischen Feinden haben Pflanzen ein ausgeklügeltes System von Wirkstoffen entwickelt. Diese können wir uns zunutze machen.
Foto: Shutterstock

Pflanzen sind wahre Anpassungsmeister. Ist das Wetter überwiegend kalt und feucht wie in den Nordalpen, so bilden sie vermehrt Bitterstoffe. Diese wirken „wärmend“ und „trocknend“, erzählen uns alte Kräuterkundler. Mit „wärmend“ meinen sie, es werden Kreislauf und Stoffwechsel aktiviert. Magen, Leber, Galle, Bauchspeicheldrüse und Darm fangen so richtig an zu werken, was wir als Wärme sogar spüren können. „Trocknend“ könnte auch mit „ausleitend“ oder „entwässernd“ übersetzt werden.

Die alte Sprache rund um Kräuter und Heilpflanzen ist recht anschaulich und vermittelt schnell ein Gespür dafür, was da wirklich gemeint ist. „Kühlende“ Wirkungen sind in unseren Breiten dagegen nur wenig ausgeprägt. Denken wir nur an Marokkanische Minze oder an zitronige Verbene, die wir im Sommer als so angenehm wahrnehmen. Diese Pflanzen passen nur eine recht kurze Zeit in unser Klima. Pflanzen von der Wiese nebenan tun uns also gut, weil sie das Klima ausgleichen. Salbei soll seit dem Altertum heilkundliche Verwendung genießen. Wenn das nicht Vertrauen erweckt! Er ist eine der Pflanzen, die von einer Generation zur nächsten empfohlen wurde, weil sie immer wieder geholfen hat.

Als „traditionell“ stuft die UNESCO Kommission jene Heilpflanzenanwendungen ein, die zumindest über drei Generationen angewendet wurden. Das klingt nicht besonders aufregend, doch immerhin wurde die Praktik zweimal an Nachkommen weitergegeben. Und wir erzählen nur das weiter, wovon wir wirklich überzeugt sind.

Eine bunte Magerwiese mit vielen Kräutern tut uns schon beim Anblick gut. Wenn wir genauer hinschauen, erkennen wir ein Gänseblümchen, das uns gelb und weiß entgegenstrahlt, das Johanniskraut mit überraschend roter Farbe beim Verreiben, duftenden wilden Thymian und nussig schmeckende Spitzwegerichknospen. Wenn wir eine Malvenblüte im Mund zergehen lassen, spüren wir die Pflanzenschleime, die die Schleimhäute einhüllen, sie sanft abschirmen und schützen. Kräuter strengen sich ziemlich an, um Fraßfeinde fernzuhalten – und wirken gleichzeitig betörend auf unsere Sinne. Heilpflanzen haben einiges zu bieten, um Aufmerksamkeit zu erregen. So brauchen wir uns nur treiben lassen von Düften und Farben in Wald und Wiese und finden schnell alles, was uns guttut.

Wer sich mit der Heilpflanzenwelt näher befasst, dem tut sich eine unendliche Weite auf. Von volksheilkundlicher Anwendung bis zu philosophischen Erkenntnissen kann beinahe jeder in ihr lesen wie in einem tiefgründigen Buch. Und trotzdem sind die überlieferten Praktiken einfach. Das notwendige Grundwissen erlernen wir am besten, indem wir einer erfahrenen „Kräuterhexe“ über die Schultern schauen. Handwerke werden im „Meister-Schüler- Prinzip“ vermittelt. Nur in dieser Weise setzt sich das Gefühl in den Händen, der Duft in der Nase und die Konsistenz im Mund fest. Die verwendeten Pflanzen wie Löwenzahn oder Holunderblüten sind bekannt und die Rezepturen simpel.

Beobachten, riechen und schmecken #

Was wir lernen müssen, sind die Grenzen der Pflanzenauswahl bezüglich Giftigkeit und Ökologie und die Grenzen der verwendeten Menge. Dies ist ein heikler Punkt, meinen wir doch heute meistens, mehr sei besser: Neueinsteiger in der Heilpflanzenwelt trinken ihren Kräutertee stets viel zu stark. Nach und nach kommt die Erkenntnis, dass eine geringere Kräuterdosis mehr Geschmack, Bekömmlichkeit und manchmal sogar Wirkung bedeutet.

Kräuter
Kräuter
Foto: Shutterstock

Trocknen, einsalzen, einzuckern, Öl- oder Schnapsauszüge – eine Vielzahl von Praktiken bringen die Heilpflanzen in eine Form, in der sie haltbar sind und die Wirkstoffe gut verwertbar werden. Spannend sind traditionelle Praktiken auch deshalb, weil sie durch Versuch und Irrtum über Jahrhunderte ausgeklügelt wurden und meist sogar nach den heutigen Erkenntnissen der modernen Wissenschaft Sinn machen. So wurde etwa der Spitzwegerich stets frisch und unerhitzt verwendet. Seine wichtigsten Inhaltstoffe, empfindliche Pflanzenschleime und Aucubin, sind ein natürliches Antibiotikum und vertragen keine hohen Temperaturen. Die Volksheilkunde nimmt das frisch gepflückte Spitzwegerichblatt zerknüllt bei Insektenstichen oder als kalt hergestellten Sirup. Diese Praktik finden wir in vielen Ländern, denn in seiner Anspruchslosigkeit hat der Spitzwegerich beinahe alle Länder des Globus erobert. Ein Tipp zur Zubereitung: In ein großes Ein-Liter- Schraubglas werden geschnittene Spitzwegerichblätter abwechselnd mit Kandiszucker geschichtet und festgedrückt. Das verschlossene Glas mit dem wertvollen Inhalt braucht nun einige Monate, bis sich aus den frischen Blättern ein dunkler, fermentierter Hustensaft abgesetzt hat. Dieser hilft bei trockenem Reizhusten.

Die Heilpflanzenkunde ist jener Teil der Volksheilkunde, den Naturwissenschafter am liebsten mögen. Was Pharmazeuten „Pflanzenwirkstoffe“ oder Ernährungswissenschafter „sekundäre Pflanzenstoffe“ nennen, sind Inhaltsstoffe, deren Wirkungen rational nachvollziehbar sind. Diese analytischen Wissenschaften katalogisieren gerne und sprechen den Einzelteilen bestimmte Eigenschaften zu. Die Pflanze als Gesamtes ist jedoch ein derart komplexes biologisches System, das uns immer wieder überrascht. Deshalb ist es gar nicht verwunderlich, wenn anerkannte Experten wie Reinhard Saller vom Lehrstuhl für Phytotherapie an der Universität Zürich bereits meinen, man solle bei therapeutischen Anwendungen die gesamte Pflanze wirken lassen.

Rituale, Bräuche und Sprache #

Regionale Heilpflanzen stehen im jeweiligen kulturellen Kontext. Sie sind eingebettet in Rituale und Bräuche: Das hilft uns, sie in Jahreskreis, Ernte, Verarbeitung und Verwendung gut einzuordnen. Johanni am 24. Juni erinnert uns an Johanniskraut und Johanninüsse und sagt, es ist Zeit zum Ernten. Am 15. August beginnt der Frauendreißiger, eine Zeit der Marienverehrung bis 12. September. Der Kräuterbuschen mit einer magischen Zahl von 7, 9 oder 77 verschiedenen Kräutern wird gebunden, geweiht und getrocknet. Dieser Kräutervorrat verwandelt die Rauhnächte in Rauch: sie verrauchen zusammen mit Weihrauch zu einem desinfizierenden Nebel, der unsere Nasen an frühe Kindertage erinnert.

Jetzt im Frühling, wenn die hellgrüne Kraft das alte Braun verdrängt, ist die Sehnsucht nach frischen Pflanzen besonders groß. Hellgelbe Schlüsselblumen und dunkelgrüne Bärlauchspitzen laden uns zum Pflücken ein. Viele Wildkräuter, die wir als ungiftig kennen, können wir auch essen. Dabei reichen ganz kleine Mengen wie ein bis drei Esslöffel frisches Kraut pro Tag, um von den Pflanzenwirkstoffen zu profitieren. Auf einem Frühlingsstreifzug durch die Wiesen spitzt die Brennnessel ebenso heraus wie der junge Giersch, die Taubnessel und Gundelrebe. Scharbockskrautblätter können wir vor der Blüte pflücken, und wenn wir ein Bächlein finden, ist auch die Brunnenkresse nicht weit. Spitzwegerich und Löwenzahn gehören auch in den gesunden Frühlingsmix. Und jetzt heißt es gar nicht lange „herumkochen“, sondern einfach kosten – oder erstmals den eigenen Smoothie pürieren.

Die Autorin ist Ernährungswissenschafterin und Kolumnistin.

DIE FURCHE Donnerstag, 7. April 2016

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