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Eine weitverzweigte Spurensuche #

Das Wissen um die Heilmittel unserer Vorfahren erfährt heute zunehmendes Interesse. Über die Wurzeln der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM). #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 7. April 2016

Von

Sonja Bettel


Apothekerschrank
In neuem Licht. Im Heilsystem der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) finden sich verschüttete Kenntnisse, die heute neu bewertet werden. Sie haben etwa im Kurbetrieb bereits Einzug gehalten.
Foto: Shutterstock

Hildegard von Bingen Die mittelalterliche „Kräuternonne“ (1098–1179) startete einen der ersten Versuche, die klassische Gelehrtenmedizin mit der Volksmedizin zu verbinden. Dieses Anliegen fällt heute in den Bereich der Ganzheitsmedizin. Menschen dürften schon immer von der Wirkung bestimmter Pflanzen gewusst haben. Systematisch damit auseinandergesetzt haben sie sich zumindest seit der Antike. Hippokrates, Theophrastos und später Dioskurides haben Pflanzen und ihre Heilkräfte dokumentiert. Ihre Werke wurden weit verbreitet, übersetzt und interpretiert. Die Arzneimittellehre von Dioskurides ist eines der einflussreichsten Werke in der Geschichte der Medizin und Pharmakologie. Hippokrates begründete zudem die Säftelehre, die den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer vier Körpersäfte mit den dazugehörigen Temperamenten und Organen zuordnet. Galenus entwickelte diese Humoralpathologie weiter, die heute noch eine Grundlage der Traditionellen Europäischen Medizin (TEM) ist.

Der Begriff TEM fasst über Jahrtausende entwickeltes Wissen zusammen, ist aber keine klar definierte Lehre. Der Name ist als Reaktion auf die steigende Beliebtheit der TCM, der Traditionellen Chinesischen Medizin, zu verstehen. Man besann sich darauf, dass wir auch in Europa ein umfangreiches Wissen um die Heilkraft von Pflanzen haben, die noch dazu vor unserer Haustür wachsen. Vieles war im Zuge der Entwicklung industriell hergestellter Medikamente in Vergessenheit geraten, manches wurde als „Hausmittel“ weiter angewendet.

Hildegard von Bingen
Hildegard von Bingen. Die mittelalterliche „Kräuternonne“ (1098–1179) startete einen der ersten Versuche, die klassische Gelehrtenmedizin mit der Volksmedizin zu verbinden. Dieses Anliegen fällt heute in den Bereich der Ganzheitsmedizin.
Foto: Shutterstock

Grüner Liebeszauber#

Neben „Kräuterweiblein“ beschäftigten sich im Mittelalter vor allem Mönche und Nonnen mit der Kultivierung von Heilpflanzen und der Zubereitung von Arzneien. Die berühmteste „Kräuternonne“ ist die Benediktinerin Hildegard von Bingen, die bis heute verehrt wird. In ihren naturheilkundlichen Schriften brachte sie das Wissen über Heilpflanzen aus der griechisch-lateinischen Tradition mit jenem der Volksmedizin zusammen und nutzte erstmals die volkstümlichen Pflanzennamen. Dazu mischten sich christliche Visionen und mittelalterlicher Dämonenglaube. Einiges aus ihrem Werk wurde später von Naturheilkundlern wie dem Pfarrer Sebastian Kneipp wieder aufgegriffen und ist immer noch brauchbar. Manches erscheint heute aber skurril oder ist schlicht nicht mehr nachvollziehbar. So schrieb Hildegard über Arnika, dass jemand, der mit der grünen Pflanze berührt wird, so von Liebe betört würde, dass er fortan dumm sei.

Im 15. Jahrhundert trug Paracelsus viel zur Heilkräuterkunde bei, auch die Signaturenlehre: Sie geht davon aus, dass Form, Farbe und Struktur einer Pflanze Hinweise darauf geben, gegen welche Krankheiten sie hilft. So sollen die gefleckten Blätter des Lungenkrauts an Lungenbläschen erinnern und besonders geeignet sein, Lungenkrankheiten zu heilen. Die Analyse der Inhaltsstoffe hat ergeben, dass sich das Kraut, das im Volksmund auch Hänsel und Gretel genannt wird (weil es gleichzeitig blau und rosa blüht), nur als Schleimlöser bei Erkältungen eignet. Die Signaturenlehre wird zwar immer noch in Kräuterbüchern und bei Kräuterwanderungen erwähnt, hat aber keine wissenschaftliche Grundlage.

Erfolgreich erforscht wurden hingegen die Inhaltsstoffe zahlreicher Heilpflanzen und ihre Wirkung. Der Echte Beinwell zum Beispiel, der schon in alter Zeit bei Beinverletzungen, Prellungen oder Arthritis aufgelegt wurde, enthält nach modernen Untersuchungen Allantoin, das Knochen heilt. Bei der Kapuzinerkresse, die mit ihren großen Blättern und den gelben bis roten Blüten auch eine attraktive Gartenpflanze ist, konnte eine antibiotische Wirkung nachgewiesen werden.

Tees und Tabletten #

Heilkräuter geben einem das Gefühl, die Heilung selbst in der Hand zu haben. Einen Tee zu kochen, einen Sirup oder gar eine Salbe herzustellen, ist aber aufwändiger, als eine Tablette zu schlucken. Tees und Auszüge hingegen sind einfach anzuwenden. Hinsichtlich der potenziellen Giftigkeit der Heilkräuter (Dosis) sollte man sich stets informieren.

Pflanzliche Fertigarzneimittel müssen ohnehin behördlich zugelassen werden. Dafür sind Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit nachzuweisen. Bestimmte Phytopharmaka dürfen im vereinfachten Verfahren als „traditionelles Arzneimittel“ zugelassen werden, bei dem der Nachweis der Wirksamkeit auf dokumentierter traditioneller Erfahrung (mindestens 30 Jahre) beruht. Diese Registrierung berücksichtigt, dass es eine Vielzahl an pflanzlichen Präparaten gibt, die eine lange Tradition und hohe Sicherheit aufweisen – deren Wirksamkeit sich aber nur schwer mittels klinischer Tests belegen lässt.

DIE FURCHE Donnerstag, 7. April 2016

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