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Chandigarh#

Indien ganz unindisch in der Doppelhauptstadt von Punjab und Haryana#


Von

Günther Jontes


Die offene Hand, das moderne Wahrzeichen von Chandigarh
Die offene Hand, das moderne Wahrzeichen von Chandigarh
Foto: G. Jontes

Findige Geister haben schon im Mittelalter versucht, das Elend gewachsener Siedlungen zu steuern, indem sie Ordnung planten, Städte mit Mauern, Türmen und Toren versahen und im Inneren breite, sich rechtwinkelig kreuzende Straßen um große zentrale Plätze anlegten. Ein solcher Planer war auch König Ottokar II. von Böhmen, nach welchem die ostpreußische Stadt Königsberg ihren Namen trägt, nachdem er nach seinen baltischen Feldzügen das Kolonisationswerk des deutschen Ostens begonnen hatte. Als zeitweiliger österreichischer und steirischer Landesfürst gab er u.a. um 1260 der Stadt Leoben ihr geordnetes Aussehen. Die Planstadt Mannheim ist ein jüngeres Beispiel aus der frühen Neuzeit.

Im 20 Jahrhundert war es durch Industrialisierung und Landflucht zu kaum mehr zu bewältigenden Metropolen gekommen. Einer der ersten radikalen Schnitte war die Neugründung der Hauptstadt des tropischen Riesenstaates Brasilien, die nach Regierungsbeschluss der Architekt Oscar Niemeyer 1956 bis 1960 vollzog. Mitten in die Urwälder Zentralbrasiliens setzte er die neue Hauptstadt Brasilia. Was ursprünglich wie eine Wahnsinnstat aussah, brauchte zwar Jahrzehnte, bis die geplante Groß- und Infrastrukturen sich mit Leben füllten. Heute hat sich aber alles zum Guten gewendet. Das Konzept ist aufgegangen.

Und einer der berühmtesten Architekten des 20. Jahrhunderts, der Französisch-Schweizer Le Corbusier (1887-1965) konnte ähnlich Geplantes in Indien umsetzen. Dort war das ostindische Kolonialreich 1947 unter furchtbaren Geburtswehen in die Unabhängigkeit entlassen worden. Zwei neue Staaten entstand: Indien und Pakistan. Dabei wurde der Punjab von den Briten ganz willkürlich geteilt und Indien sah sich gezwungen für seinen Teil eine neue Hauptstadt zu gründen. Man tat dies in der Nähe des Dorfes Chandigarh, wo genügend Flächen für eine neue Großstadt vorhanden waren. Für die Planung wurde auf besonderen Wunsch von Staatspräsident Jawaharlal Nehru Le Corbusier eingeladen und 1952 der Grundstein gelegt. 1966 waren die Pläne umgesetzt. Inzwischen hatte die indische Regierung „ihren“ Punjab abermals geteilt und 1966 einen Hindi sprechenden eigenen neuen Bundesstaat namens Haryana gegründet. Chandigarh wurde dabei zur Hauptstadt beider Territorien erklärt.

Die Stadt besteht aus Sektoren, denen je ein besonderer Zweck zugeordnet ist. Alles ist dem architektonischen Zeitgeschmack entsprechend in Sichtbeton ausgeführt und hatte damit überhaupt nichts mehr mit den gewachsenen Lebenswelten indischer Städte zu tun. Es brauchte sehr lange, bis Chandigarh wirklich „indisch“ wurde. Immerhin leben dort heute an die 1 Million Menschen.

Gleichsam als Gegenwelt schuf man in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein Gelände zum Amusement der Massen, den Rock Garden, der vor allem von der Jugend frequentiert wird, die hier ein wenig die konventionellen Schranken zwischen den Geschlechtern überspringt, wohl auch manchmal über die Schnur haut.

Während die Stadt für den Besucher kaum etwas Interessantes zu bieten hat, empfiehlt sich ein Besuch des Rock Garden durchaus. Der heimische Designer Nek Chand hat Tradition und Moderne munter gemischt, dörfliche Keramik paart sich mit Zivilisationsmüll, Mensch und Tier aus Millionen von Scherben zusammengekleistert treffen in fröhlichen Scharen aufeinander. Kommt und schaut!