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Die Tsaatan, ein winziges Völkchen von Rentierzüchtern im Norden der Mongolei#


Von

Günther Jontes

Alle Photos wurden vom Autor 2001 aufgenommen und sind Teil des Archives "Bilderflut Jontes".


Selbst nennen sie sich Tyva-Kisch oder Sojon-Uriangchaj und leben hart an der Grenze zum russischen Sibirien in den Bergen nahe dem Chöwsgöl-See, dem neben dem Baikal größten Süßwasserreservoir Eurasiens. Sie gehören nicht zur Gruppe der mongolischen Stammesvölker in der Äußeren Mongolei, sondern sind den turksprachigen Minderheiten zuzurechnen, wie sie auch von den benachbarten Kasachen repräsentiert werden. Diese bilden auch in der Mongolei eine nicht unbedeutende Volksgruppe. Die ethnischen Mongolen sind bekanntlich die nachhaltigsten und nobelsten Vertreter der asiatischen Pferdekultur.

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Der Chöwsgol Nuur oder Chöwsgöl Dalai ist mit 2760 km² nach dem Baikalsee der größte See Asiens. Im Vergleich: Der größte europäische See ist der ungarische Plattensee/Balaton mit 594 km², gefolgt vom Bodensee mit 536 km².

Die Tsaatan sind Rentierzüchter und gleichen darin etlichen ethnischen Minderheiten sowohl in Nordchina als auch im russischen Sibirien. Bekanntlich sind die westlichsten Vertreter dieser eigenständigen Nutztierkultur die Samen im finnischen Lappland, die auch grenzübergreifend in Norwegen und Russland ihr Nomadentum weiterpflegen. Um zu den Tsaatan zu gelangen, muss man vom Chöwsgöl-See aus ins Bergland hinauf. Das Gelände ist so unwegsam, sodass man nur zu Pferd weiterkommt.

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Man kommt durch echten unverbildeten Urwald. Stirbt ein Baum, so fällt er bei Sturm um und die Natur nimmt ihn langsam, langsam wieder an sich, bis er vollkommen verrottet und verschwunden und wieder selber Nährboden für nachkommende Hölzer geworden ist.

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Auch vom Äußeren her unterscheiden sich die Angehörigen des Tsaatanvolkes von den ethnischen Mongolen. Sie haben einen offenen, gastfreundlichen Charakter und leben in engster Verbindung zur Natur. In der Kleidung haben sie sich den Mongolen angepasst. Westliche Gewänder findet man bei ihnen noch nicht.

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Das Rentier wird von den Tsaatan auf vielfältige Weise genutzt. Es liefert Milch, Fleisch, Wolle und Häute. Es ist Transportmittel und sogar Reittier. Dieses Tier mit seinem stattlichen Geweih nährt sich hauptsächlich von Baumflechten, die deshalb auch Rentierflechten genannt werden. Da diese in nicht so üppiger Weise wie das Gras für Pferd, Rind, Schaf und Ziege in den Steppen der Mongolei zur Verfügung steht, sind auch die Tsaatan gezwungen, in kleineren Gruppen zu nomadisieren, Ungefähr 30-40 solcher einzelner Familienverbände ziehen also mit ihren Herden noch dahin und folgen dabei überlieferten Routen. Seit der Öffnung der Mongolei verkaufen die Rentierzüchter die jährlich abgeworfenen Geweih oder die, welche gerade im Bast stehen, weil die chinesische Volksmedizin dafür einen großen Bedarf hat.

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Im Gegensatz zu den ethnischen nomadisierenden Mongolen führen sie keine zerlegbaren Jurten (mong. ger) mit sich, sondern leben in kegelförmigen Hütten aus dünnen Baumstämmen, die in Material und Konstruktion in auffälliger Weise den Tipis der nordamerikanischen Prärieindianer ähneln. Sie sind mit Rentierhäuten, heute wohl auch schon mit Textilien, gedeckt.

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Obwohl die Mongolei seit dem Mittelalter den tibetischen Buddhismus als Staatsreligion übernommen hat, finden sich bei den Tsaatan noch Schamanen (mong. boo, mergen), die ganz in der nordostasiatischen Tradition die Verbindung zu Ahnen und Naturgeistern herstellen, weissagen und als höchste zu erwerbende Fähigkeit auch als Heiler wirken können. Die buddhistischen Lamas versuchen, dieses Schamanentum mit geringem Erfolg einzudämmen. Bekanntlich aber hat die Form des tibetischen Buddhismus viele Eigenheiten des Schamanismus übernommen. Die hier ins Bild gesetzte Schamanin selber war machtlos gegenüber dem Ruf der Geister, obwohl sie sich anfänglich dagegen sträubte.
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Das Gewand für die Ausübung hat bunte Bänder und Spiegel.
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Die Schamanentrommel (tsaa. chingereg) muss nach ganz bestimmten Vorgaben hergestellt werden. Der Rahmen ist aus Lärchenholz und zwar von der zweiten Höhenstufe und der Schattenseite des Baumes. Das Leder stammt von einem dreijährigen Rentier, die Trommel für einen Schamanen von einem männlichen, die für die Schamanin von einem weiblichen. An ihr müssen 13 klingende Eisenstückchen befestigt sein, dazu auch auf dem Gewand, insgesamt 38 Stück. Eisen spielt im Schamanismus eine besondere Rolle. Der Trommelschlegel besteht aus einer Rentierpfote.

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Der Spiegel, in welchem sich die Geister erblicken können, wird während des Weissagens mit dem Schamanengewand vor der Brust getragen.

Auf Befragen gab sie Einblick in ihren Werdegang als Schamanin. Für die Begegnung mit dem Himmel versetzt sie sich durch bestimmte Bewegungen und durch Tanz in Trance. Sie vollführt diese Vorgänge nicht sehr oft, aber doch mindestens einmal im Monat. In dieser Region ist sie die einzige, die dazu psychisch und physisch in der Lage ist. Während der kommunistischen Terrorherrschaft wurden die Schamanen verfolgt und die Vertreter dieser Naturreligion fast vollständig ausgerottet. Heute geht es aber wieder bergauf. Zu tief ist der Schamanismus in der Kultur dieser Völker verankert. Der mongolische Buddhismus steht ihm aber sehr reserviert gegenüber.

Sie selbst war 17 Jahre alt, als sie Schamanin wurde und die Stufenleiter der Fähigkeiten zu erklimmen begann, vorerst als „Schamanin mit dem Stock“. Die zweite Stufe heißt „Läufer“. Mit etwa 24 Jahren kann man dann in die Zukunft sehen. In der dritten Stufe „Tenggri“ (mong. „Götter“) kann man Schutz gegen Böses erwirken. Am erhabensten ist natürlich die Stufe des Heilens, zu welcher sie sich aber noch unterwegs befindet.

Schamane kann man nicht von sich aus werden. Man braucht einen Lehrer. Sie selbst gibt ihr Wissen bereits an ihre neunjährige Tochter weiter. Wenn sie in Trance geistig unterwegs in den Himmel ist, spürt sie nicht, dass sie fliegt. Sie bemerkt um sich nichts, bringt aber Botschaften von dort. Sie spricht dabei in der Sprache der Tsaatan, aber auch Mongolisch. Sie selbst weiß es nicht, wird aber verstanden. Die Menschen stellen Fragen und sie spricht darüber mit den Geistern. Jeder, der kommt, kann dies tun. Nachher ist sie keineswegs ermüdet, sondern fühlt sich ganz leicht. Schamanen, erkennen die Zukunft auf durch eine andere Methode, die es auch im alten China gab. Das Schulterblatt eines Schafes wird erhitzt. Aus der Form der Risse, die dabei entstehen, deutet der Mergen dann dem Fragenden das Zukünftige. Von ihr wird dies nicht geübt.