unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
11

Götter, Menschen und Tiere und ein himmlisches Wunder. #

Das größte Relief der Welt „Herabkunft der Ganga“ im südindischen Mahabalipuram#


Von

Günther Jontes

Sämtliche Fotos sind Aufnahmen des Verfassers aus seinem Archiv "Bilderflut".


Darstellung von Gott Shiva und Asket
Darstellung von Gott Shiva und Asket

An der indischen Ostküste liegt etwa 50 km südlich Chennai (einst Madras) Indien, Chennai , der Hauptstadt des Bundesstaates Tamil Nadu am Meer der Ort Mahabalipuram Indien, Mahabalipuram , den man auch unter dem Namen Mamallapuram kennt. Vom 7. bis zum 9. nachchristlichen Jahrhundert herrschte hier die Dynastie der Pallava. Der bedeutendste aus ihren Reihen war König Mahendravarman (580-630), der sich auch Mahamalla, der „mächtige Ringer“ nannte. Daraus entspringt auch der Zweitname des für indische Verhältnisse eher kleinen Städtchens, das dafür eine ganze Reihe höchst bedeutender historischer Denkmäler aufweisen kann, die zum Weltkulturerbe der UNESCO gezählt werden.

Dazu gehört auch das wahrscheinlich größte aus einer Felswand gehauene Relief, welches den hinduistischen Mythos von der Herabkunft des vergöttlichten Flusses Ganga figurenreich mit handwerklicher und künstlerischer Vollkommenheit darstellt. Das Werk ist 33 m lang und bis zu 12 m hoch. Hunderte Figuren von Göttern, Menschen und Tieren sind zu sehen, die das Wunder der Erscheinung des Flusses auf der dürstenden Erde bestaunen.

Die Interpretation des Dargestellten geht von einem legendären Zustand in fernster Vergangenheit aus, als die Erde unter einer unglaublichen Dürre zu leiden hatte. Im Hindukosmos ist es möglich, dass man die Götter durch strenge Bußübungen gleichsam dazu zwingen kann, dass sie Wünsche erfüllen. So unterzog sich einst ein König Bhagiratha strengster Askese und Gott Shiva gestand ihm tatsächlich zu, dass er die Erde wieder mit Wasser beglücke. Er veranlasste, dass die Flussgöttin Ganga, also der Fluss Ganges, sich vom Himmel herab zur Erde herabfallen ließ. Als dies geschah, erkannte Bhagiratha, dass die Wucht des Stromes die Erde zerschmettern würde. Aber Shiva schaltete sich ein, fing Ganga in seinem Haupthaar auf und so übermächtig ist dieser Gott, dass der Fluss sieben Jahre lang darin herumirrte und dann gebändigt herabfließend die Erde erfrischen konnte. Im altindischen Sanskrit heißt dieser Mythos Gangavatara, die „Herabkunft des Ganges“.

Dieses Meisterwerk gruppiert sich um einen natürlichen Felsspalt, der den Fluss darstellt.

Dies wird dadurch symbolisiert, dass die indischen Kobras hier als Königinnen und Könige des Wassers gleichsam schwimmend dargestellt sind. Sie haben einen Schlangenleib, jedoch Oberleib und Haupt von Herrschern mit Flechtenkrone und Halsschmuck. Man kann sich vorstellen, dass zu Zeiten der Pallavas von oben her Wasser in den Spalt geleitet wurde und die Nagaranis und Nagarajas den andächtig Betrachtenden tatsächlich als Schwimmende erschienen. Als Nagas sind sie durch eine mehrköpfige Kobrahaube gekennzeichnet.

Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Kobras als Königinnen und Könige des Wassers
Die Felswand, die das Relief trägt, setzt sich von einem kleinen Höhlentempel aus nach rechts fort, wobei man erkennt, dass in der unteren Zone ein Teil nicht ausgeführt, sondern nur ganz grob angerissen wurde. Das Relief wurde also nie ganz fertiggestellt.

Höhlentempel
Höhlentempel
unfertiges Relief
unfertiges Relief
Bildhauer, der an einem Götterbild arbeitet
Bildhauer, der an einem Götterbild arbeitet
Lässt uns ein Detail ein Blick in die Arbeit der Künstler tun, die dieses Wunderwerk altindischer Kunst geschaffen haben? Jedenfalls ist unter den menschlichen Gestalten ein Bildhauer zu sehen, der gerade an einem Götterbild arbeitet.

Elefantenfamilie
Elefantenfamilie
Elefantenfamilie
Elefantenfamilie
Elefantenfamilie
Elefantenfamilie

Auch das rechte Ende des Reliefs nimmt nicht die ganze Breite ein. Diese Seite wird von einer ganzen Elefantenfamilie beherrscht, der ein mächtige Bulle voranschreitet. Entzückend anzusehen ist, wie sich die jungen Kälber schutzsuchend unter den Vater gedrückt haben.

Das ganze Wunder beherrscht natürlich Gott Shiva, den man an seiner Asketenfrisur und seinem Attribut, dem Dreizack erkennt, mit welchem er die Erde erschüttern kann. Wer denkt da nicht gleich an den antiken Poseidon mit seiner gleichgestaltet die Wogen aufwühlenden Waffe? Shiva ist größenmäßig, so wie man eben Standesunterschiede in einer überstark geschichteten Gesellschaft zu unterscheiden pflegte, über alle anderen menschengestaltigen Wesen erhoben. Umgeben ist er von Ganas, dickbäuchigen Zwergen, die zum Gefolge von Shivas Sohn, dem elefantenköpfigen Ganesha gehören.

Shiva, Detailansicht
Shiva, Detailansicht
Ganas, Detailansicht
Ganas, Detailansicht
gesamte Szene
gesamte Szene

Der Askese übende König Bhagiratha ist in der typischen Haltung und in der Aufmachung eines altindischen Büßers zu sehen. Nur mit einem Lendentuch bekleidet, abgemagert, auf nur einem Bein stehend hat er seine Arme einander an den Händen haltend über den Kopf erhoben.

Der Askese übende König Bhagiratha
Der Askese übende König Bhagiratha
Parodie: Der Askese übende König Bhagiratha
Parodie: Der Askese übende König Bhagiratha
Der Askese übende König Bhagiratha
Der Askese übende König Bhagiratha

Von welchem Humor der Entwerfer dieser Szene getragen war, erkennt man an der entzückenden Parodie dieser Buße, die von einer Katze links neben der Elefantenfamilie spöttisch veranstaltet wird, zu der sich noch dazu eine Maus gesellt, die ebenfalls ihre Ärmchen hebt. Das könnte die Umsetzung einer altindischen Redensart sein, nach der man nicht falschen Propheten trauen solle.

Weitere Asketen in verschiedenen Haltungen der Meditation sind über das Relief verstreut zu sehen.

Einer davon sitzt und hat sich einen Meditationsgurt um die Knie geschlungen, um zu verhindern, dass er, wenn er in Trance fällt, umsinkt.

Wieder ein anderer sitzt vor einem Tempelchen mit einem Götterbild.

Es zeigen sich noch viele Wesen in menschlicher Gestalt. Es sind dies Götter und außer den Asketen gewöhnliche Menschen des Alltags. Die staunenden Götter kommen durch die Lüfte herbeigeeilt. Sie werden in der altindischen Kunst im sogenannten Knieflug dargestellt, also mit angewinkelten Beinen.

Auch himmlische Musikanten mit dem Unterleib eines Vogels, die sogenannten Kinnaras sind zu sehen, die die Lüfte bevölkern.

Unter Götter und Menschen mischen sich auch Tiere, die in ihren Gesten und Verhaltensweisen ungemein naturnahe dargestellt zu sehen sind. Es soll also ein universales Bild von der Welt entworfen werden. Wie lebendig dieser Mythos noch heute ist, zeigt ein indisches Andachtsbild mit der Herabkunft der Ganga im Stile des 19. Jahrhunderts, das noch immer Verwendung findet.

Asket mit Meditationsgurt
Asket mit Meditationsgurt
Asket vor einem Tempelchen
Asket vor einem Tempelchen
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Götter dargestellt im Knieflug
Tierdarstellungen
Tierdarstellungen
Mensch- und Tierdarstellungen
Mensch- und Tierdarstellungen
Götter- und Affendarstellungen
Götter- und Affendarstellungen
Affendarstellungen
Affendarstellungen
Götter- und Löwendarstellungen
Götter- und Löwendarstellungen
Indisches Andachtsbild mit der Herabkunft der Ganga im Stile des 19. Jahrhunderts
Indisches Andachtsbild mit der Herabkunft der Ganga im Stile des 19. Jahrhunderts