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Feuer befreit die Seele#

Hindubrauch der Kremation auf der Insel Bali#

Von

Günther Jontes

Die Illustrationen wurden vom Verfasser in den Jahren 1976, 1980 und 1987 aufgenommen. Sie sind Teil des Archivs „Bilderflut Jontes“

Der Zusammenhalt von Leib, Seele, Bewusstsein des Menschen zerbricht mit dem Tod. Man spricht von der „seelenlosen Hülle“, den „sterblichen Überresten“ und meint damit den langsam und dann immer schneller sich auflösenden Körper, den es zu beseitigen gilt, bevor er den Lebenden zur Last und damit zur Gefahr werden kann. Ihn so zu erhalten, wie er im Leben gewesen ist, ihn mit verschiedensten Methoden zu konservieren wie es etwa die Ägypter in der Antike getan haben, trägt als Ausdruck materiebezogenen Denkens die Idee in sich, in einem als real gedachten Jenseits ein Leben wie im Diesseits nach dem Tode weiterführen zu können, dessen Qualität von der Ausstattung der Grabbeigaben und der Aufrechterhaltung von Opfern abhängt.

Unabhängig von den Anschauungen über die Behandlung des Leichnams stehen die Meinungen über den Einfluss des abgelegten irdischen Seins auf den Ort, wo dieses Jenseitsleben geschehen könnte. Eine Bilanz der guten und bösen Taten, die in Höllen oder Paradiese führt, kennen nicht nur Hinduismus und der daraus aufstrebende Buddhismus mit ihrem Karmadenken. Auch das Christentum weist auf die Gestalt des beim Jüngsten Gericht die Seelen mit seiner Waage wägenden Erzengels Michael und meint damit eine ähnliche Vergeltungsgerechtigkeit, wenngleich der Seelenbegriff des Ostens sich weitgehend von dem des Christentums unterscheidet.

Ein Blick zurück in die Ur- und Frühgeschichte zeigt, dass im Wechsel und Wandel der Kulturen zwei grundlegende Praktiken einander folgen, bis sie sich in der Neuzeit dann auch parallel etablieren. Gemeint sind die Methoden der Erd- und der Brandbestattung. Begräbnis des Toten in embryonaler Hockerstellung in der Erde, Aufkommen von Grabkammern und Särgen, die von der hölzernen Totentruhe bis zum prunkvollen aus Stein gehauenem Sarkophag reichen und der Bau von Memorialen über der Erde münden im christlichen Funeralbrauch, der davon ausgeht, dass der Mensch dereinst leiblich auferstehen wird, seine abgelegten Hülle also erhalten bleiben müsse. Damit soll er aus dem Grab steigen, wenn die Posaune ruft.

Einen Menschen zu verbrennen, hieße also, dass man ihm die Auferstehung raube und so war sie im wahrhaft „finsteren“ Mittelalter Hexen, Zauberern und vor allem Ketzern zugedacht.

In den homerischen Epen haben wir die frühesten literarischen Hinweise auf die Leichenverbrennung, deren Schilderung sich hier vor allem auf im Kampfe gefallene Helden bezieht. Während der Scheiterhaufen noch loderte, maßen sich seine Streiter im Agon, dem körperlichen Wettstreit, um auf diese Weise den toten Helden zu ehren. Bei den geheimnisvollen Etruskern wurden daraus die Gladiatorenkämpfe. Das reichte bei den Hellenen aber durch alle Volksschichten, wenngleich hier das prachtvolle Dekorum fehlte. Als während der Expansion des Imperium Romanum auch Mittel- und Westeuropa unter die Herrschaft der Römer kam und eine neue Kulturschicht sich über die keltischen Stämme legte, war die Leichenverbrennung eigentlich nur eine Fortsetzung dessen, was schon Jahrhunderte zuvor Brauch in der Zeit der Urnenfelder- und dann der Hallstattkultur gewesen war: Verbrennung auf einem Holzstoß, Beisetzung der Asche in Urnen, Versorgung für das Jenseits und später die Auftürmung von Grabhügeln, den Tumuli. In der Spätantike wurde dann Erd- und Brandbestattung zum Unterscheidungsmerkmal zwischen Heiden und Christen. Im Rationalismus des 19. Jahrhunderts entstand folgerichtig mit kulturellen, technischen, aber auch politischen Implikationen das Feuerbestattungswesen, das von der katholischen Kirche erst 1963 akzeptiert wurde.

Das Judentum verlangt ebenfalls die Ganzkörper- Erdbestattung und der Tote hat das Recht auf ein Grab für sich allein bis zu dem Augenblick, da der Messias erscheint und alles zum irdischen Leben erweckt. Der Islam als ein Amalgam aus jüdischen und christlichen Elementen, das für unveränderlich, da aus göttlichem Munde verkündet gilt, fordert ebenso die Erdbestattung, die auf kargste Weise auch nur so lang dauern wird, bis alles wiedererweckt wird. Wie im Judentum ist der Leichnam unrein. Die Berührung verlangt nach einem Reinigungszeremoniell.

Diese generellen Betrachtungen zeigen auch auf, dass gewisse psychische Gestimmtheiten der Menschheit gemein sind. Das möge uns nun aus unserer westlichen Kultur weit weg nach Osten führen. Im Hinduismus und Buddhismus ist es wichtig, dass die Identität/Seele eines Verstorbenen sich auf den Weg machen kann, um im Kreislauf der Wiedergeburten eine neue Hülle zu suchen. Dabei sind in beiden Bekenntnissen das Wiedererscheinen als Mensch, Tier, Geist bis zu Heroen und Göttern offen. Die neue Gestalt ist Folge der Tatenbilanz im abgelebten Sein, das, was man als Karma bezeichnet.

Um den Weg beginnen zu lassen, muss der irdische Teil beseitigt werden. Dies geschieht durch das Feuer eines Holzstoßes. Besonders der Hinduismus hat dafür ein reich entwickeltes Zeremoniell entwickelt. Erstrebenswerte Ziele, wo diese Verbrennung erfolgen möge, sind etwa der Manikarnika-Ghat am Ufer des Ganges in der heiligsten Stadt Indiens Varanasi/Benares, dort, wo Gott Shiva eines seiner Ohrgehänge niederfallen gelassen hatte. In Nepal ist es der Wallfahrtsort Pashupatinath am Ufer des Bagmati-Flusses, der weit unten in Indien letztendlich ebenfalls in den Ganges mündet. Allein diese Orte sollen im Volksglauben garantieren, dass die Seele nicht mehr in den als schmerzvoll empfundenen Kreislauf der Wiedergeburten zurückkehren muss.

Indonesien ist heute ein fast rein islamischer Staat, der bevölkerungsmäßig sogar der größte der Erde ist. Diese bestimmende Lehre kam im Mittelalter hier weniger durch kriegerische Expansion, sondern durch Kaufleute. Dadurch wurde der von Südindien aus in die Inselwelt gelangte Hinduismus und Buddhismus verdrängt und nur architektonische und künstlerische Meisterwerke wie der Prambanan und der Borobudur künden auf Java heute noch davon.

Der Vorstoß nach Osten erlahmte schließlich in historischen Zeiten und so sind die östlich von Java gelegenen Inseln Bali und Lombok bis heute hinduistisch geblieben, haben ein moderates Kastenwesen beibehalten und ihre religiöse Kultur macht die Buntheit dieser tropischen insularen Welt aus. Dazu zählt auch die Feuerbestattung in einer besonderen Form, wie sie nur hier beobachtet werden kann.

Wie auch andere Kulturen in Südostasien kennt Bali die Form der Sekundärbestattung. Das heißt, dass der Leichnam zuerst begraben und wenn nur mehr die Knochen im Erdreich übrig sind, diese exhumiert und dann nach Maßgabe eines günstigen Termins, den ein Astrologe bestimmt, verbrannt werden. Dies geschieht in einem besonderen Sarg in Gestalt eines mythischen Tieres. Besondere Handwerker sind auf die Herstellung solcher Särge spezialisiert.

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Die Trauernden, an der Spitze der älteste Sohn des Toten, sind in Weiß gekleidet. Das ist die generelle Trauerfarbe in ihrem Charakter absoluter Schmucklosigkeit.

Oft geraten, wie hier im zweiten Bild zu sehen, die Hinterbliebenen in Trance, die durch seelische Aufregung und vorangegangenes Fasten noch verstärkt wird.

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Die verpackten sterblichen Überreste werden in einem hohen, aus Bambus, Flechtwerk, Holz und Papier Begräbnisturm untergebracht und mit diesem in einer Prozession zur Verbrennungsstätte gebracht. Den Turm zu befördern bedarf es vieler Träger, denen die Anstrengung unter einer glühenden tropischen Sonne ins Gesicht geschrieben steht.

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Da ein Bestattungszeremoniell sehr aufwändig und teuer ist, drängen sich auch ärmere Familie um die Turm und es ist ihnen erlaubt, auch ihre Toten auf diese Weise im Rahmen der Zeremonien zu verabschieden.

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Der Verbrennungssarg ist davon getrennt und seine Gestalt gibt Aufschluss über die auf Bali existierende Kastenzugehörigkeit. Ein weißer Stier gebührt einem Brahmanen, also Angehörigen der Priesterkaste, eine weiße Kuh generell einer Frau. Ein Ksatria, also einem Glied der alten Krieger- und Adelskaste, geht in einem Löwen auf die letzte Reise, ein Sudra, also einer der untersten Kaste, ruht in einem Mischwesen. Wenn der Trauerzug das Haus des Verstorbenen verlässt, so verwirren die Träger von Turm und Sarg den Toten und wollen so verhindern, dass seine Seele wiederkehrt und vielleicht Unglück stiftet. Man dreht in alle Himmelsrichtungen, läuft zurück und wieder vor. Es geht turbulent zu.

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Verbrennungssarg eines Ksatria
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Nun schwankt der hohe Turm der Verbrennungsstätte außerhalb des Dorfes entgegen. Dabei muss von dem Zug auch ein Wasserlauf überquert werden. Oben sitzt in einer thronartigen Nische der Brahmane als Priester und weist mit dem Seelensymbol Vogel den Weg zum Scheiterhaufen.

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Die Prozession wird auch von einem Gamelan-Orchester begleitet, das dem Zeremoniell zusätzliche Bedeutung und Würde verleiht.

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Mann mit dem Angklung, einem Rhythmusinstrument aus Holz

Im Leichenzug, der sich zu einer strukturierten Prozession entwickelt hat, werden von Frauen auch Opfergaben und Speisen mitgetragen, denn nach dem Ende der Verbrennung werden alle Teilnehmer bewirtet. Im kontinentalen Hinduismus werden Leichenzug und Verbrennungsritual nur von Männern bestimmt. Die Frauen bleiben dort zuhause.

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Endlich ist man in dem palmenumstandenen Hain angelangt, wo bereits der Scheiterhaufen wartet. Auf diesen wird der tierförmige Verbrennungssarg gestellt. Mit einem besonderen Beil wird dieser geöffnet und aus dem Transportturm die sterblichen Überreste entnommen und in ihm versorgt.

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Die befreite Seele ist mit dem Rauch entschwunden. Was nach der Verbrennung übrigbleibt, wird gesammelt und schließlich dem Meer übergeben. Der Mensch in seiner Leiblichkeit ist wieder in die Natur zurückgekehrt. Die Seele kann sich nun einen neuen Körper suchen, um im Kreislauf der Wiedergeburten weiterzuwirken.