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Tragen, Schleppen, Schultern mit Muskelkraft in Nepal#


Von

Günther Jontes, 2016


Ein antikes Sprichwort sagt, dass der Weise all das, was er brauche, mit sich tragen könne: Philosophus omnia sua secum portans. Damit ist der im Kopf eingeschlossene Verstand mit all seinem Wissen, seinen Einsichten und daraus folgernden Lehren gemeint. Aber was, wenn er sich zur Verbreitung seiner Weisheiten auf eine Reise begibt und sei es nur von Korinth nach Athen, um dort in der Stoa poikilé zu philosophieren, seine Liebe zur Wissenschaft zu präsentieren. Da wäre ihm wohl ein Körblein zupass gewesen, in welchem er einige Feigen, etwas Käse und ein paar Bissen Brot hätte tragen können.

Tragen kann man etwas in der Hand, man kann etwas auch im Arm oder auf dem Rücken tragen. Man kann es mit bloßen Händen oder es mit einem Behälter tun. Es soll so leicht, dass es im wörtlichen Sinn noch erträglich ist. Getragen wird etwas auch im übertragenen Sinn, nämlich im Herzen, sei es schwer oder leicht zu ertragen. Und wenn uns ein Gefühl, eine seelische Last überwältigt, dann wird es uns unerträglich.

Vor allem Frauen tragen Lasten wegen der gleichmäßigeren Verteilung auch auf dem Kopf, bedienen sich dabei wohl auch eines kleinen Pölsterchens, eine wie man bei uns sagt Tragriedls. Dieser Art des Beförderns verdankten einst selbst Bauernmägden ihre königliche Art des Schreitens, wie man es heute etwa bei Indiens Frauen sieht.

Schleppen kann auch bedeuten, dass man etwas hinter sich herzieht, sei es Last oder störrisches Vieh. Aber eine Schlepperei ist auch der Begriff für ein besonderes Sich-Abmühen. Und geschultert haben schon Roms Legionäre ihre Waffen und Ausrüstungen, dazu Verpflegung, Schanzzeug und Reservekleidung. Mit grimmigem Humor nannten sie sich nach Marius, dem großen Organisator von Roms Militärmacht Muli mariani „des Marius Maultiere“. Es ist nämlich nicht alles auf die leichte Schulter zu nehmen.

Heute hat es sich ein großer Teil der Menschheit bequemer gemacht und das hat schon früh begonnen. Der Jäger und Sammler musste Werkzeug, Waffe, Nahrungsvorrat mit sich tragen. Lasten wurden verteilt, man konnte sich nicht mit unnützem Zeug abschleppen, man hatte Fähigkeiten des Dahinziehens ohne Ballast entwickelt. Und das blieb lange so. Wieder vergingen unzählige Jahrtausende, bis der Mensch als Nomade Tiere domestizierte, die ihm nun wie Pferd und Esel, Ochs und Schaf beim Tragen halfen. Das Tragtier und wenn dieses auch den Menschen trug, das Reittier brachte eine neue Qualität in das Tun und wurde zum wichtigen Teil der menschlichen „fortbringenden“ Tätigkeiten. Und dann kam das Rad und mit ihm der Karren und der machte es noch leichter, sein Hab und Gut, seine Waren oder seine Familie weiterzubefördern, diesmal mit tierischer Kraft. Von Dampfmaschine und Automobil will man gar nicht mehr reden und riesige Lasten werden seit geraumer Zeit auch durch die Lüfte befördert.

Und trotzdem: Es gibt im Bewusstsein der heute schon reiferen Generation, dass auch in diesem Zeitalter der Maschinen schwere Dinge mit Muskelkraft bewegt wurden. Unsterblich ist Hans Mosers Frage an einen schweren Koffer und seinen Helfer als Dienstmann geblieben: Wie nehmen mir ihm denn? Und dass dann auch noch der Fachausdruck auf krowotisch fällt, hat dazu beigetragen, dass Stand und Fähigkeiten des Dienstmannes noch nicht vergessen ist.

Damals erscholl auf Bahnhöfen auch noch der Ruf Gepäckträger! Gepäckträger! und damit war nicht etwa das Körbchen am Fahrrad gemeint, sonder ein leibhaftiger Mensch, der seinen Lebensunterhalt damit verdiente, dass er Zugpassagieren die Koffer aus dem Zug holte und sie in einer Zeit, als es noch keine Rolltreppen oder Bahnsteiglifte gab, diese unvermeidlichen Utensilien des Reisens zum nächstmöglichen Verkehrsmittel vor dem Bahnhof schleppte. Auch er ist längst Geschichte.

Trotz allen Fortschritts, der sich weltweit breit gemacht hat, gibt es noch Länder, in denen Muskelkraft noch immer billiger ist, als jedes Transportmittel. Nepal ist eines davon. Wir hören von den sagenhaften Tragleistungen der Sherpas für die Himalayaexpeditionen, die fanatischen Besteiger der höchsten Gipfel der Erde. Aber schon in den Städten und Dörfern Nepals kann man beobachten, was da auf dem Rücken geschleppt wird. Man staune und führe sich diese Bilder zu Gemüte!


Die Fotos wurden von 1974 bis 2015 vom Verfasser in Nepal aufgenommen und sind im Archiv „Bilderflut Jontes“ verankert.
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