unbekannter Gast
Geben Sie diesem Artikel Ihre Stimme:
12

Das kleine Toda-Volk in den Nilgiri Bergen Südindiens#

Noble Viehzüchter inmitten von Ackerbauern #


Von

Günther Jontes, 2016

Die Fotos wurden vom Verfasser 1984 im Dorfe Mandigalmund bei Utakamand/Ooty aufgenommen und sind im Archiv „Bilderflut Jontes“ verankert. Die Stickereibeispiele befinden sich in der Sammlung asiatischer Textilien des Autors


In den Nilgiri-Bergen im Bundesstaate Tamil Nadu Indien, Tamil Nadu in Südindien lebt ein nicht mehr als 700 bis 900 Köpfe umfassender Stamm, eine ethnische Minderheit, die aber mehr als andere das besondere Interesse der Ethnologie geweckt hat. Es sind die Toda, deren Erscheinung, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Religion, ihre Nahrung und ihre Wirtschaftsformen als Viehzüchter sie vollkommen von ihren drawidischen Nachbarn, die Ackerbau betreiben, unterscheidet.

Ihre Dörfer (mund) bestehen aus drei bis sieben strohgedeckten Hütten (dogle), die mit ihrer gerundeten Dachform einem halben Fass ähneln. Ihre Tempel gleichen in der Form diesen Wohnhütten, sind aber mit besonderen Ornamenten geziert. Nur die Priester ihrer eigenständigen Religion, die nichts mit dem das Umland beherrschenden Hinduismus zu tun hat, dürfen diese Tempelbauten betreten, welche in einer runden Bodenvertiefung angelegt werden und von Monolithen als Begrenzung des sakrosankten Bereiches umgeben sind. Frauen dürfen sie weder betreten oder auch nur nahe an ihnen vorbeigehen.

strohgedeckten Hütten (dogle)
strohgedeckten Hütten (dogle)
strohgedeckten Hütten (dogle)
strohgedeckten Hütten (dogle)
strohgedeckten Hütten (dogle)
strohgedeckten Hütten (dogle)

Die Religion der Toda ist ganz auf ihre nützlichen Tiere (Wasserbüffel) ausgerichtet. Eigene Priester pflegen die Abhaltung von Kulten, die damit im Zusammenhang stehen.

Die Priester kann man als von Gesellschaft abgehobene „heilige Milchmänner“ bezeichnen. Sie sind in ihrem Auftreten vielen Beschränkungen unterworfen, müssen stets im Tempel leben und ehelos bleiben. Solang der Priester sein Amt innehat, schneidet er sich niemals seine Haare oder seine Fingernägel. Er darf nicht an Totenzeremonien, nicht einmal innerhalb seiner eigenen Familie teilnehmen.

Der „Milchpriester“ Narikeyen vor dem Tempel des Dorfes Mandigalmund, der 1962 errichtet worden war
Der „Milchpriester“ Narikeyen vor dem Tempel des Dorfes Mandigalmund, der 1962 errichtet worden war
Der „Milchpriester“ Narikeyen
Der „Milchpriester“ Narikeyen vor dem Tempel

Auch ihre Mythen nehmen auf den Büffel Bezug. Die Göttin Teikirshy hatte gemeinsam mit ihrem Bruder den ersten Toda-Mann geschaffen. Aus dessen rechter Rippe – welch auffällige Parallele zum mosaischen Schöpfungsmythos! – entstand dann die erste Toda-Frau

Gewisse Sitten begrenzen die Mobilität dieses Volkes. So dürfen die Toda Flüsse oder Bäche nicht über Brücken überqueren. Sie müssen die Wasserläufe durchwaten oder durchschwimmen. Früher gab es auch eine polyandrische Lebensweise, das heißt, dass eine Frau mit allen Brüdern eines Mannes verheiratet war. Daraus entstandene Kinder wurden jeweils dem ältesten der Brüder zugeordnet. Auf diese Weise wurde wie in anderen polyandrischen Gesellschaften die Bevölkerungszahl niedrig gehalten, wodurch auch das Nahrungsangebot stabil bleiben konnte. Auch ihr Äußeres unterscheidet diese Menschen von ihren dunkelhäutigen Nachbarn.

Toda Mann
Toda Mann
Toda Mann
Toda Mann
Toda Frau
Toda Frau
Tatauierungen sind auch bei Frauen gebräuchlich
Tatauierungen (eine spezielle Art von Tätowierungen, meist auf Arme und Beine beschränkt) sind auch bei Frauen gebräuchlich
Übergewand Putukuli
Übergewand Putukuli

Ihre Wirtschaft beschäftigt sich ausschließlich mit der Produktion von Milch und deren Weiterverarbeitung zu Butter, Buttermilch, Käse und Joghurt. Sie wird auch als Frischmilch getrunken. Dafür sind ihre wohlgehüteten Herden von Wasserbüffeln da. Die Produkte aus dieser Milchwirtschaft verkaufen sie ihren Nachbarn, den Getreide- und Reisbauern. Die Toda sind Vegetarier, essen kein Fleisch, auch keine Eier oder Fische. Der von den Nachbarn erworbene Reis gehört zum kulinarischen Alltag und wird gemeinsam mit Milchprodukten oder Curries verspeist.

Auch in der Kleidung unterscheidet sich dieses Volk von seinen Nachbarn. Sie besteht aus einem einzigen großen Übergewand, das von Männern über dem Dhoti, dem indischen Wickelrock, und von den Frauen über einem Rock getragen wird. Dieses Gewand nennt man Putukuli.

Die Toda haben große Fertigkeiten im Weben und Sticken, wobei besonders die ornamentale Stickerei zu beeindruckend schönen und geschmackvollen Ornamenten geführt hat.

Sticken
Sticken
Besonders reiche Stickereien
Besonders reiche Stickereien
Besonders reiche Stickereien
Besonders reiche Stickereien
Besonders reiche Stickereien
Besonders reiche Stickereien
Die traditionellen Stickereien sind heute schon durch bedruckte Stoffe gefährdet
Die traditionellen Stickereien sind heute schon durch bedruckte Stoffe gefährdet
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien
Traditionelle Stickereien

Die Sprache der Toda wird der drawidischen Sprachgruppe zugezählt und für ein Idiom gehalten, das aus der Proto-Süddrawidischen Gruppe entstanden ist. Sie hat sich vor dem Kannada, das in Karnataka gesprochen wird, und dem Telugu von Andhra Pradesh noch vor dem Malayalam Keralas abgespalten. Auffällige Besonderheiten vor allem bei Toponymen und Bergnamen haben die Linguistik auch nach einer vordrawidischer Sprache forschen lassen, wobei selbst das mesopotamische Sumerische ins Spiel gebracht wurde. Dass die indischen Industal-Kulturen mit ihren Hauptfundstätten Harappa und Mohenjo-Daro mit den Sumerern in Verbindung gestanden haben könnte, wird jedenfalls schon seit längerer Zeit diskutiert.

Heute ist das Land der Toda Teil der indischen Nilgiri Biosphere Reserve und wurde zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt.