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Ein Bub aus Glainach#

Einer der profiliertesten Diplomaten des Landes feiert am 26. August seinen 65. Geburtstag: Wolfgang Petritsch, zurzeit als Österreichs Botschafter bei der OECD in Paris akkreditiert. #


Mit freundlicher Genehmigung entnommen aus: DIE FURCHE (Sonntag, 23. August 2012)

Von

Janko Ferk


Wolfgang Petritsch
Wolfgang Petritsch
Foto: Marko Lipus/picturedesk.com

„Es zeichnet Wolfgang Petritsch aus, dass er für sich nicht die leichtesten Wege aussucht. Er übersieht nie den Einzelnen.“ Meine Freundschaft mit Wolfgang Petritsch hat zweifellos einen ungewöhnlichen Beginn. In beinahe märchenhaft entfernter Zeit war ich Schulsprecher des Bundesgymnasiums für Sloweninnen und Slowenen in Klagenfurt/Celovec und hatte die Vorstellung, Bundeskanzler Bruno Kreisky zu einer Diskussion über die Kärntner Slowenen im Vergleich zu den Südtirolern einzuladen. Die Idee war so provokant gedacht, wie Gymnasiasten, die ihre ersten Gedichte schon veröffentlicht hatten, eben gestrickt sind. Neben der Lyrik war auch ein Brief schnell geschrieben und auf den Wiener Ballhausplatz geschickt.

Wenige Tage nach dem Versand der einladenden Epistel hat mich die Sekretärin des Slowenischen Gymnasiums zum Telefon, was damals ungewöhnlich war, zumal wir uns in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts befinden, gerufen. Als sie mir schon auf dem Weg in die Direktion sagte, das Bundeskanzleramt suche mich, bin ich fast in Ohnmacht gefallen.

Im ersten Moment machte sich der bekannte Reflex des schlechten Gewissens bemerkbar. Natürlich grundlos. Zum Telefon schaffte ich es gerade noch, wo ich beinahe zum zweiten Mal ohnmächtig geworden wäre. „Dober dan, Petricˇ, Urad zveznega kanclerja!“, was soviel heißt wie „Guten Tag, Petritsch, Bundeskanzleramt!“, lautete es freundlich aus dem Hörer. Ich war siebzehn und habe nach Luft gerungen oder wenigstens schwer geatmet.

Nicht das Bundeskanzleramt brachte mich nun aus der Fassung, sondern die Tatsache, dass ein Mensch aus Kreiskys nächster Nähe Slowenisch spricht. Mein Zögern kann ich heute nicht mehr wiedergeben. Ich habe aber in Erinnerung, dass Wolfgang Petritsch sehr freundlich und interessiert war. Als er mir schließlich sagte, er sei Kärntner Slowene, konnte ich wieder durchatmen und neuen Mut fassen.

Kindheit im elterlichen Bauern- und Gasthof #

Zum Besuch des Bundeskanzlers ist es nicht gekommen, was nicht Wolfgang Petritsch zur Last zu legen war, sondern dem Terminkalender Bruno Kreiskys, der sich zu jener Zeit mit Fragen von A bis Z, also von Androsch bis Zwentendorf, und anderen politischen Problemen beschäftigte. Wie auch immer, ich jedenfalls habe damals einen sehr guten Freund gewonnen.

Wolfgang Petritsch
Wolfgang Petritsch
Foto: APA/Schlager

Diese Episode, die ein bisschen selbstprunkend klingen mag, sagt in Wahrheit viel über Wolfgang Petritsch. So freundlich und interessiert, wie er es beim Telefongespräch war, habe ich ihn immer, auch in größeren Gesellschaften, erlebt. Er übersieht nie den Einzelnen und stellt sich niemals über den anderen. Für mich selber war immer wieder Achtung gebietend, dass er zu seiner Kärntner slowenischen Identität gestanden ist, was ihm seine Umstände nicht immer erleichtert hat. Es zeichnet Wolfgang Petritsch aus, dass er für sich nicht die leichtesten Wege aussucht. Sein Lebensweg war ihm – in dieser Form – bestimmt nicht vorgezeichnet Schon als Bub hatte er im familiären Bauern- und Gasthof mitzuhelfen. Er musste „für den Sparherd Holz tragen, Schweine und Hühner versorgen und den Hof kehren“, wie er heute – nicht ohne Stolz – sagt. Ein kluger Dorflehrer, wie immer bei solchen Schicksalen, hat es verhindert, dass Wolfgang Werkzeugmacherlehrling in Ferlach/Borovlje geworden ist. Er durfte die Lehrerbildungsanstalt in Klagenfurt/Celovec besuchen. Der Grundstein für eine beispielhafte Karriere war gelegt. Wenige Tage vor Schulbeginn hat ihm seine Mutter, eine liebenswürdige und lebensechte Frau, „einen dunklen Anzug samt Krawatte zum Binden und einen olivgrünen Nylonmantel“ gekauft, wie er sich erinnert und nachsetzt: „Ich spürte, dass sich in meinem Leben irgendetwas unwiederbringlich geändert hatte.“

Wolfgang Petritsch ist zunächst zweisprachiger Kärntner Volksschullehrer geworden, hat dann bald in Wien zu studieren begonnen und sein Geschichtestudium mit einer zweibändigen, 800 Seiten umfassenden Dissertation über die slowenischen Studenten in Wien seit dem Jahr 1848 abgeschlossen. Danach war er noch Fulbright- Stipendiat an der University of Southern California in Los Angeles, bevor es in das Kabinett Kreisky ging, wo er lange Jahre Pressesprecher und schließlich – neben dem späteren Bundesminister Ferdinand Lacina – stellvertretender Kabinettschef war.

Späte Rückkehr zum Lehrberuf #

Nachdem Bruno Kreisky den Ballhausplatz verlassen hatte, wurde Petritsch mit gewichtigen internationalen Aufgaben betraut. Er war nach Stationen in den USA und Frankreich der EU-Sonderbeauftragte und Chefverhandler für Kosovo in Rambouillet und Paris, österreichischer Botschafter in Belgrad, Hoher Repräsentant der Internationalen Gemeinschaft für Bosnien und Herzegowina und ist heute OECD-Botschafter in Paris.

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Foto: EPA

In Paris haben meine Partnerin und ich ihn und seine Familie, seine wunderbare Ehefrau Nora und seinen fußballbegeisterten Sohn Nikola, unlängst besucht, wo er unter unserem gemeinsamen Lachen auf Slowenisch festgestellt hat: „Da schaust Du, wohin es ein Bub aus Glainach bringen kann.“ Ich schaue schon lange. Und kann ihm eigentlich nicht einmal ein Zitat aus Jean- Jacques Rousseaus „Confessions“ entgegenhalten: „Das, was man ist, wird man durch Paris.“

Wolfgang Petritsch ist nicht nur ein Spitzendiplomat, dem wir unser besonders gutes Image unter den OECD-Ländern verdanken, sondern auch ein Schriftsteller von Rang, der bis heute rund zwanzig Bücher veröffentlicht hat. Den größten Erfolg konnte er mit seiner Kreisky-Biografie im Residenz Verlag erreichen, die zum 100. Geburtstag des Jahrhundertkanzlers erschienen ist. Die Auflage beträgt mittlerweile zigtausende Exemplare und wird in mehrere Sprachen übersetzt.

Im nächsten Jahr wird Wolfgang Petritsch in seinen angestammten Lehrerberuf zurückkehren, sei es auch auf einem anderen Level, zumal ihn der Ruf einer sehr renommierten US-amerikanischen Universität erreicht hat.

Lieber Wolfgang! Ich wünsche Dir zu Deinem Geburtstag alles Gute! Möge zwischen uns das bleiben, was Du in den Widmungen Deiner Bücher, die Du mir zueignest, „alte Freundschaft“ nennst. Na mnoga leta! Was soviel heißt wie: Ad multos annos!

Der Autor ist Jurist, Schriftsteller und Literaturwissenschaftler

DIE FURCHE, 23. August 2012