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Wegbereiter der Integration#

Von

Isabella Ackerl
für
Vereinigung der Alt-Hietzinger


Fritz Bock, Sohn des Postamtsdirektors Friedrich Bock, trat mit dem Schuljahr 1922/23 in das Hietzinger Gymnasium ein. Seine väterlichen Vorfahren waren Gastwirte im Tiroler Inntal gewesen, der in Eisenstadt geborene Großvater Georg Emmerich übte den Beruf eines Lehrers aus. Die Mutter entstammte einer alten Wiener Bürgerfamilie, ein Ururgroßvater des Politikers bekleidete das Amt eines Wiener Stadtrichters. Obwohl der Vater die Lehrerbildungsakademie in Wr. Neustadt absolviert hatte, zog er Arbeit und Karriere im Postdienst vor. Er brachte es bis zum Vorstand des Postamtes Ostbahnhof, wurde aber am 12. März 1938 sofort von den Nationalsozialisten hinausgeschmissen.

Sein Sohn Fritz, gesinnungsmäßig durchaus in den Traditionen des Elternhauses verhaftet, betätigte sich schon in der Mittelschule im Verband der katholischen Mittelschüler. An der Universität, wo er nach seiner Matura im Sommer 1930 zu studieren begann, gehörte er natürlich dem CV, Verbindung Nordgau, an. Er nahm aktiv an den Aktionen "Jugend in Arbeit" und "Jugend in Not" teil. Das Klima an der Wiener Universität behielt Fritz Bock nicht in guter Erinnerung, Prügeleien zwischen CVern und Nazis standen auf der Tagesordnung. Auch fand er sich oft mitten drinnen, wenn es galt, sich "schützend vor die jüdischen Kommilitonen zu stellen".

Als Kanzler Engelbert Dollfuß im September 1933 die Vaterländische Front als Alternative zur Parteienlandschaft und als Sammelbewegung des katholischen Österreich propagierte, war Fritz Bock wieder von Anfang an dabei. Zuerst war er Amtswalter in Hietzing, danach wurde er schon in der Zentrale beschäftigt. Nach seiner Promotion zum Dr. iuris im Jahre 1936 arbeitete er hauptamtlich in der Vaterländischen Front in der Innenstadt Am Hof Nr. 4.

Diese so gradlinige und klare Laufbahn wurde mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten jäh unterbrochen. Fritz Bock wurde sofort verhaftet, saß zehn Tage in Dunkelhaft im Kommissariat in Hietzing und wurde dann in das Polizeiuntersuchungsgefängnis an der Elisabethpromenade, der "Liesl", überstellt. Von dort ging es am 1. April 1938 zum Westbahnhof – er hatte die zweifelhafte Ehre zum so genannten "Prominententransport" nach Dachau zu gehören. Fritz Bock war damals 27 Jahre alt und es scheint fast unglaublich, dass ein so junger Mann gemeinsam mit der politischen Elite des Landes als so gefährlich durch die NS-Machthaber eingeschätzt wurde. Zieht man aber ins Kalkül, wofür Fritz Bock in den letzten beiden Jahren verantwortlich gewesen war, so wird seine rüde Verfolgung durch die Nationalsozialisten verständlich. Er war innerhalb der Vaterländischen Front stellvertretender Bundeswerbeleiter, er saß in einer Abteilung, die Hans Becker, später einer der führenden Köpfe der österreichischen Widerstandsbewegung und persönlicher Freund Fritz Bocks, führte. Auf fast jedem Plakat der Vaterländischen Front stand Bocks Name im Impressum als Verantwortlicher. Kein Wunder, dass ihn alle Nationalsozialisten kannten. Außerdem war er in seiner Funktion bei der VF in ganz Österreich unterwegs und hatte bei Veranstaltungen und Kundgebungen für die Ideen der Vaterländischen Front geworben.

Politisch sah Fritz Bock angesichts der Bedrohung durch das nationalsozialistische Deutschland keine Alternative zum Ständestaatsregime, meinte aber in späteren Jahren immer wieder, dass Schuschniggs Haltungen und Entscheidungen Hitler den Weg erleichtert hätten. Er war ein erklärter Gegner des Abkommens vom Juli 1936, weil er dieses als ein Aufweichen der Inneren Front empfand. Auch die deutschtümelnde "Theoretisiererei" Schuschniggs vom zweiten deutschen Staat, der noch dazu der bessere deutsche Staat wäre, lehnte er ab. Er argumentierte immer wieder für eine rigorosere Haltung gegenüber dem Deutschen Reich, schon seit Jahren stand er der Idee einer Volksbefragung, die klare Verhältnisse schaffen könnte, positiv gegenüber. Dass sie in letzter Minute abgehalten werden sollte, stieß nicht gerade auf seine Begeisterung. Gänzlich aber distanzierte er sich von Schuschniggs Zurückweichen vor dem deutschen Ultimatum. Noch Jahrzehnte später erklärte er immer wieder in Diskussionen, dass bei Leistung eines auch nur hinhaltenden Widerstandes Österreichs Nachkriegsposition eine wesentlich bessere und glaubwürdigere gewesen wäre. Er hat diese Meinung auch gegenüber Schuschnigg unnachgiebig vertreten. Den Abend des 11. März 1938 beschreibt er als den "völligen seelischen Zusammenbruch". Gemeinsam mit Hans Becker hatte er noch im Büro wesentliche Dokumente verbrannt. Als Letzter verließ er das Haus Am Hof. Ihm war klar, dass seine Verhaftung unmittelbar drohte und er ging daher nicht nach Hause. Nach zwei Tagen wurde man aber seiner habhaft.

Nachdem Fritz Bocks Familie seinen Verbleib in Dachau festgestellt hatte, versuchte vor allem seine Mutter seine Haftentlassung zu erreichen. Als zielführendes Argument erwies sich seine starke Kurzsichtigkeit, an der seit Jugendtagen litt. Er hatte das Glück, in München einem nicht unbedingt regimetreuen Augenfacharzt vorgeführt zu werden, der ihm die Haftunfähigkeit bestätigte. So wurde er 1939 wieder entlassen, erhielt allerdings Berufsverbot und wurde – zu seiner Befriedigung – für wehrunwürdig erklärt. Nach einer gewissen Zeit wurde das Berufsverbot aufgehoben und er konnte sich seinem Beruf als Wirtschaftstreuhänder widmen. Er war inzwischen seit 1939 verheiratet, bald kamen zwei Kinder. Natürlich hielt er während des gesamten Krieges vorsichtigen Kontakt zu Gesinnungsfreunden, vor allem aber zur Widerstandsgruppe um Hans Becker. Er war sich darüber im Klaren, dass nichts Effektives getan werden konnte. Eine Teilnahme an der Widerstandsgruppe der Verschwörer des 20. Juli 1944 hatte er abgelehnt. Er galt natürlich immer als politisch verdächtig und wurde nicht einmal von ihm wohl gesonnenen, den Nazis nahe stehenden Leuten vor eventuellen Repressalien gewarnt.

Bei Kriegsende im Sommer 1945 befand sich Fritz Bock in der Nähe Schärdings, wohin seine Familie evakuiert worden war. Als die Amerikaner Ende April nach Schärding kamen, hat er ihnen eine Dreiparteien-Verwaltung des Ortes vorgestellt. Doch er trachtete so schnell wie möglich nach Wien zu kommen, um wieder aktiv am politischen Geschehen im befreiten Österreich teilnehmen zu können. Es bedurfte dreier Versuche, um über die von den Sowjets gehaltene Ennsgrenze zu kommen. Im Sommer meldete er sich bereits bei Felix Hurdes in der Falkestraße und wurde sofort zum Geschäftsführer des Generalsekretariats der neugegründeten Österreichischen Volkspartei bestellt. 1947 wechselte Fritz Bock zum Generalsekretariat des ÖAAB und übernahm die Funktion des Wirtschafts- und Sozialreferenten in der Bundesparteileitung. Schon seit 1948 saß er im Aufsichtsrat der Länderbank.

1952 wurde er von Kanzler Julius Raab als Staatssekretär in das Bundesministerium für Handel und Wiederaufbau geholt, wo damals der Wohnhaus-Wiederaufbau-Fonds seine Arbeit aufnahm. Fritz Bocks zweiter wichtiger Aufgabenbereich war der Autobahnbau, der angesichts von 340.000 Arbeitslosen als wichtiges Arbeitsbeschaffungsprogramm angesehen wurde. Im Mai 1955 wechselte er als Staatssekretär ins Finanzministerium, wo ihm die Abwicklung des so genannten "Deutschen Eigentums" übertragen wurde. In der Ära nach Abschluss des Staatsvertrages war das "Deutsche Eigentum" vor allem in Ostösterreich ein großes Problem, da diese Güter bis Mai 1955 unter der Bezeichnung USIA-Betriebe unter sowjetischer Verwaltung standen. Für die Sowjets hatte seinerzeit schon eine 10 %ige deutsche Beteiligung gereicht, um einen Betrieb als "Deutsches Eigentum" zu arogieren. In Westösterreich hatte man dieses Problem durch die Verstaatlichung, der auch die ÖVP mehrheitlich zugestimmt hatte, sehr konsensual mit den westlichen Besatzungsmächten regeln können. Es dauerte bis weit in die siebziger Jahre, bis dieser gesamte Bereich abgewickelt war, 1978 wurde die letzte öffentliche Verwaltung eines Betriebes aufgelöst. Eines der exotischen Beispiele für das "Deutsche Eigentum" waren die großen Besitztümer des hannoveranischen Königshauses in Österreich. Der König von Hannover lebte ja schon seit 1866 in Österreich im Exil, das Palais Cumberland in der Penzingerstraße war eine standesgemäße Residenz. Erbin des gesamten Vermögens war schließlich die damalige griechische Königin.

Ein Jahr später übernahm Fritz Bock das Handelsressort, von dem aus er sehr zielstrebig und unbeirrbar die wichtigen Weichenstellungen für eine österreichische Integrationspolitik vornahm. Sein Vorgänger war der steirische ÖVP-Politiker Udo Illig gewesen, mit dem Kanzler Raab nicht gerade harmonierte. Den doch erstaunlich autoritären Stil Raabs illustriert die Tatsache, dass Bock über das Radio erfuhr, dass er nunmehr das Handelsressort zu übernehmen habe. Die Möglichkeit eines Widerspruches des Erkorenen gab es wohl in der Gedankenwelt eines Julius Raab nicht.

Fritz Bock machte sich eifrig an die Arbeit, besuchte sofort im Dezember 1956 die Generalversammlung der OEEC, die bei diesem Anlass in OECD umbenannt wurde. Gemeinsam mit den anderen Neutralen, Schweden und Schweiz, versuchte man, gewisse Sonderregelungen zu erreichen, um die Diskriminierung durch die Römischen Verträge teilweise zu egalisieren. Zunächst kümmerte sich die Sowjetunion als Garantiemacht des Staatsvertrages kaum um die Entwicklung bei EWG oder EFTA. Als aber Österreich Anstalten machte, bei der EFTA Mitglied zu werden, wurden die Sowjets hellhörig und begannen mit ihrer Serie der "Warnungen". Als Politiker wusste Fritz Bock sehr schnell, wie er damit umzugehen hätte, bzw. wann er eine solche Warnung ernst nehmen müsste und wann er sie herunterspielen könnte. Als er 1968 zurücktrat, war jede Annäherung an die EWG zum damaligen Zeitpunkt infolge der schlechten Beziehungen zu Italien in den vergangenen Jahren und wegen des britischen Beitrittsverfahrens für Österreich chancenlos. Danach stand Fritz Bock jahrelang an der Spitze des Aufsichtsrates der verstaatlichten Creditanstalt.

Unter den Politikern der Nachkriegszeit gehörte Fritz Bock – sicherlich geprägt durch die Erfahrungen in der Ersten Republik – zu den Befürwortern einer Großen Koalition. Die Nachkriegszeit mit der unglaublichen Fülle an Problemen hatte den Trend zur Harmonisierung wachsen lassen. War eine Frage gar nicht zu lösen, so schob man sie auf die lange Bank.

Neben seiner Ministertätigkeit übte Fritz Bock fast jahrzehntelang ein Mandat im Nationalrat aus, er war Mitglied einer Reihe von Ausschüssen und ein im Hohen Haus sehr geschätzter und geachteter Debattenredner. Er sprach immer frei, manchmal etwas sarkastisch, bisweilen mit sehr viel trockenem Humor argumentierend.

Neben und nach der eigentlichen politischen Arbeit war es eine Reihe von Randbereichen der Gesellschafts- und Wirtschaftspolitik, in denen Fritz Bock seine Ideen und disziplinierte Arbeitskraft einbrachte. So übernahm er die Präsidentschaft des Donaueuropäischen Instituts, eine Gründung des Jahres 1947, dem immer eine wichtige Rolle als Vorfeldorganisation bei wirtschaftspolitischen Entscheidungen für diesen geopolitischen Raum zukam. Es waren jene Jahre, als Wien sich als "Ort der Begegnungen" zwischen Ost und West profilierte und so zur Aufweichung der starren Gegensätze beitrug. Fast könnte man überspitzt formulieren, dass das von Bock geführte Institut eines jener Medien war, mit denen die Wende in Osteuropa auf Samtpfoten betrieben wurde.

Immer hatte sich Fritz Bock für die Geschichte seines Jahrhunderts, für die von ihm miterlebte und miterlittene Geschichte interessiert. So nahm er lebhaften Anteil an der Arbeit des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes, ebenso engagiert wirkte er an den Diskussionen der Wissenschaftlichen Kommission für die Erforschung der Geschichte der Republik Österreich mit. Diese 1971 von Bruno Kreisky und Alfred Maleta ins Leben gerufene Forschungseinrichtung, die bis 1989 bestand, wurde für Fritz Bock zu einem geschätzten Podium der Auseinandersetzung mit den ehemaligen politischen Gegnern. Selten wird man von Politikern behaupten können, dass sie aus Fehlern der Vergangenheit gelernt haben. Fritz Bock war aber einer jener, der für sich selbst gelernt hatte und der die Achtung für die Meinung des anderen offen auszusprechen vermochte. Es war auch für ihn – wie er immer betonte – ein Lernprozess, dem er sich gerne unterzog.

Mit seiner Schule in der Fichtnergasse und seiner Klasse hielt Fritz Bock ein Leben lang einen engen und intensiven Kontakt. Wie keine andere Klasse traf sich diese Maturaklasse des Jahres 1930, der führende Persönlichkeiten der Gesellschaft der Zweiten Republik angehörten – es sei an den Architekten Walter Jaksch, an den Industriellen Georg Sääf-Norden oder an den Chemiker Herbert Margarétha erinnert – regelmäßig, um mit Freude und Fröhlichkeit der gemeinsamen Schulzeit zu gedenken. Wie hatte man doch seinerzeit leidenschaftlich politisiert, und trotz großer Auffassungsunterschiede sehr liberal und tolerant miteinander Umgang gepflegt. Auch dem Verein der Althietzinger, dem Absolventenverein der Fichtnergasse, gehörte Fritz Bock jahrzehntelang an. Es machte ihm immer wieder Freude, einen Hietzinger Ball eröffnen zu können.

Literatur#

  • M. Sporrer und H. Steiner (Hg.), F. Bock - Zeitzeuge, 1984