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„Wir brauchen eine Revolution“ #

Teil III der Serie „Power: Macht, Energie, Zukunft.“ IIASA -Chef Pavel Kabat über die Lösung der globalen politischen und ökonomischen Krise. #


Freundlicherweise zur Verfügung gestellt von: DIE FURCHE Donnerstag, 17. März 2016

Das Gespräch führte

Roman Chlupaty


Protestbewegungen von Madrid
In welche Zukunft? In Protestbewegungen wie jener von Madrid gegen die herrschende Wirtschaftsordnung liegt eine revolutionäre Kraft. Doch werden sich die geforderten Ideale wie Solidarität und Würde durchsetzen?
Foto: Pedro Armestre/AFP/picturedesk.com

Pavel Kabat ist Generaldirektor des International Institute for Applied Systems Analysis, IIASA, in Laxenburg, das 2500 Wissenschafter in 23 Ländern und 550 Institutionen aller Welt vernetzt. Er war Mitglied des International Panel on Climate Change, IPCC, der Vereinten Nationen, das 2007 den Friedensnobelpreis erhalten hat. Im FURCHE-Interview klagt Kabat die Untätigkeit angesichts der jüngsten Krise an und setzt seine Hoffnungen auf die kommende Generation.


Die Furche: Ökonomen sprechen von düsteren Aussichten für die Wirtschaft und von einer neuen heraufziehenden Krise. Haben wir nicht genügend Lehren aus der Krise von 2008 gezogen?

Pavel Kabat: Es ist nicht das erste Mal, dass wir die Möglichkeit versäumen, aus einer Krise zu lernen. So gesehen haben wir viele Krisen verschwendet. Wir haben nichts gelernt und sind auch nicht zu einer neuen Art des Denkens gekommen. Wir fallen immer wieder in alte Handlungsmuster zurück, auch wenn wir alle wissen, dass wir damit erneut scheitern werden. Es ist ein immer wiederkehrender Zyklus in den vergangenen 50 Jahren. Und was die jüngste Krise betrifft, so muss ich sagen, dass der Ausdruck, wir hätten die Gelegenheit verschwendet, daraus zu lernen, noch ein milder Ausdruck ist. Wir haben Missmanagement betrieben, indem wir den Bankensektor gestützt haben, der das Problem verursacht hat. Wir haben die Banken ohne Änderung des Konzeptes einfach weitermachen lassen. Deshalb bin ich sicher, dass es wieder passieren wird.

Die Furche: Europa ist derzeit mit vielen, vielleicht zu vielen Krisen konfrontiert, Syrien, Griechenland, Ukraine.

Kabat: Die eigentliche Tragödie ist doch die: Wir wollen einfach nicht verstehen, dass wir, indem wir von schlechten Wirtschaftsprognosen für Europa reden oder von Griechenland oder der Ukraine, eigentlich nicht wirklich von einem wirtschaftlichen Problem reden. Es geht um geopolitische Interessen, es geht um eine versteckte Macht hinter all dem, die das rationale wirtschaftliche Denken beeinflusst und außer Kraft setzt. Es ist ein unsichtbares System, das hinter all diesen Themen steht. Wir nennen es dann Zufälle, Ausnahmen oder überraschende Ereignisse.

Die Furche: Wollen Sie damit sagen, dass wir nichts aus der Geschichte lernen?

Kabat: Ich lese gerade ein Buch über Wien im Jahr 1913, das Jahr also, bevor der Erste Weltkrieg begann. Wenn ich vergleiche, was damals geschah und wie wir heute über den Ukrainekonflikt reden, muss ich sagen: Wir haben nichts aus den letzten hundert Jahren europäischer Geschichte und Entwicklung gelernt. Wenn wir also eine grundsätzliche Änderung wollen, müssen wir über geopolitische Werte sprechen. Die Frage ist, ob wir in dieser Hinsicht je über unseren Schatten springen können. Wir alle hoffen und glauben, dass die Welt nicht verrückt genug ist, einen neuen globalen Krieg zu entfachen. Es ist uns gelungen, die vergangenen fünfzig Jahre ohne einen solchen Krieg zu überstehen. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass die Spannung – auf geopolitischer oder innerstaatlicher Ebene – zugenommen hat, verglichen mit der Situation nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs.

Die Furche: Einige Experten meinen, dass unser demokratisches System an seine Grenzen stößt. Ohne eine Korrektur könnten die Demokratien nicht die Führung in der Weltgemeinschaft behalten. Stimmen Sie dem zu?

Kabat: Unser System hat seine eigenen spezifischen Vorteile, an die wir uns gewöhnt haben, aber auch Nachteile. Wenn wir von den vorhin erwähnten Spannungselementen sprechen, dann würde ich vor allem kurzsichtiges Handeln erwähnen. Solange sich die Politiker der Großmächte dieser Welt, inklusive den Vereinigten Staaten und anderen, nur um ihre vierjährige Amtszeit kümmern und Parteipolitik und politische Interessen über globale Interessen stellen, wird es Schwierigkeiten geben. Deshalb glaube ich, dass das gegenwärtige demokratische Modell vermutlich einige Veränderungen braucht. Nachhaltigkeit und langfristiges Handeln muss mit an Bord kommen.

Die Furche: Wie werden sich dann die politischen Strukturen ändern müssen, damit sie den Forderungen Rechnung tragen?

Kabat: Ich meine, die Regierungsstruktur wird sich in den nächsten dreißig, vierzig Jahren stark verändern. Die Macht wird sich von den nationalen Regierungen, wie wir sie kennen, wegverlagern hin zu diesen großen Agglomerationen, den Megacities. Das könnte zu einer zusätzlichen sozialen Kohärenz beitragen und zu einem zusätzlichen integrativen Management dieser speziellen Hotspots der globalen Wirtschaft und Gesellschaft.

Pavel Kabat
Pavel Kabat. Als ausgebildeter Mathematiker und Hydrologe konzentrierte sich Pavel Kabat auf die Erforschung von Wasserressourcen und -systemen. Er ist Mitglied des Leadership Council for Sustainable Development Solution Network der UNO.
Foto: IIASA Systems Analasys 2015/Matthias Silveri

Die Furche: Die Machtstrukturen leisten jeder Veränderung Widerstand, weil die Schlüsselspieler in diesen Systemen an der Aufrechterhaltung des Status Quo interessiert sind.

Kabat: Manchmal bin ich sehr skeptisch, was die Governance unseres Wirtschaftssystems betrifft. Wir sind wie vernagelt. Die Forschung produziert zehntausend High-Level- Papiere, von denen höchstens ein Prozent jemals von Menschen gelesen wird, die tatsächlich über Finanzierung, Innovation oder Investitionen des öffentlichen Sektors entscheiden. Es gibt Regierungen, die gar nicht mehr regieren, sondern sich nur noch im Amt zu halten versuchen. Dem anderen großen Player, dem privaten Sektor, ist nicht gestattet, etwa am System der Vereinten Nationen teilzunehmen. Etwa wenn es darum geht, Entwicklungsziele zu diskutieren und festzulegen. Und dann gibt es die Zivilgesellschaft, die sehr oft Positionen wie „Zurück auf die Barrikaden“ einnimmt. Vereinfacht gesagt gibt es da eine Kluft, die tiefer und tiefer wird. Wir bewegen uns von Lösungen eher weg, als ihnen näher zu kommen.

Die Furche: Opinion-Leaders wie Jan Mühlfeit, der ehemalige Europa-Vorstand von Microsoft, argumentieren, dass diese Kluft auf natürliche Weise von der nächsten Generation überbrückt werden kann, und zwar einfach durch eine intensive Vernetzung.

Kabat: Ich beobachte das mit großem Interesse – die sozioökonomischen Systeme, die sich in der jungen Generation entwickeln. Wir schenken Dingen wie Crowdsourcing oder Joint Ownership nicht genug Beachtung, die auf unsere Prinzipien Einfluss nehmen. Wenn unsere Kinder das Lebensalter erreicht haben werden, in dem man etwas besitzen möchte, ist es gut möglich, dass sie nicht an Häusern oder Autos interessiert sein werden. Und vielleicht wird das Bankensystem einfach aufgeben müssen wegen des Prinzips und des Konzeptes von Crowdsourcing. Aber es ist natürlich zu früh zu sagen, ob sich diese Trends durchsetzen werden und ob das System, wie wir es kennen, untergehen wird.

Die Furche: Es gibt aber doch auch klare Alternativen, wenn nicht sogar Lösungen zur aktuellen Malaise. Ist es etwa denkbar, dass Inklusion statt Exklusion und Gemeinschaft statt Individualismus, dass sich also diese Ideale der Jungen auch global durchsetzen?

Kabat: Das glaube ich – aus zwei Gründen. Der bessere Teil davon hat mit Silicon Valley zu tun und generell mit einem Umfeld, das es jungen Menschen ermöglicht, neue Dinge anzudenken. Der andere – nicht ganz so nette – Teil der Geschichte hat mit Zorn zu tun. Man findet ihn überall bei den jungen Leuten. Sie fühlen sich ausgeschlossen. Schauen Sie nach Spanien und in jene Länder Europas, in denen es bis zu 40 Prozent Jugendarbeitslosigkeit gibt. Der Zorn wird sich ein Ventil verschaffen. Wir wissen ja, dass das herrschende ökonomische System selbst in den besten Wachstumszeiten unfähig wäre, eine so große Zahl an Jobs für die jungen Arbeitssuchenden zu schaffen.

Die Furche: Sie meinen, dass die politische und ökonomische Machtstruktur mit jenem jungen Potenzial zusammenprallen wird.

Kabat: Das grundlegende Prinzip des herrschenden ökonomischen Modells ist falsch, weil es zu den geringsten Kosten den größtmöglichen Profit erlangen will. Die Verschiebung der Produktion großer internationaler Konzerne in Richtung immer billigerer Herstellungsländer erzeugen im gegenwärtigen sozioökonomischen System noch mehr Ärger. Ob und wann diese Entwicklung eine kritische Masse erzeugen wird, die das System umwälzen könnte, ist nicht abzuschätzen. Es könnte zehn Jahre dauern, vielleicht 50. Aber es wird höchstwahrscheinlich die treibende Kraft hinter den Veränderungen sein, von denen wir sprechen.

Die Furche: Die Lösung liegt demnach also in einer Revolution.

Kabat: Wir brauchen eine kleine Revolution, eine, die von Innovation, Kraft und vom Ärger einer jungen Generation angetrieben wird, das System zu ändern. Das ist notwendig, wenn man eine Welt ändern will, die leider noch schlimmer ist, als wir annehmen.

DIE FURCHE Donnerstag, 17. März 2016