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Zwischen Wachstum und Verantwortung #

Immer mehr österreichische Unternehmen setzen auf nachhaltiges Wirtschaften. Der neue „grüne“ Weg zielt nicht nur auf Gewinn ab, sondern auch auf ökologische und soziale Aspekte. Doch inwieweit passt wirtschaftliches Wachstum zu Nachhaltigkeit? #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 17. Juli 2014)

Von

Elisabeth Gamperl


Symbolbild: Wachstum und Nachhaltigkeit
Grüne Gewinne. Wachstum und Nachhaltigkeit schließen einander nicht aus.
Foto: © Shutterstock

Innovation und der Mut zu neuen Wegen waren schon zu Großvaters Zeiten Unternehmensprinzipien: vom ersten Traktor mit Vierradantrieb im Jahr 1953 bis zum neuen „Lintrac“, einem stufenlosen Standardtraktor mit mitlenkender Hinterachse. Das Tiroler Familienunternehmen „Traktorenwerk Lindner“ mit Sitz in Kundl besticht seit Jahrzehnten durch den Einsatz neuer Technologien. Nachhaltigkeit ist dabei für den Betrieb mit 200 Mitarbeitern nicht bloß ein Steckenpferd, sondern ein wichtiger Teil der Unternehmensphilosophie mit ganz konkreten Auswirkungen: Im Vergleich zum Jahr 2000 sank der Partikelausstoß von Lindner-Traktoren um 98 Prozent, der Treibstoffverbrauch wurde um 15 Prozent reduziert.

„Die Bedürfnisse der Landwirte haben sich geändert. Wir haben uns mit ihnen gewandelt“, sagt Geschäftsführer Hermann Lindner. Zielgruppe seines Unternehmens sind hauptsächlich Bio-Landwirte. Auch viele der Lindner-Mitarbeiter sind Nebenerwerbsbauern. Ihr praktisches Know-how nützt das Unternehmen. Das Traktorenwerk Lindner ist ein Vorzeigebetrieb. Ende Mai dieses Jahres wurde das Unternehmen mit dem „Trigos“ – Österreichs höchster Auszeichnung für Corporate Social Responsibility (CSR) – prämiert.

Zusammen gegen globale Probleme #

Hinter dem Schlagwort „Corporate Social Responsibility“ verbirgt sich ein wichtiger Katalysator für die Herausforderungen unserer Zeit. Denn nationale und internationale Wirtschaftsunternehmen werden zu immer wichtigeren Partnern bei der Armutsbekämpfung und bei der Lösung anderer globaler Probleme. Die Geburtsstunde der europäischen CSR schlug im Jahr 1999, als der damalige UN-Generalsekretär Kofi Annan ein Bündnis von Unternehmern forderte, dessen Ziel es war, ethische Grundsätze im unternehmerischen Handeln zu verankern. Damit begann die Zeit, in der verantwortlich handelndes Unternehmertum das gesellschaftliche Vertrauen in die Marktwirtschaft wecken konnte.

Mittlerweile gehört CSR schon fast selbstverständlich zum Wirtschaftsleben. Doch wie passen Wachstum und Nachhaltigkeit tatsächlich zusammen? Lange hielt sich die Annahme, soziale und ökologische Verantwortung koste viel Geld, bringe aber wenig Gewinn. Diese Denkweise änderte sich aber Stück für Stück. Unter der Devise „Doing well by doing good“ („Erfolgreich sein, indem man Gutes tut“) werden nachhaltige Aktivitäten inzwischen nicht mehr als lästige Pflicht betrachtet, sondern als ökonomisch sinnvolle Investitionen, die sich auch in der Wertschöpfung und in den Gewinnspannen von Unternehmen positiv zeigen. Kunden und Konsumenten achten immer mehr auf die Nachhaltigkeit der Produkte, schätzen Fairtrade und Unternehmer, die gesellschaftliche Verantwortung hochhalten.

70 Prozent der Konsumenten achten auf Nachhaltigkeit bei Unternehmen, so das Ergebnis einer US-amerikanischen Studie. Ein Unternehmen kann also dadurch zu einem „guten“ Unternehmen werden, indem es sich an den gesellschaftlichen Verhaltensstandards orientiert.

Im Bereich der Nachhaltigkeit gibt es neben der CSR eine weitere wichtige Ausprägung: „Corporate Citizenship“ (CC). CC bedeutet bürgerlich-gesellschaftliches Engagement eines Unternehmens. Ein Unternehmen ist demnach, so wie jeder seiner Mitarbeiter, ein integraler Bestandteil der Gesellschaft und hat – so wie jedes Individuum – gewisse Rechte und Pflichten. Dieses Prinzip stammt aus den USA und entspricht dem republikanischen Prinzip der Selbstbestimmung und schwächerer wohlfahrtsstaatlicher Strukturen. CSR zielt also auf das Kerngeschäft ab – während die „Corporate Citizenship“ einen gesellschaftlich orientierten oder philanthropischen Charakter aufweist und weniger mit Gewinnorientierung zu tun hat.

Verantwortliches Handeln als Renditefaktor #

So gesehen kann CSR als Gewinnstrategie gesehen werden, die in nachhaltigem Wachstum, Wettbewerbsvorteilen und Etablierung eines guten Images zum Ausdruck kommt. Darin sind sich laut einer Umfrage des „Institute for Business Value“ des IBMKonzerns auch 70 Prozent der Unternehmer einig. Skeptiker hingegen kritisieren, unternehmerische Ethik sei kein taugliches Instrument der Gewinnsteigerung und des Wachstums. CSR büße so ihre Glaubwürdigkeit ein, gemäß dem Vorwurf „Wo Moral aus ökonomischen Gründen befolgt wird, ist keine Moral mehr“.

Umweltschützer brandmarken nachhaltige Aktionen von Unternehmen dementsprechend oft als „Greenwashing“ („Grünwaschen“): Unternehmen verpassten sich selbst eine umweltfreundliche oder nachhaltige Etikette, um Konsumenten zu täuschen, so der Vorwurf. Das Öko- und Bio-Labeling diene demnach einer notdürftigen Kompensation sowie als moralisches Ablenkungsmanöver.

Der Unternehmer Dieter Tscharf, der mit seiner Firma „active-SUNCUBE“ seit 2005 Passivhäuser in ganz Österreich errichtet, meint dazu, ein Kunde erkenne nachhaltige Qualität sehr schnell: „Bereits bei der Beratung merkt man, wie ernst es ein Unternehmer meint“, sagt Tscharf. Braucht es mehr Gütesiegel und verpflichtende CSR-Normen für Unternehmer? Darüber ist man sich in Österreich nicht einig. Laut einer aktuellen Studie der Julius Raab Stiftung, „Unternehmerische Verantwortung in der Sozialen Marktwirtschaft“, lehnen 60 Prozent eine staatliche Regelung ab.

Zwei Verantwortungen vereinen #

Ein weiteres Streitthema ist die marktwirtschaftliche Rolle des Verantwortungsprinzips. Das bedeutet laut dem US-amerikanischen Ökonomen Milton Friedman: „The social responsibility of business is to increase its profits.“ Friedman meint also, dass die Gewinnorientierung Unternehmen automatisch in eine soziale Funktion bringe. Schließlich seien sie zur Verbesserung der Arbeitsproduktivität gezwungen und sorgten so für mehr Wohlstand. Nach Friedmans Logik passiert eine primitive aber grundlegende CSR in jedem Unternehmen. So gesehen müssen Unternehmen beiden Formen der Verantwortung gerecht werden – der sozialen und der Wachstumsverantwortung. Erst wenn sie Gewinne erwirtschaften, können sie auch verantwortungsvoll agieren, und erst wenn sie verantwortungsvoll agieren, erhöhen sie ihre Gewinnchancen.

Soziale und ökonomische Verantwortung müssen also keineswegs im Widerspruch zueinander stehen, wenn CSR zu einem selbstverständlichen Teil der Firmenphilosophie wird. Dann existiert beides, so wie beim – seit über 65 Jahren erfolgreichen – Traktorenwerk Lindner.

Diese Seite entstand in Kooperation mit der Wirtschaftskammer Österreich.

DIE FURCHE, Donnerstag, 17. Juli 2014