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Wirtschaft, Politik und Recht #

Der Wiener Nationalökonom Wilhelm Weber war ein Forscher, der über die Grenzen seines Faches hinauszudenken vermochte – und ein reiches wissenschaftliches Werk hinterlassen hat. #


Von der Wiener Zeitung (Samstag, 1. Oktober 2016) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Otto Hausmann


Wilhelm Weber
Wäre heuer 100 Jahre alt geworden: Wilhelm Weber, hier im Jahr 1968.
Foto: Kobé-Wien/ÖNB

Die Nationalökonomie wurde von Adam Smith im 18. Jahrhundert begründet, der von der Moralphilosophie kam und die damals neue Wissenschaft mit seinen Ideen prägte. Eine ebenfalls relativ junge Wissenschaft ist die von Auguste Comte im 19. Jahrhundert etablierte Soziologie. Im Gegensatz dazu hat die altehrwürdige Jurisprudenz, die wohl exakteste aller Sozialwissenschaften, schon in der klassischen Antike eine Blütezeit erlebt.

In den letzten beiden Jahrhunderten gab es immer wieder Gelehrte, die in hervorragender Weise Nationalökonomie und Soziologie in Personalunion vertraten. Es seien nur die zwei Wissenschaftsikonen Max Weber und Werner Sombart genannt. Doch muss im gleichen Atemzug gesagt werden, dass die Nationalökonomie viel von ihrem Nimbus eingebüßt hat – vor allem seit der Wirtschaftsund Finanzkrise 2007, der wohl einschneidendsten seit der Weltwirtschaftskrise 1929 mit ihren verheerenden Folgen. Die Auffassungen der Experten und deren Rezepte zur Bewältigung der Krise gingen je nach Schule stark auseinander.

Einer der führenden Wirtschaftswissenschafter der Gegenwart, Hans-Werner Sinn, Ordinarius an der Ludwig Maximilian Universität München, Präsident des deutschen Wirtschaftsforschungsinstitutes, hat in seinem Buch „Kasino-Kapitalismus“ erklärt, wie das Finanzsystem zur Spielwiese von Glücksrittern werden konnte.

Studium und Handwerk #

In dieser krisenhaften Lage soll ein exzellenter Vertreter der Nationalökonomie, der heuer seinen 100. Geburtstag gefeiert hätte, in Erinnerung gerufen werden: Wilhelm Weber, der über Jahrzehnte an der Universität Wien Nationalökonomie und Finanzwissenschaft gelehrt hat und einer der letzten Vertreter der sogenannten „Österreichischen Schule der Nationalökonomie“ war.

Weber wurde vor 100 Jahren, am 3. Juni 1916, als Sohn eines Schlossermeisters und einer Hofoperntänzerin in Wien geboren. Nach dem Besuch des humanistischen Piaristengymnasiums studierte er Rechtswissenschaft und erwarb das staatswissenschaftliche Absolutorium. Während des Studiums erlernte er das Schlosserhandwerk und legte die Gesellenprüfung ab, was für einen Jungakademiker damals wie heute nicht alltäglich ist.

Nach Beendigung des Studiums erhielt er einen Assistentenposten bei Professor Hans Mayer, einem der bedeutendsten Vertreter der „Grenznutzenschule“, die für Webers Wirken und Werk richtungweisend sein sollte. Nach dem Krieg stand Weber kurz im Dienste der Bundespolizeidirektion Wien, ehe er seine ursprüngliche Tätigkeit an der Universität wieder aufnehmen konnte.

Im Jahre 1950 erfolgte seine Habilitation für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft über das Problem der gesellschaftlichen Wertungen in den Wirtschaftswissenschaften. Als Stipendiat der Rockefeller Foundation in Stanford 1954/55, an der Columbia Universität, sowie 1955/56 als Gastprofessor am Bologna Center der Johns Hopkins Universität konnte er Auslandserfahrungen sammeln. Bereits als außerordentlicher Professor der Universität Wien verbrachte er als „Eisenhower Exchange Fellow“ im Studienjahr 1960/61 einen weiteren Forschungsaufenthalt in den Vereinigten Staaten.

Mit der Bestellung zum ordentlichen Professor im Jahre 1963 wurde Weber gleichzeitig Vorstand des Institutes der Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien. Im Studienjahr 1967/68 erhielt er die Würde und und Bürde eines Dekans der Rechts- und Staatswissenschaftlichen, sowie 1976/77 und 1979/83 der Sozial- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät.

Webers wissenschaftliches Opus ist umfangreich und weitverzweigt. Schon in der frühen Phase seiner Forschungen galt sein Interesse den welfare economics und dem berühmten Nationalökonomen J.M. Keynes, dessen Hauptwerk „General theory of employment interest and money“ (Allgemeine Theory der Beschäftigung des Zinses und des Geldes) heute, im Zeitalter des Neoliberalismus, ins Ausgedinge verbannt worden ist.

John Maynard Keynes
Der englische Ökonom John Maynard Keynes hat Webers Denken stark beeinflusst.
Foto: Tim Gidal/Getty Images

Auch das seit Jahren wieder im Mittelpunkt stehende politische Zentralthema „Öffentlich versus Privat“ war für Weber ein anhaltender Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung.

Theoretisch fundiert #

Weber war als „gebürtiger“ Jurist geradezu prädestiniert für eine Zusammenschau von Ökonomie, Politik und Recht. Als besonderer Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Interessen galt die theoretisch fundierte Forschung auf dem Gebiete des Genossenschaftswesens, eines organisatorischen Typus, der aus unserem Wirtschaftsleben nicht wegzudenken ist, wie zum Beispiel die Raiffeisenorganisation beweist. Als jahrzehntelanger Vorstand des Forschungsinstitutes für Genossenschaftswesen der Universität Wien und Herausgeber zweier Schriftenreihen des Instituts hat er sich große Verdienste um dieses interdisziplinäre Spezialgebiet erworben. So wurde ihm mit Fug und Recht für den deutschsprachigen Raum die Rolle eines Doyens in diesem Fach zugesprochen. Bei der Leitung der genossenschaftlichen Tagungen mit ihren Referaten und Diskussionen war er ganz in seinem Metier. Zu Webers 70. Geburtstag erschien eine Festschrift mit dem Titel „Perspektiven der Genossenschaftsrevision“ mit einschlägigen Beiträgen von bekannten Vertretern des Handels-, Steuer- und Verfassungsrechts (Gerhard Frotz, Walter Kastner, Erwin Melichar, Gerold Stoll u.a.). Herausgegeben wurde der Band von Mario Patera, als dessen Mentor sich Weber jahrelang erwiesen hat.

Ein Standardwerk #

Jedem an dieser Materie Interessierten sei vor allem das „Handbuch des österreichischen Genossenschaftswesens“, das äußerst umfassende wissenschaftliche Werk zum österreichischen Genossenschaftswesen empfohlen, das eine Forschungslücke zu einer der attraktivsten existierenden Unternehmensformen der Welt geschlossen hat. In fachspezifisch gegliederten Hauptabschnitten bieten sieben führende Genossenschaftswissenschafter eine umfassende Darstellung dieses traditionellen Wirtschaftssektors. Übrigens hat Weber immer wieder betont, dass die Forschung in größter Nähe zur Genossenschaftspraxis stehen müsse.

Wenngleich Fortschritt der Wissenschaft in unserer Zeit mehr denn je mit Spezialisierung und Differenzierung verbunden ist, hat Weber den Blick aufs „Ganze“ im Sinne der Einheit der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften nie außer Acht gelassen. Wie viele Wissenschafter auch anderer Disziplinen kommt er damit in die Nähe von Othmar Spann, den Begründer des Universalismus, ohne je dessen Schule angehört zu haben. Die Reintegration verschiedener Teildisziplinen war ihm immer ein großes Anliegen.

Weber war ein produktiver Wissenschafter, der zahlreiche Bücher und Artikel in Sammelwerken, Festschriften und Fachzeitschriften verfasst hat. Einige Titel seiner Publikationen spiegeln die vielfältigen Forschungsinteressen des Professors: „Wirtschaftswissenschaft und Wirtschaftspolitik in Österreich“, „Theorie und Politik der Beschäftigung“, „Österreichische Energiewirtschaft“, „Entwicklungsaussichten des österreichischen Kreditgewerbes in der europäischen Wirtschaftsintegration“, „Wettbewerbsrechtliche Probleme der europäischen Integration“, „Wirtschaft in Politik und Recht am österreichischen Beispiel 1945–1970“.

Auch als Herausgeber der Zeitschrift für „Nationalökonomie“ und langjähriger Präsident der Nationalökonomischen Gesellschaft hat er sich große Verdienste erworben, wie auch als Präsident der Österreichischen Unesco-Kommission.

Wilhelm Weber, ein ausgezeichneter Mann im doppelten Sinne des Wortes, war Ehrendoktor der Universitäten Graz, Innsbruck, Pécs (Fünfkirchen), Bonn, Marburg und der Wirtschaftsuniversität Wien. Er erhielt u.a. den Großen Innitzerpreis und den Preis der Akademie der Wissenschaften.

Humanistische Bildung #

Der Nationalökonom war eine kulturgesättigte Persönlichkeit mit goßem Interesse an Theater und Konzerten. Er bestach mit fundierten historischen Kenntnissen und verkörperte ein humanistisches Bildungsideal, das in der heutigen Zeit der Übertechnisierung, von der bereits die Kinder erfasst sind (Handy- Sucht u.a.), immer mehr in die Bedeutungslosigkeit versinkt.

Weber war ein schwieriger und anspruchsvoller Prüfer, verfügte aber über psychologisches Einfühlungsvermögen und wollte nie einen Kandidaten „hinausprüfen“, wie manch anderer Professor. Wie seine Namensvetter Max Weber, (der Bekannteste und bedeutendste in diesem Quartett), Alfred und Adolf Weber, ist auch Wilhelm Weber ein exzellenter Repräsentant der Sozialwissenschaften, der allen, die ihn gekannt haben, in bester Erinnerung bleiben wird. Er starb am 12. April 2005 im 89. Lebensjahr.

Otto Hausmann, geboren 1935, ist Rechts- und Staatswissenschafter und lebt als Universitätsbediensteter i. R. in Wien.

Wiener Zeitung, Samstag, 1. Oktober 2016