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Österreich und das letzte Jahr der DDR#


Von

Maximilian Graf


Von der Zeitschrift Wiener Zeitung (Donnerstag, 30. September 2010) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.


Mit dem Vollzug der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 endeten auch die bilateralen Beziehungen Österreichs und der DDR. 20 Jahre sind seither vergangen. Zeit, Österreichs Haltung zum letzten Jahr der DDR und zur deutschen Einheit eingehender zu betrachten.

Die Vorgehensweise, die im Spätsommer und Herbst 1989 via Ungarn und Österreich in die BRD fliehenden DDR-Bürger zu unterstützen, enttäuschte die überalterte SED-Führung, die sich prinzipiell bester Beziehungen zu Österreich rühmte. Einige Hardliner im Politbüro dürften sogar ein Herantreten an die österreichische Bundesregierung zur Verhinderung des befürchteten Vorgehens angedacht haben.

Die innere Krise der DDR verschärfte sich danach weiter und führte zunächst zum Sturz Erich Honeckers und schließlich zum Mauerfall am 9. November 1989. Dieser wurde in Österreich medial zwar großteils gefeiert, rasch betrachtete man eine mögliche deutsche Wiedervereinigung auch kritisch.

In Anbetracht der prinzipiell guten bilateralen Beziehungen wundert es wenig, dass Kanzler Franz Vranitzky bereits am 24. November erneut die DDR besuchte. Es war die erste westliche Aufwartung bei der neuen DDR-Regierung von Hans Modrow und ein klares Zeichen der Anerkennung der neuen politischen Führung der DDR. Der neue SED-Chef Egon Krenz wurde freilich nicht mehr besucht.

Bereits am 26. Jänner 1990 kam Modrow zu einem Gegenbesuch nach Wien und fuhr in der Gewissheit nach Hause, dass Österreich "eine Annäherung der beiden deutschen Staaten nur in Übereinstimmung mit dem gesamteuropäischen Prozess" verstehe.

Die ersten freien Wahlen in der DDR am 18. März gewann überraschend die CDU. Die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Lothar de Maizière verfolgte keine wirklichen Anstrengungen zum Erhalt der DDR. Die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion der beiden deutschen Staaten trat am 1. Juli in Kraft. Am 16. Juli wurden sich Helmut Kohl und Michail Gorbatschow einig, dass Deutschland auch vereinigt ein Mitglied der Nato sein könne; der Weg zur Einheit war geebnet.

Während dieser rasanten Entwicklungen trafen einander erstaunlicherweise Vizekanzler Josef Riegler und de Maizière, etwa bei den Salzburger Festspielen. Sie sprachen, um Kohl zu ärgern, über Parteikontakte zwischen der ÖVP und der ostdeutschen CDU. De Maiziére kam auch noch zu einem offiziellen Besuch nach Österreich. Auf Vranitzkys Frage, ob es sein erster Besuch in Wien sei, antwortete er: "Ich bin überall zum ersten Mal."

Außenminister Alois Mock hatte von Anfang an Kohls Kurs in Richtung deutsche Einheit unterstützt. Vranitzky und andere heimische Politiker fanden sich erst nach der Abwahl der Regierung Modrow damit ab. Der Kanzler verfolgte fortan eine „Außenpolitik der Anpassung an veränderte Verhältnisse“ (so nennt es Michael Gehler), die letztlich die deutsche Einheit begrüßte. Dies sicherte die "deutsche" Unterstützung für Österreichs EG-Beitritt. Die DDR war ja bereits seit dem Beitritt zur BRD Mitglied der nunmehrigen Union.


Gastkommentar von M. Graf:
Maximilian Graf ist Dissertant und Mitarbeiter der Historischen Kommission der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Mitarbeit: Alexander Lass.

Wiener Zeitung,, Donnerstag, 30. September 2010