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„Gorbatschow hat nur die Augen verdreht“ #

Wende-Experte Hertle über die Auswirkungen des Paneuropäischen Picknicks und den Grund, warum die Ungarn es satt hatten, Handlanger der Stasi zu sein. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 14. August 2014)

Das Gespräch führte

Ralf Leonhard


US-Präsident Reagan, 1987
Vorbote. „Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder“, forderte US-Präsident Reagan 1987. Zwei Sommer später begann die Wende.
Foto: EPA

Seine Dissertation von 1996 gilt bis heute als Standardwerk zur Wende und ist unter dem Titel „Chronik des Mauerfalls“ in mehr als zehn Ausgaben erschienen. Die FURCHE bat den deutschen Historiker und Politikwissenschafter Hans-Hermann Hertle zum Gespräch.

DIE FURCHE: Wie wichtig war das Paneuropäische Picknick für den Fall der Berliner Mauer?

Hans-Hermann Hertle: Das Paneuropäische Picknick hat eine sehr wichtige Rolle gspielt. Es war ein Test der reformorientierten Kräfte um Ministerpräsident Miklós Németh und Staatsminister Imre Pozsgay, auch um zu sehen, wie die Sowjetunion reagiert. Die Demontage des Stacheldrahtzauns hatte ja schon begonnen. Wenn man jetzt temporär die Grenze öffnet, wie wird die Sowjetunion reagieren? Es war wahrscheinlich einkalkuliert, dass sich diese Nachricht vom Paneuropäischen Picknick in Budapest herumsprach und dann DDR-Bürger die Gelegenheit wahrnehmen würden, um nach Österreich zu flüchten. Der Test für Miklós Németh war positiv. Moskau hat keinen Protest eingelegt, und das war ein Zeichen für die ungarischen Reformer, dass Moskau auf Reformen nicht reagieren würde.

DIE FURCHE: Es heißt, der Zaun war kaputt.

Hertle: Der Zaun war reparaturbedürftig: Alarm mehr durch Wild als durch Flüchtlinge ausgelöst. Die Ungarn hatten 1989 ja schon Reisefreiheit. Seit 1988 wurde ihnen sogar der Weltpass ausgestellt, mit dem sie unbegrenzt aus- und wieder einreisen konnten. Das führte also zu Unmut bei den Grenztruppen, die bei jedem Alarm auch mitten in der Nacht in diesen Grenzstreifen geschickt wurden. Es wurde eine Vorlage gemacht, in der stand, der Zaun muss erneuert werden. Der bisherige Zaun war aus der Sowjetunion importiert worden und die hatte die Produktion eingestellt. Das hätte bedeutet, er muss im Westen gekauft werden und die Kosten wurden auf 60-80 Millionen US-Dollar veranschlagt. Aber Németh hat diese Frage im März Michail Gorbatschow vorgelegt und gesagt, sie hätten das Geld nicht. Ungarn hätte dieses Geld auch mobilisieren können. Die größte Sorge von Miklós Németh war immer, dass Gorbatschow sagt, „Miklós, wieviel brauchst Du? Du kriegst das Geld von mir“. Aber Gorbatschow hat nur die Augen verdreht und nichts dazu gesagt.

Hans-Hermann Hertle
Chronist. Hertle analysierte den Mauerfall schon 1996 in seiner Dissertation „Der Fall der Mauer. Die unbeabsichtigte Selbstauflösung des SED-Staats“.
Foto: © ZZF-Podsdam

DIE FURCHE: War Erich Honecker nicht informiert?

Hertle: Nein, Honecker wurde erstmal nicht informiert. Als die Presse am 2. Mai an den Zaun gebeten wurde, hat Honecker sein Politbüro angewiesen, sich zu erkundigen. Ungarn hat informiert, dass zwar der Zaun abmontiert wird, sich aber sonst nichts ändert. Dass also DDRBürger festgenommen und ausgeliefert werden. Man muss sagen, das haben die Ungarn auch gemacht. Es ist ja bis in den August geschehen, dass ungarische Grenzsoldaten DDR-Bürger ausgeliefert haben. Sie wurden in Ungarn der Stasi übergeben. Es gab ja auch diesen tragischen Todesfall am 21. August 1989. Es hat natürlich bei der Öffnung der Grenze auch eine Rolle gespielt, dass die Ungarn es satt hatten, die Hilfspolizei für die DDR zu spielen. Sie verhafteten DDR-Bürger, übergaben sie der Stasi, sie wurden verurteilt und sechs Monate später an den Westen verkauft. Die DDR hatte einen Gewinn, und die Ungarn machten das umsonst. Das war natürlich auch ein Motiv für Németh, das Abkommen aufzukündigen.

DIE FURCHE: Und damit war Honecker unter Zugzwang.

Hertle: Mit der Öffnung der österreichisch-ungarischen Grenze am 10. September war bereits das erste Loch in der Mauer. Und als dann Mitte Oktober die Tschechoslowakei die Grenzen zu Ungarn undurchlässiger gemacht hat, kam es dazu, dass viele DDR-Bürger in der CSSR stecken geblieben sind. Das führte dann zur Besetzung der Botschaft in Prag. Die tschechische Regierung war also besorgt um die innere Stabilität in Prag, selbst weil Tausende von DDR-Bürgern mit ihren Trabbis in dieser Stadt waren. Sie hat sich dann an das Politbüro der DDR gewandt, bitte dafür zu sorgen, dass DDR-Bürger die Möglichkeit bekommen, direkt über die DDR-Grenze in den Westen auszureisen. Andernfalls sähen sie sich gezwungen, die Grenze zur DDR zu schließen. Die CSSR drängte darauf, dass die DDR eine Regelung findet, weil man Angst hatte, dass sich die Unruhe auf ihre eigene Bevölkerung übertragen würde. Anfang Oktober ist dieser Druck enorm verschärft worden.

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. August 2014