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Von Schönerer zu Hitler#

Peter Diem

Wenige Monate nach ihrem Einmarsch am 12. März 1938 begann die Deutsche Wehrmacht mit der Absiedelung der Bevölkerung des sogenannten „Döllersheimer Ländchens“, um in dem dünn besiedelten Gebiet zwischen Allentsteig, Zwettl, Döllersheim und Brunn an der Wild einen Truppenübungsplatz anzulegen. Das heute noch vom Bundesheer benutzte Übungsgelände wird im Süden von der Bundesstraße 38 begrenzt, die durch mehrere der rund 40 aufgelassenen Dörfer führt. In einem davon, der damals aus 39 Häusern bestehenden Ortschaft Strones, brachte am 7. Juni 1837 Anna Maria Schicklgruber einen unehelichen Sohn zur Welt, dem sie den Namen Alois gab. Alois Schicklgruber, dessen Name posthum in Alois Hitler geändert wurde, erlernte in Wien das Schuhmachergewerbe und wurde nach seinem Militärdienst in die Zollwache aufgenommen. 1871 wurde er als „Zollcontrolör“ nach Braunau am Inn versetzt. Seine dritte Frau Klara Pölzl, eine Cousine zweiten Grades aus Spital bei Weitra, die bei ihm als Dienstmädchen gearbeitet hatte, gebar ihm sechs Kinder, von denen aber nur zwei überlebten: Adolf (1889-1945) und Paula (1896-1960).

Die Ruine der Kirche von Döllersheim
Die Friedenskirche von Döllersheim - Foto: P. Diem
Das Geburtshaus von Alois Hitler in Strones
Das Geburtshaus von Alois Hitler in Strones - Unbekannter Fotograf
Eine der wenigen Ruinen des Dorfes Strones
Eine der wenigen Ruinen des Dorfes Strones - Foto: P. Diem

Adolf Hitler wuchs unter anderem in Passau, Lambach und Leonding auf. Er kam 1900 an die Realschule in Linz und schließlich nach Steyr. Die Ferien verbrachte er in der Waldviertler Heimat seiner Eltern, die sich später „Ahnengau des Führers“ nennen sollte, bis dieser die Gegend zur Absiedelung freigab, um seine eher unattraktive Herkunft zu verschleiern. Eine starke Prägung erhielt der junge Adolf Hitler an der Linzer Real-Schule („ … durch Kornblumen und schwarzrotgoldne Farben wurde die Gesinnung betont, mit >Heil< begrüßt und statt des Kaiserliedes lieber >Deutschland über alles< gesungen, trotz Verwarnung und Strafen“ - Mein Kampf, S. 10 ff). Er verehrte seinen Geschichtslehrer Dr. Leopold Pötsch, einen ehemaligen Kleriker des Stiftes St. Florian und strammen Deutschnationalen. Das Weltbild Hitlers wurde aber vor allem durch Georg von Schönerer geformt, den er später mit Dr. Karl Lueger verglich, wobei er dem Ersteren den Vorzug gab: „Als ich nach Wien kam, standen meine Sympathien voll und ganz auf der Seite der alldeutschen Richtung“ (a.a.O. S. 106 f).

Georg von Schönerer – „ein Kämpfer für Alldeutschland“#

Georg Heinrich Ritter von Schönerer wurde am 17. Juli 1842 in Wien geboren. Sein Vater, der erfolgreiche Eisenbahningenieur Mathias Schönerer, war 1860 in den erblichen Ritterstand erhoben worden. Schönerer jun. verwaltete nach längerer Praxis auf Gütern in Deutschland, Böhmen und Ungarn das väterliche Landgut Rosenau bei Zwettl und baute es zu einem landwirtschaftlichen Musterbetrieb aus. Georg von Schönerer war zweimal Abgeordneter zum Reichsrat (1873-1888 für den Wahlbezirk Waidhofen-Zwettl und 1887-1907 für den sudentendeutschen Bezirk Eger). Im Gegensatz zu dem um zwei Jahre jüngeren Dr. Karl Lueger (1844-1910) , der seinen Antisemitismus religiös-wirtschaftlich begründete, vertrat Schönerer eine völkisch-germanische Ideologie, die er mit einem radikalen, rassisch begründeten Antisemitismus verband („Was der Jude glaubt , ist einerlei, in der Rasse liegt die Schweinerei“). In seinen Parlamentsreden und Publikationen („Unverfälschte deutsche Worte“ 1883-1915 und „Alldeutsches Tagblatt“ 1903-1920) kämpfte er gegen den zunehmenden politischen Einfluss der Slawen und die Dominanz der Juden in der Presse und an den Hochschulen. 1988 übergab Schönerer dem niederösterreichischen Statthalter eine Eingabe von 407 (!) Waldviertler Gemeinden „gegen eingewanderte asiatische Fremdlinge“. Schönerer trat für die Verstaatlichung der von Rothschild finanzierten Nordbahn ein und für den Anschluss der deutschsprachigen Gebiete Österreichs an das Deutsche Reich. Sein Antiklerikalismus ging auf den Umstand zurück, dass die Vertreter der Geistlichkeit regelmäßig für die Anliegen der slawischen Nationen eintraten. Ihnen schmetterte er den Ruf entgegen: „Ohne Juda, ohne Rom, wird gebaut Germaniens Dom“. ! Schönerer liebte die Musik Richard Wagners und war ein Verehrer des aus Kirchberg am Walde stammenden und im Zisterziensergymnasium Zwettl erzogenen Dichters Robert Hamerling (1830-1889), der manchen deutschnationalen Vers schmiedete. Im Garten des Hamerling-Hauses in Kirchberg am Walde steht heute noch ein Bismarck-Denkmal. Dem ursprünglich mit Viktor Adler gemeinsam formulierten „Linzer Programm“ von 1882 fügte Schönerer 1885 den Satz hinzu: „Zur Durchführung der angestrebten Reformen ist die Beseitigung des jüdischen Einflusses auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens unerlässlich“. Auch indem er gegen christlich-jüdische Mischehen auftrat, war Schönerer ein Vorbild von Adolf Hitler.

1906 beantragte er, die Reichskleinodien dem deutschen Kaiser nach Berlin zur Verwahrung zu übergeben, und in einem Wahlaufruf wies Schönerer 1907 darauf hin „dass die endliche Gesundung der Verhältnisse der Deutschen Österreichs nur ein einem Zusammenschluss der ehemals deutschen Bundesländer mit dem Deutschen Reiche erblickt werden kann…“ Adolf Hitler, Wahlredner für die gerade mit den österreichischen Nazis fusionierte NSDAP, trat am 10. Oktober 1920 – genau eine Woche vor der ersten Nationalratswahl – im Kinosaal von Gmünd auf. Zweifelsohne hat er dabei an die Gedanken seines Vorbilds Schönerer angeschlossen.

Gespenstisch mutet uns heute ein Widmungsschreiben an, das Schönerer 1921 zur Errichtung des von ihm gestifteten Denkmals für Otto von Bismarck (1815-1898) in Aumühle bei Hamburg verfasste: „Möge ein Bismarck-Titane erstehen, der die noch vorhandene germanische Volkskraft zusammenfasst zur Wiederaufrichtung des Deutschen Reichs und mit Stahl und Blut zur Vergeltung für angetane Schmach rücksichtlos schreiten wird.“ Georg von Schönerer , der sich für zahlreiche Verbesserungen der sozialen und wirtschaftlichen Lage seiner Beschäftigten und Pächter eingesetzt hatte und deshalb von seiner Umgebung mit dem Ehrentitel „Herrgott von Zwettl“ belegt wurde, starb am 14. August 1921 in Rosenau. Er fand 1922 seine letzte Ruhestätte in der Nähe des Bismarck-Mausoleums in Aumühle. Das Schloss Rosenau beherbergt heute ein Freimaurermuseum. In und um Zwettl finden sich heute noch Hinweise auf das Wirken Schönerers.

Schloss Rosenau
Schloss Rosenau - Foto: P. Diem
Letzte Aufnahme von Georg v. Schönerer
Letzte Aufnahme von Georg v. Schönerer - Foto: Rudolf/Schönerer 1936
Hamerling-Haus in Kirchberg am Walde
Hamerling-Haus in Kirchberg am Walde - Foto: P. Diem
Bismarck-Denkmal in Kirchberg/Walde
Bismarckdenkmal hinter dem Hamerling-Haus - Foto: P. Diem
Bismarckdenkmal Sachsenwald-Hofriede (bei Hamburg)
Bismarckdenkmal Hamburg Sachsenwald, Postkarte 1925

Georg Lanz von Liebenfels – Der Mann, der Hitler die Ideen gab#

Dem linkskatholischen Wiener Tiefenpsychologen Dr. Wilfried Daim verdanken wir einen genauen Bericht über das Leben und Wirken eines anderen Österreichers, der das Denken Adolf Hitlers wesentlich beeinflusste: Lanz von Liebenfels. Geboren am 19. Juli 1974 in Wien-Penzing, besuchte Adolf Josef Lanz das Gymnasium Rosasgasse in Wien-Meidling. Nach der Matura trat er 1893 in das Zisterzienser-Stift Heiligenkreuz ein. Sein Novizenmeister war der in Gaaden bei Mödling geborene Bibelwissenschaftler Nivard Schlögl (1864-1939). Der bis 1936 an der Wiener Universität lehrende Theologe legte 1921 eine Bibelübersetzung („Dem deutschen Volke gewidmet“) vor, die aber wegen ihrer extravaganten Grundthese – die Bibel sei in rhythmischen Einheiten verfasst worden – vom Vatikan am 16. Jänner 1922 auf den Index gesetzt wurde. Zisterzienserpater Nivard war nicht nur ein begeisterter Couleurstudent (neben dem Band seiner Urverbindung Norica trug er weitere 19 Bänder) sondern auch ein bekennender Antisemit. Als solcher beantragte er zusammen mit dem 1892 in Texing geborenen Engelbert Dollfuß bei der Cartellversammlung 1920, dass „die deutsch-arische Abstammung, nachweisbar bis auf die Großeltern“ Bedingung für die Aufnahme in den CV sein sollte. Dieser so genannte „Arierparagraph“ wurde allerdings nicht rechtswirksam.

Es nimmt daher nicht Wunder, dass sich der junge, besonders an Geschichte interessierte Bruder Georg bald der damals weit verbreiteten Rassentheorie zuwendete. Auslöser dafür war angeblich 1894 die Betrachtung eines Grabsteins im Kloster, der einen Ritter darstellt, wie dieser ein affenähnliches Untier (Sinnbild des „Unterrassigen“) tötet. Josef Lanz tritt 1899 – ein Jahr nach seiner Priesterweihe – aus dem Zisterzienserorden aus und schickt sich an, einen eigenen Orden, den „Ordo Novi Templi“ (ONT) zu gründen. Auf der Burg Werfenstein hisst er 1907 eine Hakenkreuzflagge. 1903 erscheint Otto Weiningers antisemitisches Machwerk „Geschlecht und Charakter“. In seinem ähnlich wirren Hauptwerk Theozoologie (1904) postuliert der selbsternannte „von Liebenfels“, dass sich in der Bibel „Geheimworte“ befänden, die man in rassentheoretischer Form entschlüsseln müsse. So bestehe der biblische Sündenfall darin, dass Eva mit dem Teufel ein Mischgebilde gezeugt habe, aus dem in der Folge die „Minderrassigen“ hervorgegangen seien. Zweck des Bundes mit Gott sei die „Ausrottung der Tiermenschen und die Entwicklung des höheren Neumenschen“ Vielschreiber Lanz schildert auf 3.500 Seiten seines10-bändigen Werkes Bibliomystikon die Erlösung der Blonden und Blauäugigen.

Theozoologie - 1904
Lanz: Theozoologie - 1904
Werfenstein
Burg Werfenstein heute - Foto: P. Diem
Emmanuel Frémiet Entführung
Emmanuel Frémiet - Entführung eines Mädchens durch einen Gorilla - Foto: P. Diem
Flaggenentwurf - P. Diem
Von Lanz entworfene Hakenkreuzflagge 1907

Von 1905-1931 gibt Lanz in loser Folge eine rassentheoretische Zeitschrift, die Ostara-Hefte, heraus. Am 11. Mai 1951 erzählt er dem Buchautor Wilfried Daim:

„Eines Tages im Jahre 1909 besuchte mich Hitler in meinem Büro und erzählte, dass er in der Felberstraße wohne und in der dortigen Trafik, die ‚Ostara‘, mein Organ, fast regelmäßig kaufe. Zur Vollständigkeit würden ihm aber einige Nummern fehlen, weswegen er sich an den Herausgeber direkt wende.“ Lanz bemerkte dazu, dass ihm Hitler ausgesprochen arm erschien: „Ich überließ ihm die Hefte kostenlos und schenkte ihm noch zwei Kronen für die Heimfahrt. Hitler war dafür sehr dankbar.“

Wie oben erwähnt, waren die Schriften des Lanz von Liebenfels nicht die einzige Quelle von Hitlers Wahnideen. Schließlich hatte auch Houston Stewart Chamberlain (1855-1927) im Wien der Jahrhundertwende die Rassentheorie von Arthur de Gobineau (1816-1882) um den radikalen Rassenantisemitismus ergänzt. Und der Wiener deutschnationale Esoteriker Guido von List (1848-1919) berichtete 1875, dass man bei einem Ausflug nach Carnuntum acht geleerte Weinflaschen in Hakenkreuzform in der Asche des Sonnwendfeuers vergrub.

Aber keiner dieser Rassentheoretiker war konkreter und brutaler in seinen Vorschlägen als Lanz von Liebenfels. 1910 bezeichnete er die Rassenmischung als „Todsünde“. Er schlug Reinzuchtkolonien für Blonde vor und forderte Zwangsarbeit, Deportation und schließlich die Liquidation aller niederrassigen „Tschandalen“ - genau in dieser Zeit lebte Adolf Hitler in Wien.

Niederösterreich und Südmähren#

Man muss sich fragen: War der niederösterreichisch-südmährische Raum, in dem schon der irische Pilger Koloman 1012 wegen seines fremdländischen Aussehens bei Stockerau an einem Holunderbaum aufgeknüpft worden war, präfaschistischer Wurzelboden? Warum musste der aus St. Pölten stammende Julius Raab ausgerechnet in Korneuburg dem Tiroler Rattenfänger Steidle auf den Leim gehen und dort am 18. Mai 1930 den Eid auf den Faschismus ablegen? Und warum musste der in Unter-Tannowitz geborene Karl Renner am 3. April 1938 „die große geschichtliche Tat des Wiederzusammenschlusses der deutschen Nation… freudig begrüßen“?

Offenbar hat der vor 50 Jahren verstorbene katholische Soziologe August M. Knoll recht mit seinem dem Buch von Daim vorangestellten Satz:
„Der Nationalsozialismus ist jene Bewegung, die das preußische Schwert der österreichischen Narretei zur Verfügung gestellt hat.“


Anmerkung: Der Autor distanziert sich ausdrücklich von jeglicher Absicht, das Gedankengut oder die Symbole autoritärer, faschistischer, nationalsozialistischer und anderer antidemokratischer oder unmenschlicher Systeme zu verherrlichen oder zu propagieren. Die Aufnahme der obigen Texte und Abbildungen in das Austria-Forum dient einzig und allein wissenschaftlichen und aufklärerischen Zielen und einem vertieften Verständnis der österreichischen Zeitgeschichte.