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Wo der Vorhang eisern stand #

Am 19. August jährt sich das „Paneuropäische Picknick an der Grenze zwischen Österreich und Ungarn zum 25. Mal. Erinnerungen an einen Grenz-Fall. #


Mit freundlicher Genehmigung der Wochenzeitschrift DIE FURCHE (Donnerstag, 14. August 2014)

Von

Ralf Leonhard


Grenze, Stacheldraht
Foto: © EPA

Es regnete und die Nacht war finster, als Jochen Rocke, seine Frau Barbara und ihre beiden Kinder Ramona und Enrico sich am 18. August 1989 durch den Wald kämpften. Vom ungarischen Dorf Fertörákos waren sie unterwegs Richtung Mörbisch im Burgenland. Vor ihnen der Eiserne Vorhang und möglicherweise ungarische Grenzsoldaten. Im Gepäck: ein aus Berlin mitgebrachter Bolzenschneider. Der bereits brüchige Grenzzaun war nicht mehr mit Tretminen gesichert und die ungarischen Soldaten hatten keinen Schießbefehl. Dennoch war man am Vortag einer Patrouille in die Arme gelaufen. Die hatte die Flüchtlinge aus der DDR in eine Kaserne zum Verhör gebracht. „Sie waren eigentlich sehr nett“, erinnert sich Jochen Rocke. „Sie haben uns bewirtet, und wir mussten auf den Dolmetsch warten“, ergänzt seine Frau Barbara. Wenig später ließ man die Familie wieder frei, obwohl die Beamten zu verstehen gaben, ihnen sei klar, dass es nicht zurück nach Ostberlin, sondern in den Westen gehen würde.

Flucht am Vorabend der Wende #

Der zweite Fluchtversuch gelang. Auf der österreichischen Seite traf die Familie auf Martin Kanitsch, der sie im Auto zu sich nach Mörbisch brachte. Kanitsch ist vor fünf Jahren gestorben. Aber seine Witwe Berthilde kam - fast 25 Jahre nach dem denkwürdigen Tag - zu einem Treffen im benachbarten Rust. Die quirlige Frau, die sich selbst als „klein und dick“ treffend beschreibt, breitet Fotos und Briefe auf dem Tisch im eleganten Heurigenlokal aus. Sie erinnern sie an insgesamt 25 DDRFlüchtlinge, die damals bei ihr die erste Nacht im freien Westen verbrachten. „Wir wussten genau, zu welcher Uhrzeit die Grenze nicht kontrolliert wird. Diesen Zeitpunkt haben wir abgewartet und dann die Menschen durch den Wald geschleust“, erinnert sich Frau Kanitsch. Zu einigen wenigen hat sie noch immer Kontakt. Aber: „Von den meisten wissen wir nicht einmal die Namen und den derzeitigen Aufenthalt“.

Familie Rocke hätte sich den mühsamen Weg durch den Wald sparen können. Denn der folgende Tag, der 19. August, sollte zu einem historischen Datum werden. Das Ungarische Demokratische Forum und der oppositionelle Rundtisch von Sopron hatten zum „Paneuropäischen Picknick“ an der Grenze geladen. Unter der Schirmherrschaft von Otto Habsburg, Sohn des letzten Königs von Ungarn, und dem ungarischen Staatsminister Imre Pozsgay durften Ungarn und Österreicher zu einem gemeinsamen Fest zusammen- kommen. Der Kaisersohn und der Reformpolitiker waren zwar nicht persönlich anwesend, doch an Attraktionen sollte es nicht fehlen. Neben Grillen am Lagerfeuer und musikalischen Darbietungen versprach die Einladung ein besonderes Souvenir: „Die Teilnehmer dürfen sich selbst am Abriss des Eisernen Vorhangs beteiligen und das mit Zertifikat versehene Stück mitnehmen!“

Mehr als 600 DDR-Bürger haben von dem geplanten Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze gehört und nutzten die Chance, in den freien Westen zu gelangen
Historische Gelegenheit zur Republikflucht. Mehr als 600 DDR-Bürger haben von dem geplanten Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze gehört und nutzten die Chance, in den freien Westen zu gelangen.
Foto: Wikipedia

Menschenmassen im Laufschritt #

Johann Göltl, damals Kommandant der österreichischen Grenzwache am Übergang Klingenbach, bekam Bescheid, dass er ausnahmsweise am Sonntag Dienst tun müsse. Das seit Jahrzehnten geschlossene Tor an einer Nebenstraße würde für ein paar Stunden geöffnet werden. Österreicher und Ungarn sollten zwischen 15.00 und 18.00 Uhr mit Sichtvermerk, aber ohne weitere Prüfung durchgelassen werden. Ähnlich waren die Instruktionen, die Oberstleutnant Árpád Bella auf der anderen Seite bekam. Beide waren gleichermaßen überrumpelt, als sich dann plötzlich eine Menschenmenge im Laufschritt auf die offene Grenze zubewegte. Mehr als 660 DDR-Untertanen hatten von der Veranstaltung Wind bekommen, sich in einer nahe gelegenen Scheune gesammelt, und die Gelegenheit zur Republikflucht ergriffen. Bella konnte zunächst keinen Vorgesetzten telefonisch erreichen. „Schießbefehl gab es nur für den Fall, dass wir persönlich attackiert wurden“, erinnert sich der 68-jährige Pensionist heute. Also ließ er die Leute passieren. Johann Göltl, der seinen Kollegen Arpi nennt, nickt zustimmend. Der Schießbefehl an der Grenze war ja schon 1985 ausgesetzt worden. Noch aber gab es Grenzer, die ihre Aufgabe sehr ernst nahmen. So auch ein ungarischer Kollege, der nach dem ersten Ansturm versuchte, die Kontrolle wiederherzustellen. Nachzügler wurden aufgehalten. Gemeinsam lenkten Bella und Göltl den Offizier ab, um einen Buben, der hängen geblieben war, als sich seine Mutter schon auf der österreichischen Seite der Grenze befand, vorbeizuschmuggeln.

Ein neuer Zaun fürs Foto #

Die befürchtete Maßregelung durch die vorgesetzte Behörde in Budapest blieb aus. Die Grenzbeamten wurden später von ihren Heimatländern, aber auch von Deutschland mit Ehrenkreuzen ausgezeichnet.

Die kleine Nebenstraße ist heute die kürzeste Verbindung vom burgenländischen St. Margarethen und dem ungarischen Sopron. Da noch immer wenig Verkehr herrscht, genießt sie als Radstrecke große Beliebtheit. Die Wiese neben dem Grenzübergang heißt heute „Platz der Freiheit“ und wird von einem ziemlich monströsen Denkmal namens „Umbruch“ geziert, das für Unterdrückung, Flucht und Freiheit steht. Eine marmorne Tür am Straßenrand erinnert daran, dass hier einst zwei Welten voneinander getrennt waren. Auf einer Schautafel kann man die historischen Ereignisse, die sich in diesem verschlafenen Winkel abspielten, nachlesen. Ein paar überdachte Tische laden zum Picknick ein.

Johann Göltl und Árpád Bella
Grenzbeamte. Johann Göltl und Árpád Bella lenkten einen Offizier, der seine Aufgabe sehr ernst nahm, ab, um einen Buben zu seiner Mutter zu schmuggeln.
Foto: © R. Leonhard

Der Eiserne Vorhang zwischen Österreich und Ungarn war damals bereits größtenteils abgebaut. Schon 1987 stand das ungarische Regime vor einer Entscheidung: Den Grenzzaun aufrüsten oder abbauen. „90 Prozent der Alarme wurden durch Wild oder Wind ausgelöst und 95 Prozent der illegalen Grenzüberschreitungen gingen auf das Konto ausländischer Staatsbürger“, weiß der Historiker Dieter Szorger. Und der Abbau des Zauns war weit billiger als seine Modernisierung. Deswegen wurde mit der Beseitigung des Eisernen Vorhangs zwischen Ungarn und Österreich schon im Mai 1989 begonnen. Michael Cramer, deutscher EU-Abgeordneter der Grünen, befasst sich seit Jahren mit dem Grenzgebiet: „Das ging auch durch die Presse, aber nur als kleine Notiz“. Österreichs Außenmininister Alois Mock erkannte aber die Gelegenheit, in die Geschichte einzugehen, und er kontaktierte seinen Amtskollegen Gyula Horn in Budapest. Cramer: „Deshalb wollten sie am 27. Juni den Eisernen Vorhang mit dem berühmten Foto aufschließen. Sie gingen zu den Militärs, und die haben gesagt, ‚Nee, wir haben nichts mehr.‘ Für dieses berühmte Foto ist dann der Eiserne Vorhang in der Nähe von Sopron nochmal aufgebaut worden“.

Das Bild, auf dem Mock und Horn mit dem Bolzenschneider den Zaun demontieren, entstand am Grenzübergang Klingenbach. Hans Sipötz, damals Landeshauptmann des Burgenlands, war auch dabei. Und er erinnert sich schmunzelnd, wie er dem im Umgang mit Handwerkszeug ungeübten Gyula Horn erklären musste, wie er das Ding zu halten hatte: „Guyla Horn hat sich beim ersten Jubiläum beschwert, dass ihm die Grenzsoldaten einen Bolzenschneider gegeben haben, der nicht geschnitten hat“. Er wolle ja die politischen Leistungen von Horn und Mock in keiner Weise schmälern, aber: „Mit händischer Arbeit hätten sie am Bau ihren Unterhalt nicht verdienen können“. Denn: „Man kann machen, was man will, wenn sie einen Draht so schneiden, dann zwickt er“.

Angst vor dem Verkehr #

Sipötz, ursprünglich Weinbauer, erinnert sich, dass die offene Grenze anfangs in den burgenländischen Gemeinden keineswegs auf ungeteilte Begeisterung gestoßen sei: „Sie wollten den Verkehr nicht haben“. Mit bizarren Argumenten seien die Gegner der Öffnung gekommen: „Viele waren der Meinung, da gibt’s einen Volksaufstand“. Mörbisch hat bis jetzt nur eine Fußgängerbrücke. Besonders die ÖVP habe sich mit der Grenzöffnung schwer getan. „Die SPFraktion“, erinnert sich Sipötz, habe dann in Mörbisch an der Grenze Heurigentische aufgestellt und den Besuchern von beiden Seiten mit Wein aufgewartet. „Diese Abstimmung haben wir mit den Füßen gewonnen. So viele Leute, die rüber wollten mit dem Rad“. Heute verlaufen die Radwege grenzüberschreitend und für die Menschen im Seewinkel oder um Deutschkreuz ist Sopron die nächstgelegene Stadt für größere Einkäufe.

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. August 2014