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Das Ende des Homo Oeconomicus#

Der Ökonom und Managementlehrer Peter Drucker schrieb 1939 ein visionäres Buch über totalitäre Regime und ihre Strategien. Seine Gedanken haben bis heute nichts an Aktualität verloren. Eine Zusammenfassung.#


Von der Wochenzeitschrift Die Furche (Donnerstag, 10. Februar 2011) freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Von

Oliver Tanzer


„Hitler ist wie ein Zauberer, der Wunder verspricht, welche die Massen verlangen,

um ihre Angst vor einer von Dämonen eroberten Welt zu besänftigen.“

Hitler, der faschistische Diktator
Hitler. Der faschistische Diktator verkündet, das Geheimnis der wahren Freiheit entdeckt zu haben, das für ihn in der Abschaffung jeder möglichen substanziellen Form von Freiheit liegt.

Im Jahr 1939, sechs Jahre nachdem er aus Deutschland gefl ohen war, hat der in Wien geborene Ökonom Peter Drucker in einem Buch seine Gedanken zum Thema Totalitarismus zu Papier gebracht. Drucker analysiert dabei hellsichtig und klar das Wesen und die Zukunft des Faschismus und das Schicksal seiner jüdischen Opfer. „Ursprünge des Totalitarismus“ wurde in England und Amerika ein Bestseller. Ende 2010 wurde es in deutscher Übersetzung neu aufgelegt. Oliver Tanzer hat einige Auszüge des Werkes zusammengestellt.

Ursprünge des Totalitarismus
Ursprünge des Totalitarismus von Peter F. Drucker Karolinger 2010, S.240

Scheiternder Kapitalismus#

Das Bild des Menschen als einem „ökonomischen Tier“ ist das wahre Symbol der Gesellschaften des bürgerlichen Kapitalismus und des marxistischen Sozialismus, die in der freien Ausübung der menschlichen ökonomischen Aktivität das Mittel zur Verwirklichung ihrer Ziele sehen. Die Ökonomie als soziale oder moralische Wissenschaft, welche das gesellschaftliche Verhalten des Menschen behandelt, kann nur dann beanspruchen, eine Wissenschaft zu sein, wenn die ökonomische Sphäre als autonom und ökonomische Ziele vor und über allen anderen erstrebenswert sind.

Kapitalismus als eine soziale Ordnung und als Weltanschauung ist der Ausdruck des Glaubens an einen wirtschaftlichen Fortschritt, der zu Freiheit und Gleichheit des Individuums in einer gleichen und freien Gesellschaft führt. Dass diese Verheißung eine Illusion war, wissen wir alle. Der ökonomische Fortschritt bringt keine Gleichheit, nicht einmal die formale Gleichheit der „Chancengleichheit“. Dieses Scheitern, Gleichheit durch ökonomische Freiheit zu schaffen, zerstörte den Glauben in den Kapitalismus als soziales System, trotz der materiellen Segnungen und zwar nicht nur für das Proletariat, sondern auch für den Mittelstand. Der Sozialismus hat sich als falsch herausgestellt, weil er gezeigt hat, dass er die Klassen nicht abschaffen kann.

Durch den Kollaps des Homo Oeconomicus wurde dem Individuum seine soziale Ordnung genommen. Die wirtschaftliche Depression führt die rationale und mechanische Auffassung des Menschen von seiner eigenen Existenz ad absurdum, weil sie die letzten Konsequenzen seiner Gesellschaft sind. Sie zeigen den Menschen als sinnloses Rädchen in einer sinnlos stampfenden Maschine. Sie suchen nun nach einer Formel, einem kleinen Zauberwort, nach einem einfachen Mechanismus, der augenblicklich das Chaos in eine Ordnung wendet. Dieses Bemühen hat einen Glauben in eine rein magische Abkürzung nach Utopia erzeugt, zu dem im Vergleich der naive Glaube vergangener Zeiten an Wunder wie kritische Rationalität erscheint. Die Massen sind daher bereit, die Freiheit aufzugeben, wenn dies verspricht, die Rationalität der Welt wiederherzustellen. Die neue Freiheit, die in Europa gepredigt wird, ist jene des Nationalsozialismus, der nicht individuelle Freiheit verspricht, sondern das Recht der Majorität gegen jene der Minderheit setzt. Er verkündet so, das Geheimnis der wahren Freiheit entdeckt zu haben, das in der Abschaffung jeder möglichen substanziellen Freiheit liegt. Einen Ausweg zu finden, der eine neue Rationalität bringt und der gleichzeitig die Aufrechterhaltung der äußerlichen alten Formen ermöglicht, das ist die Aufgabe, die der Faschismus vorgibt zu erfüllen.

Mussolini, Hitler, Stalin
Mussolini, Hitler, Stalin haben trotz unterschiedlicher Ideologien ähnliche Vorgangsweisen. Ihre Gesellschaft baut auf dem „Heldenmenschen“ auf.
Foto: EPA (3)

In der Tiefe ihrer Hoffnungslosigkeit kann der Vernunft nicht geglaubt werden, Wahrheit muss falsch sein und Lüge die Wahrheit. „Höhere Brotpreise“, „niedrigere Brotpreise“, „unveränderte Brotpreise“ – das ist alles gescheitert. Die einzige Hoffnung liegt in einer Art von Brotpreis, den niemand jemals vorher gesehen hat und der jeder Vernunft widerspricht. Mussolini und Hitler sind Zauberer, die diese Wunder bewirken wollen, welche die Massen verlangen, um ihren unerträglichen Schrecken vor einer von Dämonen eroberten Welt zu besänftigen.

Krieg als Selbstzweck#

Die nichtökonomische Gesellschaft der Wehrwirtschaft ist bei der Austreibung des Dämons der Arbeitslosigkeit erfolgreich. Aber in sich selbst kann sie nur erfolgreich sein und ihre Gültigkeit beweisen, wenn der Krieg als etwas dargestellt werden kann, das nicht nur zweckmäßig und vernünftig, sondern sogar entschieden wünschenswert ist. Wenn der Krieg als Selbstzweck akzeptiert wird, ist die faschistische Aufgabe erfüllt. Rang und Funktion eines Mannes im Krieg müssen die Basis seines Ranges und seiner Funktion in der Gesellschaft insgesamt defi nieren. Alle Konstrukte Hitlers und Mussolinis bauen notwendigerweise auf dem „Heldenmenschen“ auf. Nur die Erhebung eines sinnlosen Opfers zu einer magischen Selbstaufopferung können die spezifischen Bestandteile irrationaler Kriegsführung wieder mit einem Sinn erfüllt werden. Zu seiner eigenen Rechtfertigung muss der Faschismus behaupten, dass die anderen ihn angreifen wollen und dass die Selbstverteidigung ihn zwingt, sich bis zu den Zähnen zu bewaffnen, um später auf einen ausschließlich „heiligen Krieg“ zu rekurrieren. Der Kampf gegen seine Feinde wird zum einzigen Ziel.

Foto: EPA (3)
Foto: EPA (3)

Die Funktion der Juden in der NS-Ideologie ist die Personifi kation der Mächte des bürgerlichen Kapitalismus. Ihre Verfolgung als Dämonen wurde erforderlich, weil es dem Nationalsozialismus nicht gelingt, das Gewinnstreben durch irgendein außerökonomisches Motiv als Triebfeder der sozialen Beziehung zu ersetzen. Wenn die jüdische Rasse auf diese Weise erst einmal als dämonische Kraft demaskiert ist, die Depression und Arbeitslosigkeit hervorruft, ist es in einem System, das seine Rechtfertigung im Krieg gegen andere findet, nur logisch, alle ihre Mitglieder als Geächtete zu betrachten und jede gegen diese gerichtete Grausamkeit und Verfolgung zu rechtfertigen. Die „Protokolle der Weisen von Zion“ können sich 100 Mal als plumpe Fälschung herausstellen. Sie müssen echt sein, weil die jüdische Verschwörung gegen Deutschland echt sein muss. Wenn „Halbjuden“ heute noch von einigen der antisemitischen Maßnahmen ausgenommen sind, werden die in einem Jahr als „Volljuden“ behandelt werden und später werden die „Vierteljuden“ und dann die „Achteljuden“ an die Reihe kommen. Denn die Nationalsozialisten können ohne die Juden als unversöhnliche Feinde nicht auskommen.

Die Selbstüberzeuger#

Je weniger die Massen zufrieden sind mit dem, was ihnen der Faschismus gibt, desto mehr müssen sie versuchen, sich selbst davon zu überzeugen, dass es genug ist. Das erklärt die Hysterie, die bei jeder totalitären Zusammenkunft von den Massen Besitz ergreift. Sie müssen sich kollektiv davon überzeugen, dass ihre Gesellschaft die richtige ist. Individuell weiß oder fühlt jeder Einzelne, dass er nichts hat. Der Enthusiasmus des Nachbarn wird zu einem überzeugenden Argument, um selbst enthusiastisch zu sein, selbst wenn des Nachbarn Enthusiasmus ebenso künstlich ist.

Die FURCHE,, 10. Februar 2011