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Die Erinnerungen einer Unbeirrten #

In ihren Erinnerungen erinnert sich Barbara Coudenhove-Kalergi an ihr bewegtes Leben. Ohne falsche Erinnerungsseligkeit – aber mit Empathie für Menschen und Schicksale. #


Mit freundlicher Genehmigung übernommen aus: DIE FURCHE (Donnerstag, 14. Februar 2013)

Von

Oliver vom Hove


Barbara Coudenhove-Kalergi
Barbara Coudenhove-Kalergi
Foto: © Christandl J¸rg/Kurier/picturedesk.com

Ihr Gesicht kennen alle, die hierzulande über dreißig Jahre alt sind. Zusammen mit der schwebenden Musikalität der Stimme hat es nachhaltig das TV-Erlebnis leidenschaftlicher journalistischer Wissensvermittlung und beherzter mitmenschlicher Anteilnahme an allem Berichtenswerten geprägt.

Doch nicht nur die österreichischen Fernsehzuschauer verbinden mit Barbara Coudenhove-Kalergi und ihrem sangvollen Prager Deutsch die Erfahrung erstrangiger politischer Information. In den Jahren der weltbewegenden Umstürze im kommunistischen Osten Europas hingen auch Österreichs Grenznachbarn hinter dem Stacheldrahtzaun an den Lippen der ORF Berichterstatterin. Es waren Glanzzeiten des heimischen Fernsehens, und die damalige Reporterin und spätere Leiterin des Osteuropastudios setzte als mikrophonbewehrte Frontfrau die Maßstäbe.

Indes, es war auch der Glücksfall des Senders, auf eine durch Herkunft, Lebensgeschichte und Einfühlungsvermögen so reichhaltig für ihre Aufgabe vorbereitete Persönlichkeit setzen zu können. Nicht nur verkörpert die Journalistin durch ihre Abkunft aus einer alteingesessenen böhmischen Adelsfamilie mit über den halben Kontinent reichenden Wurzeln beispielhaft den alteuropäischen Multikulturalismus. Als 13-Jährige musste sich die 1932 in Prag Geborene zudem als Vertriebene aus Deutschböhmen mit ihrer Familie in Österreich eine neue Heimat suchen. Solch frühe Erfahrung des Flüchtlingsschicksals prägt lebenslang und schlägt sich noch im Titel ihres nun erschienenen Erinnerungsbuches nieder: „Zuhause ist überall“.

Gegen „Daheim ist daheim“-Ideologie #

Dieses Lebensmotto steht natürlich im prononcierten Gegensatz zu der „Daheim ist daheim“-Ideologie jener heimischen Hintersassen, die bei derlei Selbstbeweihräucherung nie freie Sicht gewinnen, vielmehr ihre Blickvernebelung noch als politisches Programm feiern. Coudenhove-Kalergi hat immer nach vorn geblickt, nie zurück. Nur für dieses Buch leistet sie sich einen lebensgeschichtlichen Rückblick: nüchtern, unsentimental, wie es ihrem Stil entspricht. Anschaulichkeit herrscht vor, nicht selten auch eine mit salopper Geste eingestreute Ironie. Umso eingängiger vermag der Leser die Spur zu verfolgen, die zu einer solch eigenständigen Kompetenz in Großmut und Gelassenheit geführt hat.

Barbara Coudenhove-Kalergi
Prag ’68 Die Enttäuschung über die Niederschlagung des Prager Frühlings gab mit den Ausschlag für ihr späteres Engagement als Osteuropa- Reporterin.
Foto: © Archiv Barbara Coudenhove-Kalergi

Um nur ja keine Vergangenheitsseligkeit aufkommen zu lassen, werden die Memoiren durchgängig in der Gegenwartsform erzählt. Das schärft den persönlichen Blickwinkel, insbesondere wenn es um die schon seinerzeit antiquarisch wirkende Welt der böhmischen Aristokratie geht. Viele Adelige dort wussten ganz einfach nicht, dass die Zeit der Herrenreiter vorbei war. Nicht so die Familie der kleinen Komtesse Barbara, die eine behütete Kindheit im Elternhaus in Prag und sommers bei den Großeltern im südböhmischen Schloss Breznitz erlebte. Die Schilderung der schillernden Verwandtschaft, aus der vor allem ihr Onkel Richard als Gründer der Paneuropa-Union herausragt, ist ein Glanzstück des Buchs: Liebenswert- kritisch wird der vielfältigen Individualitäten, der Güte und Gefälligkeit des familiären Umgangs, auch mancher Schrulligkeit und Extravaganz gedacht.

Zwei große Lieben #

Der Großvater Heinrich hatte sich in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts als k.u.k.-Gesandter in Tokio mit der Japanerin Mitsuko vermählt, die, als ihr Mann früh starb, sich mit sieben Kindern vereinsamt im fremden Europa wiederfand. Gleichwohl wird sie bis heute in Japan als Vorkämpferin weiblichen Aufbruchs aus den Zwängen einer Kastengesellschaft verehrt.

Zweimal wird in dem Buch von einer geglückten großen Liebe berichtet. Einmal ist es eine Schwester der Mutter, die sich in einen mittellosen Geiger verliebt und gegen den Widerstand des Vaters die Ehe durchgesetzt hat: Gar keine bloße „Lesebuchgeschichte“, wie die Autorin lakonisch anmerkt, sondern ein Beispiel weiblicher Emanzipation in einem starren patriarchalischen Umfeld. Das zweite Mal war sie es selbst, die in den 1960er-Jahren durch ihre dem Vater lange geheimgehaltene Ehe mit dem jüdischen Widerstandskämpfer und Reformkommunisten Franz Marek das Glück erfolgreich gegen familiäre Widerstände herausgefordert hat. Nach strapaziösen Schulzeiten im Lungau, einem Au-pair- Jahr in England und Hilfsdiensten bei der Caritas des ruhmreichen Prälaten Ungar, hatte sie längst im Journalismus Fuß gefasst: erst bei der Presse, später bei der Arbeiter-Zeitung, schließlich beim ORF-Hörfunk.

In Danzig erlebte sie in vorderster Linie den Solidarno´s´c-Aufstand. Aus ihrer Heimatstadt Prag berichtete sie mit großer Empathie von den Ereignissen der „sanften Revolution“, aus Ostberlin vom Fall der Mauer.

Wer diese Begebenheiten aus eigenem Erleben kennt, wundert sich bei der Lektüre von neuem: Die nachhaltigste politische Umwälzung des letzten halben Jahrhunderts scheint so weit in die Ferne gerückt und ist doch in ihren Folgeerscheinungen noch immer erdrückend mächtig. Das betrifft nicht nur den allgegenwärtigen Nationalismus, ja Chauvinismus in etlichen Ländern. Das hat sich zuletzt auch wieder in Tschechien am Beispiel der Wahlkampfkeule der Beneš- Dekrete gezeigt, mit der Miloš Zeman seinen politischen Kontrahenten Karel Schwarzenberg niederschlug: einen Angehörigen der böhmischen Adelsgeschlechter der Kinsky, Czernin, Lobkowicz und eben Schwarzenberg, die, wie in dem Buch nachzulesen ist, während der Sudetenkrise 1938 bei Präsident Beneš vorstellig wurden, um ihn in einem Manifest ihrer Loyalität mit dem tschechoslowakischen Staat zu versichern.

„Rosarotes Kerzlweiberl“#

Der Erinnerungsband ist reich an ebenso erstaunlichen wie bedeutungsvollen Eindrücken, aus Israel, China, Kuba, Galizien, dem Balkan – und der beinahe vollständig ausgerotteten jüdischen Kultur im Burgenland. Besonders augenfällig sind die Charakterisierungen historischer Persönlichkeiten wie Otto Mauer, Adorno, Kreisky, Leszek Walesa und vor allem Václav Havel.

Nach dem Tod ihres Ehemanns 1979 hatte sich die Autorin, die sich gern als „rosarotes Kerzlweiberl“ bezeichnet, zur Selbststärkung in ein südsteirisches Benediktinerinnenkloster zurückgezogen. Doch bald verfi el sie wieder ihrer durchgängig spürbaren journalistischen Neugier. Sie fertigte einen Film „Abschied vom Stetl“ an, berichtete später über den Balkan und betätigt sich in jüngster Zeit als Kolumnistin sowie als Deutschlehrerin für Asylanten.

Vielfach sind es untergegangene Lebenswelten, die da in der Erinnerung bewahrt werden. Aber „Zeitgeschichte“ ist, nach der Definition von Hans Rothfels, die „Epoche der Mitlebenden“. Insofern lässt die Autorin, dank ihrer Imaginationskraft, ein Gutteil davon wieder lebendig werden.


Bild 'Die-Erinnerungen-Unbeirrten2'

Zuhause ist überall Erinnerungen.

Von Barbara Coudenhove-Kalergi Zsolnay-Verlag,

Wien 2013. geb., 335 S., € 23,60

DIE FURCHE, Donnerstag, 14. Februar 2013