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Feindliche Brüder#

Engelbert Dollfuß und Ernst Karl Winter als Gegner im austrofaschistischen Ständestaat.#

Ernst Karl Winter wurde am 1. September 1895 als einziger Sohn eines aus Brünn stammenden Angestellten und einer niederösterreichischen Bergbauerntochter in Wien geboren. Während seiner Schulzeit trat er der katholischen Jugendbewegung von Anton Orel bei, dessen Idee eines antikapitalistischen und monarchischen Ständestaats ihn stark beeindruckte. Nach seiner Matura am Währinger Gymnasium meldete sich Winter am 6. Oktober 1914 als Kriegsfreiwilliger zu den Tiroler Kaiserschützen in Bozen. Dort lernte er Engelbert Dollfuß kennen, mit dem er zeitlebens in einer Art Ideenwettstreit verbunden blieb. Während es Dollfuß zum hochdekorierten Oberleutnant brachte, blieb Winter die Offizierslaufbahn verwehrt. Trotz vierjährigem Frontdienst in der Bukowina und in Südtirol musste er als Oberjäger abrüsten, weil er als Katholik die Forderung zum Duell durch einen deutschnationalen Kameraden abgelehnt hatte. Nach dem Krieg studierte Winter Rechtswissenschaft an der Universität Wien (Dr. iur. 1922) sowie Soziologie und Geschichte. Als überzeugter Legitimist trat er der CV-Verbindung Nibelungia bei. Er vertrat diese Verbindung als Senior bei der Cartellversammlung 1920 in Regensburg. Dabei kam es zu einem ersten Konflikt mit seinem Regimentskameraden Dollfuß. Unter dem Einfluss des deutschnationalen und antisemitischen Zisterzienserpaters Nivard Schlögl hatte Engelbert Dollfuß als Senior der Franko-Bavaria den Antrag auf Einführung eines Arierparagraphen im CV gestellt. Winter sprach sich dagegen aus. Der Antrag wurde zwar akklamiert, später aber nicht ratifiziert. Als beim Schlusskommers die Haydn-Hymne gesungen wurde, intonierte Dollfuß begeistert das „Deutschland, Deutschland über alles“, während Winter ebenso begeistert das „Gott erhalte“ sang. Winters Versuch, sich mit einer zweibändigen Arbeit über „Rudolf IV. den Stifter und die österreichische Staatsidee“ zu habilitieren, scheiterte am damaligen deutschnationalen Klima an der Universität. Man verlangte ein offenes Bekenntnis zum Anschluss, das Winter nicht ablegen wollte.

Privatgelehrter #

So begann Winter ein keineswegs leichtes Leben als freier Publizist und Privatgelehrter. 1926 gründete er mit Hans Zeßner-Spitzenberg, August M. Knoll und Alfred Missong die "Österreichische Aktion", die unter dem Motto „rechts stehen und links denken“ u.a. die Eigenständigkeit der österreichischen Nation propagierte. 1930 übernahm Ernst Karl Winter den Gsur & Co. Verlag, um seine politischen Schriften im Eigenverlag herausgeben zu können. Ab 1933 erschienen die "Wiener Politischen Blätter". Schon die erste Ausgabe wurde in Deutschland verboten. In seinen politischen Publikationen trat Erst Karl Winter für Demokratie, Rechtsstaat und eine versöhnliche Haltung gegenüber der Sozialdemokratie ein („Aktion Winter“). In offenen Briefen forderte er 1933 Bundespräsident Miklas auf, gegen die von Dollfuß im März 1933 inszenierte Ausschaltung des Parlaments und andere verfassungswidrige Aktionen (Verbot von Wahlen, Versammlungsverbote etc.) aufzutreten. In einer ausführlichen Darlegung zur „Österreichischen Idee“ distanzierte sich Winter in der dritten Nummer seiner „Politischen Blätter“ (27. August 1933) vom „Hurrapatriotismus“ des austrofaschistischen Regimes, indem er das vorbehaltslose Festhalten am Rechtsstaat und die natürlichen Bindungen Österreichs an die Nachfolgestaaten hervorhob. Nicht großdeutsches Denken, Anschluss- oder Reichsideologie solle das österreichische Denken bestimmen: „Europa ist das Reich - sonst nichts, das wir suchen.“ Mit und gegen Dollfuß

Vizebürgermeister von Wien#

Anfang April 1934 setzte Dollfuß Ernst Karl Winter zum 3. Vizebürgermeister von Wien ein - mit der Aufgabe, als Mittler zwischen dem autoritären Ständestaat und der Sozialdemokratie zu wirken. Das war keine leichte Aufgabe, da Winter ein Einzelkämpfer ohne politischen Rückhalt blieb. In seinem teils autobiographischen Werk „Christentum und Zivilisation“ (1956) berichtet Winter von seinem Versuch, Dollfuß zur Begnadigung des wegen eines Sprengstoffattentats zum Tod verurteilten Schutzbündlers Josef Gerl zu bewegen. Am 24. Juli 1934 bat Winter den Bundeskanzler um eine diesbezügliche Besprechung. Dollfuß sagte den Termin zwar zu, ließ Winter aber so lange warten, bis die Exekution Gerls vollzogen war. Dollfuß: „Gut, dass es ein Roter war und kein Nazi“. In der Nacht vor seiner Ermordung versuchte Dollfuß, sich Winter gegenüber für seinen autoritären Kurs zu rechtfertigen: dieser sei nur Mittel zur Schaffung einer neuen, berufsständischen Form der Demokratie. Winter entgegnete, dass zu den Hauptvoraussetzungen jeder berufsständischen oder kooperativen Sozialreform die Stabilität der Verfassung und des Rechtsstaates gehöre. Er verabschiedete sich lang nach Mitternacht mit den Worten „Die Aktion geht weiter“. Nach der Ermordung von Dollfuß und Unstimmigkeiten mit dessen Nachfolger Kurt Schuschnigg wurde Winter im Gefolge des Juliabkommens mit dem nationalsozialistischen Deutschland am 24. Oktober 1936 seines Amtes enthoben; die "Wiener Politischen Blätter" wurden beschlagnahmt und ihm die Herausgeberschaft verboten, die "Aktion Winter" wurde in die Vaterländische Front eingegliedert.

Flucht und Wiederkehr#

Wenige Tage vor dem Anschluss Österreichs gelang es Winter, mit seiner Frau und seinen sieben Kindern als „Wallfahrer“ über die Schweiz in die USA zu emigrieren. Seine ersten Rückkehrversuche nach Österreich gleich nach dem Krieg - Winter hoffte auf eine Professur in Graz – scheiterten; erst 1955 gelang ihm eine Übersiedlung nach Wien. Zwar konnte er die venia legendi an der Universität Wien erwerben, doch blieb ihm eine Professur versagt. Nach einem entbehrungsreichen Leben mit schmerzhaften Zurücksetzungen starb Winter am 4. Februar 1959 in Wien. Er wurde auf dem Friedhof Wien-Gersthof beigesetzt.

Ernst Karl Winter war ein unbeugsamer Demokrat und visionärer Denker. Er war einer der Vorkämpfer für ein österreichisches Nationalbewusstsein und trat für die Ideen der Neutralität und des Umweltschutzes ein. In manchen Bereichen seines Schaffens Mystiker und Sozialromantiker, hinterließ er ein umfangreiches Werk, darunter eine noch unveröffentlichte „Geschichte des Österreichischen Volkes“.

Für nähere Details siehe die Dissertation von Robert Holzbauer