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Feuernacht 1961 #


Die folgenden Essays stammen mit freundlicher Genehmigung aus: DIE FURCHE (Mittwoch, 1. Juni 2011).



Tirol, ein National-Epos#

Das Bundesland Tirol pflegt und lebt sein Bewusstsein einer außerordentlichen historischen Rolle und Identität. Die Erhebung von 1809 schuf die Grundlage, die Feuernacht von 1961 war die Fortsetzung dieses nationalen Epos. Anlässlich des fünfzigsten Jahrestages sind in Tirol Feierlichkeiten und Gedenken angesetzt. Geboten ist aber auch eine kritische Bilanz.#


„Der zentrale Baustein für das Geschichts-Gefühl der Tiroler ist die Erhebung von 1809. Die Feuernacht im Juni 1961 war der zweite Höhepunkt“.


Von

Walter Klier


Panoramafoto von Pendling aus mit Blick auf das Kaisergebirge und Kufstein
Das Panoramafoto entstand von Pendling aus mit Blick auf das Kaisergebirge und Kufstein. Sie feiern im Juni 500 Jahre Landlibell.
Foto: © Roland Mühlanger

Auch aus historischen Niederlagen kann man seinen Nationalstolz beziehen; die Serben mit ihrem Amselfeld haben uns das nachhaltig demonstriert. Kleinen Völkern bleibt ja meist nichts anderes übrig. Sie haben im Lauf der Geschichte dauernd eins auf den Deckel bekommen, sonst wären sie ja nicht klein, sondern groß. Für den Nationalstolz an und für sich macht das allerdings nichts aus; denn auch anhand von Niederlagen lässt sich erzählen, wie edel, tapfer und geradezu übermenschlich man einst gewesen ist. Allerdings schleicht sich dann wegen dieser Niederlagen eine Art von säuerlichem, gesamtgeschichtlichem Beleidigtsein, ein kleinbürgerliches „Immer-geht-es-gegen-unsereinen“ in das Selbstgefühl, das die sieggewohnten Größeren weniger kennen.

Wir Tiroler sehen uns als Volk, auch wenn das unter dem postmodern-hedonistischen Schillern der globalen Gegenwartskultur normalerweise verborgen liegt. Allein in der Art, wie wir „in die Berg“ gehen, definieren wir uns als Tiroler. Und ein leises Staunen können wir lebenslang nicht darüber unterdrücken, dass auch Leute von anderswo „in die Berg“ gehen, zumal in unsere. Zur Nation haben wir es wie viele andere Kleine nie gebracht; doch die oben skizzierte Sorte Nationalstolz ist durchaus vorhanden und mangels Siegen stammt sie ganz wesentlich aus historischen Niederlagen, deren jüngste gerade fünfzig Jahre alt wird, und die Besonderheit hat, dass aus ihr über die mittlere Frist fast so etwas wie ein Sieg geworden ist – und das ganz ohne Waffengewalt.

Aufstand als Fundament der Identiät#

Europabrücke
Die Europabrücke symbolisiert Tirols Funktion als Alpentransversale, die Schützen stehen für den Selbstbehauptungswillen der Tiroler.
Foto: © APA

Der zentrale Baustein für unser Geschichts- Gefühl ist die „Erhebung Tirols im Jahre 1809“, wie das einschlägige Standardwerk betitelt ist. Der Aufstand gegen die bayerisch- französische Besatzung, anfangs erfolgreich, weil unterschätzt, wurde dann binnen Jahresfrist mit aller Härte niedergeschlagen, Andreas Hofer, der Anführer und nachmalige Nationalheld, auf persönlichen Befehl Napoleons exekutiert. Dann war, wie man in Ostdeutschland zu sagen pflegt, erstmal Ruhe im See. Auch nach dem Ende der napoleonischen Herrschaft und der Rückkehr der treuen Tyroler unter die angestammte habsburgische Regierung wurde um die „Rebeller“ kein Aufhebens gemacht. Kanzler Metternich hielt es für äußerst unklug, eine derartige Aufstandsbewegung nachträglich aufzuwerten, auch wenn sie gegen die Feinde des Hauses Habsburg gerichtet gewesen war. Er fürchtete, dass es zu einer romantischen Idolisierung solcher ohne behördliche Genehmigung veranstalteten Volksaufstände und entsprechenden Aufwallungen im Volke käme.

Der schlechte Einfluss kam wie üblich aus dem Ausland. Die Engländer, die schon damals ein entspannteres Verhältnis zur Volkssouveränität hatten, waren die ersten, die den Tiroler Aufstand erwähnens- und preisenswert fanden, und wenig später folgten ihnen die damals sehr mit der Freiheit beschäftigten deutschen Intellektuellen des Vormärz. Als Heinrich Heine in Innsbruck im Goldenen Adler logierte, zeigte ihm der Wirt ganz verschämt Immermanns Andreas-Hofer-Drama und wollte dann gar nicht glauben, dass Immermann mit Heine gut bekannt und überdies – kein Tiroler sei!

Zweiter Höhepunkt der Aufstandsgeschichte#

Nachdem man sich 1848 erhoben und anschließend eines besseren belehrt worden war, gelang es, die tirolische Aufstandsgeschichte in einen anderen, nämlich den patriotisch-kaisertreuen Kontext einzuschreiben, komplett mit Heldensage, Traditionsverbänden und den nachträglich dazuerfundenen Original-Trachten, in denen die Tiroler dann 1896 auf Zeno Diemers Panoramabild der Schlacht am Bergisel gegen den Feind antreten.

Tiroler Schützen
Die Schützen stehen für den Selbstbehauptungswillen der Tiroler. Sie feiern im Juni 500 Jahre Landlibell.
Foto: © APA

Nun wird also mit überraschendem Theater- will sagen Mediendonner der sogenannten Feuernacht gedacht, dem Höhepunkt der zweiten tirolischen Aufstandsgeschichte, die durchaus nach dem Muster der ersten, der 1809er, gestrickt erscheint. Südtirol, seit 1919 zu Italien gehörig, verharrte auch in den Fünfzigerjahren, also lange nach dem Ende des Faschismus, in einem Zustand der halbkolonialen Unterdrückung und Schikanierung, der, geschichtliche Hintergründe hin oder her, im neuen demokratischen Europa nichts mehr zu suchen hatte. Den italienischen Staat kümmerte das allerdings wenig. Bezeichnenderweise gab das Jahr 1959, als man mit großen Worten die 150. Wiederkehr des ersten Aufstands feierte, den Startschuss zum zweiten. Bevor er sich, in leitender Position, mit großem Elan und dem ihm eigenen Organisationstalent an die Befreiung Südtirols machte, hatte mein lieber Vater, damals im Hauptberuf Schriftsteller, einen Roman und ein Theaterstück über 1809 verfasst. Der Roman hieß Feuer in der Nacht, und genau so etwas sollte es dann 1961 werden: ein gigantisches Feuerwerk an den Hochspannungsmasten rund um Bozen, und daraufhin sollte das süd- und nach Möglichkeit auch das nord tirolische Volk sich gegen die Welschen erheben. Die Lehre aus 1809, dass man nämlich gegen eine weit übermächtige Staatsgewalt nur gewinnen kann, wenn einem eine ebensolche andere zu Hilfe kommt, und zwar nicht vielleicht, sondern sicher, wurde im jugendlichen Überschwang von 1961 ausgeblendet. Entsprechend schlecht ging es aus. Verhaftungen, Folterungen, exzessive Gefängnisstrafen, Radikalisierung kleiner Gruppen, mehr Tote, im Endeffekt ein Desaster.

Die nationale Frage, einmal gestellt, bleibt.#

Aber – oh Wunder – die Politiker begannen zu verhandeln und verhandelten viele Jahre lang und hatten endlich etwas herausverhandelt, was „Paket“ heißt, und dem lieben Frieden zum Verwechseln ähnlich schaut. Im Großen und Ganzen ist diese Geschichte so gut ausgegangen wie keine der vergleichbaren; immerhin Nordirland erweckt den Eindruck, als würde neuerdings ein glückhaftes Auftreten von Pragmatismus bei allen beteiligten Politikern und Bevölkerungsteilen zu einem dem südtirolischen vergleichbaren Friedenszustand führen.

Freilich kann die nationale Frage, einmal in die Welt gebracht, bloß ruhiggestellt, aber kaum je wieder aus ihr hinausbefördert werden. Das hat der Kanzler Metternich genau gewusst. Bloß hat niemand auf ihn gehört. – So ist auch Südtirol, wie es heute dasteht (nämlich sehr, sehr gut), nicht vor Turbulenzen in der Zukunft gefeit. Als Anlass zu einem Streit-Neubeginn genügt dann eine kleine Hakelei über Ortstafeln – oder Wegweiser.

Walter Klier#

Zum Thema erschienen von Walter Klier der Roman „Aufrührer“ (1991), die Titelgeschichte des Bandes „Meine konspirative Kindheit und andere wahre Geschichten“ (2005), zuletzt der Roman „Leutnant Pepi zieht in den Krieg“ (2008). Der Autor lebt als Schriftsteller und Maler in Innsbruck.


Der Weg zur Feuernacht#

Mit Dutzenden Sprengstoffanschlägen machten 1961 einige Südtiroler die Welt aufmerksam auf die Lage ihres Landes in Italien: Sie wurden italianisiert statt geschützt.#


„Die Hoffnungen der Südtiroler, nach 1945 zu Österreich zurückzukehren, wurden enttäuscht. Die Politik der Italianisierung wurde fortgesetzt“.


Von

Birgit Mosser-Schuöcker


Anschläge
Anschläge. 1961 eskalierte die Lage in Südtirol: Der Befreiungsausschuss verübte Sprengstoffanschläge. Südtirol wurde von der UNO als Thema wahrgenommen, erhielt die Autonomie.
Foto: © Heimatarchiv Obwegs G. u. Leitgeb G.

Sprengstoffanschläge
Nach den Sprengstoffanschlägen 1961 fuhr ein Jeep auf eine Mine, fünf Carabinieri wurden verletzt.
Foto: © G. Alberti, Bozen

Südtirol, Die Dornenkrone
Teilung. Die Dornenkrone (oben beim Landesfestumzug 1959) ist für die Schützen Symbol für die Teilung Tirols.
Foto: © Tyrolia

Schenna, 12. Juni 1961, 1.00 Uhr früh: Sepp Innerhofer wartet. Zwei Strommasten in Sinich sind „geladen“. Jetzt will er die Explosionen mit eigenen Augen sehen. Mit dem Fernglas im Anschlag hat er sich einen guten Aussichtspunkt gesucht und überblickt das Tal. Er wird nicht enttäuscht werden. Minuten später rollt eine Detonationswelle durch Südtirol. Der „Befreiungsausschuss Südtirol“, kurz BAS, hat zu seinem großen Schlag ausgeholt.

„Wir haben genug Schläge von den Italienern eingesteckt. Irgendwann schlägt man zurück“, sagt Sepp Innerhofer heute. Der Achtzigjährige erklärt, wie es zu den Anschlägen kam, die das Interesse der Weltöffentlichkeit auf das kleine Land Südtirol lenkten.

Italianisierung und „Todesmarsch“#

Er erzählt von der enttäuschten Hoffnung der Südtiroler, nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu Österreich zu kommen; von den Schutzbestimmungen für die Südtiroler im Pariser Abkommen, die von Italien zwar unterschrieben, aber nicht umgesetzt worden seien. Die Italianisierungpolitik sei auch nach dem Krieg weitergegangen nur mit anderen Mitteln. „Vom Todesmarsch der Südtiroler“ ist in den fünfziger Jahren in einem Zeitungskommentar zu lesen. Es gibt Menschen in Südtirol, die das Gefühl hatten, sich wehren zu müssen.

Der „Befreiungsausschuss Südtirol (BAS)“ wird gegründet, Sepp Innerhofer ist das letzte lebende Gründungsmitglied. Der Name ist Programm: Ziel ist die Rückgliederung Südtirols an Österreich. Anfangs sind die Mittel moderat: Flugblätter werden verfasst, Briefe geschrieben, Reden gehalten.

Sigmundskron 1957: 30.000 Menschen demonstrieren gegen die italienische Herrschaft in Südtirol. Umberto Gandini, italienischer Journalist, erinnert sich noch an die aufgeheizte Atmosphäre unter den Südtirolern. Doch die Demonstration ändert nichts; viele Menschen fühlen sich ohnmächtig – einer feindseligen Staatsmacht schutzlos ausgeliefert.

Sprengung von Strommasten
Anschlag. Die Sprengung von Strommasten sollte die Industrie in Südtirol treffen. Denn vor allem mittels der Industrialisierung siedelte Rom in den Fünfzigerjahren Familien aus Süditalien im nördlich gelegenen Südtirol an. Das war ein Teil der als belastend empfundenen Politik der Italienisierung Südtirols.
Foto: © Heimatarchiv Obwegs G. u. Leitgeb G.

1961 dann die ersten Attentate auf faschistische Denkmäler. Den „Aluminium-Duce“ in Waidbruck „hat’s in tausend Fetzen zerrissen“. Das freut das Nordtiroler BAS-Mitglied Heinrich Klier noch heute. Die Scherben des Mussolini-Abbildes werden als Andenken gesammelt. „Dem Kreisky haben wir auch eine geschickt“, schmunzelt Sepp Innerhofer. Der damalige Außenminister Kreisky ist durchaus über die Aktivitäten in Südtirol informiert. Wenige Wochen zuvor hat er eine Delegation des BAS in seiner Wiener Wohnung empfangen. Da plant der BAS bereits den großen Schlag: In einer einzigen Nacht soll die Stromversorgung der oberitalienischen Industrie gekappt werden. Wenn die Hochöfen erlöschen, wäre der finanzielle Schaden riesig. „Das oberste Gebot war aber, keine Menschenleben zu gefährden“, sagt einer der Attentäter von damals.

Ein annektiertes Land#

Die BAS-Männer, allen voran ihr Anführer Sepp Kerschbaumer, hegen keinen Hass gegen ihre italienischen Mitbürger. Sie kämpfen gegen ein System, von dem sie glauben, in ihm als Volksgruppe untergehen zu müssen. Umberto Gandini, damals junger Journalist, analysiert: „Es war die typische Politik einer kolonialen Macht, würde man heute sagen. Wir waren eine Besatzungsmacht in einem Land, das aus nationalistischen und auch defensiven Zwecken annektiert worden war.“

Foto: © G. Alberti, Bozen
Foto: © G. Alberti, Bozen

In ihrem Kampf werden die Südtiroler von ihren Nordtiroler Kameraden unterstützt. An jenem Juni- Wochenende, das in die Tiroler Geschichte eingehen wird, fahren 30 BAS-Aktivisten mit einem Reisebus nach Verona. Die Tarnung als Kunstreise ist perfekt. Das eigentliche Ziel ist Südtirol: „Die Österreicher haben im Raum Bozen geholfen. Dort ist am meisten passiert, denn der Zweck war ja, die Industriezone lahmzulegen“, schildert Sepp Mitterhofer.

Die Polizei bekam Angst#

Doch so weit kommt es nicht: Aus technischen Gründen explodieren manche Sprengladungen nicht. Trotzdem bricht in einigen Gebieten Südtirols die Stromversorgung zusammen. Der Südtiroler Journalist Hans Karl Peterlini fasst zusammen: „Es war so geplant, daß es dauernd irgendwo krachte. Drei, vier Stunden Donnergrollen in Südtirol. Polizei und Militär waren regelrecht eingeschüchtert. Die haben sich in die Kasernen zurückgezogen, weil sie nicht wussten, was los ist, und geglaubt haben, der Krieg bricht aus.“

Ein Unfall fordert das erste Todesopfer des Südtirolkonflikts: Der Straßenwärter Giovanni Postal stirbt bei dem Versuch, eine nicht explodierte Sprengladung zu entfernen. Es wird weitere Tote geben, auf beiden Seiten.

Foto: © G. Alberti, Bozen
Foto: © G. Alberti, Bozen

Mit Folter haben sie nicht gerechnet#

Der Paukenschlag ist gelungen: Die Öffentlichkeit wird aufgerüttelt. Doch der Preis ist hoch: Mitte Juli 1961 rollt eine Verhaftungswelle durch das Land. In den Carabinieri-Kasernen werden die Attentäter grausam gefoltert. Sie sollen Namen nennen. Sepp Mitterhofer, einer der Gefolterten, kann jene schrecklichen Tage in den Händen der Carabinieri nicht vergessen: „Es ist unglaublich, was der Mensch aushält, es ist aber auch unglaublich, wie Menschen andere behandeln können“, sagt er heute.

Viele Südtiroler und ihre Familien haben die „Feuernacht“ schwer gebüßt, Hunderte wurden verhaftet, Dutzende wurden gefoltert und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt, einige starben. Nach der „Feuernacht“ glich Südtirol einem besetzten Kriegsgebiet. Folterungen wurden mit einer Radikalisierung des Kampfes beantwortet, eklatante gerichtliche Fehlurteile führten zu Verbitterung, Hass und internationaler Kritik. Schauprozesse gegen Südtirol-Aktivisten machten eine breite – auch italienische – Öffentlichkeit mit dem Problem in der kleinen nördlichen Bergprovinz erstmals vertraut. Das offizielle Österreich reagierte doppelbödig, ermunterte die Südtiroler unverhohlen, unterstützte sie heimlich, reagierte auf internationalen Druck, distanzierte sich, ließ Mittäter verhaften und in Prozessen von Geschworenen freisprechen. Österreichs Außenminister – von Bruno Kreisky bis Kurt Waldheim – verhandelten schließlich einen tragfähigen Kompromiss, das sogenannte Paket. Vieles in Südtirol hat sich in den letzten vierzig Jahren zum Guten gewendet, darüber besteht auch unter den ehemaligen Attentätern kein Zweifel. Manche haben sich mit der politischen Lage in ihrer Heimat abgefunden, anderen ist die – in Europa als Musterautonomie geltende – Regelung nicht genug.


Sachliche Darstellung einer konfliktreichen Geschichte #


Von

Claus Reitan


Der Konflikt um das der Republik Italien zugesprochene Südtirol wird von Historikern häufig mit jenem um Nordirland verglichen. Damit sollen die Vehemenz und der Einsatz, mit denen die Auseinandersetzung geführt wird, deutlich werden.

Bereits aus Anlass des 200. Jahrestages der Erhebung Tirols im Jahr 1809 gegen die Bayern und Franzosen legte der Historiker Helmut Reinalter den Band Anno Neun 1809 – 2009 vor. Reinalter, zugleich einer der wesentlichen Demokratieforscher, lässt darin mit einem halben Dutzend Autoren die Geschichte Revue passieren. Ein Dutzend Wissenschaftler und Praktiker befassen sich dann – stets kritisch-konstruktiv – mit der Gegenwart Tirols. Die Identitätsgeschichte zeigt, dass der Freiheitsheld Andreas Hofer stets instrumentalisiert wurde – vom Nationalismus bis zum Tourismus.

Mit konkreten Ereignissen der Feuernacht des Juni 1961 befassen sich zwei Neuerscheinungen, die sich um eine sachliche Darstellung der äußerst konfliktreichen, auch heute noch emotionalisierenden Geschichte verdient machen.

Ein Stück Zeitgeschichte #

Birgit Mosser-Schuöcker absolvierte ebenso wie ihr Autorenkollege Gerhard Jelinek ein Jus-Studium, aber beide haben sich mit zeitgeschichtlichen Dokumentationen für das Fernsehen des ORF einen Namen gemacht. Mit Text- und Fotodokumenten schildern sie in Herz Jesu Feuernacht Südtirol 1961 den Weg in die Feuernacht, die Sprengungen und die Reaktion der italienischen Staatsmacht, mit der niemand in Südtirol gerechnet hat, am allerwenigsten die Attentäter. Sie brachen unter Folter zusammen, verstarben teils an deren Folgen. die Internationalisierung des Südtirol-Konfliktes war gelungen, allerdings um einen hohen Preis, wie die Recherchen und Interviews der Autoren mit betroffenen Südtirolern und mit Italienern zeigen.

Einen weiten Bogen spannt auch Hans Karl Peterlini, der mit Feuernacht. Südtirols Bombenjahre seinen bisherigen Standardwerken zum Thema ein weiteres folgen lässt. Die umfangreiche und zusammenfassende Darstellung bietet wertvolle Ergänzungen und Exkurse: Abhandlungen zur Rolle der Frauen, zur Sicht der italienischen Bevölkerung, zu den politischen Hintermännern, zur Erinnerungskultur in Wissenschaft und Literatur, wie die Edition Raetia das Werk charakterisiert.

Was bleibt? Der Preis des Kampfes ist hoch – und die Politik bleibt gefordert, ihn niedrig zu halten, besser: Frieden zu schaffen.

Anno Neun 1809–2009
Anno Neun 1809–2009

Herz Jesu Anno Neun 1809–2009
Herz Jesu Feuernacht

Feuernacht – Südtirols Bombenjahre
Feuernacht – Südtirols Bombenjahre


1. Buch: ANNO NEUN 1809–2009 Herausgeber: Helmut Reinalter 2008, 504 Seiten, Studienverlag, 29,90

2. Buch: Herz Jesu Feuernacht, Birgit Mosser-Schuöcker/Gerhard Jelinek, Tyrolia Verlag 2011, 240 Seiten, 24,95

3. Buch: Feuernacht – Südtirols Bombenjahre, Hans-Karl Peterlini, Edition Raetia 2011, 360 Seiten, 44,90


DIE FURCHE, 1. Juni 2011