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Geschichte neu entdeckt #

Seit dem späten 18. Jahrhundert wurden archäologische Funde auf dem Gebiet der Monarchie in Wiener Archiven dokumentiert. An der Uni Graz wird ein Teil dieser Akten nun erforscht und dabei manche Überraschung zu Tage befördert. Eine interaktive Datenbank macht ein Stück steirisch-slowenische Geschichte erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. #


Der Artikel wurde freundlicherweise zur Verfügung gestellt von dem Forschungsmagazin der Karl-Franzens-Universität UNIZEIT Ausgabe 2/2013


von

Dagmar Eklaude


Negauer Helm
Ein so genannter Negauer Helm aus der späten Hallstattzeit: Dieses Exemplar ist im Universalmuseum Joanneum ausgestellt. Foto: © Universalmuseum Joanneum/Lackner

Ein sensationeller Stapel von Bronzehelmen stammt bereits aus der späten Hallstattzeit und wurde außerdem auf einem anderen Grundstück gefunden, als bisher vermutet. Und Keramik aus Korinth war schon im fünften Jahrhundert vor Christus in Slowenien in Verwendung. Diese zwei kleinen archäologischen Sensationen lieferte Mag. Stephan Karl vom Institut für Archäologie der Uni Graz. Im Rahmen des von Ao.Univ.-Prof. Dr. Manfred Lehner geleiteten Projekts InterArch-Steiermark durchforstet er Archive auf Dokumente zu archäologischen Funden ab etwa 1800 bis 1918, wertet sie aus und füllt mit seinen Erkenntnissen eine interaktive Online-Datenbank.

„Ab dem Inkrafttreten des Hofkanzleidekrets 1812 mussten alle Altertümer auf österreichischem Boden nach Wien gemeldet und zum Teil auch dort abgeliefert werden“, erzählt Karl. Diese Daten wurden bislang allerdings kaum erforscht. Im Rahmen des Projekts, an dem als Lead Partner auch das Universalmuseum Joanneum, drei Kulturinstitutionen in Slowenien sowie der Hengistverein in Wildon beteiligt sind, passiert dies nun für das Gebiet der österreichischen und slowenischen Steiermark.

Über 4000 Objekte sind mit Fotos bereits eingegeben, ebenfalls Scans und Editionen der dazugehörigen Archivalien. Die entsprechenden Fundstellen sind auf einer Google-Karte markiert, zusätzlich ist die Zeit erfasst, aus der die wichtigsten dort entdeckten Gegenstände stammen. „Diese Datenbank ist nicht nur ein wichtiges Werkzeug für die Forschung, sondern für eine breite Öffentlichkeit gedacht“, betont Lehner. Tourismus sowie Raumplanung und Denkmalschutz profitieren davon. „Außerdem erhält das slowenische Bundesdenkmalamt so erstmals Zugang zu den Funden auf dem heutigen Staatsgebiet“, ergänzt der Archäologe.

Spannende Aufschlüsse. #

Das mitunter recht mühsame Aktenstudium machte sich für Stephan Karl bereits mehrfach bezahlt. „Wir müssen zwar nicht die Geschichte neu schreiben, aber doch einige Details korrigieren“, berichtet der Wissenschafter. So konnte er beispielsweise im slowenischen Landesinneren den nördlichsten Fundort einer korinthischen Keramik verorten. „Das Trinkgefäß ist im Joanne- um zu sehen und dürfte einem reichen Fürsten der Hallstattzeit ins Grab mitgegeben worden sein“, erklärt Karl. „Die Herren pflegten offenbar weitreichende Kontakte.“ Außerdem stammt die Keramik aus dem fünften Jahrhundert vor Christus – bislang nahm man an, dass derartige Gefäße erst im vierten bis dritten Jahrhundert verbreitet waren.

korinthisches Trinkgefäß
Dieses korinthische Trinkgefäß wurde in einem slowenischen Fürstengrab aus dem frühen 5. Jahrhundert vor Christus gefunden. Foto: © Universalmuseum Joanneum/Karl

Aus derselben Zeit datiert – ebenfalls älter, als zunächst vermutet – der Depotfund von Ženjak mit den so genannten Negauer Helmen. Ein Bauer entdeckte 1811 rund 25 ineinander gesteckte Bronzehelme in dem Ort nordöstlich von Maribor. Die wertvollen Stücke gelangten zunächst in das im selben Jahr gegründete Joanneum nach Graz. Das Wiener Münz- und Antikenkabinett forderte jedoch die Einsendung der Helme, um den seltenen Fund in die kaiserliche Sammlung einzureihen, wie Karl anhand von nicht weniger als 68 zeitgenössischen Dokumenten recherchieren konnte. „Es entbrannte ein Streit, in dem es sich nicht zuletzt um ein Machtspiel zwischen einem regionalen Museum und der zentralen kaiserlichen Sammlung der Monarchie drehte“, erzählt er. Erzherzog Johann persönlich konnte schließlich bewirken, dass zumindest fünf Helme wieder zurück nach Graz kamen.

Durch das genaue Studium der Archivalien fand der Grazer Archäologe weiters heraus, dass der Fundort nicht korrekt überliefert war. „Mittlerweile sind Vorerhebungen im Laufen, um das richtige Grundstück unter Denkmalschutz zu stellen“, freut er sich. Die Negauer Helme stehen auch im Mittelpunkt der Ausstellung „Ans Licht gebracht – Vnoviluči“, die begleitend zu dem Projekt im Kulturhauptstadtjahr 2012 in Maribor gezeigt wurde und derzeit in Celje zu sehen ist.

Karl konnte durch seine systematischen Archivrecherchen längst als verloren gegoltene Dokumente wieder entdecken. Dabei kamen unter anderem die für die Forschung so wichtigen Fundberichte samt Zeichnungen von Römersteinen zu Tage, die bei St. Johann im Draufeld, heute Starše, südöstlich von Maribor aus der Drau geborgen worden waren. Diese Berichte waren irrtümlich bei Kärntner Dokumenten abgelegt.

Zusätzlicher Nutzen. #

Die interaktive Webseite macht nicht nur historische Dokumente zugänglich, die eigens entwickelte Datenbank als solche kann auch für viele andere Zwecke genutzt werden. „Wir stellen das leere Produkt beispielsweise Tourismusbetrieben oder WissenschafterInnen zur Verfügung, um die Nachhaltigkeit zu garantieren“, erklärt Lehner.

Mitte 2014 wird das aus Mitteln des Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung geförderte Projekt abgeschlossen. Bis dahin sollen sämtliche dokumentierten Funde von der Urzeit bis zur Gegenwart erfasst sein. Die Datenbank ist bereits online, die aktuellen Forschungsergebnisse werden auch am Tag der Geisteswissenschaften am 20. Juni präsentiert.

--> www.interarch-steiermark.eu

Manfred Lehner, Foto: Furgler
Manfred Lehner
Stephan Karl, Foto: KK
Stephan Karl

Stephan Karl ... #

ist Spezialist für frühe griechische Keramik und für minutiöse forschungsgeschichtliche Archivarbeit.

Manfred Lehner...#

Der Vertragsdozent am Institut für Archäologie erforscht u. a. Provinzialrömische Siedlungsarchäologie und leitet eine Grabung am Peloponnes.

UNIZEIT Ausgabe 2/2013

WEITERFÜHRENDES#

Das innovative steirische Unternehmen Inari Software GmbH entwickelt Softwarelösungen für Archäologen.