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Anekdoten, jüdische Witze etc. aus der Zeit der Not#

von

Karl Joseph Hahn

Als nach dem Vertrag von München, Oktober 1938, viele Juden in Prag verzweifelt an Flucht und Emigration dachten und arbeiteten, entstanden Witze, die das Elend zu verschleiern suchten: - Ein jüdischer Emigrant erreicht die Schweiz, erhält in Zürich eine Aufenthaltsbewilligung für drei Monate: nach deren Ablauf erscheint ein Polizist bei ihm und teilt ihm mit, dass er das Land verlassen muss. Tief betrübt begibt er sich in ein Reisebüro und fragt die Verkäuferin: "Fräulein, haben Sie nicht eine Fahrkarte fürs Ausland?" Das Fräulein antwortet: "Aber wohin wollen Sie fahren?" Verlegen schaut er sich um, sieht einen Globus stehen, dreht nachdenklich an ihm und fragt dann etwas melancholisch: "Fräulein, haben Sie nicht etwas anderes?"

- In diesen Tagen vor dem nahen Einmarsch der deutschen Truppen in Prag zu Beginn 1939 erzählten sich die Juden, die fast alle in größter Spannung auf ein für das amerikanische Visum notwendige Affidavit von ihren amerikanischen Verwandten oder Freunden warteten, dass es zwei neue jüdische Feiertage gäbe: "Affidavit-Verkündigung und Affidavit-Empfängnis."

- Einige Juden saßen damals trübselig beieinander und fragten sich gegenseitig, wo der andere wohl hingehen wolle: der eine nach Australien, der andere nach USA, der dritte nach Brasilien. Einer sagte mutig: "Ich bin ein Abenteurer, ich bleibe da."

- Als ich 1947, zum ersten Mal in London, einen alten jüdischen Freund aus Karlsbad traf, saßen wir im Hyde Park auf einer Bank und dachten an die alte Zeit. Als ich den Freund, schon ein älterer Herr, fragte, wie es mit dem Nachschub an jüdischen Witzen bestellt sei antwortete er: "Nicht sehr gut. Es gibt wenig neue. Ja, doch diesen hörte ich unlängst: Kohn trifft den Meier in der Oxfordstreet und fragt ihn: "Meier, hast du schon einen Job?" Meier antwortet, mit Mühe: "Ich..ch..ch ha.ha.ha...b habs vvvverssssucht bbbbei BBBBBBBC, sie hahahaaben mich nnnicht gggenommmen, siesiesie sssind ssso aantisemmitisch!"

- Ein jüdischer Emigrant aus Polen erreicht endlich England, wird in London von Verwandten und Freunden liebevoll aufgenommen und muss sofort Englischstunden nehmen. Nach einer Weile ist er doch so weit, dass er zu einer Cocktailparty bei englischen Freunden mitgenommen werden kann. Er wird einem englischen Herrn vorgestellt und sagt, wie er es gelernt hat: "How do you do?" Und fügt höflich hinzu: "And how do you do your wife?"

- Zwei ungarische Emigranten treffen sich in London und reden über die Ereignisse in Europa und vor allem in Ungarn. Sagt der eine: "Ich höre so wenig über all das hier in London." Sagt der andere: "Was? Ich lese regelmäßig den Timesch!"

- Zwei jüdische Emigranten aus Polen treffen sich nach 20 Jahren wieder zum ersten Mal rein zufällig in San Francisco, ein rührendes Treffen, denn sie kamen aus derselben Heimatstadt. Sagt der eine: "Was für ein Zufall!" Sagt der andere: "Ja, ja, die Welt ist klein -aber Czernowitz ist groß!"

- Ungefähr im Jahre 1947 widmete die "Weltwoche" auf der ersten Seite einen langen Aufsatz dem Verschwinden der jüdischen Kultur aus den deutschen Städte. Die Zeitschrift erinnert dabei an die jüdischen Witze aus jener Zeit, die heute keine Nachfolge mehr finden. Und retteten dann diesen Witz aus der Vergangenheit: Ein Schweizer Journalist besuchte 1937 Warschau, wanderte durch die Stadt, ging durch die engen Straßen des Ghettos mit den vielen kleinen Läden und ihren Aushängeschildern. Da sah er vor einem Laden eine große Uhr als Aushängeschild hängen, erinnerte sich, dass seine Uhr stehen geblieben war, und ging hinein. Ein älterer Herr in langem Talar, lange Locken an den Ohren Beierles und mit mächtigem Bart: "Was wünschen Sie?" fragte er. Der Schweitzer erklärte ihm, dass er seine Uhr reparieren lassen wollte. Sagte der Herr: "Es tut mir

leid, ich bin kein Uhrmacher." "Was sind Sie denn?" fragte der Schweizer. Antwortete der alte Herr: "Ich bin der Beschneider." - "Aber warum hängen Sie dann die Uhr heraus?" Kluge Antwort des alten Juden: "Was denn soll ich heraushängen?"

- Der (jüdische) Onkel meiner Frau, Dr. Hans Fleischmann, erzählte gerne die Geschichte vom Arzt Dr. Hirsch, der, mitten im Juli, an einem heißen Sonntagnachmittag in Karlsbad im bekannten Theatercafé saß und Zeitung las. Fragte ihn erstaunt der Onkel: "Aber Herr Dr. Hirsch, bei diesem Wetter hier im Café, warum gehen Sie nicht im Wald spazieren?" Antwortet Dr. Hirsch: "Ich im Wald spazieren? Bin ich a Reh?"

- Ein holländischer Witz aus der Not: Die Juden aus Holland, die in Theresienstadt eingeliefert wurden, bildeten dort eine eigene Gruppe, zusammen mit den deutschsprachigen Juden, die als Emigranten vor 1940 nach Holland gekommen waren. Sie nannten sich den "Abfall der Niederlande" ("Geschichte des Abfalls der vereinigten Niederlande" heißt es bei Schiller).

- Bei der Militärakademie der holländischen Marine im Hafen von Den Helder melden sich wenig Juden. Seeoffizier ist kein Beruf, der Juden anzieht. Einmal meldete sich ein junger Mann namens Cohen in Den Helder, legte seine Studien gut ab und kam zum Abschlussexamen vor eine Prüfungskommission. Der Vorsitzende, ein Vizeadmiral, stellt ihm die folgende Frage: "Nennen Sie mir drei historische Seehelden der Niederlande." Cohen antwortet: "Jan Pieterzoon Coen (der niederländisch-Indien für Holland gewann im 17. Jahrhundert), Maarten Tromp (der mit seiner Flotte bis London die Themse heraufkam, auch im l7. Jahrhundert) und … da stotterte Cohen, ihm fiel kein Name mehr ein. Da kam ihm ein Gedanke: "Entschuldigen Sie, Herr Vizeadmiral, ich habe Ihren Namen vergessen."

- Kohn kann nicht mehr schlafen. Er leidet an einem furchtbaren Alptraum: kaum geht er schlafen, überfällt ihn das Trauma, dass ein Tiger unter seinem Bett liegt. Schweißgebadet vor Angst wälzt er sich jede Nacht im Bett hin und her, nichts hilft. Er geht schließlich zu einem Psychoanalytiker, der ihn aufs Sofa legt und wochenlang zweimal pro Woche sein ganzes Leben durchstochert, ohne jedes Resultat. Es ist für Kohn eine sehr teure Behandlung

- also gibt er sie auf. Nach Wochen trifft ihn der Psychologe auf der Straße und fragt ihn, wie es ihm gehe. Strahlend erzählt ihm Kohn, dass er vom Alptraum befreit sei. Er schlafe jetzt endlich völlig ruhig und tief. "Wieso", fragt der erstaunte Psychoanalytiker. "Ich ging in meiner Verzweiflung zum Rabbi und der gab mir einen Rat, der mir sofort half. Der Rabbi sagte mir: 'Kohn, säg dem Bett die Füße ab.' Seither bin ich von allem Alpdruck geheilt!".

- Während der deutschen Besetzung 1940-1945 war es Juden verboten, Kinos, Theater, alle öffentlichen Gebäude und auch Parkanlagen zu betreten. Das wurde durch die berüchtigten Aufschriften "Voor Joden verboden" überall angezeigt. Die Gemeindeverwaltung von Den Haag wollte es weniger verletzend ankündigen und ließ in den Parkanlagen Tafeln mit dem Text anbringen: "Beschränkte Bewegungsfreiheit für Juden". Die Juden legten es so aus: Nicht mit den Händen reden!

Aus der politischen Arbeit#

- Im Jahre 1963 war ich mit zwei deutschen Freunden auf Besuch bei christlich-demokratischen Freunden in Chile, während des Wahlkampfs unter Eduard Frei für die Gemeindewahlen. Dr. Peter Molt, Direktor der Politischen Akademie Eichholz der CDU, Heinrich Gewandt, Mitglied des Bundestages und ich wurden zu einer fund-raising party in eine große Villa eingeladen, wo sich in ungefähr zehn Räumen wichtige Leute drängten, die die Partei finanziell unterstützen sollten. Überall waren Lautsprecher und Mikrophone aufgestellt, wir wurden vor ein Mikrophon gezerrt, um - als damals noch seltsame europäische Vertreter einer politischen Partei - etwas zu sagen, in spanischer Sprache wohlgemerkt. Molt und Gewandt brachten etwas redlich zustande - ich war in der größten Verlegenheit. Nach Sokrates kommen die besten Gedanken aus Krankheit und Angst. Aus Angst fiel mir etwas ein, das wirken sollte. Ich sagte stotternd in mühsam hervorgebrachtem Spanisch: "Senoras y Senores, mir ist die schöne spanische Sprache nicht geläufig, es geht mir mit ihr wie mit meiner Frau: ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht." Es war ein großartiger Erfolg. Eine bessere politische Rede hätte ich nicht halten können.

- Die Geschichte hat jedoch eine Fortsetzung: Zwei Jahre später wurde ich von Rom aus zu einer internationalen christlich-demokratischen Tagung in die Nikolaus Cusanus-Akademie in Brixen eingeladen, mit Teilnehmern aus Südtirol, Italienern, Schweizern, Österreichern und Luxemburgern. Sprache deutsch und italienisch. Ich sollte meinen Vortrag deutsch halten, ein Südtiroler sollte ihn konsekutiv übersetzen, d.h. jedes Mal nach ca. fünf bis acht Minuten. Ich kam an, es waren einige italienische Politiker, ein Minister, zahlreiche Südtiroler und die Ausländer da. Der Dolmetscher war so beeindruckt, dass er sich weigerte, meinen Vortrag zu übersetzen, nur die Diskussion. Also musste ich mit meinem bescheidenen Italienisch fünf Minuten deutsch und danach das selbe fünf Minuten italienisch sagen. Um mit einer capitatio benevolentiae zu beginnen, erinnerte ich mich meines Tricks in Santiago di Chile und begann meine italienische Fassung mit denselben Worten: die italienische Sprache ist mir sehr lieb, es geht mir mit ihr wie mit meiner Frau, ich liebe sie, aber ich beherrsche sie nicht. Großer Erfolg - nur hatte ich völlig vergessen, dass diesmal meine Frau - wie immer bei solchen Anlässen - ganz hinten im Saal saß. Sie kam nach meinem Vortrag zornschnaubend zu dem Kreis, der sich beim Rednerpult um mich versammelt hatte, ging auf den Minister zu, der neben mir stand, und sagte - mit leicht geheuchelter Empörung "Exzellenz, haben Sie gehört, was mein Mann über mich sagte? Ich kann Ihnen sagen, bei mir ist es umgekehrt: ich liebe ihn nicht, aber ich beherrsche ihn!"

- In den siebziger Jahren tagte wieder einmal das Politische Bureau, d.h. der Vorstand der "Europäischen Union christlicher Demokraten" in Paris, und zwar im Palais du Luxembourg, dem Sitz des Senats. Hausherr und Gastgeber war der Präsident des Senats Alain Poher. Nach der Sitzung lud er im Saal eines Restaurants die ca. 70 Teilnehmer zu einem großen Mittagessen ein. Am Ehrentisch saßen neben Poher der italienische Ministerpräsident Rumor, der belgische Ministerpräsident Lefevre, Jean Lecanuet, Prof. Hallstein, damals Präsident der ersten Europäischen Kommission, der deutsche Bundesminister Dr. Bruno Heck. Ich wusste, dass bei diesen Gelegenheiten in der Nähe der hohen Herren die Sitzung fortgesetzt wird - ich setzte mich daher immer ans Tischende, unter die jungen Parlamentarier zu den Dolmetschern, den Sekretärinnen. Da konnte man seinen Wein in Ruhe und fröhlicher Gesellschaft genießen. Bald war da die Stimmung so gut, dass viel gelacht wurde. Mir wurde das auch immer nachgesagt, weil ich angeblich oft sehr kräftig lache. Plötzlich hörte man die Stimme von Hallstein, der immer als sehr geschlossener, ja trockener Mann galt, deutlich über den Tisch hin sagen: "Und jetzt lachte der Hahn zum dritten Male."

- Wir lachten alle und setzten unsere Unterhaltung fort. »Ich erzählte, dass ich am Abend vorher im berühmten Avantgardetheater "Le Vieux Colombier" eine Komödie von Plautus gesehen hätte, in moderner Kleidung und moderner Regie. Wir sprachen französisch, der französische Parlamentarier verstand nicht, um welchen Autor es sich handelte - denn ich sagte, in französischer Ausspräche Plautus: also Plotüs. Endlich fiel ihm ein, dass die Franzosen die lateinische Endung –„us“ weglassen und "Plaute" sagen, ausgesprochen: Plot. Er sagte: "Natürlich, Hahn ist ein Humanist, er spricht Lateinisch, er ist: Monsier Hahnus!" Er sprach das aber französisch aus: Monsieur Anus. Er war selber entsetzt, als der ganze Tisch laut zu lachen begann. Ich hatte es nicht leicht dabei.

- Wir hatten von Rom, dem europäischen Sekretariat der christlichen Demokraten aus, in der Franco-Zeit viel Kontakt mit mehr oder weniger illegalen Anti-Franco-Gruppen Zu einer dieser Gruppen gehörte auch an leitender Stelle ein Freund aus Madrid, der, was im spanischen Sprachraum oft vorkommt, Jezus hieß. Jezus de Lorica war einige Zeit still geblieben, sodass wir ihn fast vergessen hatten. Eines Tages kam etwas bleich und verlegen meine Sekretärin in mein Büro mit einem Telegramm, das ihr Schrecken eingeflößt hatte. "Ankomme Freitag 16 Uhr Flughafen Fiumicino Rom. Jesus." Es dauerte eine Weile, bis wir uns gefasst hatten.

- Wir fuhren einmal mit einem europäischen Ministerpräsidenten nach Wien zu politischen Gesprächen. Der Ministerpräsident sprach nicht deutsch, Vizekanzler Withalm nicht französisch. Ich musste etwas helfen, hatte aber Mühe, als der Gast zu Withalm sagte, „Je connais Monsieur Tindemans tres bien, il est un grand souteneur de idee europenne“ ("Souteneur" heißt im Deutschen "Zuhälter"). Ich war etwas verlegen.

- Die parlamentarischen Witze haben ihre Reize, sicher die englischen. Nach dem Krieg wurde einmal im Unterhaus ein Gesetz über Hilfe für Kriegsinvaliden vorgelegt und diskutiert. Eine Abgeordnete trat dabei für die Rechte der Kriegswitwen ein, die Frauen hätten auch ihre Opfer gebracht, und überhaupt, in der modernen Gesellschaft "there are today only small differences between man and woman." Erhob sich ein schottisches Unterhausmitglied und rief: "Three cheers for the little differences."

- Ein Lord, Mitglied des Oberhauses, erzählte einmal einem seiner Kollegen: "Denken Sie sich, unlängst träumte ich, dass ich eine Rede im House of Lords halte. Plötzlich wurde ich wach – und ich hielt eine Rede im Oberhaus!" Die Geschichte stammt sicher aus dem Unterhaus.

- Im holländischen Parlament, in der Zweiten Kammer, verteidigte der damalige Verteidigungsminister Piet de Jong, seinen Haushalt und dabei den Beitrag an die NATO. Die Sprecher der einzelnen Fraktionen brachten die Meinung der Fraktionen vor, die Koalitionsparteien dafür, die Opposition dagegen, vor allem der Sprecher der sozialistisch-pazifistischen Partei, die nur einen Sitz in der Kammer hatte. De Jong ging in seiner Replik auf die einzelnen Redner ein und kam gegen Schluss auch auf die Rede des einzigen Abgeordneten der sozialistischen Pazifisten zu sprechen. Er sagte: „Herr Kammerpräsident, es ist für mich schwer, in meiner Politik auf die Argumente dieser Fraktion einzugehen. Es erinnert mich an das alte Ehepaar, das außerhalb von Utrecht in den Wiesen spazieren geht und plötzlich ein Regiment Soldaten vorbeimarschieren sieht. Da sagt die Frau zu ihrem Mann: "Schau mal, unser Jan ist der Einzige, der im richtigen Tritt marschiert."

- Von Adenauer wird erzählt, dass er einmal im Bundestag von den Sozialisten scharf angegriffen wurde - es war in der Zeit Ollenhauers - wegen seiner NATO-Politik. Er erklärte daraufhin: "Ich verstehe diesen Standpunkt der SPD nicht, es gibt doch vernünftige Leute unter ihnen." Das erzürnte den Rechtsexperten der SPD so, dass er heftig protestierte. Sagte Adenauer: "Aber beruhigen sich doch/ Herr Arndt, ich meine doch gar nicht Sie."

- Als Adenauer im Jahre 1953 zum ersten Mal offiziell in Washington war, wurde er von den deutschen Journalisten, die die Reise mitmachten, gefragt, warum er überallhin und nun auch nach Washington seinen eigenen Rheinwein mitbrächte. Sagte Adenauer auf seine langsame, bedachtsame Weise: "Das werde ich Ihnen mal sagen: in Deutschland gehen die Dinge immer schlecht, solange das schnapstrinkende Deutschland regiert und solange das biertrinkende Deutschland regiert. Die Dinge gehen in Deutschland nur gut, wenn das weintrinkende Deutschland regiert."

- Als es zur Gründung der neuen Bundesrepublik Deutschland kam, Ende der Jahre 1945-1950, wurde natürlich die Frage laut, welche Stadt vorläufige Hauptstadt Deutschlands, also der Bundesreplublik sein sollte. Es bewarben sich Frankfurt/Main, als größte und sehr zentral gelegene Stadt, und Bonn . Frankfurt war für Adenauer das Zentrum des Sozialismus, also nicht geeignet, Bonn war gut katholisch, rheinisch und nahe dem Wohnort Adenauers. Also sollte es Bonn werden. Frankfurt startete eine heftige Kampagne gegen Bonn, dieses unbedeutende kleine Provinznest. Dazu verbreitete Frankfurt diese Geschichte: Ein westdeutscher Geschäftsmann kam nach Bonn, um mit Geschäftsfreunden und in Ministerien Besprechungen zu führen. Am Abend war er endlich frei, wollte sich unterhalten, suchte in den dunklen Straßen mit den geschlossenen Läden und Cafés vergebens nach einer Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Bonn schlief. Da sah er einen Polizisten stehen und fragte sogleich: "Kann man sich hier denn nirgends unterhalten? Gibt es denn nicht so etwas wie ein bisschen Nachtleben?" Darauf der Polizist, nach einigem Nachdenken: "Da haben Sie aber Pech. Die Dame ist heute in Köln." Das war das Nachtleben in Bonn.

Im Italien der 70er Jahre entwarf ein sozialistischer Abgeordneter ein Gesetz, nach dem die Ehescheidung in nur fünf ernsten Fällen zugelassen werden sollte: lebenslange Kerkerhaft, unheilbare geistige Erkrankung, schuldhaftes Verlassen durch Emigration und unbekannter Aufenthalt über viele Jahren usw. Das Gesetz wurde gleich „Gesetz für den piccolo divorzio“ getauft, weil nur für fünf Fälle. Da erschien in der sozialistischen Zeitung "La Repubblica" ein unvergesslicher Cartoon: in der Mitte der Petersdom, links zog eine Demonstration von Bürgern mit Transparenten um den Dom herum, mit der Aufschrift: "Evviva il piccolo divorzio." Rechts vom Petersdom zog ein Zug von Priestern, Monsignori usw. heran, mit Transparenten, worauf stand: "Evviva il piccolo matrimonio."

- Beim II. Vatikanischen Konzil wohnten die amerikanischen Bischöfe mit ihrem kirchlichen und theologischen Gefolge im Hilton Hotel, die armen Missionsbischöfe aus den Ländern Afrikas und Asiens in bescheidenen Pensionen des Zentrums. Diese letzteren , so hieß es, zogen ins Konzil "per pedes apostolorum", die amerikanischen Bischöfe "per Mercedes apostolorum".

- Dabei sollten man sich einer anderen alten Geschichte erinnern: einmal gab es in Rom eine internationale Seelsorgekonferenz im Vatikan, an der Pfarrgeistliche und Theologen aus der ganzen Welt teilnahmen. Ein amerikanischer Pfarrer klagte: er täte alles, um mehr Seelen für die Pfarrei zu gewinnen, Bridge-Turniere, Tanzabende, Bingo, Tischtennis, Filmabende usw., aber nichts half. Was konnte er noch tun, um mehr Seelen zu gewinnen? Ein armer, schlecht gekleideter französischer Landpfarrer fragte ihn etwas schüchtern: "Haben Sie es schon einmal mit dem Evangelium versucht?"

- Einige Monate nach der Wahl von Papst Johannes XXIII. zum Nachfolger Petri lief Graf Bobby mit einem Blumenstrauß über den Petersplatz. Da kam zufällig sein Freund Rudi und fragte ihn verwundert: "Bobby, wohin gehst du denn?" Sagte Bobby: "Ich gehe zum heiligen Vater." - Rudi: "Was machst du denn dort?" - Bobby: "Ich gratulier ihm zu seinem Namenstag." - Rudi: "Aber heute ist doch gar nicht Johannes." Bobby selbstbewusst: "Das nicht, aber der dreiundzwanzigste!"

- Als ich mit meiner Familie ein Haus an der italienischen Riviera bei San Remo hatte, kam ich oft Freitag abends von Brüssel mit dem Flugzeug in Nizza an, wo mich meine Frau mit dem Auto abholte, um mich die 120 km bis nach Hause zu fahren. Damals noch auf der via Aurelia mit den vielen Kurven entlang der Küste. Diesmal hatte sie genug von der Fahrt bis Nizza, so setzte ich mich ans Steuer. Nach all der Arbeit in Brüssel fuhr ich natürlich mit einer Geschwindigkeit von 100 bis 120 km durch alle Dörfer und durch alle Kurven, meine Frau fluchte: "Du bist unverantwortlich, dich erwischen sie, ich gönn's dir, hoffentlich geben sie dir eine tüchtige Strafe." Ich zuckte nicht mit der Wimper und wollte nur nach Hause. Im Zentrum von San Remo, in dieser Abendstunde ziemlich leer, hielten mich zwei Carabinieri an: mit gemessenen Gesten und feierlicher Stimme entwickelten sie ihre traditionelle polizeiliche Liturgie: Führerschein, Straßensteuer, usw. Und schließlich die Beschuldigung: "Signore, Sie sind mit 100 km durch den Ort gefahren." Meine Frau beugt sich sofort ans Wagenfenster und sagt: "Sie haben völlig recht, es war seine Schuld, er ist unverantwortlich, geben Sie ihm eine tüchtige Strafe." Der Carabinieri negiert meine Frau vollkommen, wendet sich an mich und sagt zu mir: "Ist das Ihre Frau?" Ich sage: "Ja." Er gibt mir ein Zeichen und sagt: "Fahren Sie weiter." Meine Frau war vollkommen perplex und es dauerte einige Tage, bis sie diese schreckliche Niederlage verdaut hatte.

- Nun noch einige Geschichten aus Italien: die Ligurier, die an der italienischen Riviera wohnen, sind eine besondere Rasse: groß, lichte Haare, knöchern, nicht eigentlich germanisch, sehr geschlossen, sehr verlässlich, reden nicht viel, biedern sich nicht an, sind geizig, die Schotten Italiens. Es wird erzählt, dass zwei Ligurier im Val d‘Aosta in den Alpen klettern und vermisst werden. Eine Suchaktion wird eingeleitet, in der Nacht sieht ein Hubschrauber auf 2000 m Licht aus einer kleinen Berghütte kommen. Er geht herunter, landet daneben, und der Pilot und sein Begleiter klopfen an der Tür: Drinnen ruft man: "Wer ist da?" Der Pilot antwortet: "Das Rote Kreuz." Antwort von drinnen: "Wir haben schon was gegeben."

- Heidelberg 1932: hier die ehrwürdige alte Universität, ein Bau des 18. Jahrhunderts, mit der schönen, ruhigen, maßvollen Aula magna, und daneben die "neue" Universität, ein schöner, harmonischer Zweckbau, der die neuen Vorlesungssäle und Räume für die Seminare usw. umfasst. Über dem Haupteingang der neuen Universität hing eine Bronzefigur der Athene mit der Schrift: "Dem lebendigen Geiste." Der schöne hegelianische Spruch stammte von dem jüdischen Germanisten, einem ehemaligen Freund und Jünger Stefan Georges, Friedrich Gundolf. Das Geld für diesen Neubau wurde in der Weimarer Republik von dem damaligen amerikanischen Botschafter in Berlin in Amerika zusammengetrommelt. 1948 stand ich wieder vor diesem Eingang. Die amerikanischen Besetzungsbehörden hatten diesen Neubau - mit einiger Berechtigung - zeitweilig der University of Maryland als "Extension" überlassen, zugänglich nur für amerikanische Angehörige der Besatzungsmacht. Daher bot sich mir 1948 dieser merkwürdige Anblick: die Nazis hatten, das wusste ich, die Bronzefigur der Athene 1933 heruntergeholt und den deutschen Adler mit dem Hakenkreuz in den Klauen über dem Haupteingang angebracht. Aus dem "lebendigen Geist" Gundolfs, des Juden, wurde die neuen nazistische Aufschrift: "Dem deutschen Geist" - die Nazis hatten nicht gemerkt, dass sie damit einen bezeichnenden Gegensatz zwischen "lebendigem Geist" und "deutschem Geist" herstellten. 1948 war also die Athene wieder da über dem Haupteingang, und darunter stand auch wieder: "Dem deutschen Geist", wie es sich gehörte. Aber darunter stand: "Eingang nur in Uniform." Das galt der University of Maryland - der unfreiwillige Humor bleibt unbeirrbar.

- Es gibt unzählige Geschichten, die das Leid unter der ungetrübtesten Heiterkeit verbergen. 1955 erzählte mir Dr. Pruscha in Wiesbaden seine Geschichte: er kam aus einer katholischen Familie der deutschen Minderheit Prags, sprach perfekt tschechisch, war daher in Prag Beamter, Mitglied der katholischen Akademiker der sudetendeutschen Katholiken. Im Krieg verbarg er unter Lebensgefahr Kinder des Dorfes Lidice, das die Attentäter des Anschlags auf Heydrich versteckt hatte und deshalb mit seinen Einwohnern vernichtet wurde. Dafür durfte er nach 1945 in Prag bleiben, wurde Vertreter des Internationalen Roten Kreuzes für die Aussiedlung der Sudetendeutschen, für die Fürsorge, Korrespondenz usw. der sudetendeutschen Häftlinge in tschechischen Gefängnissen usw. Deshalb hatte er die besten Beziehungen zu den entsprechenden Ministerien. Im Jahre 1955 waren praktisch alle Sudetendeutschen ausgesiedelt, die es betraf, ca. 3,5 Millionen. Pruscha beschloss, sich seinen Freunden und Volksgenossen anzuschließen und bereitete seine Ausreise in die Bundesrepublik vor. Er stattete Abschiedsbesuche bei allen höheren Beamten der Ministerien ab, mit denen er in all den Jahren zu tun hatte. Einer von ihnen sagte ihm: "Herr Dr. Pruscha, wir haben sehr gut zusammengearbeitet, ich bringe Ihnen zur Erinnerung in Ihre Wohnung heute Abend ein kleines Abschiedsgeschenk." Pruscha war einverstanden, der tschechische Beamte kam abends in seine Wohnung, mit einem Paket unter seinen Arm. Und er begann: "Herr Dr. Pruscha, bevor ich Ihnen mein Geschenk gebe, muss ich Ihnen erst eine Geschichte erzählen. Im Jahre 1933 verließ ein jüdischer Fabrikant Berlin und siedelte sich in Brasilien an. Im Jahre 1937 folgte ihm sein Neffe, kam zu seinem Onkel ins Büro und fand zu seinem Entsetzen ein Hitlerbild an der Wand hinter dem Schreibtisch seines Onkels. Er rief entsetzt aus: "Onkel, was fällt dir ein?". Der Onkel antwortete beruhigend: "Mein lieber, guter Fritz, du wirst es begreifen. Wir sind in Berlin geboren, wir haben in Berlin gelebt, Berlin ist eine schöne Stadt, du wirst hier Heimweh bekommen wie ich. Für diese Augenblicke habe ich mir das Bild von Hitler angeschafft, Brasilien ist nicht Berlin, aber wenn ich Hitler anschaue, fühle ich mich hier glücklich." Der tschechische Beamte fuhr fort: "Herr Dr. Pruscha, Sie sind Prager, Sie werden in Deutschland Heimweh nach Prag haben. Für diese Augenblicke bringe ich Ihnen das Bild unseres sehr geschätzten Staatspräsidenten Gottwald mit." Und er packte tatsächlich ein großes Photo des gehassten Urstalinisten Gottwald aus. Eine Schweijk-Geschichte - denn dem Beamten konnte nichts geschehen.

- Es gibt auch lehrreiche Geschichten aus der Antike, die man nicht vergessen sollte. Sie haben oft einen aktuellen Bezug. Plutarch erzählt in seiner Biographie von Solon, dass dieser, in seinem "Ruhestand", bedrängt wurde, die "Tyrannis" zu übernehmen über Athen, der Stadt, der er die demokratische Verfassung gegeben hatte. Er weigerte sich ständig, endlich gab er seine Gründe für seine Weigerung, Tyrann zu werden. "Die Tyrannis ist eine Festung", sagte er, "sie hat einen Eingang, aber sie hat keinen Ausgang." Stalin, Mussolini, Hitler haben es erfahren müssen.

- Im Wiener Prater wurden im 18. Jahrhundert auf der Volksbühne populäre Stücke aufgeführt. In einem dieser Stücke handelte es sich um ein altes Thema: ein reicher Müller hat eine schöne Tochter, die sich in einen armen Müllersknecht verliebt. Die Eltern sind wütend, es kommt zu einem großen Krach, da erscheint ein reichgekleideter Edelmann, legt einen dicken Geldbeutel auf den Tisch vor die streitenden Parteien und erklärt: "Hier sind 10.000 Golddukaten, jetzt könnt Ihr heiraten. Meinen Namen werdet Ihr nie erfahren, ich bin Kaiser Josef II."

- Im Jahr 1953 trat ich meinen Dienst am Europäischen Gerichtshof der Montanunion als einer der der ersten europäischen Beamten an. Da gab es Überraschungen. Eines Tages ging ich allein ins Theater von Luxemburg, und in der Pause fragte ich eine der jungen "Ouvreuses", Theaterbedienerinnen: "Fräulein, wo ist hier die Toilette?". Sie antwortete mit der Frage: "Für Herren?" Ich fühlte mich richtig schuldig.

- In diesem ersten europäischen Jahr waren mir die Stunden der Mahlzeiten der verschiedenen Länder nicht bekannt. Als ich die schriftliche, gedruckte Einladung zu einem Abend beim belgischen Richter, dem früheren Justizminister, empfing, die für 20 Uhr lautete, ging ich wie in Holland um 18 Uhr ruhig essen mit Suppe, Fleisch, Gemüse, Beaujolais, Käse und Kompott hinterher, einen kleinen Kaffee dazu, zog mich nachher in aller Ruhe um und erschien um 20 Uhr in der Wohnung des Richters. Damen und Herren in dunkler Kleidung, man stand herum, der Butler brachte Aperitive, Whisky, Sherry, Martini, Campari - mir schwante Schreckliches. Tatsächlich um halb neun öffnete sich die Tür: "Madame est servie" und man begab sich ins Speisezimmer an ein lukullisches Diner. Ich saß eingekeilt zwischen zwei vornehmen Damen und musste essen, und musste trinken. Es war ein Martyrium!

- So etwas passierte einer Wiener Bekannten von mir. Sie war in Paris mit ihrem Ehegatten, musste aber eines Abends mit ihrem Wagen allein ans andere Ende von Paris fahren, zu ihrer Mutter, die Geburtstag feierte. Es war dunkel, es regnete, der Verkehr war höllisch, sie kam immer wieder an die "Place de l'Opera", war verzweifelt, dachte, dass sie nur die Stadtautobahn unten an der Seine retten könnte, und hielt bei einem Polizisten, erschöpft, in Tränen, und fragte ihn: "Monsieur, wo ist die Seine?" Antwortete er, sichtlich besorgt: "Haben Sie Schwierigkeiten mit Ihrem Gemahl?" Er hielt sie für eine Selbstmordkandidatin!

- Im Prag hielten im Mai 1968, in der Dubcek-Euphorie, die Studenten ihren traditionellen Mai-Umzug durch die Stadt, die "Maiales", eine karnevaleske Demonstration der studentischen Lebensfreude. Diesmal waren die politischen Akzente dieses Umzugs sehr deutlich. Auf hohen Stangen trugen zwei Studenten ein riesiges Transparent, das so breit gespannt war wie die Straße. In großen Lettern war darauf geschrieben. "Es lebe die Sowjetunion". Darunter liefen zwei kleine Jungen mit einem viel kleineren Transparent, auf dem stand: "Aber auf eigene Kosten". Ein zweites großes Transparent trug die Aufschrift: "Es lebe die tschechoslowakische sowjetrussische Freundschaft bis in alle Ewigkeit." Das Transparent zweier kleiner Burschen, die darunter liefen, erklärte in seinem Text sehr deutlich: "Aber keinen Tag länger." Ein drittes Transparent wandelte eine Warnung an die Bevölkerung aus dem Ersten Weltkrieg für die Situation einige Monate vor der russischen Invasion so ab: "Achtung! Achtung! Freund hört mit!"

- Im Sommer des Jahres 1989 erreichte die Popularität der tschechoslowakischen kommunistischen Partei einen Tiefpunkt: Mitglieder liefen weg, neue meldeten sich nicht, die Partei beschloss, eine Kampagne zur Mitgliederwerbung zu organisieren. Sie versprach jedem Mitglied, das ein neues der Partei zuführte, Befreiung vom Mitgliedsbeitrag für ein Jahr, für ein Mitglied, das zwei neue Mitglieder brachte, sollte diese Befreiung für drei Jahre gelten: wer drei Mitglieder herbeischleppte, war für sein ganzes Leben von der Zahlung eines Mitgliedsbeitrags befreit. Aber: wer fünf neue Mitglieder für die Partei gewann, bekam eine schriftliche Erklärung der Partei, dass er niemals einer kommunistischen Partei angehört hatte.

- Zwei Prager treffen sich am Altstädter Ring. Sagte der eine: "Wir Idioten! Wir haben 1945 die 3,5 Millionen Sudetendeutschen hinausgeschmissen wir hätten uns selber rausschmeissen sollen."

- In Polen ging wieder einmal eine illegale Samisdat-Ausgabe von Hand zu Hand, diesmal mit Witzen über das Regime. (Samisdat: Verbreitung von alternativer, nicht systemkonformer Literatur auf nichtoffiziellen Kanälen, zum Beispiel durch Abschreiben mit der Hand oder der Schreibmaschine oder durch Fotokopie und das Weitergeben der so produzierten Exemplare). Einer der Witze lautete so: Was ist der Unterschied zwischen einem Dollar und einem Zloty? Antwort: mit einem Dollar kann man in den USA alles kaufen, mit einem Dollar kann man in Polen alles kaufen. Mit einem Zloty jedoch kann man in den USA nichts kaufen, und mit einem Zloty kann man in Polen nichts kaufen.

- Was ist der Unterschied, so hieß es in diesem Samisdat, zwischen der polnischen und der amerikanischen Verfassung? Die polnische Verfassung garantiert - auf dem Papier - Freiheit der Meinungsäußerung. Die amerikanische Verfassung garantiert Freiheit nach der Meinungsäußerung!

- Folgender Rat an die Bevölkerung von Polen ist ferner im Samisdat zu lesen: "Sprich nie! Wenn du sprichst, schreib nie, wenn du schreibst, publizier nie, wenn du publizierst - wundere dich nicht!"

- Im Jahr 1951 organisierten wir in Hilversum in einer Volkshochschule einen Kongress über die deutsche Flüchtlingsfrage, die damals sehr aktuell war. Es nahmen daran auch deutsche Vertriebene aus den Ostgebieten, der Tschechoslowakei usw. teil, der erste deutsche Bundesminister für Vertriebene, Dr. Lukaschek, der holländische Justizminister Dr. Struycken, Vertreter der englischen und amerikanischen Militärbehörde. Der Titel der Tagung hieß: "Kirche in Not" - er wurde nachher für die Tagungen in Bad Königstein verwendet. Das Interesse war so groß, dass das Haus völlig überbelegt war. Ich schlief in einem Zimmer mit vier Betten, eines war belegt von Prof. Grewe, später Staatssekretär im auswärtigen Amt und erster Botschafter der Bundesrepublik in Washington, ein anderes von einem sudetendeutschen Priester, den ich vorher nicht gekannt hatte. An der Tagung nahm ein Sudetendeutscher teil, mit dem meine Frau Renate und ich in der Tschechoslowakei eng befreundet waren, in der katholischen Jugend- und Studentenbewegung. Er war Jugendführer gewesen und ich traf ihn nach all den Jahren der Emigration und des Kriees zum ersten Mal wieder.

Meine Frau wollte ihn auch wiedersehen, kam am zweiten Tag zum Kongress und traf ihn dort: Richard Hackenberg, später Mitglied des hessischen Landtags. Es war eine rührende Begrüßung. Ihr wohnte/der sudetendeutsche Priester bei, dem diese innige Umarmung nicht verständlich war. Er fragte meine Frau: "Gnädige Frau, wieso kennen Sie Herrn Hackenberg? Sie sind doch Holländerin?" Damals konnte man Deutsche und Westeuropäer noch leicht an der Kleidung erkennen. Meine Frau erklärte es ihm: "Ja, ich bin Holländerin, aber ich bin von zu Hause Sudetendeutsche, ich komme aus Karlsbad." Ganz überrascht sagte der Priester: "Ach, wie komisch. Ich habe gerade einen Herrn kennen gelernt, der kommt auch aus Karlsbad, er heißt Dr. Hahn, mit dem schlaf ich." Meine Frau, berüchtigt wegen ihrer unerwarteten Repliken, sagte darauf einfach: "Ich auch." Der Vorfall tat am Kongress die Runde, der arme Mann hatte es schwer. Ich musste das alles Werner Bergengruen, der einen besonderen Sinn für "Geschichten" hatte, einige Male erzählen, denn, so sagte er mir, er erzählte sie immer wieder seinen Freunden.

- Im Jahre 1949 wurde ich vom Kulturreferat der Stadt Krefeld eingeladen, im großen historischen Festsaal des Rathauses einen Vortrag zu halten: "Die Niederlande heute". Ich wurde vom Oberbürgermeister feierlich begrüßt, bekam von ihm ein Buch über Krefeld und ich hielt meine Vortrag. Einige Tage später wurde mir der "Krefelder Stadtanzeiger" zugeschickt mit einem Artikel von einer halben Seite über meinen Vortrag. Da ich ja wusste, was ich gesagt hatte, gab ich die Zeitung meiner Frau. Sie las den Artikel und brachte ihn mir zurück mit der Bemerkung: "Deine internationale Tätigkeit erscheint mir aber in einem sehr merkwürdigen Licht." Ich las, neugierig geworden, den Artikel sorgfältig durch. Da stand zu lesen: "Herr Dr. Hahn, für Krefeld kein Unbekannter mehr, schon kurz nach dem Kriege kam er zu uns und sprach über die Beziehung Holland-Deutschland, Völkerversöhnung, europäische Zusammenarbeit usw..." Und schließlich das Folgende: "Nach dem Vortrag fand in einem kleinen Kreis, in einer Privatwohnung, eine Aussprache statt. Krefeld ist ja noch stark verwüstet und verfügt nicht über die nötigen Hotels. Daher wurde Dr. Hahn in einer Etagenwohnung bei Freunden untergebracht. Als Nachtlager nahm er vorlieb mit einem einfachen Sofa, da es ihm nur auf den Kontakt von Mensch zu Mensch ankam." Ein bescheidener Mensch war ich wenigstens, wie meine Frau zugab. Der Autor hatte anscheinend nachher allerhand Reaktionen empfangen, denn er entschuldigte sich bei mir. Ich beruhigte ihn, wir haben selten so herzhaft gelacht.

- Eine schöne englische Geschichte für junge Journalisten: Eine Zeitung stellte in London einen jungen Lokalreporter ein, den der Chefredakteur eines Tages in einen Provinzort schickte zur Hochzeit der Tochter des Bürgermeisters, mit dem Auftrag, eine "story" draus zu machen. Der junge Mann kam enttäuscht zurück. Und er erklärte dem Chef: "Es gibt keine "story". They shot the bride!"

Gemischtes aus allerlei Ländern:#

- Auf den Niederländischen Antillen gilt ein merkwürdiges Adat, d.h. Eingeborenenrecht. Wegen der vielen Fällen von Ehescheidungen, formlosem eheartigen Gemeinschaften und viel vorkommendem Wechsel der Partner ist es sehr schwierig, für die unehehlich geborenen Kinder alle entsprechenden Angaben zu erhalten über Vaterschaft usw. Daher gilt die Vorschrift, dass neugeborene Kinder mit dem Namen der Mutter - mater semper certa est, wussten schon die alten Römer - und mit dem Grundstück, auf dem es geboren ist eingetragen werden. Der Vater muss dann, auf Grund privater Übereinkunft mit der entsprechenden Mutter, so scheint es, für das Kind sorgen.

Mit dieser ungewöhnlichen Regelung hatte es einmal ein neuer Standesbeamter auf Curacao zu tun, der soeben aus dem strengen Utrecht nach Willemstad versetzt worden war. Er fand nämlich eines Tages ein Gesuch eines Mannes auf seinem Schreibtisch, der Kindergeld für sechs Kinder verlangte. Die Kinder waren jedoch an sechs verschiedenen Orten von sechs verschiedenen Frauen geboren. Der gute Mann war vollkommen verdutzt und schrieb an den Rand des Aktenstücks für seinen antillianischen Untergebenen: "Was bedeutet das?" Am nächsten Tag kam der Akt zurück mit dem Vermerk des Untergebenen: "Antragsteller verfügt über ein Fahrrad."

- Ein New Yorker Arzt hatte so viele Patienten, dass sein Wartezimmer immer überfüllt war und er mit der Arbeit kaum mehr zurechtkam. Um im Gespräch mit den Patienten Zeit zu gewinnen, hing er im Wartezimmer eine Tafel auf mit der trockenen Bitte: "Have your Symptoms ready."

- Ein Utrechter Arzt hatte ein Sommerhaus in der Dordogne, wo in der ganzen Gegend verstreut viele Holländer ihre Sommerhäuser haben oder dauernd da wohnen. Da er da bald bekannt wurde, kamen diese Holländer oft zu ihm um Rat, um einfache Konsultation und Behandlung. Einmal verbrachte auch eine befreundete Ärztin aus Utrecht die Ferien in seinem Haus in der Dordogne. Sie half ihm dann auch, wenn es wieder einen Patienten aus der Gegend gab und er im Nebenraum der Küche seine Instrumente ordnete. Eines Tages kam ein Ehepaar mit der Bitte, die Ehefrau auf ihren Zuckergehalt im Blut zu untersuchen. Er verschrieb ihr ein Medikament und entließ sie. Einige Tage später brachte der Ehegatte mit dem Auto eine Flasche mit gelblichem Inhalt. Die beiden Ärzte analysierten einige Tage später den Inhalt und stellten zu ihrem Schrecken einen höchst gefährlichen, hohen Zuckerspiegel fest, und riefen den Ehegatten an, seine Frau müsse sofort in ein Krankenhaus aufgenommen werden. Sie sei ernstlich gefährdet. Der Zuckergehalt im Blut sei bedrohlich hoch geworden. Der Ehegatte der Frau, keineswegs beeindruckt, fragte, was die beiden Ärzte dächten vom Inhalt der Flasche. Urin? Keineswegs, es war als Dank für die kostenlose Konsultation eine Flasche guten alten Cognacs. Das medizinische Selbstbewusstsein der zwei Ärzte bekam einen grausamen Knacks.